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Klaus Holzkamp

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Was ist Kritik und was kann ihr Sinn sein?

28.07.2015: Zum Zusammenhang von wissenschaftlicher Kritik, normativen Maßstäben und politischen Handlungsmaximen

  
 

Forum Wissenschaft 2/2015; Foto: thomas koch / shutterstock.com

Geht man davon aus, dass Erkenntnisse bzw. zutreffende Urteile oftmals nur durch wissenschaftliche Kritik möglich sind, stellen sich u.a. Fragen nach dem Verständnis von Kritik. Was Kritik ist, erschließt sich allerdings nicht aus sich selbst. Ihr sind Begriffe vorgelagert, aus denen Kritik erst möglich wird. Sie müssen zuerst eingeführt werden, um einige grundlegende Bestimmungen des hier entfalteten Kritikbegriffs vornehmen zu können. Athanasios Karathanassis reflektiert über Sinn und Zweck wissenschaftlicher Kritik.

Wissenschaft hat ihren Ausgangspunkt in den - über die Sinneswahrnehmungen ermöglichten - unmittelbaren Erfahrungen.1 Die Erfahrung der Einzeldinge ist jedoch nicht Wissenschaft. Aufgrund der Vielzahl und der Komplexität der zu vergleichenden empirischen Gegenstände würde jeder Vergleich - wie Bader u.a. es treffend formulierten - "nur ein willkürliches Ende finden oder aber unendliche nicht erfüllbare Aufgabe wissenschaftlicher Erkenntnis bleiben."2 U.a. daraus folgt der Sinn der Abstraktion bis zum Wesentlichen, also zur Substanz von Dingen, Prozessen u.a.

Dieser Fortgang von der Unmittelbarkeit der Wahrnehmung zum abstrakten Gedanken endet - nach Hegel - "nicht als bloßes Auf-die-Seite-Stellen des sinnlichen Stoffes [...], sondern es ist vielmehr das Aufheben [...] desselben als bloßer Erscheinung [...] [und seine Reduktion; A. K.] auf das Wesentliche, welches nur im Begriff sich manifestiert."3 Wissenschaft bedarf demnach der Bildung von Begriffen, wobei die Bildung von Wesensbegriffen auf der Annahme eines inneren und objektiven, der subjektiven Beliebigkeit entzogenen Zusammenhangs der Wirklichkeit beruht.4

Wirklichkeit mit doppelter Bedeutung

Bader u.a. ergänzen anknüpfend an Hegel in diesem Zusammenhang treffend, dass "das Wesen [...] nur wirklich in der Weise [sein kann; A. K.], daß es die Erscheinungen bestimmt, also als deren innere Struktur, die nur durchs Denken erfaßbar ist, nicht mit den Sinnen. Dies bedeutet, daß [...] das, was wirklich ist, nicht wie im Empirismus auf das eingeschränkt werden kann, was unmittelbar wahrnehmbar ist. Wirklichkeit hat darum [...] stets doppelte Bedeutung: zum einen die Wirklichkeit des Gegenstandes der Erfahrung (empirische Realität), zum anderen die Wirklichkeit des Wesens und seiner notwendigen Erscheinungsformen (notwendige Wirklichkeit)."5 So gesehen ist "das Wesen [...] nicht wirklich in dem Sinne, daß es unmittelbar mit den Sinnen erfassbares Stück der empirischen Wirklichkeit wäre. Es wird nicht gefunden durch die Ablösung der Häute einer Zwiebel."6 Das Wesen ist also keine verdeckte konkrete Wirklichkeit.

Während sich also die empirische Wirklichkeit unmittelbar erschließt, bedarf es zur Entschlüsselung der so genannten notwendigen Wirklichkeit, der Abstraktion sowie der Analyse und des systematischen Zusammendenkens, womit das Erkennen dieser Wirklichkeit, insbesondere des Wesens, spezifische Qualifikationen, d.h. wissenschaftliche Fähigkeiten erfordert.

Es bleibt also mit der Verwirklichung dieses Anspruchs an Wissenschaft nicht bei einer theoretischen Dopplung bzw. Reflexion empirischer Realitäten; es geht darüber hinaus darum, das Wesen, z.B. die inneren Zusammenhänge der Gesellschaft, mit Hilfe wissenschaftlicher Theorien zu erkennen. Dadurch erschließen sich entwickeltere Möglichkeiten, z.B. Ursachen von Problemen näher kommen zu können.

