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Klaus Holzkamp

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Die Identitären

28.07.2015: Eine Bestandsaufnahme

  
 

Forum Wissenschaft 2/2015; Foto: thomas koch / shutterstock.com

In der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Phänomenen tauchen seit den 1980er Jahren Zusammenhänge auf, die aufgrund bestimmter in rechtsextremen Milieus neuartiger theoretischer Versatzstücke und politischer Praxen als Neue Rechte bezeichnet werden. Seit einiger Zeit sind verstärkt Gruppierungen sichtbar, die unter dem Label "Die Identitären" offenkundig eine neue (und jüngere) Strömung innerhalb dieser Neuen Rechten verkörpern. Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl beobachten die Entwicklung der Identitären Bewegung und werden ihre Erkenntnisse, auf denen auch der folgende Beitrag beruht, auf dem BdWi-Symposium "Zur Aktualität der Faschismustheorie" am 10. Juli 2015 in Marburg ausführlich vortragen.

Seit Oktober 2014 marschiert unter dem Titel "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", kurz: Pegida, in deutschen und österreichischen Städten eine selbsternannte "Bürgerbewegung" und schürt antimuslimischen Rassismus. Im Frühjahr desselben Jahres nutzten neurechte Autoren und Kommentatoren die "Friedensmahnwachen", um Verschwörungstheorien, völkischem Antikapitalismus1 und antisemitischer Propaganda eine Plattform zu geben. Die Neue Rechte hat es auf die Straße geschafft. Sie nützt die Krise, die nicht nur sozioökonomisch existenzbedrohend wirkt, sondern auch als Krise der (politischen) Repräsentation zu verstehen ist. Große Teile der Bevölkerung können sich nicht mehr mit der (wirtschaftlich und politisch) herrschenden Elite identifizieren.2 Es wird nach Alternativen gesucht, nicht nur auf dem Stimmzettel, sondern auch in der Selbstorganisierung.

Eine neurechte Gruppierung, die das bereits 2012 erkannt hat und vor allem junge Erwachsene rekrutiert, sind die Identitären. Ihren Ursprung haben diese in Frankreich, wo sich die Génération Identitaire als Jugendorganisation der Wahlpartei Bloc Identitaire gründete. Vorbild dieser noch jungen rechtsextremen Gruppen, deren Ableger sich auch in Deutschland und Österreich finden, ist unter anderem CasaPound in Italien. Die Identitären sind die junge Generation innerhalb der Neuen Rechten. Öffentlich distanzieren sie sich zwar vom Nationalsozialismus, greifen jedoch auf alternative rechtsextreme Deutungsmuster zurück.

Die Identitären setzen in ihrer Praxis auf rassistische Diskurse, die in den westlichen Gesellschaften bereits verbreitet sind und erscheinen dadurch anschlussfähig. Indem sie ihre Themen mit Hilfe von Populärkultur und neurechter Rhetorik verbreiten, schaffen sie sich ein junges, scheinbar politisch nicht belastetes Äußeres, das auch auf demokratisch-bürgerliche Jugendliche und junge Erwachsene ansprechend wirkt. Was die Identitären gefährlich macht: sie popularisieren rechtsextreme Ideologie.

