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Klaus Holzkamp

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Bildungsferne Bildung für sozial schwache Eliten?

  
 

Forum Wissenschaft 4/2014

Die "neuen Lernwelten" sind nicht nur gekennzeichnet durch die technologische Revolution, sondern auch durch die Neugestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Dazu gehören auch Diskurse und Debatten um Zugang zum und Teilhabe am gesellschaftlichen Fortschritt, umfasst also auch Fragen von Exklusion und Inklusion im Bildungswesen. In der Öffentlichkeit ist dabei häufig von "bildungsfernen Schichten" die Rede. Michael Klundt setzt sich mit der Kategorie der "Bildungsferne" auseinander und warnt vor autoritärer Stigmatisierung.

In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder. Es ist falsch, dass in diesem Land nur die sozial Schwachen die Kinder kriegen"1. So sprach der FDP-Politiker Daniel Bahr vor einigen Jahren. Geduldige WissenschaftlerInnen wiesen schon damals hin auf die nicht nur empirisch nicht korrekte Aussage des späteren Bundesgesundheitsministers und fortwährenden Lobbyvertreters für private Versicherungskonzerne. Sie beschrieben zudem den autoritären Stigmatisierungsfuror des neoliberalen Jungkarrieristen. Doch wer ist eigentlich alles genau mit den "falschen" und "sozial schwachen" Eltern gemeint? Und sind die Kinder von "falschen" Eltern somit "falsche" Kinder? Besitzen gar "falsche" Kinder eigentlich weniger Lebensrecht als "richtige" Kinder? Ist ihr Wohl demnach womöglich vernachlässigenswert gegenüber dem Wohl "richtiger" Kinder "richtiger" Eltern? So viele Fragen zu einem Sachverhalt, den der französische Soziologe Pierre Bourdieu auch als Ideologie des "Klassenrassismus" bezeichnete.2 Dieser ermögliche es den herrschenden Eliten, sich selbst als Wesen höherer Art und Wertigkeit zu verstehen, während die von ihnen Beherrschten in der gesellschaftlichen Hierarchie zu Recht unten stünden, da sie als "dummes Pack" anzusehen seien.

Klassenkampf von oben

Solche sozial-rassistischen Einstellungen stellen einen fundamentalen Widerspruch zum Geist und Gehalt des Grundgesetzes dar (mindestens Art. 1 und 20 GG). Dabei handelt es sich um eine moderne Form des akademischen (Sozial-)Rassismus, dessen Rassenideologie in Menschen (fast) jeglicher Religion oder Hautfarbe aus der Unterschicht eine Art Unterrasse von ewigen "Niedrigleistern" erblickt und umgekehrt beruflich erfolgreiche Menschen (fast) jeglicher Hautfarbe und Religion als eine Art Oberrasse der geborenen "Leistungsträger" begreift. Dazu passt Thilo Sarrazins an Pferderassen orientiertes Menschenbild, das er bei einer Veranstaltung zur Vorstellung seines Buchs Deutschland schafft sich ab im sächsischen Döbeln präsentierte: "Stellen Sie sich vor, dies sei ein Gestüt mit Lipizzanerpferden. Und irgendwie wird in jeder Generation ein belgischer Ackergaul eingekreuzt. Völlig klar, die genetisch bedingte Fähigkeit zum Laufen sinkt. Gleichzeitig steigt die genetisch bedingte Fähigkeit, einen Karren durch den Lehm zu ziehen. So ist das auch mit Menschen."3 Auch unter den Menschen gibt es demnach von Natur aus und genetisch bedingt die Lastträger - wahrscheinlich eine Unterklasse aus einfachen Arbeiter(inne)n, Muslimen und Hartz IV-Bezieher(inne)n - und die elegant stolzierenden, genetisch bedingten Leistungsträger und Eliteangehörigen der Oberklasse (man könnte auch sagen: "Herrenmenschen").

