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Klaus Holzkamp

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Neue Medien - neue Lernwelten?

  
 

Forum Wissenschaft 4/2014

Der Kenntnisstand darüber, was sich hinter dem Begriff E-Learning verbirgt, ist sehr unterschiedlich. Das gilt ebenso für praktische Erfahrungen damit. Für eine kritische Annäherung an die Thematik, für eine Diskussion über die Pros und Contras der "neuen Lernwelten" ist eine informative Darstellung von Konzepten und der praktischen Umsetzung von E-Learning-Formaten unabdingbar. Claudia Bremer leitet die Aktivitäten von studiumdigitale, der zentralen E-Learning-Einrichtung der Goethe-Universität Frankfurt a.M., und beschreibt ihre Aktivitäten und Erfahrungen mit verschiedenen E-Learning-Angeboten.

Der Einsatz neuer Medien in Bildungsprozessen ermöglicht viele Mehrwerte, hat aber auch seine Grenzen, und zwar dort, wo es z.B. um handwerkliche Tätigkeiten, Kommunikationsübungen und physische Erfahrungen geht. Doch auch hier lassen sich Potenziale realisieren z.B. durch die Vor- und Nachbereitung von Veranstaltungen, also durch so genannte Blended Learning-Szenarien, die Kombination aus Präsenz- und Online-Phasen. Betrachtet man das komplette Spektrum der Möglichkeiten, so kann eine erste Annäherung über die Optionen stattfinden, die im Hinblick auf die Anteile und Ausgestaltung sowie Kombination von Online- und Präsenzphasen bestehen.

Anreicherungskonzept

Im Rahmen des Anreicherungskonzeptes werden Präsenzphasen wie bisher durchgeführt z.B. als wöchentliche Sitzungen und die Online-Medien als unterstützende Elemente wie z.B. zur begleitenden Materialbereitstellung genutzt. Möchte man, dass die Teilnehmenden die Angebote regelmäßig nutzen, da man z.B. begleitend zu Veranstaltungen aktuelles Material bereitstellt, so ist es sinnvoll, dieses nicht komplett am Anfang, sondern nach und nach bereitzustellen. Vorteile der Bereitstellung über geschlossene Plattformen sind z.B. an Schulen und Hochschulen oftmals urheberrechtliche Aspekte, aber auch der Austausch von Materialien unter den Teilnehmenden selbst. Problematisch wird es in einem solchen Setting, wenn man viel Kommunikation zwischen den Teilnehmenden erwartet: Hierzu besteht oftmals durch die regelmäßigen Präsenztreffen kein wirklicher Anlass, so dass in einem solchen Setting Kommunikationsoptionen wie z.B. in Foren, Wikis oder Blogs meist verwaisen und wenn, dann nur für dringende organisatorische Fragen, aber nicht für inhaltliche Debatten genutzt werden.

Blended Learning

Anders sieht dies im Rahmen so genannter Blended Learning Settings oder dem Integrationskonzept aus. Hierbei werden Online-Phasen mit Präsenzsitzungen kombiniert.

In diesen Szenarien kann jetzt das Beste aus beiden Welten kombiniert wer den, d.h. die Präsenzsitzungen können z.B. zur Kommunikation, für Übungen, Laborversuche, Rollenspiele usw. genutzt werden, während die Online-Phasen zur Wissensvermittlung, zur Vor- und Nachbereitung der Präsenzsitzungen, zum Ausgleich von Wissenslücken oder für die Individualisierung des Lernens z.B. durch die Befriedigung unterschiedlicher Interessen von Lernenden, optionale inhaltliche Vertiefungen, Umsetzung verschiedener Lerntempi, Ausgleich von Wissenslücken usw. genutzt werden.1

Je nach Veranstaltungsgröße und Lerninhalt kann die Präsenzphase für die Wissensvermittlung und die Online- oder auch Selbstlernphase zur Vertiefung und Anwendung genutzt werden (s. Abb. 2) oder auch umgekehrt: die Online-Phase dient dem Wissenserwerb, die Präsenzphase der Anwendung und Besprechung (s. Abb. 3). Letzteres wird auch als so genanntes "Flipped" oder "Inverted classroom"-Konzept bezeichnet und setzt eine aktivierende Gestaltung der Präsenzsitzungen voraus. Beispiele sind im Sprachenunterricht die Präsenzsitzungen für das Einüben von Kommunikation, die Selbstlernphase z.B. für Grammatikübungen zu nutzen oder die Online-Vorbereitung von Rollenspielen, die im Präsenzunterricht beispielsweise in Fächern wie Soziologie, Psychologie, Ökologie oder Wirtschaftspolitik umgesetzt werden.