Von der "Konservativen Revolution" zur Identitären Bewegung

Als "Neue Rechte" bezeichnen wir ein Spektrum, das sich durch seinen Mischcharakter auszeichnet. Die vor allem bürgerlichen Protagonist_innen aus dem stark wertkonservativen bis offen rechtsextremen Milieu arbeiten zusammen und finden sich bei Veranstaltungen, in Magazinen, Sammelbänden oder anderen Medien wieder.3 Sie eint eine gemeinsame Ideologie, deren Kern in der Auffassung liegt, dass eine natürliche Ungleichheit und daraus folgende Ungleichwertigkeit existiere und das menschliche Zusammenleben bestimme. Die Neue Rechte ist eine modernisierte Form des Rechtsextremismus4, die anders auftritt und mit anderen Strategien operiert als die Alte Rechte oder Akteur_innen aus dem Neo-Nazi-Spektrum. Die Bezeichnung "Neue Rechte" ist eine Eigenbezeichnung, ergibt jedoch aufgrund der Unterschiede zu anderen rechtsextremen Phänomenen durchaus Sinn, weswegen sie auch von uns verwendet wird. Dennoch muss die Herkunft des Begriffs stets mitbedacht werden. Ihren Ursprung hat die Neue Rechte in Frankreich als Nouvelle Droite in den sechziger Jahren. Sie entstand aus der Erkenntnis heraus, dass nach dem Zweiten Weltkrieg und der Verbrechen der Nationalsozialist_innen ein offen positiver Bezug auf den Nationalsozialismus beziehungsweise allzu ähnliche Phänomene für die Öffentlichkeit inakzeptabel sein würde.5 Daraus ergaben sich zwei Konsequenzen: Eine strategische Neuausrichtung sowie der ideologische Bezug auf Denker der Konservativen Revolution. Diese erschien französischen Rechtsextremen wie Alain de Benoist historisch weniger belastet als der Nationalsozialismus. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich ein ambivalentes Bild: Während etwa Edgar Julius Jung im Zuge des "Röhm-Putsches" ermordet wurde, machte Carl Schmitt zunächst Karriere als Jurist und rechtfertigte unter anderem die "Nürnberger Rassengesetze". Gemein hatten die Akteure der Konservativen Revolution, dass sie nicht-reaktionäre Rechtsextreme waren, die sich positiv auf den Sozialismus-Begriff bezogen, beziehungsweise diesen umdeuten wollten. Auch die Forderung nach einer autoritären, nichtdemokratischen Staatsform mit einem Führer an der Spitze einer homogenen "Volksgemeinschaft" einte Ernst Jünger, Oswald Spengler und weitere. In ihrer Opposition zum System der Weimarer Republik, der Demokratie und "dekadenter Kultur" sowie ihrem Hass auf Linke waren sie sich ebenso einig.6 Ein weiteres Merkmal der Neuen Rechten ist die sogenannte "metapolitische" Strategie. Gemeint ist das Agieren im vorpolitischen Raum. Grob angelehnt an den marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci geht es der Neuen Rechten um die Erringung der Hegemonie anstatt um Wahlerfolge. Dafür sei die Beeinflussung und Aktivierung der Eliten in Medien, Universitäten, Politik et cetera notwendig. Diese sollen ihre Diskurse der Ungleichheit weitertragen und in eine "Kulturrevolution von rechts" umsetzen, die letztlich die politisch-kulturellen progressiven Errungenschaften von 68 umkehren soll.7

Moderne Generation der Neuen Rechten

Den Traum von der rechten Kulturrevolution haben auch die Identitären, gleichwohl unterscheiden sie sich ideologisch grundsätzlich von anderen Teilen der Neuen Rechten. Sie traten zuerst im Herbst 2012 in Erscheinung und heben sich innerhalb des Spektrums durch vier Merkmale ab. 1) Jugend: Die Identitären sind deutlich jünger als die üblicherweise älteren Herren der Neuen Rechten. Das Altersspektrum reicht ungefähr von 15 bis 35 Jahre und ist damit für junge Menschen attraktiv; 2) Aktionismus: Die Identitären nutzen Aktionen, um Aufmerksamkeit zu generieren und ihre Ideen zu verbreiten. Hierbei orientieren sie sich an Aktionsformen, die zuvor eher im linken Spektrum Praxis waren, wie etwa Flashmobs oder Besetzungen. Sie beteiligen sich aber auch an "Bürgerprotesten" gegen Flüchtlingsheime und Pegida-"Spaziergängen" und sind somit auf den Straßen präsent; 3) Populärkultur: Die Sujets der Identitären fallen durch zahlreiche popkulturelle Bezüge auf. Die Herkunft und ursprüngliche Thematik spielt dabei kaum eine Rolle, wichtig ist der Wiederkennungswert und die Jugendaffinität der Bilder; 4) Corporate Identity: Jedes Medium, das die Identitären veröffentlichen, trägt ihre Corporate Identity, die aus schwarzgelber Farbgebung, dem Lambda-Symbol und bestimmten Schriftarten besteht. Dadurch wird zum einen ein hoher Wiedererkennungswert erzielt, zum anderen ein simples "Baukastensystem" für neue Gruppierungen zur Verfügung gestellt, die mit diesem problemlos ihren eigenen Facebook-Auftritt erstellen können. Als Vorbild dient in jeder Hinsicht die neofaschistische Organisation CasaPound aus Italien. In ihrer über zehnjährigen Existenz hat sie sich durch Infrastruktur, hohe Mitglieder- und Organisationszahlen verstetigt und gilt als Vorbild für viele rechtsextreme Organisationen, nicht zuletzt auch durch ihren modernen ästhetischen Auftritt.8