Das besondere an dieser Verachtung gegenüber denjenigen "da unten" ist die spezifische Form des Klassenkampfes von oben, zu dessen Ideologie gleichzeitig die Leugnung jeglicher Klassen, Klassenstruktur oder Klassengesellschaft gehört. Deshalb reicht es nicht, die skizzierten Formen des Sozialrassismus nur auf der Erscheinungsebene zu kritisieren und ansonsten nur für mehr soziale Anerkennung der Unterdrückten und Benachteiligten zu werben, wie viele liberale Diversity- und Gleichstellungs-Diskurse nahelegen. Der englische Journalist Owen Jones verweist in seinem Buch Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse darauf, auch die hinter den Diskursen steckenden Verhältnisse genauer und kritischer in den Blick zu nehmen. "Vor allem geht es mir nicht darum, einfach einen Einstellungswandel zu fordern. Klassenhass gibt es nur in einer gespaltenen Gesellschaft. Letztendlich müssen wir nicht gegen Vorurteile kämpfen, sondern gegen das, was sie ermöglicht."4

Sozialrassistische Vorurteile und Ungleichheits-Ideologien hängen auch mit dem zusammen, was der Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer bei seinen Untersuchungen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit herausgefunden hat. Danach nehme die ökonomische Nützlichkeit bei der Bewertung von Menschen zu. Seines Erachtens hat sich "ein autoritärer Kapitalismus herausbildet, der vielfältige Kontrollverluste erzeugt, die auch zu Demokratieentleerungen beitragen, so dass neue autoritäre Versuchungen durch staatliche Kontroll- und Repressionspolitik wie auch rabiater Rechtspopulismus gefördert werden [...] wo die Marktorthodoxie siegt, stirbt die Demokratie".5 Besonders Erwerbslose bekämen diese Entwertungsideologie zu spüren, wie er fast ein Jahrzehnt später ausführt: "Wir können belegen, dass die Mittelschicht seit Einführung von Hartz IV massive Angst hat. Das führt dazu, dass Mitmenschen vor allem nach ihrer Nützlichkeit bewertet und damit auch abgewertet werden. Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskriterien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen."6

Die Auswirkungen sozialrassistischer Diskurse in Politik, Wissenschaft und Medien auf den Alltagsverstand und das Selbstverständnis von (sozial benachteiligten) Heranwachsenden sind nicht zu unterschätzen. Berichte von Kindern (über ihre Angst davor), auf dem Schulhof als "Hartzer" oder "Opfer" beschimpft zu werden, verdeutlichen dies. Solche unsolidarischen Einstellungen und Verhaltensweisen prägen auch das Denken und Handeln einiger Jugendlicher. Außerdem ist es für Kinder sicherlich nicht einfach, tagtäglich lesen oder sehen zu müssen, dass ihre erwerbslosen Eltern als "faule und asoziale Sozialschmarotzer" bezeichnet werden. Nach Interviews mit jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren stellte das Marktforschungsinstitut Rheingold im Jahr 2010 signifikante Zuspitzungen fest. "Panische Absturzangst, massiver Anpassungswille sowie Verachtung für alle, die abgerutscht sind",7 seien zentrale Denk- und Verhaltensmuster vieler junger Erwachsener. "Die Resultate erinnern an die Sarrazin-Debatte. Damit ist die Zwei-Klassen-Gesellschaft angekommen im Denken der Heranwachsenden"8. Sofern sich solche Haltungen unter Jugendlichen verstärken sollten, beeinflussen sie als Einübungen in unsolidarisches Verhalten zu einem gewissen Teil auch Bemühungen Heranwachsender um Bildung. Bestätigt werden diese Ergebnisse z.B. auch von der Sinus-Jugendstudie 2012 zu Lebenswelten und -einstellungen von 14- bis 17jährigen Heranwachsenden. Zwar werden bereits starker Leistungs- und Anpassungsdruck (besonders in der Schule) empfunden, aber die tendenziellen Gewinner und die sich vom Abrutschen bedroht Fühlenden machten nicht etwa die ungerechten Umstände, sondern eher die voraussichtlichen Verlierer dafür verantwortlich. "Angst vor Überfremdung und eigenem Abstieg äußerten dabei vor allem die Jugendlichen aus der Mittelschicht. Sie werfen den benachteiligten Altersgenossen auch vor, nicht genügend leistungsbereit zu sein."9