Die Vorteile des Blended Learning-Konzeptes liegen auch darin, dass das, was in der begrenzten Zeit der Präsenzsitzungen keinen Platz hat, wie z.B. die Anwendung des Gelernten, in der online unterstützten Selbstlernphase umgesetzt werden kann und anders als bisher dafür mit Hilfe der Online-Medien z.B. durch Aufgabenstellungen, Einreichungsformate, Quiz oder auch der Austausch in Foren usw. konkrete Lernanlässe geschaffen werden können. Mit Hilfe dieser Erweiterung der Präsenzzeit kann einer umfassenderen Unterstützung des Lernzyklus (s. Abb. 5) besser Rechnung getragen werden und Lern- und Unterstützungsanlässe auch für Phasen angeboten werden, die in der knappen Präsenzzeit oftmals nicht möglich sind.

Wie kann diese Materialbereitstellung im Flipped classroom-Konzept online aussehen? Hierzu können neben dem altbekannten Buch und Artikel auch so genannte Lernprogramme, Videoaufzeichnungen, Animationen, Simulationen usw. zum Einsatz kommen. Gerade in der letzten Zeit werden zunehmend Vorlesungsaufzeichnungen eingesetzt, um Lernenden Zugang zum Wissenserwerb anzubieten, wobei Videos dabei in kurzen Sequenzen, angereichert durch Online-Aufgaben wie Quiz oder Forendebatten bereitgestellt werden. Auch in so genannten Lernprogrammen wird gerade die Interaktivität des Mediums z.B. in Form von Simulationen und Animationen als Mehrwert betrachtet, da es die Lernenden durch die interaktive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand und einem zeitnahen Feedback beim Wissensaufbau unterstützt. Hier liegen zugleich auch die Grenzen des Mediums: Nicht alle Lerninhalte sind durch automatisiertes Feedback abbildbar. An vielen Stellen ist nur durch persönliches Feedback des Lehrenden oder andere Lernende (so genannte peers) oder im Aushandlungsprozess zwischen den Lernenden und mit den Lehrenden Wissenserwerb möglich. Dies wird dann entweder in die Präsenzphase verlagert, wo verbale Aushandlungsprozesse stattfinden können oder in den Online-Phasen kommen Medien wie Wikis, Blogs und Foren oder für zeitgleiche Kommunikationsprozesse Videokonferenzen und virtuelle Klassenzimmer (auch bezeichnet als virtual classroom-Tools) zum Einsatz. Zugleich ist bei online gestützten Betreuungsansätzen immer die zeitliche Belastung des Betreuenden im Blick zu behalten, da individualisiertes schriftliches Feedback sehr zeitaufwendig sein kann. Gerade darin liegen die Vorteile des automatisierten Feedbacks (auch machine grading genannt), soweit es denn inhaltlich vom Fach her möglich ist.

Ganz weg vom automatisierten Feedback durch das System gehen Ansätze des sozialen Lernens, die gerade durch die so genannten Web 2.0-Tools Einzug halten. Dem liegt die Idee zugrunde, dass Lernende mit Hilfe sozialer Medien wie sozialer Netzwerke, Blogs, Facebook oder anderer Community-Plattformen gemeinsam in Aushandlungsprozessen Wissen erwerben.