Um zu beurteilen, ob Wissenschaften kritisch sind oder nicht, ist die Beantwortung der Frage nach dem Wesen der Kritik erforderlich. Hierzu muss man - dem bisherigen Gang der Argumentation folgend - die spezifische Substanz der Kritik erfassen und auf Begriffe bringen, um sie dann begreifen zu können.

In einer ausführlicheren Auseinandersetzung wären hierfür u.a. eine Reihe von Negativ- und Positivbestimmungen des Kritikbegriffs entlang eines theoriehistorischen Gangs mit dem Ziel der Trennschärfe zu anderen Kategorien und Begriffen erforderlich.7 Hier beschränke ich die Bestimmung des o.g. Kritik-Begriffs auf einige grundlegende Punkte.

Kritik des Wesentlichen

Es geht hier also nicht um den umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes Kritik, z.B. um negative Bewertungen, oder darum, dass einem bzw. einer Folgen einer Entscheidung oder eines Ereignisses missfallen, sondern um ein wissenschaftliches Verständnis von Kritik, welches sich maßgeblich aus der Hegelschen Philosophie und der Marxschen Methode einer politisch-ökonomisch fundierten Gesellschaftskritik speist.

Anknüpfend an die o.g. Bestimmung des Wesens lässt sich das Wesen der Kritik m.E. als Versuch interpretieren, über das Erfassen der empirischen Realität hinaus, das Wesentliche der Wirklichkeit zu erkennen. Das Wesen der Kritik ist demnach die Kritik am Wesentlichen.

Nach Schlegel ist "das Wesen der Kritik [...] dem des Verstehens identisch"8; und Verstehen setzt das Erkennen von Zusammenhängen voraus, wobei das verstehende Subjekt immer, z.B. durch Vergleiche mit persönlich Erlebtem oder Erkanntem, subjektiv in den Verstehensprozess mit eingebunden ist. Das impliziert m.E. aber keine zwangsläufige subjektive Verzerrung oder Trübung von Erkenntnissen, die dazu führen würden, dass Wesentliches des Untersuchungsgegenstands verhüllt bleibt. Denn insbesondere, wenn Gesellschaftskritik mit Subjekt- bzw. Selbstkritik verknüpft ist, kann - trotz der subjektiven Reproduktion und der Möglichkeiten der ideellen Variation der äußeren Praxis im Bewusstsein - eine ausreichende Trennschärfe zwischen dem Objekt der Untersuchung und dem untersuchenden Subjekt erreicht werden.

Wie kann Kritik "auf den Begriff gebracht werden"?

Das Gelingen von Gesellschaftskritik ist auch und entscheidend eine Frage der Erkenntnismethode. Das von Marx im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapital beschriebene, methodische Herangehen an Gesellschaftskritik fußt auf materialistischer Grundlage und entspringt dialektischem Denken.

Ausgangspunkt von Erkenntnisprozessen und Gesellschaftskritik ist hierbei die Erforschung der auf der Oberfläche der Gesellschaft erscheinenden Tatsachen, um ihr inneres Band, ihr Wesen aufzuspüren. Eine Verfahrensweise der Erkenntnisgewinnung ist die Feststellung der realen Tatsachen, die als Argumentationspunkte dem Fortgang der Analyse dienlich sind, ihr Vergleich, nicht mit Ideen, sondern untereinander, eine Analyse dieser "Phänomene" und ihrer realen Folgen9, wie z.B. der ungleichen Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums oder Naturzerstörungen.10

In Anknüpfung an dieses Marxsche und auf Hegel zurückgehende Verständnis wissenschaftlicher Methoden lässt sich das durch Kritik Erkannte auch als das Ideelle, das im Menschenkopf übersetzte Wesen des Materiellen interpretieren. Gedanken sind demnach Resultate wirklicher Bewegungen und Gedanken können in diesem wechselseitigen Prozess auch auf wirkliche Bewegungen (verändernd) zurückwirken.

