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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Oldenburger Universität im K(r)ampf geboren!?

12.02.2015: Blick zurück auf linke Hochschulpolitik

  
 

Forum Wissenschaft 4/2014

Am 5. Dezember 2013 beging die Universität Oldenburg ihr 40jähriges Gründungsjubiläum als (ursprüngliche) Reformhochschule (den Namen Carl-von-Ossietzky-Universität trägt sie erst seit 1991). Einer der Gründungsprofessoren war Wolfgang Nitsch. Um mit Gleichgesinnten der ersten Uni-Generation und interessierten Heutigen ins Gespräch zu kommen - auch um einen kritischen Gegenakzent zu den offiziellen Feierlichkeiten zu setzen - wurde am 31. Oktober 2014 eine etwas anders geartete Gedenkveranstaltung organisiert. Wolfgang Nitsch stellt uns die überarbeitete Fassung seines Beitrages zur Verfügung.

Es gab für mich und uns auch ein bewegtes Leben vor Oldenburg - und für einige von uns eins nach Oldenburg. Und mein Leben vor Oldenburg wurde auch wichtig für unsere Arbeit hier.

Geboren 1938 in Berlin, wuchs ich in der Nachkriegszeit im Amerikanischen Sektor auf und trat 1958 in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund an der Freien Universität Berlin ein.1960-61 war ich dann Koordinator und Hauptautor der Denkschrift des SDS Hochschule in der Demokratie, in der wir uns u.a. auch auf eine Integration der LehrerInnenbildung und auf eine gemeinsame Förderstufe für alle Kinder nach der Grundschule bezogen und nicht nur eine paritätisch selbstverwaltete Gruppen-Universität forderten, was beides 1973 der linke niedersächsische SPD-Kultusminister Peter von Oertzen durchzusetzen versuchte.

Aus der Denkschrift ging 1965 ein von Habermas eingeleiteter Forschungs- und Theorieband Kritische Beiträge zu Erbschaft und Reform der deutschen Universität hervor. Diese Schriften wurden in der Planungsphase für Reform-Unis wie Oldenburg oft herangezogen.

Meine berufliche Laufbahn begann ich als Assistent am sich gründenden Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung in Berlin (1964 - 1971) und parallel als Lehrbeauftragter für Arbeitslehre/Wirtschaft an Hauptschulen an der PH Berlin. Dort wurde ich auch zum Professor vorgeschlagen; doch durch Intervention von Rektor und Regierendem Bürgermeister wurde das gestoppt. Wichtig waren für mich auch zwei Semester an der University of Wisconsin, Madison, wo ich als Gastdozent Bildungssoziologie und Interkulturelle Bildung in der LehrerInnen-Ausbildung lehrte: 1969 und 1973/74. 1972 kam ich als Delegierter der fraktionsübergreifenden Roten Zelle Soziologie Berlin in die Planungskommission Lehrerbildung für die neue Uni Bremen, weil damals aus benachbarten oder anderen älteren Unis VertreterInnen von AssistentInnen- und Studierenden in die neuen Planungsgremien eingeladen wurden.

Durch meine Tätigkeit in Bremen wurden die KollegInnen am neugegründeten Zentrum für pädagogische Berufspraxis (darunter I. Scheller) auf mich aufmerksam und erwirkten, dass ich 1973 zum Prof. für Wissenschaftstheorie in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften vorgeschlagen wurde. Mit dem Eröffnungssemester Sommer 1974 wurde ich dann zum Vorsitzenden der Gemeinsamen Kommission Lehrerbildung (GKL) gewählt, in der auch KonktlehrerInnen vertreten waren. So leitete ich mit Detlef Spindler, dem Geschäftsführer des Zentrums für pädagogische Berufspraxis (ZpB), und fast einem Dutzend PlanerInnen den Bundes-Modellversuch Einphasige Lehrerbildung (ELAB)1, der erst Anfang der 80er Jahre aus parteipolitischen Gründen wieder eingestellt wurde.