Reine Online-Formate

Diese Ansätze halten zum Teil Einzug in Blended Learning-Veranstaltungen, werden aber auch als reine Online-Formate umgesetzt wie z.B. in den so genannten cMOOCs, reinen Online-Kursen, in denen Lernende miteinander Wissen austauschen und verhandeln. In der anderen Ausprägung der Massive Open Online Courses (MOOCs) werden eher die traditionellen Vorlesungsformate online umgesetzt: In Kursen mit mehreren tausend Teilnehmenden werden im wöchentlichen Rhythmus Videovorträge bereitgestellt, die durch Quiz ergänzt werden und oftmals mit einem Abschlusstest enden. In Fächern, die sich nicht durch Quiz abbilden lassen, kommen auch Essays oder Foreneinträge zum Einsatz, wobei sich Teilnehmende hier gegenseitig Feedback geben (so genannte peer review-Verfahren). Die Grundidee dieser reinen Online-Kurse mit großen Teilnehmerzahlen ist, Bildung skalierbar zu machen, d.h., dass eine größere Teilnehmerzahl keinen höheren Betreuungsaufwand verursacht.4

Im Bereich der reinen Online-Szenarien finden sich auch weitere Formate wie z.B. die so genannten Webinare, die auch in MOOCs oftmals zum Einsatz kommen, aber auch als einzelne Veranstaltungen umgesetzt werden: Live-Videokonferenzen, die einen kurzen Vortrag vorsehen, zu dem die Teilnehmenden anschließend Fragen stellen können.

Andere reine Online-Angebote sind die so genannten Lernprogramme oder Web Based Trainings, mit denen der Lernende alleine zu Hause Wissen erwerben kann (vergleichbar zum Lernen mit einer CD ROM). Diese Programme sind sinnvoll, wenn sie interaktiv sind und dem Lernenden z.B. durch Übungsaufgaben Feedback auf seinen Lernfortschritt geben. Ein weiterer Trend sind die so genannten Tutorials oder Erklärvideos wie sie z.B. auf YouTube in Fülle bereitstehen: Kurze, 2-3minütige Videosequenzen die on demand, also bei Bedarf schnell eine oftmals handlungsorientierte Erklärung geben z.B. zum Reifenwechseln, zur Fahrradreparatur usw. Weitere Trends umfassen die Erstellung von Content durch Lernende selbst (Lernen durch Lehren), was sich gerade durch die so genannten Web 2.0-Tools gut umsetzen lässt und sich z.B. im Lehramtsbereich anbietet, wo Studierende digitale Inhalte für den Einsatz im Schulunterricht erstellen oder in anderen Fächern, wo auf Basis von Wikis durch Lernende Wissensportale für eine Community aufgebaut werden (auch service learning genannt) und der überall erkennbare Trend zu mobilen Lernszenarien, was sich allein schon durch die Verbreitung der Smartphones erkennen lässt (s. z.B. ARD/ZDF Online-Studie5), die das ortsunabhängige Abrufen von Videos, Vorträgen und anderen Lernmaterialien ermöglichen.

Anmerkungen

1) M. Kerres 2001: "Online und Präsenzelemente in Lernarrangements kombinieren", in: Andreas Hohenstein und Karl Wilbers (Hg.): Handbuch E-Learning. Köln, C. Bremer 2004: "Szenarien mediengestützten Lehrens und Lernens in der Hochschule", in: Iris Löhrmann (Hg.): Alice im W.underland - E-Learning an deutschen Hochschulen. Vision und Wirklichkeit, Bielefeld: 40-53.

2) G. Bachmann; M. Dittler; T. Lehmann; D. Glatz.; F. Rösel 2001: "Das Internetportal LearnTechNet der Uni Basel: Ein Online Supportsystem für Hochschuldozierende im Rahmen der Integration von E-Learning in die Präsenzuniversität", in: O. Haefeli, G. Bachmann, M. Kindt (Hg.): Campus 2002 - Die Virtuelle Hochschule in der Konsolidierungsphase. Münster: 87-97.

3) D. A. Kolb 1976: The Learning Style Inventory: Technical Manual, Boston, MA.

4) C. Bremer 2013: "Massive Open Online Courses", in: T. Knaus, O. Engel (Hg.): fraMediale - digitale Medien in Bildungseinrichtungen, Band 3. München: 30-48.

5) <a href = "http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index. php?id=493">www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.


Claudia Bremer ist Geschäftsführerin von studiumdigitale, der zentralen eLearning-Einrichtung der Goethe-Universität Frankfurt am Main und berät Lehrende und Akteure in Hochschulen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen rund um den Einsatz neuer Medien in Bildungsprozessen.

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