Begriffe bilden

Anscheinend verbinden viele Junge wie Alte mit den Begriffen "sozial schwach" oder "bildungsfern" sofort arme Menschen oder erwerbslose Familien. Dabei wären doch eigentlich als "sozial schwach" sogenannte SteuerbetrügerInnen und Steuerflüchtlinge zu kennzeichnen, die sich gerne als großzügige HeldInnen der Nation feiern lassen, aber mit Hilfe von Regierungen alles unternehmen, um sich nicht an der öffentlichen Finanzierung von Sportplätzen, Straßen, Schulen, Kitas und Krankenhäusern zu beteiligen. Auch Abgeordnete, die widerrechtlich Steuergelder an Familienmitglieder verteilen, gehören dieser sehr benachteiligten Spezies an. Diese armen, bemitleidenswerten Bankvorstandsvorsitzenden, Spitzenkonzernchefs, Rennfahrer, Tennisstars, SchauspielerInnen, Fußballidole, (Sport-)Manager und Klub-Präsidenten fühlen sich fortwährend auf der Flucht vor dem Fiskus und der Verwendung eines Teils ihres Einkommens und Vermögens für das Gemeinwohl. Da sie glauben, den eigenen finanziellen Erfolg nur sich selbst zu verdanken, erscheinen ihnen die gesellschaftlichen und steuerlichen Verpflichtungen zur Aufrechterhaltung bzw. Schaffung eines sozialen Rechtsstaates als aufdringlich und unberechtigt. Ihre Soziabilität ist äußerst schwach ausgeprägt, sie leben meist in von der Allgemeinheit abgeschirmten Wohngebieten und regelrechten Parallelgesellschaften. Insofern sind sie als sozial schwach zu bezeichnen.

Die neoliberal ausgestalteten Globalisierungsprozesse bewirken nicht nur, dass sich immer mehr Menschen in prekären Lebensverhältnissen befinden oder gänzlich deklassiert und (dauerhaft) ausgegrenzt werden. Nach Ansicht des britischen Sozialwissenschaftlers Anthony Giddens entsteht immer häufiger ein Phänomen dualer bzw. doppelter Exklusion. Während ein massiver Ausschluss derer am unteren Ende stattfinde und diese vom Gros der von der Gesellschaft angebotenen Chancen abgeschnitten seien, finde am oberen Ende eine Art freiwilliger Ausschluss statt: "Die ›Revolte der Eliten‹ besteht im Rückzug reicher Gruppen aus den öffentlichen Institutionen und einem vom Rest der Gesellschaft abgeschirmten Leben. Privilegierte Teile der Bevölkerung verschanzen sich in ihren Lebensbereichen und ziehen sich aus dem öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystem zurück."10

Diese Parallelgesellschaft der Reichen und Superreichen kapselt sich immer mehr von der Gesellschaft ab und gebärdet sich als integrationsunwillig und offenbar auch -unfähig. Auf ihren Wohlstandsinseln und in ihren Wohlstandsvierteln meiden sie jeglichen Kontakt mit durchschnittlichen Menschen - außer ihrem Dienstpersonal. Private Schulen, Unis, Kitas, Ärzte, Swimmingpools, Vereine, Straßen, Parks, Security Personal usw. schließen diesen Teil der Gesellschaft immer häufiger aus. In der Sozialforschung lassen sich bereits Besorgnis erregende Formen von Asozialität bei den bemitleidenswerten Exemplaren diagnostizieren. Noch hat sich Thilo Sarrazin (wahrscheinlich mangels Selbsterkenntnis) nicht über deren erbliche Humanintelligenzschwächen geäußert. Aber in der Talkshow Wie gerecht ist Deutschland? von Maybrit Illner im ZDF vom 14. März 2013 wurden bereits Forschungsergebnisse des Schweizer Juristen und Psychiaters Thomas Noll referiert. Bei seinem Sozialverhaltensvergleich bspw. von Börsenhändlern und Psychopathen schneiden sogar die Psychopathen besser als die Börsenjunkies ab. Noll resümiert: "Das System an den Finanzmärkten macht Händler zu asozialen Wesen."

