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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Autonomie der Hochschulen in der Demokratie*

  
 

Forum Wissenschaft 3/2014

Alex Demirovic begreift den Autonomiebegriff als eine "strategische Ressource" in den politischen Kämpfen um Wissenschaft und Hochschule. Gleichzeitig ist die Bedeutungsdimension dieses Begriffes immer umstritten, wie im Folgenden dargelegt wird.

Seit einer Reihe von Jahren werden die Universitäten und Hochschulen umgebaut. Generell stützt sich dieser Umbau auf neoliberale Konzepte. Dabei prägen Wirtschafts- und Unternehmensmodelle maßgeblich die Bemühungen um die Reorganisation der Hochschulen. Nach Jahrzehnten der Abhängigkeit vom Staat scheint es, dass die Hochschulen ökonomischen Imperativen unterworfen werden. Untergräbt diese Entwicklung die Autonomie der Hochschulen? Kann die Politik die Autonomie der Hochschulen besser gewährleisten als die Ökonomie? Können die Hochschulen überhaupt in ihrer Autonomie wirklich eingeschränkt werden? Schließlich: Warum ist Autonomie der Hochschulen überhaupt notwendig und etwas Wünschenswertes?

Die unbedingte Autonomie

Autonomie der Hochschulen erscheint zunächst als ein starker normativer Anspruch darauf, dass die wissenschaftliche Diskussion sich ohne Rücksichtnahme auf sonstige Interessen und Befindlichkeiten frei entfalten kann. Zunächst gegen die Religion und die Kirche gerichtet, wird Autonomie auch gegenüber staatlicher Kontrolle, sei diese autoritär oder demokratisch legitimiert, und schließlich gegenüber der Ökonomie in Anspruch genommen. Letztlich geht es bei der Forderung nach Autonomie darum, dass das Prinzip der Wissenschaftlichkeit gilt, des sachhaltigen, reflektierten, diskutierten Wissens und des Rechts, es grundsätzlich in Frage zu stellen. Im Anschluss an Jacques Derridas Konzeption der unbedingten Universität schreibt Plínio Prado: "Unter dem ›Prinzip Universität‹ verstehe ich das Prinzip, das ursprünglich die Universität als einen Ort der unbedingten, freien und öffentlichen Ausübung des Denkens begründet hat. Das ist die Bedeutung von autonomia in ihrem ursprünglichen, grundlegenden Sinn: Dass der Geist sich sein eigenes Gesetz (nomos) gibt."1

Eine so verstandene Autonomie der Hochschule ist also intern mit Emanzipation und Demokratie verbunden. Nicht, weil über wissenschaftliche Ergebnisse nach dem Mehrheitsprinzip entschieden würde. Das ist eine karikatureske Vorstellung ebenso von Demokratie wie von Wissenschaft. Vielmehr, weil in der Diskussion allein das Wissen gilt, nicht das Wissen als solches, sondern das Wissen als Moment einer Frage oder eines Arguments. Kein Rang, kein Status hat vor der wissenschaftlichen EURheit Bedeutung, argumentierend gelten alle als Gleiche, niemand wird ausgeschlossen. Kein Argument zählte mehr oder weniger, nur weil die Person, die es vorbrächte, einen akademischen Titel nicht trüge, kein Bürger dieses Staates wäre oder ein vermeintlich falsches Geschlecht hätte. Die Freiheit des Argumentierens, des Nachdenkens und des Infragestellens - und selbst noch des Zweifelns an den Grundlagen, auf denen all das geschieht, um sich dieser Grundlagen erneut zu vergewissern - all das hat Wissenschaft mit Demokratie gemein. Diese Autonomie mit all ihren Kompetenzen bringt die Hochschule in eine Opposition zu einer ganzen Reihe von Mächten, wie Jacques Derrida betont: zur Staatsmacht, zu ökonomischen Mächten, zu medialen, kulturellen und religiösen Mächten. Sie alle arbeiten daran, "die kommende und im Kommen bleibende Demokratie" einzuschränken2, wie sie sich im Prinzip der Hochschule schon zur Geltung bringt.