Die besonders in der ELAB engagierten HochschullehrerInnen haben kleine Bücher oder Berichte in den vielen Ergebnisbänden des Modellversuches veröffentlicht. Ich berichtete über meine eigene Praxis mit Studierenden im sogenannten 3. StA an Gymnasien und ich veröffentlichte eine kritische Analyse zum "Staatspraxisbezug der ELAB". Darin rekonstruierte ich, wie von dem proklamierten Reform-Praxisbezug und dem Berufspraxisbezug, und erst recht von dem lebendigen Bezug zur Praxis der Kinder und Eltern Schritt für Schritt "real abstrahiert" wurde, hin zu einem bloßen Praxis-Selbstbezug der Schulbürokratie und des Staates der Berufsverbote, für dessen formale Flexibilisierung und Effizienzsteigerung. Aus meiner Sicht waren die Reform-Uni und ihr Reformstudium fast nur Teil und Ergebnis verschiedener politischer Struktur-Krisen, teils schon vorher angelegt, in der machtpolitischen Schwäche und den Halbherzigkeiten der großen sozialliberalen Reformprojekte wie Einphasige JuristInnenausbildung (EJAB) und ELAB oder der Gruppenuniversität, teils während der Hochschulpraxis aufbrechend. Das war politisch lehrreich und nutzbar für radikal linke Kritik und experimentelle Gegen-Praxis neben der Reform-Ruine, wie es schon damals hieß.

Aber die unzureichende personelle und materielle Ausstattung des Modellversuchs führte doch zur Überlastung und Überforderung der beteiligten KontaktlehrerInnen und HochschullehrerInnen. Ihre Erfahrung, ohne Vorbereitung und Weiterbildung permanent unterhalb der eigenen und geforderten Qualitätserwartungen zu arbeiten, zerstörte auch die Möglichkeit zum internen und öffentlichen Austausch, um Verbesserungen zu erwirken. Die meisten blieben mit ihrer Misere allein. Viele waren auch berufen worden, obwohl sie ein Engagement nur vortäuschten.

Rivalisierende linke Gruppen

Einige der Krisen waren aber auch durch eine Mischung aus politischer Repression von außen, aus dem (illegal agierenden) sogenannten "Tiefen Staat", den Aktionen der linken Desperado-Gruppen wie RAF und 2.Juni und der Selbstzerfleischung und Entsolidarisierung zwischen den linken Gruppen und Partei-Sekten erzeugt.

  • Von Anfang an entstanden viele rivalisierende linke Gruppen an der Uni: die ältere Sozialistische Gruppe Oldenburg (SGO) aus der PH, die Initiative Sozialistischer WissenschaftlerInnen (ISW) - eine undogmatisch-linke Gruppe in der Nähe von Sozialistischem Büro (SB) und Revolutionärem Kampf (RK) - der Arbeitskreis Gewerkschaften (AKG: eher linke SozialdemokratInnen), der Bund demokratischer WissenschaftlerInnen (BdWi), der damals der DKP nahestand, sowie der Kommunistische Bund (KB) und der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW). Ich hatte mich der ISW angeschlossen. Die Gruppen rivalisierten in der Personalpolitik und bei der Auswahl "politisch relevanter" Studienprojekte.
  • Auf dem Höhepunkt des kalten Herbstes 1977, als ein Dutzend HochschullehrerInnen in Oldenburg (aus ISW und AKG) sich einer überregionalen Initiative mit vielen ASten zur Solidarisierung mit einer undogmatisch-linken Studentenzeitschrift in Göttingen anschlossen, die wegen eines ironisch-vieldeutigen Artikels zum Attentat gegen Generalbundesanwalt Buback verfolgt wurde, kam es denn auch zu keinerlei Solidarisierung in der Uni mit uns.

