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Vergessen statt Erinnern

19.03.2015: Studieren, Lehren und Forschen ohne Bruch

  
 

Forum Wissenschaft 1/2015; Foto: Sönke Rahn / Wikimedia Commons

Die Geschichte der Frankfurter Goethe-Universität und besonders ihr Umzug auf den IG Farben-Campus verlangen historisches Bewusstsein, stellt doch gerade das Gebäude des früheren mörderischen IG Farben-Konzerns einen zentralen Bestandteil des Campus-Komplexes dar. Im folgenden Artikel versuchen Josefine Geib und Laurien Simon Wüst eine kritische Auseinandersetzung um die Aufarbeitung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dabei sollen sowohl der spezifische Raum des IG Farben-Campus der JWGU als auch ihre eigene aktive Rolle als Hochschule in und nach der Zeit des Nationalsozialismus einbezogen werden.1

"Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben." Primo Levi, Auschwitz-Überlebender

Das Jahr 2015 begann für die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt historisch. Die im Jahr zuvor vom Senat beschlossenen Straßenumbenennungen auf dem IG Farben-Campus, der zentrale und geisteswissenschaftliche Campus der JWGU, wurden im Januar in die Tat umgesetzt - begleitet von Feierlichkeiten und lobenden Worten. Dabei wurde die Adresse des IG Farben-Hauses von Grüneburgplatz 1 in Norbert-Wollheim-Platz 1 geändert und erinnert damit an einen Überlebenden des an Auschwitz angebundenen, unternehmenseigenen Konzentrationslagers der IG Farben, Buna/Monowitz: Norbert Wollheim, der als erster Überlebender erfolgreich Entschädigungszahlungen der IG Farben einklagen konnte. Historisch ist das Ereignis deswegen, weil das Komitee der Überlebenden von Buna/Monowitz in Deutschland bereits im März 2004 eine Änderung der Adresse der Goethe-Universität in Norbert-Wollheim-Platz forderte2. Diese Forderung wurde jetzt, im Januar 2015, zu einem Teil erfüllt.

Doch was ist in diesen mehr als zehn Jahren passiert? Jahrelange Auseinandersetzungen gegen Vergessen und Verdrängen, in denen Überlebendenverbände, Studierendeninitiativen, das Fritz-Bauer-Institut und Einzelpersonen dafür einstanden, dass Auschwitz an diesem Ort, auf diesem Campus, nicht vergessen wird. "Zehn Jahre zu spät"3 konnte dann durch hohen öffentlichen Druck, mit mehr als 1.000 Unterschriften einer Petition mit namhaften Professor*innen, Briefen von jüdischen Gemeinden und dem vehementen Einsatz von Überlebenden, erreicht werden, dass die Umbenennung Realität wird. Der Senat beschloss allerdings auch die Umbenennung zweier weiterer Adressen, einen Theodor-W.-Adorno-Platz und eine Max-Horkheimer-Straße, um beide Theoretiker zu ehren, "die bis heute Weltgeltung genießen und zugleich für alle Hochschulmitglieder identitätsstiftend sind" (Pressemitteilung JWGU 2014). Die Studierendenvertretung der Goethe-Universität kritisierte dabei, dass es der Universität nicht um "Aufarbeitung und Aufklärung geht, sondern darum, bekannte Persönlichkeiten als Aushängeschild für die Universität zu nutzen und sich im Wettbewerb der Hochschulen zu positionieren"4. Darüber hinaus sei nach Auffassung der Initiative Studierender am IG Farben-Campus und der Studierendenvertretung die Forderung nach der Umbenennung nicht erfüllt: "Die tatsächliche Umbenennung der gesamten Uni-Adresse wurde schlicht durch dezentrale Umbenennungen umgangen, denn die Hauptbauten auf dem Campus haben andere Adressen bekommen."5 Konfrontation mit der Geschichte scheint an der JWGU eng an den Image-Wettbewerb gekoppelt. Wie sonst ließe sich erklären, dass die Universität die zentrale Postadresse zum tatsächlichen Erinnern an Norbert Wollheim vermeidet, indem sie allen Bauten - im Gegensatz zu den Jahren zuvor - nun eine eigene Adresse gibt? Tatsächliche Aufarbeitung und Aufklärung scheinen dabei im permanenten Widerspruch zum geschichtspolitischen Marketing der Hochschule zu stehen. Dieser Artikel versucht, diese Widersprüche einer Aufarbeitung zu zeigen, die sich nicht als Aufklärung im Sinne einer Mündigkeitserziehung versteht, sondern historische Imagepflege in den Vordergrund stellt. Der Umgang der JWGU mit der Geschichte des Campus und ihrer eigenen Rolle während und nach der Zeit des Nationalsozialismus stellt damit ein besonderes Beispiel deutscher (Nicht-)Aufarbeitung dar.