In dieser grundlegenden materialistischen Methode geht es über das rein Anschauende hinaus also darum, das im Prozess der kritischen Reflektion ins Verhältnis zu "setzen", was real zusammenhängt; Diese Methode kommt m.E. daher den Tatsachen am nächsten.11

Begreife ich Kritik also auch als Versuch eines Urteils - "kritikos" bedeutet Urteilsfähigkeit -, welches so präzise wie möglich sein soll, kann es keine - insbesondere kausalen - Denkschranken geben. Kritisches Denken und Forschen zu beenden bevor der zu erforschende Gegenstand selbst die Grenzen setzt oder (vorläufig) erkannt ist, also Kompromisse in Bezug auf die Forschungstiefe, bzw. -methode einzugehen, bedeutet, das zu Kritisierende nicht in dem Ausmaß zu durchdringen oder zu erfassen, wie es möglich wäre. Nachlässig oder ignorant wäre das insbesondere dann, wenn es zur Lösung von Problemen erforderlich ist, ihre (letzten) Gründe zu kennen bzw. ihre Ursachen zu beseitigen.

Kritik ist so auch und wesentlich ein Prozess radikalen Analysierens und Zusammendenkens auf der Suche nach Ursachen.12 Kritik ist demnach radikale Wissenschaft auf dem Weg zu vorläufigen Wahrheiten und verträgt im Gegensatz zur politischen Praxis keinen Kompromiss.13 Vorläufig bleiben Wahrheiten, weil sich Gegenstände wie auch Begriffe in permanentem Wandel befinden. Wissenschaftliche Tätigkeit bedeutet demnach, nicht nur Praxis mit Begriffen zu erfassen, sondern diese auch den Entwicklungen der Praxis anzupassen, also zu verändern. Nichts ist für immer so wie es ist, weil es die Zeit "berührt", und sich daher in ständiger Veränderung befindet.

Kritische Wissenschaften können demnach nicht immer geltende bzw. zeitlose Wahrheiten hervorbringen, aber die Permanenz des Wandels kann kritische Wissenschaften legitimieren, solange es Zeit gibt.14

Was kann Sinn und Ziel wissenschaftlicher Gesellschaftskritik sein?

Wenn es nicht beim Erfassen des Wesens von Tatsachen bzw. Problemen bleiben soll, Erkenntnis somit nicht Selbstzweck ist, wenn also wissenschaftliche Kritik z.B. auf Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen oder der gesellschaftlichen Naturverhältnisse abzielt, wird diese Kritik zugleich normativ und politisch. Und Kritik, die nicht auf Veränderung abzielt ist - bezugnehmend auf eine der bekanntesten Passagen aus der Einleitung der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie - eine Waffe, die stumpf bleibt.15 Abzielend auf die Beseitigung realer Probleme und verbunden mit dem Anspruch emanzipatorischer Veränderungen muss Kritik also mehr sein als nur die zutreffende Reflexion von Praxis.16

M.a.W.: Eine kritisch-materialistische Theorie ist demnach "keine kontemplative Reflexion bestehender Verhältnisse; ihr fundamentales Ziel ist die praktische Umwälzung, sie ist kritisch-subversiv".17 Konflikte zwischen dem Notwendigen und dem so genannten politisch Machbaren sind dann i.d.R. "vorprogrammiert".

Somit verweist dieser theoretische und praktische Anspruch an Kritik auch auf das Erfordernis, Erkenntnisse nach Relevanzkriterien differenzieren zu können, womit Kritik darüber hinaus auch auf einen bedürfnisorientierten Anspruch verweist.

Bleibt Kritik also reines Erkenntnisinstrument, verweigert ein derartiges kritisches Denken seine emanzipatorische Potenz. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Ergebnisse der Kritik Möglichkeiten mit sich bringen, z.B. Krisen, Zerstörungen oder Konflikte nicht nur zu verstehen bzw. ihre Ursachen zu identifizieren, sondern zu ihren Begrenzungen oder gar Verhinderungen beizutragen.

Kritik ist demnach weder wertfrei, noch ein überzeitliches Fixum, sondern:

1. als ein Prozess der Wissenschaft zu begreifen, in dem - über die Erscheinungen zum Wesen des Gegenstandes - mit dem Anspruch vorläufiger Wahrheiten und dem Ziel der Erkenntnis von Ursachen geforscht wird. Das ist ein radikales Wissenschaftsverständnis. M.a.W. ist die Aufgabe kritischer Wissenschaften - wie schon bei Hegel und auch bei Marx - das Begreifen dessen, was ist, u.a. "zum Zwecke der Orientierung [...] menschlichen Handelns".18 Dieser wissenschaftliche Kritikbegriff ist

2. mit einem Prozess normativer Ansprüche verknüpft, der ökonomische, soziale, ökologische oder andere "Sollgrößen" bestimmt, die auf Grundlage des o.g. Wissenschaftsverständnisses gebildet werden.