Bildungsfernes Abitur?

Auch sogenannte bildungsferne Menschen lassen sich an Orten finden, wo sie nicht sofort vermutet worden wären. Stellen wir uns vor, ein gesamter Abiturjahrgang eines Bundeslandes erhält für das Fach Geographie die Aufgabenstellung, die Standortvorteile japanischer Atomkraftwerke an den Küsten des erdbebengefährdeten Landes zu erläutern. Die konkrete Aufgabenstellung lautet: "Im Rahmen des Ausbaus der Energieerzeugung aus Kernkraft wurde beschlossen, die japanischen Kernkraftwerke an den Küsten, jedoch in Entfernung zu den großen Verdichtungsräumen zu errichten. Begründen Sie diese Entscheidung und stellen Sie positive Effekte für die Entwicklung der räumlichen Strukturen an diesen Standorten dar!".11

Was wird hier von den Jugendlichen verlangt? Erstens sind Atomkraftwerke und deren Bau grundsätzlich nicht zu hinterfragen. Zweitens darf deren Installierung an Küsten nicht problematisiert werden. Denn beides wäre streng genommen nicht im Sinne der Abitur-Aufgabe und müsste demnach Noten-irrelevant bleiben oder gar Noten-Abzüge bedeuten, da das Thema bzw. die Aufgabenstellung verfehlt worden wären. Die Schülerinnen und Schüler sind somit - wollen sie ihr Abitur bestehen - gezwungen, die positiven Effekte von Atomkraftwerken und deren Errichtung an den Landesküsten Japans zu betonen und zu begründen. Das tun dann auch die meisten, verweisen auf die absolute Sicherheit für die Großstädte Japans, auf die gute Möglichkeit, radioaktiven Müll gleich im Meer zu versenken, die an Sicherheit grenzende Unwahrscheinlichkeit von Tsunamis und Erdbeben und die grundsätzliche, absolute Sicherheit der Reaktoranlagen. Manche Schülerinnen und Schüler problematisieren, trotz klarem Verstoß gegen die vom Kultusministerium vorgegebene Aufgabenstellung, aber dennoch das grundsätzliche Sicherheitsrisiko von AKWs, die Atommüll-Frage, die Gefahr von Erdbeben sowie die Möglichkeit von Tsunamis.

Durch diese bayerische Abitur-Aufgabe aus dem Jahre 2010 - also ein Jahr vor der Katastrophe von Fukushima - wurden nicht nur Demagogie und Bevormundung ausgeübt, da formal nur Gründe für die Verteidigung von Atomreaktoren und deren Bau an Küsten, jedoch keine Kritik, nicht einmal Pro/Contra-Diskussionen, vorgesehen waren. Gleichzeitig wurden auch Opportunismus und Konformismus gefördert; auf keinen Fall jedoch Ziele humanistischer Bildung in Richtung Mündigkeit, Aufklärung, Mit- und Selbstbestimmung, Kritikfähigkeit, Verantwortung und Gemeinschaftsfähigkeit. Es müsste demnach konstatiert werden, dass die armen Absolventen dieses Schulsystems mit einer solchen Abitur-Aufgabe entmündigt, von wirklicher Bildung - auch im Sinne allseitiger Persönlichkeitsentwicklung - fern gehalten werden und hinsichtlich ihrer sozialen Verantwortlichkeit als geradezu schwach ausgebildet bezeichnet werden können. Insofern wären sie als "bildungsfern" und "sozial schwach" zu beschreiben. Gleichzeitig erscheinen jedoch das Bildungssystem dieses Bundeslandes und seine Abiturienten jährlich als die scheinbar intelligentesten und klügsten Schülerinnen und Schüler in fast allen wettbewerbsorientierten nationalen wie internationalen Leistungstests für Bildungskompetenzen (vgl. PISA etc.). Wie passt so etwas zusammen?