Geschichte des "schönsten Campus Europas"6

"Es [das IG Farben-Haus] ist niemals ein Denkmal der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein"7(Micha Brumlik, ehem. Professor für Erziehungswissenschaften an der JWGU).

Um die Bedeutung der Notwendigkeit einer Aufarbeitung des Ortes zu begreifen, ist eine Beschäftigung mit der Historie desselben in Verbindung mit dem einst dort ansässigen IG Farben-Konzern notwendig. Der IG Farben-Konzern verkörpert den raschen Anpassungsprozess des bürgerlichen deutschen Unternehmertums an den Nationalsozialismus. Es geht dabei "nicht darum, dass der Nationalsozialismus wesentlich im Akkumulationsinteresse wurzeln würde, sondern darum, wie schnell sich ein Konzern von internationaler Bedeutung, der personell fest in den wissenschaftlichen und ökonomischen Eliten des deutschen Bürgertums verankert war, in die barbarische Krisenlösung der Nazis integrieren konnte."8 Dieser schnelle Prozess zeigte sich unter anderem darin, dass der Vorstand im Jahr 1936 fast komplett aus Mitgliedern der NSDAP und zum Großteil aus bekennenden Nationalsozialisten bestand, zwei Jahre später war das Unternehmen einschließlich aller Angestelltenebenen "judenrein". Der beschriebene Anpassungsprozess darf dabei nicht als Passivität der IG Farben im Nationalsozialismus verstanden werden. Vielmehr beteiligte sich der Konzern aktiv an der Maschinerie der Vernichtung. So hatte der Konzern im Jahr 1942 ein eigenes Konzentrationslager namens Buna/Monowitz, wenige Kilometer vom Stammlager Auschwitz I entfernt, in dem Tausende durch Zwangsarbeit, die Teil der Vernichtung durch Arbeit war, ermordet wurden. Darüber hinaus war die IG Farben Anteilseigner der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), die Zyklon B für die Gaskammern produzierte, um die Vernichtung technisch möglich zu machen.

Die aktive Rolle des IG Farben-Konzerns in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie fand dabei nicht im abstrakten Raum statt, sondern lässt sich konkret lokalisieren. Das heutige Hauptgebäude der Universität ist der einstige Ort der Richtungsentscheidungen zur Beteiligung an der Judenvernichtung. Dort, wo heute Studieren auf dem "schönsten Campus Europas"9 als neues Leitbild ausgerufen wird, haben damalige Funktionäre des Konzerns die Entscheidungen an der "Endlösung der Judenfrage" mitgetroffen. Dass später bei den Nürnberger Prozessen nur knapp die Hälfte der Vorstandsmitglieder der IG Farben verurteilt wurde, soll hier nur kurz erwähnt sein und angesichts der grundsätzlichen Schlussstrich-Hegemonie der deutschen Aufarbeitung auch kaum überraschen.

