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Klaus Holzkamp

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Räume des Politischen

19.03.2015: Die wechselvolle Geschichte des Heidelberger Carolinum

  
 

Forum Wissenschaft 1/2015; Foto: Sönke Rahn / Wikimedia Commons

Im Heidelberger Carolinum wurde früher die Revolution geplant, heute verwaltet hier die Uni-Bürokratie ihre Studierenden. Heidelbergs aus Sicht der Konservativen in den 70er Jahren berüchtigtstes Gebäude zeigt, wie politisch die Nutzung von Räumen ist.

Im Herzen der Heidelberger Altstadt, hinter kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Toren thront das prunkvolle Bauwerk, das heute unter dem Namen Carolinum bekannt ist. Mittlerweile residiert hier die Bürokratie der Universität Heidelberg. Doch wo jetzt Studienordnungen, Fristen und Warnhinweise ordentlich hinter verschlossenen Glaskästen hängen, klebten noch vor 40 Jahren Demoaufrufe und Termine für Lektürekreise, waren die Wände mit politischen Sprüchen bemalt. Aus den Fenstern hingen Transparente und durch die Flure wehte der Geist der Revolution.

Im selbstverwalteten Studierendenwohnheim Collegium Academicum, kurz CA, lebten bis zu seiner polizeilichen Räumung 1978 über Hundert Studierende, weit mehr kamen täglich, um sich in politischen Gruppen zu engagieren oder einfach nur, um Leute zu treffen. Das CA war eine Institution. Und es ist ein Paradebeispiel, wie sehr die Nutzung eines Gebäudes die politische Stimmung einer Universität, ja einer ganzen Stadt verändern kann.

Turbulente Geschichte

Das Gebäude in der Seminarstraße hat eine turbulente Geschichte. 1750 bis 1765 von Franz Wilhelm Rabiliatti erbaut, diente es als Wohn- und Lehrgebäude der Jesuiten für katholische Studenten, danach als Irrenheilanstalt, Akademisches Krankenhaus und im 2. Weltkrieg als Kaserne. Direkt nach dem Krieg wurde die ehemalige Kaserne von den US-Amerikanern den Studenten der Uni Heidelberg als Studentenwohnheim zur Verfügung gestellt und bekam den Namen Collegium Academicum. Das CA verdankte sein Entstehen der kurzen Welle des Erneuerungswillens, der auch die Universitäten erfassen sollte, sowie der Idee der amerikanischen Besatzer, die aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrenden Studenten zur Demokratie erziehen zu wollen. Im Interesse der Entwicklung einer mündigen und kritischen Studierendenschaft wurde das CA von Anfang an in Selbstverwaltung geführt.

Das gemeinschaftliche Wohnen und Leben machte es nicht nur im Hinblick auf die konkrete Umsetzung von Demokratie und Selbstverwaltung zu einem in dieser Zeit außergewöhnlichen Experiment. Bald schon wurde die Einrichtung zur Heimat derer, die nicht nur ein Schmalspurstudium betreiben wollten. Es bildeten sich Arbeitsgemeinschaften - interdisziplinär und interessengeleitet. In der öffentlichen Debatte eher tabuisiert, wurde hier die Aufarbeitung des Nationalsozialismus zum Gegenstand offener Diskussionen. In Lektürekreisen und Diskussionsabenden, unter anderem mit Karl Jaspers und Ernst Bloch, setzten sich die Studierenden kritisch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Denkweisen auseinander.

Von der demokratischen Übung zur politischen Praxis

Ab Mitte der fünfziger Jahre folgten der, in den ersten Jahren primär nach innen orientierten, theoretischen Arbeit auch konkrete Aktionen. Beiträge zur deutsch-deutschen Verständigung durch Ostkontakte mit Studierenden sowie Professoren aus der DDR und nach dem Bau der Mauer aus Tschechien prägten die theoretische Herangehensweise nachhaltig. Hier wurde praktisch die spätere Entspannungspolitik der 70er Jahre vorweggenommen. In Heidelberg beteiligte sich das Collegium Academicum nicht nur mittels der Studierendenzeitschrift Forum Academicum an der (hochschul-)politischen Diskussion. Sein "Theater im Gewölbe" wurde zu einer der besten deutschen Studierendenbühnen.

Lange war das CA nur Männern vorbehalten. Im Zuge der Politisierung der Bewohner und der zunehmend auch dezidiert emanzipativen Positionierung des CA wurde dies immer schwerer zu rechtfertigen. Dennoch brauchte es eine Gruppe Studentinnen, die eines Tages die Duschen des CA stürmten und ihren Platz im CA einforderten, um die letzten männerbündischen Überbleibsel zu beseitigen.

Auf dem politischen, sozialen und kulturellen Engagement aufbauend engagierte sich das Collegium, wenn auch anfangs zögerlich, in der Heidelberger Studierendenbewegung. Das gemeinschaftliche Leben, die Selbstorganisation und die gesamtgesellschaftliche Stimmung der Zeit schufen ein Klima, das eine Politisierung der Bewohnerinnen und Bewohner vorantrieb.

Das CA mit seinen vielen Gemeinschaftsräumen bot politischen Gruppen einen Treffpunkt, einen Ort, an dem neue Interessierte leicht Zugang bekamen und an dem man sich untereinander vernetzen konnte. Und nicht zuletzt aufgrund seiner zentralen Lage im Herzen der Altstadt, in unmittelbarer Nähe zu den geisteswissenschaftlichen Instituten der Universität, wurde das CA zu einem zentralen Raum der politischen Linken. The place to be, wenn es um die Revolution ging.

Nach so mancher Demonstration diente es als Zufluchtsort vor der Staatsgewalt. Die Seminarstraße, so das Gerücht, sei als eine der ersten Straßen der Heidelberger Altstadt geteert worden, um dem CA den Zugang zu Pflastersteinen zu erschweren.