Ideologie der Neuen Rechten

Im Bereich der Ideologie gelten in der Neuen Rechten klassisch rechtsextreme Denkmuster. Eine einheitliche stringente Ideologie oder gar ein Programm kann nicht festgestellt werden, da die Variation der Akteur_innen sehr facettenreich ist. Vielmehr gibt es eine Bandbreite unterschiedlicher Positionen zu verschiedenen Themen, die mehr oder weniger betont werden. Das reicht zum Beispiel von einer klar neoliberalen Ausrichtung bei eigentümlich frei bis zu hart am Neonazismus kratzenden Publikationen wie ZurZeit. Gemeinsam ist ihnen die grundlegende rechtsextreme Einstellung, also ein negatives Menschenbild, das von Ungleichheit und Ungleichwertigkeit geprägt ist.9 Gemeinsam sind ihnen auch zwei ideologische Ausrichtungen, die über alle rechtsextremen Lager bis weit hinein in eine vermeintliche "Mitte" anschlussfähig sind. Einerseits ist das antimuslimischer Rassismus10, andererseits Antifeminismus bis hin zu Misogynie.11 Im Gegensatz zum Bereich der Strategie gibt es wenige substanzielle, originäre Neuerungen im Bereich der Ideologie. Eines der wenigen originären neurechten Konzepte wird nun im Verlauf dargestellt.

Ethnopluralismus

Ethnopluralismus ist eine genuin neurechte Spielart des Rassismus. Statt von "Rassen" wird von "Kulturen" gesprochen, die jeweils erhalten werden müssten. Haupttheoretiker ist Alain de Benoist, der Begründer von GRECE, mit seinem Werk Kulturrevolution von rechts (1985). GRECE geht allerdings ursprünglich noch immer von "natürlichen" Rassen aus, wehrt sich aber gegen eine Ungleichwertigkeit, sondern propagiert die "natürliche" Entfaltung jeder "Rasse" nach eigenen Gesichtspunkten. Dieses Konzept wurde Ethnopluralismus getauft, es handelt sich dabei also um eine Bezeichnung aus dem rechtsextremen Lager heraus.12 Ethnopluralismus impliziert eine sozialdarwinistische "Selbstregulierung". Hilfe und Zusammenarbeit sind damit störend und überflüssig.13 In der diskursiven Strategie zu Ethnopluralismus bedarf es keiner Begründung, warum verschiedene "Kulturen" nicht miteinander auskämen.14 Die Ungleichheit der "Völker" wird als ahistorisches, statisches und natürliches Ereignis gesehen und nicht als historischer Prozess, der durch Kräfteverhältnisse, Ressourcenverteilung und Imperialismus determiniert ist und sich auch wieder ändern kann.15 In dieser Vorstellung von Kultur wird von einer homogenen "Kultur" eines "Volkes" ausgegangen. Dies ist immer die Kultur der Herrschenden und des Mainstreams. Dieser Kulturbegriff bietet keinen Platz für Sub-, Gegen- oder Milieukulturen, wie zum Beispiel Arbeiter_innenkultur. Kultur bleibt ein diffuser und schwammiger Begriff. Bei den Identitären wird vor allem über Bildsprache vermittelt, was darunter zu verstehen ist. Diese erschöpft sich in der Betonung von Sehenswürdigkeiten und markanten Landschaften. Martin Sellner ist einer der Chefideologen der Identitären im deutschsprachigen Raum. Er definiert Ethnopluralismus in seinem Videoblog. Darin stellt er zwei Seiten und drei Ebenen eines ethnopluralistischen Weltbilds fest. Zum einen unterscheidet er Ethnie und Kultur. Ethnie wird als quasi metaphysisches Verwandtschaftsverhältnis zwischen den verschiedenen Menschen Europas dargestellt, das seit tausenden Jahren bestünde.16 Kultur hingegen sei ein Begriff, der keiner Erklärung bedürfe. Die Ausführungen in seinem Vlog legen aber einen eindimensionalen Kulturbegriff nahe, der sich über Kunst, Bräuche und Religion definiert.17 Die drei Ebenen des Ethnopluralismus seien die Region, die Nation und Europa. Auf andere "ethnopluralistische Räume" geht er nicht ein. Der Begriff "Ethnopluralismus" wird dementsprechend auch zu Gunsten des Begriffs "ethnokulturellle Identität" aufgegeben.18 Ethnopluralismus wird von den Identitären nur soweit propagiert, solange es nicht das konstruierte Kollektiv "Islam" betrifft. Hier ist eine deutliche Geringschätzung einer "muslimischen Kultur" bemerkbar, die sich vom vermeintlich ethnopluralistischen Ideal der "verschiedenen Kulturen, die alle erhaltenswert sind" entfernt.