Fehlende Bruchstelle: Geschichtsrevisionismus auf dem Campus

Für die Universität selbst scheint der Anspruch des "schönsten Campus Europas"10 nicht im Widerspruch zu diesem Ort zu stehen, der repräsentativ für die von der IG-Farben verursachten Grausamkeiten im Nationalsozialismus steht. Es stellt sich damit unweigerlich die Frage, mit welchem Verständnis die Hochschule diesem Ort begegnet. Seit dem Jahr 1995 laufen die Diskussionen innerhalb und außerhalb der JWGU zur Campus-Nutzung des ehemaligen Geländes der IG Farben, das zuletzt von der amerikanischen Militärverwaltung als Hauptsitz verwendet wurde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Europäische Zentralbank vor dem Hintergrund der historischen Rolle des Hauses innerhalb des Nationalsozialismus und damit einhergehender deutlicher Kritik aus dem In- und Ausland als möglicher Verwender "kategorisch ausgeschlossen wurde"11. Nun könnte man der Hochschule bereits an dieser Stelle vorwerfen, dass der Umzug überhaupt - weg vom fordistischen Campus Bockenheim hin zu diesem Ort der nationalsozialistischen Grausamkeiten - Ausdruck von Geschichtsvergessenheit sei und damit falsch ist. Dagegen ließe sich aber berechtigt einwenden, dass man in diesem Ort auch eine Konfrontation sehen kann, eine tägliche, mit dem, was war, und gegen das Vergessen, das es zu bekämpfen gilt. Die Diskussion, ob ein solcher Umzug überhaupt notwendig war, soll an dieser Stelle aber nicht geführt werden. Vielmehr soll es darum gehen, wie die JWGU in der Gestaltung des Campus selbst mit der historischen Bedeutung dieses Ortes umgeht.

Das IG Farben-Haus, das Hauptgebäude der JWGU, wirkt für den gesamten Campus als architektonische Autorität und ist für die Gestaltung des Areals wesentlich gewesen. Das Gebäude mit "festungsartigem Charakter"12 reproduziert sich in unterschiedlichen Elementen auf dem Campus. So bilden die Raumkanten der Hochschulbauten eine Campus-Festung, die mit einem Zaun verstärkt wird. Darüber hinaus wird durch die Verwendung von Travertin-Steinplatten in den weiteren Universitätsbauten die unmittelbare Kontinuität der Architektur des IG Farben-Hauses geschaffen. Gleichzeitig dienen IG Farben-Haus sowie der Campus insgesamt der Heranbildung eines normierten und autoritätskonformen Charakters. Dies verräumlicht sich durch eine "Politik der weißen Wand"13, deren Ziel es ist, Entfaltung allgemein und Kritisches im Konkreten zu unterbinden. Ein campuseigener Sicherheitsdienst, Überwachungskameras auf dem gesamten Gelände, kaum selbstverwaltete Räume für Studierende und die Abwesenheit von Freiflächen für z.B. Graffiti garantieren, dass die Wände weiß bleiben. Der ehemalige Universitätspräsident Rudolf Steinberg erfreut sich über diese Kontrollpolitik: "Im Poelzig-Bau [gemeint ist das IG Farben-Haus] gibt es auch nach sechs Jahren keinerlei Schmierereien an Wänden oder sonstige Zerstörungen. Ich betrachte das als die zivilisierende Kraft der Ästhetik."14 In der Konsequenz bedeutet dies: "Das Gebäude, das für den barbarischen Zivilisationsbruch der Shoah steht, soll nun zivilisierend wirken."15