Autonomie und demokratischer Staat

Es scheint so, dass in der Bundesrepublik Deutschland der Staat mit seiner Macht dem Prinzip der Universität und ihrer Souveränität selbst Rückhalt gibt. Die Autonomie der Hochschulen kann als Umsetzung von Artikel 5, Satz 3 des Grundgesetzes verstanden werden: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung." Sieht man von dem zweiten und einschränkenden Satz ab, der keineswegs harmlos ist, weil er die Wissenschaftsfreiheit von ihrem universalistischen Gehalt trennt und an eine partikulare politische Verfassung bindet und damit dem Staat erhebliche Einschüchterungsmittel an die Hand gibt, die dieser auch nicht gezögert hat zu benützen ("Berufsverbote"), so kann auf den ersten Blick die Autonomie der Hochschulen selbst als ein Grundmerkmal der Demokratie gelten.

Staatstheoretisch gesprochen, hegt der Staat die Autonomie und gibt ihr eine spezifische Form: er sichert sie und regt sie an - gleichzeitig beschränkt er sie. Dies geschieht nicht durch Eingriffe in den wissenschaftlichen Diskussionsprozess, sondern eher durch die gesellschaftliche Erzeugung und Gestaltung der epistemischen Bedingungen des Wissenschaftsfeldes selbst. Es ist zunächst einmal an sich bemerkenswert, dass wissenschaftliche Lern-, Vermittlungs- und Erkenntnisprozesse die besondere Form der Hochschule annehmen und damit von der Gesellschaft von anderen Bereichen der Wissensproduktion und -vermittlung abgegrenzt und auf Dauer gestellt werden. Damit - und das bedenken weder Derrida noch Prado - wird der Universalismus des kritischen Fragens und Wissens selbst eingeschränkt - die Autonomie impliziert eine genaue arbeitsteilige Abgrenzung der für Wissenschaften charakteristischen sozialen Situationen und Kontexte, der Personen, der Wissensarten und der Diskurspraktiken: vieles, was in der Gesellschaft kritisch gedacht und gewusst wird oder werden sollte, wird Gegenstand wissenschaftlichen Wissens, damit aber auch aus der Gesellschaft herausgezogen und in gewisser Weise als spezifische Wissenspraxis monopolisiert. Dies sichert einen autonomen Raum, der Zeit und Muße gewährt, der eigene Konventionen und Konformismen schafft, die vor denen des Alltagsverstands schützen können. Gleichzeitig jedoch wird damit eine Distanz gegenüber den Menschen geschaffen, die aufgrund vor allem ihrer körperlichen Arbeit keine intellektuellen Funktionen in der Gesellschaft wahrnehmen. Dies schafft in den Hochschulen die Möglichkeit zur Herausbildung von antidemokratischem Bildungsdünkel, Elitismus und Geistesaristokratismus; zudem erschweren es die institutionell vermittelte arbeitsteilige Distanz wie solche akademischen ideologischen Einstellungen, das erarbeitete Wissen und kritische wissenschaftliche Verhaltensmuster, die ja auch in der Hochschule selbst umkämpft sind, in anderen gesellschaftlichen Sphären zu verbreiten. Wissenschaft nimmt trotz ihres Allgemeinheitsanspruchs den Charakter eines arbeitsteiligen Berufs an und bildet selbst einen spezifischen Arbeitsmarkt aus.

Für die Bestimmung der Autonomie der Wissenschaft ergeben diese prinzipiellen Überlegungen einen wichtigen Hinweis. Es geht um wissenschaftliches Wissen, dieses Wissen wird arbeitsteilig, spezialisiert, systematisch erzeugt. Das kann in der Gesellschaft selbst geschehen - also in Unternehmen, in Akademien, in privaten Wissenschaftseinrichtungen. Allerdings besteht dann das Risiko, dass die wissenschaftliche Forschung dem Zufall einzelunternehmerischer Interessen oder der Initiative einzelner Gelehrter überlassen bleibt, dass Wissen, Technologien und Produktionsmethoden selbst nicht ineinander greifen und arbeitsteilige Kompetenzen, Produktions- und Verwaltungsmethoden oder Produkte sich nicht verschränken lassen. Wissen bleibt möglicherweise Eigentum einzelner Kapitaleigentümer und isoliert, andere dürfen dieses Wissen aus Gründen des Eigentumsrechts nicht nutzen oder müssen in die Erzeugung dieses Wissens noch einmal investieren. Ist das Wissen nicht allgemein zugänglich und können die arbeitsteilig differenzierten Produktionen und Dienstleistungen nicht daran anknüpfen, dann wird auch die Entwicklung des kapitalistisch bestimmten Produktionsapparats insgesamt und damit die Konkurrenzfähigkeit selbst innovativer Unternehmen, Industriezweige oder Staaten verlangsamt oder blockiert. Gerade also die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ökonomie haben historisch zur Ausbildung von Autonomie der Wissenschaften und dazu beigetragen, dass sich der Staat die Produktion von Wissen zu eigen macht und seine relative Allgemeinheit schützt. Folglich handelt es sich um relative, historisch bestimmte Autonomie, niemals um die Form einer "unbedingten" Autonomie, in der allein das Prinzip von Wissenschaftlichkeit und EURheit sich zur Geltung bringen könnte.