1971 wurde diese politische Praxis auch im Statut des Collegiums festgehalten. Es stärkte die Autonomie des Hauses und verpflichtete die Bewohnerinnen und Bewohner, "ein kritisches Bewusstsein von Wissenschaft und Gesellschaft [zu] erarbeiten und wirksam [zu] machen."

Gewaltsames Ende

Der Universitätsverwaltung war dieser Ort gelebter Freiraumkultur schon lange ein Dorn im Auge und weil das Collegium Academicum offiziell eine Einrichtung der Universität war, konnte die Uni-Spitze am 18. Februar 1975 kurzerhand seine Auflösung beschließen, was durch eine Mehrheitsentscheidung des akademischen Senats bekräftigt wurde. Schriftliche Einsprüche, Demonstrationen und ein Hungerstreik der Bewohnerinnen und Bewohner versuchten, das Ende noch abzuwehren. Doch drei Jahre später stürmten mehrere Hundertschaften eines Sondereinsatzkommandos der Polizei das CA und lösten es gewaltsam auf.

Die Universitätsverwaltung hatte erreicht, was sie schon lange wollte: Selbst in die schönen Räume in der Altstadt einzuziehen. Früher war das Carolinum ein Ort der Selbstverwaltung, heute werden hier die Studierenden verwaltet. Die Räume des Protests, der politischen Debatte und des gesellschaftlichen Wandels wurden zu einem Hort des pedantischen Regelkonformismus, der blinden Ausführung von Vorschriften.

Die damalige Universitätsleitung um Rektor Hubert Niederländer (Bund Freiheit der Wissenschaft) verstand es, die Hochschularchitektur für ihre Zwecke zu nutzen. Dabei ging es natürlich nicht nur um die Beschaffung einer Immobilie. Die CA-Räumung war eine politische Aktion konservativer Befriedung der Uni. Die Auflösung des CA nahm der linken Bewegung ihren Anker. Ohne einen Ort der Vernetzung, ohne Anlaufstelle zerfasert eine Bewegung schneller.

Natürlich gibt es studentische Selbstverwaltung, hieß es. Der AStA, die Studierendenvertretung durfte sich zwar nach der Gesetzesänderung unter Ministerpräsident Filbinger ab 1977 nicht mehr politisch äußern, bekam aber immerhin ein paar Räume um die musischen, kulturellen und sozialen Belange der Studierenden zu vertreten. Im Untergeschoss, dunkel und eng, bietet der Ort, an dem der AStA heute sitzt, kaum mehr Raum für zwei politische Gruppen gleichzeitig. Außerdem liegt er abgeschlagen auf der anderen Seite des Neckars.

Und natürlich sorgt die Uni sich um die Wohnungsnot der Studierenden, hieß es. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Heime für Studierende. Aber von Selbstverwaltung keine Spur. Auch architektonisch boykottieren die neuen Wohnheime jegliche Kreativität zur gemeinschaftlichen Aktion. Sterile Neubauten, Hochhaussiedlungen, angesiedelt im Neuenheimer Feld, fernab vom Zentrum des politischen Geschehens, weit weg von den geisteswissenschaftlichen Instituten. Aber in direkter Nachbarschaft von den tendenziell unpolitischeren Naturwissenschaften.

Übrig blieb vom Collegium Academicum ein Verein zur Förderung des kritischen Forschens und des studentischen Wohnens in der Plöck 93. Dank der günstigen Mieten bleibt den Bewohnerinnen und Bewohnern die sonst oft zur Finanzierung des Studiums verwandte Zeit für politisches Engagement. Im Collegium Academicum in der Plöck bleibt in Anlehnung an alte Strukturen Raum für die reflektierte Auseinandersetzung mit Gelerntem und gemeinsame politische Aktionen.

Und ein möglicher Neuanfang

Doch kann das Haus in der Plöck nicht den offenen Raum für alle Studierenden ersetzen, den das CA in der Seminarstraße 2 bot. Viel zu wenigen Studierenden kann das Haus mit seinen elf Zimmern ein Zuhause bieten. Und es fehlen die Möglichkeiten, in zentraler Lage Freiräume für studentische Gruppen und Initiativen anzubieten, in denen sich politische Kultur entwickeln kann.

Nun jedoch spült der Abzug des US-amerikanischen Militärs große Mengen zentralen Wohnraums auf den Heidelberger Wohnungsmarkt. Und dem CA bietet sich die Möglichkeit zu seiner alten Größe zurückzukehren. Zwei Gebäude sollen 200 Studierende beherbergen und in Anlehnung an das alte CA in Selbstverwaltung geführt werden. Die Gemeinschaftsräume könnten neue Orte politischen Austauschs und der gemeinsamen Aktion werden. Das Collegium Academicum sucht derzeit Menschen, die den Hauskauf mit Direktkrediten unterstützen. 2016 schon sollen die ersten Studierenden einziehen.

Die Gebäude liegen nicht in der Altstadt, sondern in den ehemaligen Patten-Baracks neben der Studierendenkneipe "Häll". Dafür ziehen neben dem CA weitere Projekte gemeinschaftlichen Wohnens in die Siedlung ein - ein neuer Stadtteil mit sozialen und politischen Wohnprojekten. Es herrscht Aufbruchsstimmung und die Architektur der Patten-Barracks zumindest ähnelt der des alten CA in der Seminarstraße.


Nina Marie Bust-Bartels arbeitet als freie Journalistin u.a. für SWR2 Kultur, DRadio Wissen, taz und Freitag. Sie studierte Politik, Philosophie und Mathematik in Heidelberg und lebte selbst von 2006 bis 2012 im CA.

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