Steinberg offenbart stellvertretend für das Selbstverständnis des Campus, um was es geht: Das IG Farben-Haus ist das Zentrum, von dem sich in einer Kontinuität der Campus entfaltet. Der Zivilisationsbruch, den dieses Gebäude verkörpert, ist für die herrschende Ideologie des Campus keiner, den es als solchen zu begreifen gilt. Vielmehr reproduziert sich der Campus in seiner allgemeinen Struktur, durch die Raumkanten-Festung, wie durch besondere Elemente, wie die Überwachungskameras, in einer bewussten Nachfolge zum IG Farben-Haus. Ein Vor-Auschwitz und Nach-Auschwitz scheinen hier in der Umsetzung des Campus ihre architektonische und gestalterische Brücke erfahren zu haben, die über den gesellschaftlichen Bruch, über die Barbarei, hinweggeht. Bestrebungen, dieser Brücke der historischen Kontinuität entgegenzutreten, waren in den letzten Jahren zäh, mühevoll und stießen häufig auf Widerstand. Das Wollheim-Memorial, ein kleines Häuschen mit Ausstellung zum Gedenken an Norbert Wollheim und die Opfer von Buna/Monowitz befindet sich am Rande des Campus, zwar unweit des IG Farben-Hauses, aber fast versteckt, beinahe verschwunden. Es spielt im räumlichen Alltag des universitären Lebens keine Rolle. In der Auswahl des Platzes, seiner Nicht-Sichtbarkeit, steht es damit charakteristisch für die Nicht-Aufarbeitung der JWGU. Selbiges gilt für die Gedenkplatte vor dem Haupteingang des IG Farben-Hauses. Sie soll an die Geschichte des Gebäudes erinnern und über sie aufklären, doch auch sie ist gewissermaßen unscheinbar, liegt auf dem Boden und zwingt Vorbeigehende keinesfalls zur Konfrontation, letztlich noch nicht einmal zum Bemerken. Jahrelange Forderungen der Überlebenden, die Gedenktafel aufzustellen und ihr damit eine höhere Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, wurden nicht erfüllt.

"Frankfurt ist nicht nur Goethe, sondern auch Mengele"16

Eine Auseinandersetzung um Aufarbeitung an einem solchen Ort wie dem IG Farben-Campus neigt dazu, in der Fokussierung auf die unmittelbare Geschichte des Ortes die eigene Rolle, die der JWGU selbst, in und nach dem Nationalsozialismus in den Hintergrund rücken zu lassen. Dabei sollte man doch annehmen, dass gerade die Konfrontation mit der verräumlichten Geschichte dieses Campus auch die eigene Auseinandersetzung voranbringt. Im vergangenen Jahr hat die JWGU ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Was Konfrontation mit der eigenen Rolle in der Shoah im Rahmen eines solchen Jubiläums bedeutet, lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen existierte ein Veranstaltungsformat, vom Studenten[sic!]werk Frankfurt in Kooperation mit der JWGU geplant, bei dem eine Lebensepoche Goethes mit einer Entwicklungsepoche der Universität verbunden wurde. Unter dem Titel "Zwangsveränderung" verglich man Goethes Reise nach Italien mit der Zeit des Nationalsozialismus für die JWGU. Das Essen, das zum Servieren eingeplant war, hätte den Namen "rauchende Köpfe" (gebackene Champignons) tragen sollen. Es scheint fast überflüssig, den geschichtsvergessenen Umgang in diesem Zusammenhang erklären zu müssen: Von dem passiven Verständnis der Universität zur Zeit des Nationalsozialismus angefangen - Zwangsveränderung negiert schon terminologisch die aktive Rolle der Hochschule - über den absurden Vergleich einer Italien-Reise Goethes und der Zeit der Shoah bis hin zum entsetzensvollen Namen des geplanten Essens. Das Studentenwerk hat anschließend auf Druck des AStA - weder eigeninitiativ noch selbstkritisch im Nachgang - die Veranstaltung abgesagt. In einer kurzen Reaktion im Netzwerk Facebook - für eine Stellungnahme auf der Homepage hat es wohl nicht gereicht - wurde erklärt, dass die "einzige Assoziation tatsächlich der Kopf war, der beim Denken ›raucht‹." 17 Sicherlich könnte man solches Versagen einer individuellen Fehlleistung, die sich nicht wiederhole, zuschreiben. Allerdings ist genau dieser Umgang der JWGU mit der Shoah und ihrer eigenen Rolle in dieser bezeichnend für die allgemeine Aufarbeitungsverweigerung der JWGU. Für die JWGU scheint der Nationalsozialismus in einer historischen Kontinuität der Weiterentwicklung der Universität zu stehen. Shoah, Nobelpreisträger und Forschung in eine gleichwertige Reihenfolge zu bringen18, entspricht dem Verständnis von Aufarbeitung der JWGU. Ähnlich wie in der architektonischen Reproduktion bleibt die Beschäftigung mit der Shoah und der eigenen Mitwirkung an der Judenvernichtung ohne Bruch. Die Brücke der historischen Kontinuität geht auch hier weiter. Aufklärung um die eigene Aktivität im Nationalsozialismus hängt erneut vom Engagement und Druck Einzelner und engagierter Initiativen ab. Benjamin Ortmeyer, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaften und Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der JWGU, hat sich beispielsweise intensiv mit führenden Nationalsozialisten befasst, die teilweise noch jahrelang nach der Befreiung von Auschwitz an der Universität wirkten. Josef Mengele, der als Lagerarzt zahllose Häftlinge für medizinische Experimente missbraucht, gequält, getötet und in die Gaskammern geschickt hat, promovierte an der JWGU und war noch im Jahr 1944 - während er bereits in Auschwitz war - auf der Gehalts- und Personalliste der Universität. Erst im Jahr 1961, sechzehn Jahre nach dem Ende der Shoah, wurde Mengele der Doktortitel aberkannt. Mengele lernte unter Otmar von Verschuer am Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt. Verschuer trägt bis heute einen Doktortitel der Universität.