3. Ist ein derartiges Kritikverständnis zugleich ein Prozess mit dem Ziel politischer Praxis, die auf emanzipatorische Veränderungen abzielt. Indem wissenschaftliche Kritik resp. kritische Theorien den Anspruch haben, auf Praxis bezogen zu sein, werden sie zugleich politisch-praktisch.

Das Politische an der Kritik vermag auf diese Weise, auch eine an menschlichen Bedürfnissen und normativen Maßstäben gemessene Illegitimität zu Tage bringen. Dies geschieht aber - nach Foucault - nicht durch Rekurse auf andere politische oder moralische Ordnungen, sondern auf Grundlage von wissenschaftlicher Kritik als Erkenntnisinstrument, um politischen Prozessen emanzipatorische Stoßrichtungen vorschlagen zu können.19

Verbindung von Kritik und Praxis

Der Zusammenhang von radikaler Erkenntnis, normativen Ansprüchen und politischer Praxis besteht in der Aufhebung ihrer Grenzen und ermöglicht die Verbindung von wissenschaftlicher Kritik und emanzipatorischer Praxis, welche angesichts gegenwärtiger globaler Armutslagen20, zunehmender Naturverbräuche und -zerstörungen21, zunehmender politischer und militärischer Konflikte22 und auch wachsender sozialer und individueller Krisen23 m.E. im wahrsten Wortsinn notwendig ist.

Ein hieraus entstehender Vorwurf der Parteinahme bzw. einer interessensgeleiteten Theoriebildung, der behauptet, dass Parteilichkeit und Wahrheit unvereinbar wären, ist haltlos. Er basiert auf der Illusion von wissenschaftlicher Neutralität und ignoriert zugleich, dass jegliche Wissenschaften, z.B. in Bezug auf die Wahl ihrer Inhalte und Methoden Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Wissenschaften entwickeln sich nicht in neutralen Räumen, nicht ohne Vorgaben und Interessen und bisher auch nicht ohne Machtverhältnisse.24

Obsolet wäre das zuvor dargelegte (kritische) Kritikverständnis, wenn der Konnex Ursache-Wirkung anachronistisch wäre. Das ist aber unmöglich, da Ursache und Wirkung keine historischen Kategorien sind, deren Unbrauchbarkeit man mit einem angeblichen "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama), oder alternativloser Politik (Margaret Thatcher, Angela Merkel u.v.a.) rechtfertigen könnte. Es sind strukturelle Kategorien, die zu jeder Zeit gelten. Die Negation von Gesellschaftskritik ist daher das Ergebnis politisch-ideologischer Praxis, und nicht das Resultat einer zum Endpunkt angelangten gesellschaftlichen Realität, die man nur noch hinnehmen, verwalten und konservieren kann. Diese Praxis schließt nicht nur Räume für Kritik, ist somit entwaffnend und zielt auf eine Kapitulation vor Verhältnissen ab, die naturgesetzgleich oder gottgegeben getragen werden sollen, sie öffnet zugleich Kapitalverwertungsräume.25

Arno Gruen pointierte die aus einer fehlenden Kritik resultierende ideologische Blindheit à la Fukuyama und Thatcher aus subjektkritischer Perspektive. Es ist "die Verweigerung der Realität im Namen der Realität."26

Anmerkungen

1) Vgl. hierzu ausführlich u.a.: Aristoteles 2003: Metaphysik, Berlin.

2) V.-M. Bader / J. Berger ./ H. Ganssmann u.a. 1975: Krise und Kapitalismus bei Marx, Eschwege, Bd. 1: 39.

3) G. W. F. Hegel 1969ff: Werke, zit. als HW 1969ff, Frankfurt/M., Bd. 6: 259.

4) Nach Hegel ist die zur Erkenntnis dieses Zusammenhangs erforderliche "wahre Objektivität des Denkens diese, daß die Gedanken nicht bloß unsere Gedanken, sondern zugleich das Ansich der Dinge [...] überhaupt sind." (Ders., Bd. 8: 116). Neben dem Ansich Gedachten hat Objektivität - nach Hegelscher Auffassung - noch zwei weitere Bedeutungen: "das äußerlich vorhandene im Unterschied zum Phantasierten" (Bader u.a. 1975, Bd. 1: 47) und das "Allgemeine [...] im Unterschied von dem unserer Empfindung angehörigen [...] Partikularen und Subjektiven". (HW Bd. 8: 116).