Von einer absoluten Autonomie gegenüber der Politik kann also nicht die Rede sein. Der demokratische Staat ist im institutionellen und wissenschaftlichen Prozess der Hochschulen allgegenwärtig. Autonomie ist demnach eher ein real wirksames und notwendiges Imaginäres, die eine Art prekäres Gleichgewicht zwischen vier Polen organisiert: dem Eigenleben von Forschung und Lehre und den Auseinandersetzungen auf dem wissenschaftlichen Feld um das anerkannte Wissen; der politisch und demokratisch legitimierten Aufgabe, mittels Steuergeldern und politischen Entscheidungen die Wissenschaften zu ermöglichen und sie auf die herrschende Definition des gesellschaftlichen Allgemeininteresses zu verpflichten und damit allen den Zugang zu ermöglichen. Autonomie ist demnach eine strategische Ressource, die in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um wissenschaftliche EURheit genutzt werden kann.

Zur Kritik der neoliberalen Hochschule

Die Entwicklungen seit den 1990er Jahren haben zu der Kritik einer Unterwerfung der Hochschulen unter ökonomische Imperative geführt. Sie würden ökonomisch zugerichtet: Bildung werde auf die Qualifizierung von Arbeitskraft eng geführt; deren Anforderungen würden maßgeblich von Unternehmen und ihren Verbänden bestimmt; die Bildungspolitik würde marktwirtschaftlich gesteuert; mit der Liberalisierung des Bildungssektors werde ein neuer globaler Wachstumsmarkt geschaffen. An diesen Analysen ist sehr viel richtig. Ich will aber ergänzend dazu die These vertreten, dass nicht alle Tendenzen so neu sind wie mit solchen Kritiken nahegelegt wird. Die Hochschulen befinden sich nicht im Stadium ihrer ökonomischen Unschuld. Seit dem frühen 19. Jahrhundert waren sie immer ökonomischen und staatlichen Imperativen unterworfen - ihre Autonomie ist damit nicht ausgeschlossen. Das widersprüchliche Verhältnis, das zwischen dem Eigensinn der wissenschaftlichen Arbeit und den wirtschaftlichen und administrativen Anforderungen besteht, ist konstitutiv für die moderne, kapitalistische Hochschule.

Vieles von dem, was an neoliberaler Formierung geschieht, wurde den Hochschulen nicht von außen zugemutet, sie wurden dazu nicht gezwungen, vielmehr gab es Hochschulleitungen und Mehrheiten unter den HochschullehrerInnen sowie VertreterInnen in der Selbstorganisation der Wissenschaften, die diese Entwicklungen mit konzipiert und teilweise sehr aggressiv gegen Widerstände von KollegInnen und Studierenden durchgesetzt und verteidigt haben. Es kam also keineswegs zu einem politischen oder ökonomischen Übergriff in die Autonomie der Hochschule, sondern wesentliche Prozesse können durch die interne Dynamik von Hochschulen und Wissenschaft selbst erklärt werden. Diese Akteure haben, so könnte man gestützt auf eine Überlegung von Foucault sagen, eine externe mächtige Rationalität genutzt, um ihre eigene interne Macht zu vergrößern, und haben dabei gleichzeitig auch die neoliberale Logik selbst noch weiter geholfen durchzusetzen.

Ich möchte in dem Zusammenhang deswegen auf drei Aspekte hinweisen.