Strategie

Um ihre AktivistInnen an sich zu binden, finden Stammtische mit Referaten, Wanderausflüge und Wehrsport-Sommerwochen statt. Die Attraktivität besteht darin, AktivistInnen das Gefühl zu geben, einer geistigen Elite anzugehören. Sie bekommen Wissen vermittelt, das an Schulen und Universitäten nicht verbreitet ist, lesen Bücher und Texte, die Antworten auf Fragen geben sollen, allerdings nicht zum alltäglichen Lehrplan gehören. Identitäre vermitteln, etwas zu sein, was der italienische faschistische Publizist Julius Evola als "Geistesaristokratie" bezeichnete, also eine intellektuelle Elite.19

Um rechtsextreme Ideologie popularisieren zu können, bedienen sich Identitäre auch rhetorischer Mittel.20 Ziel ist, Konzepte wie den Ethnopluralismus, sekundären Antisemitismus und Antifeminismus so zu vermarkten, dass sie verständlich, zugänglich und vor allem annehmbar sind. Zwei Beispiele sind im Folgenden erläutert:

Nicht links, nichts rechts

Identitäre geben vor, Teil der demokratischen Mitte zu sein und als Stimme des Volkes zu sprechen, das zu sagen, "was alle denken"21. Sie behaupten, jenseits von "extremen" Rändern des politischen Spektrums zu agieren und forcieren dabei zwei Vorstellungen: einerseits grenzen sie sich formal vom Rechtsextremismus ab, waschen sich also rein, andererseits markieren sie linke Politik unter dem medial stark negativ konnotierten Schlagwort "Linksextremismus" als Feindbild. Hilfreich ist ihnen hierfür die sogenannte Extremismustheorie, auf die sich der deutsche und österreichische Verfassungsschutz in ihrer täglichen Arbeit stützen: sie markiert links und rechts als zwei gleich gefährliche Pole und stellt ihnen die breit und gut gedachte bürgerliche Mitte gegenüber.22 Rechtsextremismus wird über identifizierte Gruppen festgemacht, die ebenfalls mit popularisierten Bildern, meist in Form von gestiefelten Neonazis mit Glatzen, gleichgesetzt werden. Wenn nur diese Vorstellung vorherrscht und nicht etwa eine Begriffsdefinition, welche die Ideologie als maßgebend festmacht, fällt es Identitären leicht, sich abzugrenzen.