Die CDU-Landesregierung nutzte das gerne, um dem Dutzend HochschullehrerInnen mit der Suspendierung zu drohen, was eine weitgehende Lahmlegung des Lehrbetriebes bedeutet hätte. Daraufhin distanzierten wir uns von unserem Aufruf, u.a. auch um den weiteren Ausbau der Uni nicht zu gefährden.

Die linken Fraktionen machten auch kein gutes Bild, als die Berufsverbotspraxis gegen die miteinander verfeindeten linken Gruppen (DKP vs. KBW), initiiert vor allem von der SPD, voll auch in Oldenburg einsetzte. Immerhin sah sich der SPD-nahe Rektor Krüger veranlasst, dagegen formell zu demonstrieren und zurückzutreten, so dass die Landesregierung für einige Jahre einen Staatskommissar als Rektor einsetzen musste, Prof. Raapke aus der PH. All das wird man in der bereinigten offiziellen Chronik der Uni-Geschichte nicht mehr finden.

Zuletzt sei eine eher von ihrer Form her radikale Erfolgsgeschichte genannt, die die heutige Uni-Leitung ebenfalls eliminiert hat, obwohl sie ohne sie heute kaum eine Uni leiten würde: Aus einer drohenden Existenzkrise der Uni entstand die große Fahrrad-Demo von 1976, als 1500 Studierende und WissenschaftlerInnen, zu einer zweieinhalbtägigen Demo-Fahrt nach Hannover aufbrachen und die tatsächlich ein Außerkraftsetzen von erheblichen Kürzungen und Ausbaustopps für die Uni durch die Landesregierung bewirkte. Diese dann uni-offizielle Aktion ging aber aus einer wochenlangen Streikbewegung an der Basis, von TutorInnen und Studierenden hervor, die sich als eine autonome Projekte-Initiative zusammengeschlossen hatten und auch Führungsangebote des MSB-dominierten Asta und linker Hochschullehrer dankend abgelehnt hatten.

Reformreste und Nicht-Intendiertes

Genutzt wurde dieser politisierende "Krisenzusammenhang" in der Reform-Ruine aber immerhin in einigen Nischen und Inseln für radikale, an die Wurzeln gehende pädagogische und intellektuelle Experimente:

  • So in Studienprojekten, die eine historisch-genetische materialistische Grundlegung und Studieneingangsphase für die Naturwissenschaften und die Mathematik anstrebten (K. Jaeckel, K. Haubold, U. Ruschig, H. Homann);
  • so in Projekten, die eine kritische oder gar marxistische Musik- und Kunstwissenschaft mit lebendiger ästhetischer Praxis in Öffentlichkeit und Schule verbanden (W. M. Stroh, G. Selle, H. Thiele u.a.);
  • so in Projekten, die die praktische (Selbst-)Erforschung unserer Sinne und leiblich-emotionalen Haltungen als Moment kritischen Denkens in den Mittelpunkt stellten (R. zur Lippe, G. Selle, I. Scheller, W.
  • M. Stroh): z.B. Szenisches Spiel und Theater als Lern- und Forschungsformen, oder: Lernen beim Umbau von Uni-Flächen in ökologische Mini-Landschaften: R. Bachmann, W. Nitsch);

  • so in dem besonders innovativen Studienprojekt
  • "Schülerbezogener Projektunterricht als schulinterne Curriculumentwicklung" (SPASC; H. Meyer, I. Scheller, W. Nitsch).

    Welche Teilerfolge widerständiger radikaler Praxis innerhalb oder unterhalb der Reform-Ruinen-Praxis sind noch zu nennen?

  • Nicht zuletzt die Aufwertung der Dienstleistung[
  • /i]s-MitarbeiterInnen und des sogenannten Akademischen Mittelbaus im Rahmen einer informell weiterwirkenden Realität von paritätischer Gruppen-Universität und durch einen aktiven Personalrat. Diese KollegInnen, darunter vielfach gerade die Frauen, wurden in den alten Unis das Objekt von Schikanen und Missachtung durch ehrgeizige Profs;

  • die breite Kampagne für die Namensgebung [
  • /i]nach Carl von Ossietzky trug dazu bei, dass in der Region die antifaschistische Erinnerungsarbeit und der Aufbau von Gedenkstätten (z.B. die Gedenkstätte für die Euthanasie-Opfer) sehr gestärkt wurde und sie trug dazu bei, dass einige der nicht-linken Gruppen nolens volens mit in diesen Politisierungsprozess hineingezogen wurden.