Was bleibt?

Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu "100 Jahre Goethe-Universität" hatten Veranstaltungen zu solchen Themen kaum Raum. Zwar "habe die Uni-Leitung die Vortragsreihe [gemeint ist eine Vortragsreihe zu Mengeles Verbundenheit mit der Universität] ohne weiteres akzeptiert, ›sie will das Jubiläum aber lieber als Sympathiewerbung nutzen‹"19, erklärt der ehemalige Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der JWGU, Micha Brumlik. Es wäre zu hoffen, dass nun mehr Studierende wissen, wer Mengele war, was er tat und dass er Teil der JWGU war. Wolfgang Cramer, bereits 1932 Mitglied der NSDAP und des nationalsozialistischen Lehrerbundes und 1962 außerordentlicher Professor der JWGU, und Bruno Liebrucks, ab 1933 in der SA und bekannt durch rassistische Texte in NS-Zeitungen und 1959 zum Ordinarius der JWGU bestimmt worden, werden den meisten Studierenden aber weiterhin unbekannt bleiben. Die Liste derer, die auch Teil der JWGU waren und sind, ließe sich noch lange fortsetzen. Welche Perspektiven für Aufklärung gibt es nun? Diesen Artikel mit der Aufforderung abzuschließen, die Goethe-Uni solle zu ihrer eigenen Geschichte stehen, wäre mehr als eine schlechte Plattitüde. Es würde verschleiern, dass Forderungen an eine Hochschule, in deren Zentrum der Studierende als Kunde, die Universität als Standort und der Campus als Aushängeschild im postfordistischen Wettbewerb um Eliten und Gelder gerückt sind, weitestgehend perspektivlos sind. Konkrete Perspektiven für eine an Aufklärung orientierte Aufarbeitung haben wir nicht. Eine Perspektive Adornos lautet unter anderem: "Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip Auschwitz wäre Autonomie [...] die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen."20 Damit Auschwitz nicht vergessen wird, auf dem Campus, in Frankfurt und überall, ist Studieren, Lehren und Forschen mit Bruch notwendig.

Anmerkungen

1) Im weiteren Verlauf abgekürzt durch: JWGU.