Retorsion

Der deutsche Migrationsforscher und Publizist Mark Terkessidis beschreibt mit Retorsion ein Mittel, mit dem sich die (ethnische) Mehrheit, die sich in der Gesellschaft an der Macht befindet, "mit der Position der machtlosen Minderheit [bewaffnet] und sich gegen diese [wendet]."23 AkteurInnen wie die Identitären, die sich dieser Strategie bemächtigen, wollen sich so unantastbar machen. Sie porträtieren sich selbst als "bedrohte Minderheit im eigenen Land"24 und leiten daraus die Legitimation ab, sich zu wehren, den ethnisch definierten und politischen GegnerInnen den Kampf anzusagen. In einem Videoblog spricht Alexander Markovics, Obmann der Identitären Bewegung Österreich, davon, dass eine "Kolonisation unseres Landes" sowie eine "erzwungene Bevölkerungstransformation"25 drohe. Der Position des Widerstands haftet eher die Aura des Heldenhaften an als der Position der Privilegierten, der Identitäre als häufig akademisch gebildete Österreicher mit gut ausgebildeten Netzwerken in Parteien, Verlagen und Burschenschaften angehören.

Ästhetik der Identitären Bewegung

Die Ästhetik der Identitären Bewegung ist ein wichtiges Abgrenzungsmerkmal von traditionellen rechtsextremen beziehungsweise neonazistischen Subkulturen, für die der Rückgriff auf historische Bild- und Textsegmente aus dem Faschismus/Nationalsozialismus wie etwa die Verherrlichung der Wehrmacht typisch ist. Sujets der Identitären wirken mit ihrer popkulturellen Bildsprache politisch weniger belastet und sprechen somit leichter Personen an, die sich mit dem herkömmlichen politischen Angebot nicht identifizieren können. Zusammen mit der Textebene kommunizieren die Sujets der Identitären Neu- und Andersartigkeit, wie an folgendem Beispiel26 ersichtlich wird. Beim Bild handelt es sich um eine Figur aus dem Hollywood-Blockbuster Avatar (2009). Im Film kämpft eine kleine Spezies um das Überleben, das von ausbeuterischen Menschen bedroht wird. Mit ihrem Verweis, nicht rassistisch, sondern identitär zu sein, identifizieren sich die Identitären mit dem Plot: Sie stehen für jene, die Widerstand leisten und die "ethnopluralistische Identität" der autochthonen europäischen Bevölkerung bewahren wollen.27 Kultur wird hier mit rassistischen Ideen verknüpft und damit "soft" und ansprechend verpackt.

Fazit

Mit dem Aufkommen der Identitären ist es innerhalb der Neuen Rechten noch einmal zu einer Verjüngung gekommen. Während im deutschsprachigen Raum Anfang der 2000er Jahre ein deutlicher Altersschnitt erkennbar ist, so organisieren die Identitären noch einmal eine Generation darunter, nämlich die 15-35-Jährigen. Innerhalb des neurechten Spektrums haben die Identitären vier Alleinstellungsmerkmale, wovon Jugend eines ist. Daneben sind dies Popkultur, Aktionismus und Corporate Identity. Ihre spezielle Ästhetik und die Verwendung von Figuren aus beliebten Serien und Filmen sowie von Memes machen sie für Jugendliche und junge Erwachsene anschlussfähig, noch bevor die ideologische Botschaft angekommen ist. Unter Zuhilfenahme einer eigenen Corporate Identity wird eine große Bewegung suggeriert, da es leicht ist, eine eigene identitäre Gruppe zu gründen. Mit ihrem Aktionismus haben sie neurechte Ideen von den Zeitungsblättern auf die Straße gebracht. Der geringen eigenen Theoriearbeit werden teils spektakuläre Aktionen gegenübergestellt. So haben es die Identitären in kurzer Zeit geschafft, sich im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Besonders erfolgreich waren sie in Österreich, wo ihnen auch viel Aufmerksamkeit seitens der Medien zuteil wurde. In Deutschland hinkte die Entwicklung, auch aufgrund entschlossener antifaschistischer Arbeit, hinterher. Die Regionalgruppen Sachsen und Franken zeigen aber ein relativ hohes Aktivitätslevel. Auch rund um HoGeSa und Pegida konnten die Identitären weiter Netzwerke knüpfen. Es handelt sich nicht um eine Massenbewegung; die schnelle Verstetigung, das hohe Aktivitätslevel und die intensive Vernetzungsarbeit in ganz Europa verlangt aber eine genaue Beobachtung der verschiedenen Gruppen.