5) Bader u.a. 1975, Bd. 1: 50.

6) Dies.: 49.

7) Zum näheren Verhältnis von Kategorie und Begriff vgl. ausführlich: W. F. Haug 2008: "Kategorie", in: W. F. Haug / F. Haug / P. Jehle (Hg.): HKWM, Berlin, Bd. 7/I: 467ff.

8) Schlegel in R. Rieger (Hg.) 1988: Interpretation und Wissen: zur philosophischen Begründung der Hermeneutik bei Friedrich Schleiermacher und ihrem geschichtlichen Hintergrund, Berlin, New York: 134.

9) Vgl. hierzu ausführlich: K. Marx /F. Engels: Werke; zit. als: MEW, Berlin 1962ff, Bd. 23: 25ff.

10) Vgl. hierzu ausführlich: A. Karathanassis 2015: Kapitalistische Naturverhältnisse. Ursachen von Naturzerstörungen - Begründungen einer Postwachstumsökonomie, Hamburg.

11) Dialektisch ist hierbei z.B. der widersprüchliche Entfaltungszusammenhang ökonomischer Kategorien: Der Widerspruch von Gebrauchswert und Wert in der Ware entfaltet sich auf anderer Ebene in der Warendopplung, und der Widerspruch des Geldes findet seine Bewegungsform in der Zirkulation des Kapitals. Zugleich materialistisch ist dieser Prozess, weil er praktisch ist und sich u.a. im Kontext sich entwickelnder Produktivkräfte entfaltet. (Vgl.: MEW Bd. 23-25).

12) Begrenzte Kritik ist so gesehen nicht nur unpräzise; nach dem hier dargelegten Verständnis ist sie keine wirkliche Kritik.

13) Kalmring schreibt hierzu: "Die machtverpflichtete Suche nach einer Verbreiterung der Wählerbasis und nach Bündnispartnern trägt auch Gesellschaftskritik ab und speist sie in verdünnter und damit in einer für die etablierte Politik akzeptablen Form [...] in die politische Auseinandersetzung ein." (S. Kalmring 2012: Die Lust zur Kritik. Ein Plädoyer für soziale Emanzipation, Berlin: 282). Ausdruck dieser "verdünnten Kritik" ist z.B. ihr Verharren auf der Ebene des quantitativen Proporz´, was u.a. bei den Mindestlohn- und Steuersenkungsdebatten offensichtlich wird; oder sie zeigt sich darin, dass man sich damit begnügt, dass Fragmente emanzipatorischer Inhalte in nationale oder supranationale Rechtswerke einfließen. Als Kritikersatz bzw. -ergänzung dienen zudem oftmals "moralgeschwängerte", normative Forderungen, die das politisch-programmatische Profil z.B. von Parteien und Gewerkschaften bilden.

14) Von erkenntnistheoretischer Bedeutung ist hierbei auch der Unterschied zwischen dem - auf Walter Benjamin zurückgehenden "Zeitkern der Wahrheit" und dem von Aristoteles, Karl-Otto Apel oder Vittorio Hösle theoretisierten Letztbegründungsanspruch. (Vgl. hierzu u.a.: Aristoteles 2003 oder Apel: "Ist eine philosophische Letztbegründung moralischer Normen möglich?", in: K. O. Apel / D. Böhler /G. Kadelbach (Hg.) 1984: Funk-Kolleg Praktische Philosophie/Ethik: Dialoge Bd. 2, Frankfurt/M. Das grundsätzliche Problem des Letztbegründungsanspruches ist - abgesehen vom ständigen Wandel und somit der Unmöglichkeit eines abschließenden Urteils - mit dem so genannten Münchhausen-Trilemma beschrieben: - Die Frage nach den Gründen kennt kein Ende, so dass auf diesen Regress eine unendliche Reihe von Antworten folgen muss. - In der Reihe der Antworten wird irgendwann auf das zu Beantwortende als Voraussetzung zurückgegriffen - Ich existiere, weil ich da bin - was einem logischen Zirkel gleicht. Und - an die Stelle einer Begründung tritt eine unbegründete Behauptung, wird dadurch zum Dogma - Ich existiere, weil Gott mich machte. In keinem Fall wäre - vollkommen unabhängig von der gestellten Frage - eine Letztbegründung möglich. (Vgl. hierzu u.a. M. Schmidt-Salomon 2001: Das "Münchhausentrilemma" oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen?, unter: www.schmidt-salomon.de/muench.htm(letzter Zugriff: 22.01.2014). Zur Prozesshaftigkeit der Wahrheit schreibt Marx "daß die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen [...]" (MEW Bd. 21: 293). Engels ergänzt: "Geht man aber bei der Untersuchung stets von diesem Gesichtspunkt aus, so hört die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewußt, ihrer Bedingtheit durch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurde [...]" (F. Engels 2009: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Zittau: 47).