2) Susanne Keval 2007: "Künstlerisch entschädigt. Eine Gedenkstätte soll an die Zwangsarbeiter der IG Farben erinnern", in: Jüdische Allgemeine, online unter: www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/4904 (Letzter Abruf am 6. Februar 2015).

3) Maximilian Pichl 2014: "Zehn Jahre zu spät. Mit der Umbenennung des Grüneburgplatzes in Norbert-Wollheim-Platz erfährt ein Verfolgter des NS-Regimes an der Goethe-Universität in Frankfurt eine späte Würdigung", in: Jungle World, online unter: jungle-world.com/artikel/2014/31/50312.html (Letzter Abruf am 6. Februar 2015).

4) Pressemitteilung des AStA der Goethe-Universität vom 4. Februar 2015. Online unter: asta-frankfurt.de/aktuelles/pm-aufarbeitung-sieht-anders-aus-studierende-fuehlen-sich-getaeuscht.

5) Ebd.

6) Astrid Ludwig 2011: "Grandiose Entwicklung", in: Frankfurter Rundschau. Online unter: www.fr-online.de/frankfurt/universitaet-grandiose-entwicklung,14727 98,8624224.html (letzter Zugriff am 20.12. 2014).

7) Micha Brumlik 2004: "Es ist niemals ein Denkmal der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein". Ansprache, in: "Dieser Ort ist Geschichte." Einweihung des Campus Westend (Themen und Texte, Bd. 2), hg. v. Präsidium der Universität Frankfurt, Frankfurt am Main: 69-75; hier: 74f.

8) Johannes Rhein 2013: "Immer wieder das Gleiche. Noch einmal zur Geschichte des schönsten Campus Deutschlands, in: Studieren nach Ausschwitz. In Zusammenarbeit mit der Initiative Studierender am IG Farben Campus. Diskus Frankfurter Student_innenzeitschrift, Heft Nr. 1.13.

9) 9 Astrid Ludwig 2011: "Grandiose Entwicklung", in: Frankfurter Rundschau. Online unter: www.fr-online.de/frankfurt/universitaet-grandiose-entwicklung,14727 98,8624224.html (letzter Zugriff am 20.12. 2014).

10) Ebd.

11) Bernd Belina / Tino Petzold / Jürgen Schardt / Sebastion Schipper 2013: "Die Goethe-Universität zieht um. Staatliche Raumproduktion und die Neoliberalisierung der Universität", in: sub/urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, Heft 1: 62.

12) Ebd.

13) Ebd.: 65.

14) Rudolf Steinberg 2008: "Die zivilisierende Kraft der Ästhetik" Ein Gespräch mit Prof. Rudolf Steinberg, Präsident der Goethe-Universität, über die Umwandlung der Frankfurter Alma Mater in eine Stiftungsuniversität, in: IHK-WirtschaftsForum 131/3: 29-31.

15) Bernd Belina / Tino Petzold / Jürgen Schardt / Sebastion Schipper 2013: "Die Goethe-Universität zieht um. Staatliche Raumproduktion und die Neoliberalisierung der Universität", in: sub/urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, Heft 1: 64.

16) Benjamin Ortmeyer, zitiert in: Astrid Ludwig 2014: "Die Doktorarbeit des Todesengels", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.01.2014.

17) Online zu finden unter folgendem Link: www.facebook.com/Textproduksiyon.net/posts/10201275015909858.

18) O. N. 2014: Jubiläumsbroschüre. 2014. 100 Jahre Goethe-Universität, Hg.: Der Präsident der JWGU: 9.

19) Astrid Ludwig 2014: "Die Doktorarbeit des Todesengels", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.01.2014.

20) Theodor W. Adorno 1970: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am Main: 93.


Laurien Simon Wüst studiert Politikwissenschaften und Rechtswissenschaften und ist Referent für Hochschulpolitik im AStA. Josefine Geib studiert Germanistik und Geschichte und ist Mitglied im Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen. Beide studieren an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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