Anmerkungen

1) Siehe hierzu Michael Barthel, Benjamin Jung 2013: Völkischer Antikapitalismus. Eine Einführung in die Kapitalismuskritik von rechts, München.

2) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2015: Rechte Kulturrevolution. Wer und was ist die Neue Rechte von heute?, Hamburg: 58f.

3) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2014: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Münster: 29.

4) Wir definieren Rechtsextremismus ideologisch und nicht im Sinne der Extremismustheorie, welche ein Mischspektrum wie die Neue Rechte nicht zu fassen vermag.

5) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2014: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Münster: 30-31.

6) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2015: Rechte Kulturrevolution. Wer und was ist die Neue Rechte von heute?, Hamburg: 12.

7) Vgl. ebd.: 13.

8) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2014: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Münster: 56ff.

9) Vgl. ebd.: 172.

10) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2015: Rechte Kulturrevolution. Wer und was ist die Neue Rechte von heute?, Hamburg: 64ff.

11) Vgl. ebd.: 60.

12) Bernhard Schmid 2009: Die Neue Rechte in Frankreich, Münster: 19.

13) Thomas Assheuer, Hans Sarkowicz 1992: Rechtsradikale in Deutschland. Die alte und die neue Rechte, München: 181.

14) Margret Jäger, Siegfried Jäger 1999: Gefährliche Erbschaften. Die schleichende Restauration rechten Denkens, Berlin: 86.

15) Ines Aftenberger 2007: Die Neue Rechte und der Neorassismus, Graz: 103.

16) Martin Sellner 2014: Vlog 27 - die ethnokulturelle Identität. Online verfügbar unter www.youtube.com/watch?v=BCFK IP0kwaM, zuletzt geprüft am 04.11.2014, 10:50-11:32.

17) Vgl. ebd., 07:58-08:22.

18) Ebd., 54.00

19) Vgl. Bruns, Glösel, Strobl 2015: Rechte Kulturrevolution. Wer und was ist die Neue Rechte von heute?, Hamburg: 58f.

20) Eine ausführliche Übersicht über diese findet sich in Bruns, Glösel, Strobl 2014: Die Identitären. Handbuch der Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Münster: 188ff.

21) Ebd.

22) Ebd.: 198.

23) Mark Terkessidis 1995: Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte, Köln: 67.

24) Zit. n. www.identitaere-generation.info/gestuermte-festung-europa-asyl-aus-identitaerer-sicht/, abgerufen am 3. Mai 2015.

25) Zit. n. www.youtube.com/watch?v =HczMm4Q_a5U, abgerufen am 3. Mai 2015.

26) Siehe www.blog.blauenarzisse.de/5407/die-identitaeren-in-deutschland. html.

27) Vgl. Bruns, Gösel, Strobl. 2014: Die Identitären. Handbuch der Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Münster: 209.


Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl sind Initiator_innen der Bildungswerkstatt für Antifaschismus und Zivilcourage (BIWAZ). Julian Bruns hat Skandinavistik, Germanistik und Philosophie studiert. Er schreibt gerade seine Dissertation über faschistische Literatur in Nordeuropa. Kathrin Glösel studiert Politikwissenschaft sowie Europäische Frauen- und Geschlechtergeschichte in Wien. Derzeit arbeitet sie als Studienassistentin am Institut für Politikwissenschaft sowie in der dortigen Studienvertretung. Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin und Skandinavistin. Sie betreibt den antifaschistischen Blog schmetterlingssammlung.net und engagiert sich bei Offensive gegen Rechts in Wien.

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