1. In den Veränderungsprozessen, die seit den 1990er Jahren stattfinden, lässt sich eine Stärkung der Autonomie der Hochschulen gegenüber Ministerien feststellen. Allerdings handelt es sich vor allem um eine Autonomisierung bestimmter Entscheidungsinstanzen in den Hochschulen. Im hessischen Hochschulgesetz beispielsweise bündeln sich wesentliche Befugnisse im Amt des Hochschulpräsidenten. Dieser hat Richtlinienkompetenz im Präsidium und die ausschlaggebende Stimme. Das Präsidium entscheidet über die Entwicklungsplanung der Hochschule, schließt Zielvereinbarungen ab, weist die Budgets zu und stellt die Wirtschaftspläne auf, es genehmigt die Prüfungsordnungen und entscheidet über die Einführung und Aufhebung von Studiengängen, über die Einrichtung und Aufhebung der Fachbereiche sowie (in gewissem Umfang) über die Bezüge der Professorinnen und Professoren und deren Ausstattung mit Ressourcen und Mitarbeiterstellen. Schließlich spricht der Präsident den Ruf an neue ProfessorInnen aus, ohne dass er sich an die von der Berufungskommission vorgeschlagene Reihenfolge auf der Berufungsliste halten müsste. In begründeten Ausnahmefällen können auch Personen vorgeschlagen werden, die sich nicht beworben haben. Nimmt man alles zusammen, verfügen die Präsidien über eine enorme Machtfülle.

2. Diese autoritäre Tendenz der Entwicklung wird noch dadurch verstärkt, dass nun die Arbeit an den Hochschulen immer weiter durch Prüfungen bestimmt und gegliedert wird. Die Prüfung ist - ich folge hier der Analyse von Michel Foucault3 - eine Machttechnik, die die Prüfenden in eine hierarchisierende Distanz gegenüber KollegInnen und Studierenden setzt, indem sie diese zu Objekten macht, die von ihnen ständig beobachtet und bewertet werden. Der Alltag der Studierenden wird aufgrund der Einführung von Bachelor und modularisierten Studiengängen noch weiter von Prüfungen durchdrungen. Die Studierenden rächen sich am Wissen und an den HochschullehrerInnen, indem sie ihrerseits Druck ausüben und danach fragen, ob das Wissen überhaupt prüfungsrelevant und ob es wirklich notwendig ist, so lange über bestimmte Fragen zu diskutieren.

3. Der zur Institution gehörende Mechanismus der Disziplinierung von Wissen wurde in den vergangenen Jahren drastisch verstärkt. Ich erkläre mir das damit, dass die Hochschulen ein gesellschaftliches Problem bewältigen müssen, das sie nicht bewältigen können, das Problem von Unterfinanzierung und Bewältigung der immer weiter steigenden Zahl der Studierenden.

Die neoliberal gesteuerte Hochschule verspricht die Lösung des Widerspruchs zwischen Unterfinanzierung, Exzellenzorientierung und sozialem Offenhalten der Hochschulen durch eine Strategie der Staffelung und wettbewerbsvermittelten Hierarchisierung der Hochschulen: ihr Ranking und ihre Gliederung in exzellente Hochschulen, Fachbereiche und Forschungsprofessuren. Lehre selbst wird in diesem Prozess als Belastung negativ konnotiert, sie wird formalisiert und einer Vielzahl von didaktischen Techniken unterworfen. Die größere Zahl der Studierenden wird schnell durch das Studium geschleust. Für die Wirtschaft ist dies ambivalent: Einerseits muss sie selbst stärker nachausbilden, andererseits sind die Lohnkosten von Akademikern niedriger und ihre berufliche Abhängigkeit größer.

Um alle diese Reorganisationsmaßnahmen durch- und umzusetzen, bedarf es eines neuen Wissenschaftlertypus, der sich stärker in Organisation und Management engagiert und bereit ist, an permanenten Wettbewerben teilzunehmen. Wissenschaftliche Arbeit selbst bestimmt immer weniger den Arbeitsalltag von Wissenschaftlern. Je größer ihr Gewicht und ihre Reputation ist, umso stärker werden sie in das Management, in Netzwerkaktivitäten zur Erhaltung oder Vermehrung ihrer Machtpositionen, in externe Gutachtertätigkeiten bei Berufungsverfahren, Drittmittelvergabe oder Aufsatzbeurteilungen hineingezogen. Das verschafft zwar sehr viel Macht, aber signalisiert gerade auch von der Spitze der Wissenschaft her, dass es primär gar nicht mehr um Wissenschaft geht.