15) Vgl. hierzu ausführlich MEW Bd. 1: 385.

16) In gleicher Richtung bewegen Adorno und Horkheimer den Begriff der kritischen Wissenschaft: "Aber nur im Geiste der Kritik wäre Wissenschaft mehr als die bloße Verdopplung der Realität durch den Gedanken, [...]" (T. W. Adorno /M. Horkheimer; zit. n. S. Müller-Doohm 2003: Adorno: eine Biographie, Frankfurt/M.: 561).

17) R. Dutschke in: R. Dutschke / G. Dutschke-Klotz 2003: Jeder hat sein Leben ganz zu leben, Köln: 159. In ähnlichem Kontext verortet Freytag den normativen Anspruch an Kritik: "Ihren normativen Maßstab erhebt Kritik [...] aus ihrem Interesse an der Aufhebung gesellschaftlichen Unrechts." (T. Freytag 2012: "Kein Altern der Kritik", in: M. Blanke /M. Hawel (Hg.): Kritische Theorie der Krise, Texte Bd. 72, Berlin: 164).

18) Bader u.a. 1975, Bd. 1: 55.

19) Vgl. ausführlich: M. Foucault 1992: Was ist Kritik?, Berlin.

20) Vgl. hierzu z.B.: B. Milanovic 2011: "A short history of global inequality: The past two centuries", in: Explorations in Economic History 48: 494-506.

21) Vgl. u.a.: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 2009: Energierohstoffe 2009 - Reserven, Ressourcen, Verfügbarkeit, Hannover oder Intergovernmental Panel on Climate Change 2007: Climate Change 2007: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Fourth Assessment, IPCC, Geneva.

22) Vgl.: SIPRI Yearbook 2010: Armaments, Disarmaments and International Security-Summary, o.O.

23) Siehe hierzu auch: IGES Institut 2013: DAK Gesundheitsreport, Berlin.

24) So ist z.B. die Tatsache, dass die darwinsche evolutionstheoretische Position des "Survival of the Fittest" zu oft als Durchsetzung des Stärkeren und nicht des am besten Angepassten interpretiert wird, ebenso wie die im Vergleich zur Konkurrenz vernachlässigte Rolle der Kooperation für die Evolution nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Evidenz. (Vgl. hierzu u.a.: P. Kropotkin 2011: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Frankfurt/M.) Es sind Beispiele für Interpretationen bzw. Wissenschaftslinien, die sich durchsetzten, da sie von bestimmten machtgetragenen und ideologischen Interessen befördert bzw. andere behindert wurden.

25) Siehe hierzu u.a.: B. Zeuner 2007: Die Freie Universität Berlin vor dem Börsengang? Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft (Abschiedsvorlesung), unter: www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/dokumentation/aktdok/Zeuner-FreieUni versitaetBerlin-AbschVorl-3a.pdf(letzter Zugriff: 07.07.13) oder C. Bauer / O. Brüchert u.a. (Hg.) 2010: Hochschule im Neoliberalismus. Kritik der Lehre und des Studiums aus Sicht Frankfurter Studierender und Lehrender, Frankfurt/M.

26) A. Gruen 1987: Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit, München: 19.


Dr. Athanasios Karathanassis, Politik- und Sozialwissenschaftler, lehrt an den Universitäten von Hannover (LUH) und Hildesheim u.a. mit den Arbeitsschwerpunkten Politische Ökonomie der Globalisierung, gesellschaftliche Naturverhältnisse, gesellschaftliche Krisenentwicklungen, Soziale Bewegungen.

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