  • Eine kleine Erfolgsstory war auch die Aufnahme einiger vom Pinochet-Putsch-Regime in Chile verfolgter Intellektueller [
  • /i]und ihrer Familien in Oldenburg und als HochschullehrerInnen, unterstützt auch von der Uni-Leitung.

  • Weiterhin: Die Stärkung einer z.T. kritisch-materialistisch fundierten Fachdidaktik [
  • /i]für das Lehramtsstudium, die es an fast allen Unis überhaupt nicht gab.

  • Ferner gab es in den pragmatisch
  • "problembezogen" entstandenen vielen multidisziplinären Studienprojekten vielfach eine Kooperation mit entstehenden neuen sozialen Bewegungen: angefangen von der Frauenbewegung, Friedensbewegung, den Antifa-Initiativen, der ursprünglich radikalen Ökologie- und Anti-AKW-Bewegung, bis zu Solidaritätsprojekten mit Flüchtlingsinitiativen in Niedersachsen, mit der Bauwagen-Bewegung für alternatives Wohnen sowie mit Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, insbesondere in Südafrika. Das letztere wurde ein kleines Mini-ELAB-Projekt von HochschullehrerInnen, Lehramtsstudierenden, ReferendarInnen und LehrerInnen, das seit 1998 noch bis heute weiterexistiert. An vielen dieser Brücken-Projekte mit sozialen Bewegungen habe ich mitgearbeitet. Fast wurde so unsere Partner-Uni, die Nelson Mandela Metropolitan University in Südafrika, zu meiner zweiten Heimat, eine Uni, die mich auch zu ihrem Honorarprofessor machte.

    @Body Text m.A. = Ich möchte schließen mit Worten aus einem Gedicht von Michel Houellebecq (Gedichte 2014): Und die Liebe, in der alles leicht ist in der alles sofort gegeben wird Es gibt, mitten in der Zeit die Möglichkeit einer Insel

    @Body Text o.E. m.A. = Wenn wir damit auch die Liebe zur Wahrheitssuche, zum Wahr-Sprechen, zur Philosophie meinen, dann mögen diese Worte auch auf jene Projekt-Inseln zutreffen. Heterotopien nannte Michel Foucault sie, Orte des Anders-Sein-Könnens und des Be-Fremdens. Dafür haben wir uns in Oldenburg selber soziale und geistige Räume erkämpft. In ihnen entstand oft eine ungewohnte Nähe unter Studierenden sowie zwischen ihnen und den Lehrenden. Viele von uns waren in diese geglückten Situationen, die wir mit "unseren" Studierenden in Schule und Uni zustande brachten, "verliebt".

    Anmerkung

    1) Anmerkung der Redaktion: Das Reformprojekt einer Einphasigen Ausbildung zielte darauf, den Berufspraxisbezug traditioneller Staatsexamensstudiengänge (z.B. Jura, Lehramt) in das Studium zu integrieren und dort kritisch zu reflektieren. Dadurch sollte sich eine vom Studium losgelöste zweite Ausbildungsphase ("Referendariat"), die KritikerInnen auch als "Beamtennacherziehung durch den Staat" bezeichneten, erübrigen. Das Projekt stieß von Anfang an auf den heftigen Widerstand konservativer Standes- und Beamtenverbände. Die vielversprechenden Ansätze wurden dann in den 80er Jahren eingestellt.


    Wolfgang Nitsch ist Professor (em.) der Carl von Ossietzky Universität. Er war langjährig in BdWi-Gremien aktiv. Seinem Beitrag liegen Gespräche mit Ingo Scheller zugrunde.

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