Fazit: Die Hochschulen sind ein privater und öffentlicher Machtapparat. In ihm besteht gerade deswegen immer auch Autonomie. Allerdings hat diese Autonomie selbst ganz verschiedene Bedeutungen, um die es gesellschaftliche Konflikte gibt. Dabei geht es nicht um entweder mehr Staat oder mehr Ökonomie, sondern um den sozialen Gehalt der Autonomie.

Für die Gewerkschafen ebenso wie für alle, die das Interesse der Wissenschaften wie der Gesellschaft im Auge haben, ist es erforderlich, für eine bessere finanzielle Ausstattung einzutreten, für eine weitere Öffnung der Hochschulen, für eine deutliche Vergrößerung des Lehrkörpers, der weit hinter der Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre zurückgeblieben ist, für gute Beschäftigungsverhältnisse, die denen, die an den Hochschulen arbeiten, die materiellen Grundlagen für wissenschaftliches Arbeiten geben. Aber daran hängt es nicht allein. Die Gewerkschaften müssen sich auch für den Prozess der wissenschaftlichen EURheitssuche, für die EURheitsregime, für die Ergebnisse des Erkenntnisprozesses selbst engagieren. Denn es gibt einen ständigen Streit um die Art des Wissens, die Richtung der Neugierde, die Fragestellungen und Gegenstände, die Fachgebiete, den Kanon des Wissens, die Haltung der WissenschaftlerInnen. An den Hochschulen gibt die Gesellschaft nicht nur das Wissen an die nächste Generation weiter, sondern auch die Maßstäbe dafür, was als legitimes Wissen gilt, in welchen Disziplinen es erarbeitet wird. Letztlich gibt sich die Gesellschaft auf diese Weise selbst an die Zukunft weiter. Dies ist bisher weitgehend antiemanzipatorisch geschehen. Nüchtern betrachtet werden solche Auseinandersetzungen die Probleme unter gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht auflösen, sondern nur auf höherem Niveau reproduzieren. Deswegen bedarf es schließlich der gesellschaftlichen Veränderungen, in denen wissenschaftliche Wissensprozesse insgesamt einen neuen Platz einnehmen können. Der Idee nach sollten alle studieren und alle am wissenschaftlichen Prozess teilnehmen können. Von einer solchen Konstellation könnte man erhoffen, dass Wissenschaft an vielen Orten in der Gesellschaft und von vielen Menschen praktiziert wird. Das würde dem alten Wissenschaftsideal entsprechen: die Lernenden wären Lehrende und umgekehrt, das Wissen wäre nicht disziplinär abgeschottet, sondern würde "fließen", und es wäre auch nicht länger von der Praxis getrennt, sowenig wie diese von der Theorie getrennt wäre. Den Hochschulen käme in solchen Prozessen eine völlig neue Bedeutung zu: Knotenpunkte und Stationen in einem umfassenden Wissensnetzwerk, die von vielen Menschen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens in verschiedenen Funktionen und mit unterschiedlichen Zielen durchquert und genutzt werden.

Anmerkungen

  • ) Bei dem Text handelt es sich um eine stark gekürzte und bearbeitete Fassung eines Vortrages, den der Autor auf der GEW-Wissenschaftskonferenz 2012 (in abgewandelter Form auch auf der BdWi-Mitgliederversammlung am 26.4.2014 in Heidelberg) gehalten hat. Die Erstveröffentlichung der Langfassung (einschließlich der anderen Konferenzbeiträge) in: Andreas Keller/Doreen Pöschl/Anna Schütz (Hg.) 2013: Baustelle Hochschule, Bielefeld: 15-38. Wir danken der GEW für die Erlaubnis.

1) Plinio W. Prado 2011: "Das Prinzip Universität als unbedingtes Recht auf Kritik", in: Ingrid Lohmann u.a. (Hg.): Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der Gegenwart. Bielefeld: 124.

2) Jacques Derrida 2001: Die unbedingte Universität, Frankfurt am Main: 14.

3) Michel Foucault 1977: Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main: 238 ff.


Alex Demirovic ist apl. Prof. an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied im Beirat des BdWi.

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