Als Aufschlüsselung von Selbst- und Weltbild lässt sich Bildung als individueller und kollektiver Menschheits-Prozess beschreiben. Im Sinne der europäischen Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert kann gebildet genannt werden, wer nicht nur Wissen anhäuft, sondern wer in Zusammenhängen zu denken gelernt hat, wer Vorkommnisse des natürlichen, politischen, sozialen, wissenschaftlichen und geistig-kulturellen Lebens in ihrer Kausalität, Wechselwirkung und Widersprüchlichkeit, in ihrer Entstehung und Entwicklung - also auch Veränderung - zu begreifen in der Lage ist (vgl. z.B. Diderot, Voltaire, Rousseau, Pestalozzi, Kant, Humboldt). Von diesem Maßstab aus betrachtet - geschweige denn von dem der vernunftgeleiteten Autonomie und individuellen, allseitigen Persönlichkeitsentfaltung - sind jedoch die verschiedenen Lernleistungsvergleichs-Tests meilenwert entfernt von Bildung, da sie doch in der Regel nur das angehäufte und ausgespuckte Wissen testen. Dazu passt im Übrigen auch, dass Kreativität und produktive Phantasie grundsätzlich nicht abgefragt werden (können), obwohl gerade sie für jegliche Wirtschaftsinnovationen und Produktentwicklungen Voraussetzungen sind. Bei den verschiedenen wettbewerbsorientierten Leistungsvergleichstests handelt es sich offenkundig auch um ein Verständnis von Bildung, das dem Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, den Artikeln 28 und 29 der UN-Kinderrechtskonvention sowie dem Artikel 13 des UN-Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte relativ wenig Rechnung trägt.

@ZU3 = Bildung oder Wirtschaftslobbyismus und Militärwerbung?

Bildung wäre damit auch nicht mit der Bildung von sog. Humankapital gleichzusetzen, selbst wenn dies von vielen auf Bildungsprozesse, Schulen und Schulbücher Einfluss nehmende privatwirtschaftliche Lobbygruppen beabsichtigt wird. Die Organisation "Lobbycontrol" verweist darauf, dass inzwischen die Daimler AG Schularbeitshefte zu "Design und Aerodynamik" für den Unterricht in NRW herstellt, die von der Metallindustrie finanzierte INSM ("Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft") oder Europas größter Medienkonzern, das Milliarden-Steuer-Spar-Modell Bertelsmann Stiftung und andere neoliberale Think-Tanks inzwischen (mit)bestimmen, was an Deutschlands Schulen über Finanzsystem, Wirtschaft und Sozialstaat gelehrt und gelernt wird. Energie-Oligopole lehren Stromsparen, Agrochemie- und Saatgut-Multis wie Bayer unterstützen Schülerlabore und propagieren unter der Hand Gentechnik für die Landwirtschaft, Volkswagen bringt Klimaschutz bei, Energiekonzerne propagieren Tiefenverklappung von Kohlendioxid mit der CCS-Hochrisikotechnologie, Finanzindustriekonzerne erklären den Umgang mit Geld, die INSM lehrt Gefahren und Probleme übermäßiger Sozialstaatlichkeit für die Wettbewerbsfähigkeit, Bertelsmann- und Nixdorf-Stiftung lassen eigene Schul-Lehrbücher schreiben, in denen der überbordende Wohlfahrtsstaat gegeißelt wird und die an Schulen in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern eingesetzt werden.12

Was das Militär und seine Einflussnahme auf deutsche Bildungseinrichtungen durch verschiedene Maßnahmen betrifft, so enthält der Koalitionsvertrag der Bundesregierung vom November 2013 den ausdrücklichen Beschluss, mehr Bundeswehr in Schulen und anderen Bildungsstätten einzusetzen - bislang nur ideologisch-demagogisch. Dort heißt es: "Die Jugendoffiziere leisten eine wichtige Arbeit bei der Information über den Auftrag der Bundeswehr. Wir begrüßen es, wenn möglichst viele Bildungsinstitutionen von diesem Angebot Gebrauch machen. Der Zugang der Bundeswehr zu Schulen, Hochschulen, Ausbildungsmessen und ähnlichen Foren ist für uns selbstverständlich." (177). Einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges findet wieder Werbung statt wie in BRAVO für "Action", "Fun" und "coole Panzerfahrten", damit die 10- bis 16-jährigen lernen, was Militär ist. Denn das anständige Kriegshandwerk hat immer noch einen etwas schlechten Ruf in unserer - laut Bundespräsident Gauck - "glückssüchtigen", kriegsentwöhnten Gesellschaft. Die deutsche Bevölkerung hat immer noch ein relativ gespaltenes Verhältnis zum Schießen, Töten und Sterben. Das muss sich ändern. Deshalb steht auch auf todbringenden und gesundheitsschädlichen Produkten für Erwachsene deutlich, dass sie todbringend und gesundheitsgefährdend sind. Kindern und Jugendlichen muss man natürlich nicht erzählen, wie viele Soldaten mit Verletzungen, Traumata, Tötungserfahrungen oder sogar dem eigenen Ableben im Kriegseinsatz zu rechnen haben.13

Was mit der Aufklärung einmal als Menschenwürde und Vernunft verpflichteter Bildung verstanden wurde, wird vor allem von denjenigen gefährdet, die meinen "soziale Schwäche" und "Bildungsferne" seien (ausschließlich) in den unteren Klassen der gesellschaftlichen Hierarchie zu finden. Einstweilen ist mit sozial schwachen Statuseliten und bildungsferner Bildung zu rechnen.

Anmerkungen

1) Tagesschau.de v. 24.1.2005.

2) Pierre Bourdieu 2001: Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Kultur, Schule und Politik, Hamburg: 147.

3) zitiert nach: taz vom 8.1.2012.

4) Owen Jones 2012: Prolls: Die Dämonisierung der Arbeiterklasse, Mainz: 42.

5) Wilhelm Heitmeyer 2001: "Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus. Eine Analyse von Entwicklungstendenzen", in: Dietmar Loch / Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Schattenseiten der Globalisierung, Frankfurt a.M.: 497-534, hier: 500.

6) Wilhelm Heitmeyer 2010: "Wutgetränkte Apathie. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer über den Bewusstseinswandel der Deutschen in der Krise und ihr neues Feindbild: den Langzeitarbeitslosen", in: DER SPIEGEL Nr. 14 v. 3.4.2010: 71.

7) Siehe Rheingoldstudie 2010: "Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier". Rheingold-Jugendstudie 2010. Kurzfassung, Köln: 6.

8) Frankfurter Rundschau v. 12.9.2010.

9) Sinus-Jugendstudie 2012: Wie ticken Jugendliche? SINUS-Jugendstudie U18. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Ergebnisse, Berlin: 6.

10) Anthony Giddens 1999; Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt am Main: 121.

11) Süddeutsche Zeitung Magazin 16/2011.

12) Vgl. Felix Kamella 2013: Lobbyismus an Schulen. Ein Diskussionspapier über Einflussnahme auf den Unterricht und was man dagegen tun kann, Köln.

13) Vgl. Michael Schulze von Glaßer 2013: Soldaten im Klassenzimmer. Die Bundeswehr an Schulen, Köln.


Michael Klundt, Dr. päd., Professor für Kinderpolitik am Studiengang für Angewandte Kindheitswissenschaften des Fachbereichs für Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal, Standort Stendal. Kontakt:<a href = "http://michael.klundt@hs-magdeburg.de">

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