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Klaus Holzkamp

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Wie wir leben wollen

29.09.2014: Zu den Debatten um die Perspektiven der Sorgearbeit

  
 

Forum Wissenschaft 3/2014

Unter dem Motto: "Care Revolution. Her mit dem guten Leben - für alle weltweit!" trafen sich im März 2014 mehr als 500 Menschen in Berlin zu einer Aktionskonferenz. Drei Tage lang wurde über Ansatzpunkte grundlegender Veränderungen hin zu einer bedürfnisorientierten Care-Ökonomie diskutiert. Die Diskussion über Reproduktionsarbeit und die damit verbundene geschlechterpolitische Dimension hat in linken Bewegungen aber schon eine lange Geschichte. Florian Grams zeichnet sie nach.

Von unserem Standpunkt fällt diese Frage [nach der Emanzipation der Frau; F.G.] zusammen mit der Frage, welche Gestalt und Organisation die menschliche Gesellschaft sich geben muß, damit an Stelle von Unterdrückung, Ausbeutung, Not und Elend die physische und soziale Gesundheit der Individuen und der Gesellschaft tritt. Die Frauenfrage ist also für uns nur eine Seite der allgemeinen sozialen Frage, die gegenwärtig alle denkenden Köpfe erfüllt und alle Geister in Bewegung setzt; sie kann daher ihre endgültige Lösung nur finden durch die Aufhebung der gesellschaftlichen Gegensätze und der aus diesen hervorgehenden Übel."1 August Bebel formulierte diese Sätze in der Einleitung seines 1879 erstmals erschienen Buches Die Frau und der Sozialismus. Sie gelten oft als Beleg für die Auffassung, die marxistische Denktradition sei blind für die geschlechtsspezifische Unterdrückung der Frauen. Diese Kritik übersieht indes, dass es innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung immer auch Debatten über die Rolle der Frauen und die Perspektiven ihrer Befreiung gegeben hat. Diese Diskussionen zu kennen, schafft auch die Möglichkeit, in den aktuellen Auseinandersetzungen eine Position zu finden, in denen es nicht zuletzt um die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens geht, in denen auch um das gesellschaftliche Gewicht gerungen wird, das den sorgenden Arbeiten der Reproduktion und der Pflege zuzufallen hat.

Arbeiterbewegung und Sorgearbeit

Karl Marx und Friedrich Engels begriffen den Menschen stets als Individuum, das sich jedoch ausschließlich in der menschlichen Gemeinschaft als Mensch bestätigen kann. Diese Auffassung vertrat Marx besonders deutlich im Zusammenhang der sechsten Feuerbachthese, in der er festhielt, das Wesen des Menschen sei das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dort geht es Marx eben nicht darum zu beweisen, dass die Menschen durch die Verhältnisse determiniert würden, sondern er warf Ludwig Feuerbach vor, dass er vom einzelnen Menschen mit seinen ureigenen Bedürfnissen, Schwierigkeiten und Fähigkeiten abstrahiere.2 An anderer Stelle schrieb Marx, dass es der an die Wurzel gehenden Kritik an den bestehenden Verhältnissen bedarf. "Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst."3 Mit diesem Blickwinkel eröffnete Marx bereits 1843 eine Perspektive, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen sollte. Obgleich er in seinen Analysen vornehmlich die großen Linien der ökonomischen Entwicklung in den Blick nimmt, verliert sich doch nie die Überzeugung, dass sich die Auswirkungen dieser Entwicklungen immer auch und vor allem im Alltag der Menschen niederschlagen. Entsprechend betrachtete Friedrich Engels die Produktion und die Reproduktion des unmittelbaren Lebens als die entscheidenden Momente der Geschichte. Er ist überzeugt: "Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, werden bedingt durch beide Arten der Produktion: durch die Entwicklungsstufe einerseits der Arbeit, andererseits der Familie."4

Im Gegensatz zu den so beschriebenen Einsichten war die sozialistische Arbeiterbewegung tatsächlich weitgehend gleichgültig gegenüber den Belangen der unbezahlten Hausarbeit. Wo sich ihre großen Organisationen zu Fraueninteressen äußerten, da ging es um die Rolle der Frau im Erwerbsleben. Clara Zetkin - die 1889 auf dem internationalen Arbeiterkongress in Paris über die Befreiung der Frau sprach - argumentierte gegen die Furcht der männlichen Arbeiter vor der weiblichen Konkurrenz an der Werkbank und forderte die Anerkennung der Frauen als gleichberechtigte Kampfgefährtinnen im Klassenkampf. Die mehrheitlich von Frauen geleistete Sorgearbeit im heimischen Haus begreift Clara Zetkin als isolierende und dumpfe Tätigkeit, die die Frauen von der Erfahrung der eigenen Stärke und der Macht der Solidarität fernhielt. Ganz in diesem Sinne verfolgte sie in ihrer im gleichen Jahr erschienen Broschüre Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart die Argumentation, dass die Sorge für die Kinder aus der Verantwortung der Frauen und der Familien in die Hände von professionellen Pädagoginnen und Pädagogen übergeben werden sollte. Auf diese Weise würden die Frauen von dieser Arbeit befreit und gewönnen Zeit für andere Tätigkeiten. Zum anderen unterlägen die Kinder so nicht mehr der Gefahr, in der heimischen Wohnküche von der gesellschaftlichen Realität ferngehalten zu werden. Diese Auffassung von Clara Zetkin entsprach der Überzeugung der Mitglieder der linken Sozialdemokratie, dass die Überwindung des kapitalistischen Systems nur durch die solidarische Massenaktion der abhängig Beschäftigten gelingen kann. Daher entsprach das skizzierte Modell der Kindererziehung auch dem Bild von der Gesellschaftsveränderung. Innerhalb der Partei war dieses Verständnis von sozialdemokratischer Politik indes nicht unumstritten.

Bereits auf dem Mannheimer Parteitag der SPD 1906 beschloss die Partei Leitsätze zum Thema Volkserziehung und Sozialdemokratie, in denen es hieß: "Der geschichtlichen Entwicklung eignet nicht die Tendenz, die Erziehung im Heim auszuschalten, sondern sie zu vertiefen."5 Die Begründung für dieses Dokument wurde von Clara Zetkin vorgetragen. Die wissenschaftliche Literatur hat in den Leitsätzen bereits mehrfach einen Widerspruch zu den Positionen Zetkins aus dem Jahre 1889 erkannt. Die einen erkannten den Schlüssel zu dessen Erklärung im gewachsenen Klassenbewusstsein der Frauen, das sie befähigte, die Erziehung der Kinder kompetent zu versehen.6 Für andere sind die Leitsätze eher Ausdruck eines sozialdemokratischen Krisenempfindens, das gespeist war von der Einsicht, dass die Revolution nicht mehr unmittelbar auf der Tagesordnung stand.7 In der dialektischen Zusammenschau beider Erklärungsansätze wird eine Synthese sichtbar: In der SPD wurde seinerzeit bereits darüber diskutiert, ob die Revolution der Weg zur Überwindung des Kapitalismus sei.8 Sicherlich wurde erkannt, dass der bürgerliche Staat stabiler war als man es angenommen hatte. Die Rehabilitation der heimischen Sorgearbeit in der Arbeiterbewegung wird in dieser Perspektive auch zu einem Gradmesser für den Frieden, den die Arbeiterpartei mit dem bestehenden System gemacht hat. Immer dann, wenn die revolutionäre Überwindung der alten Ordnung in greifbarer Nähe schien, kam es zu einer Konjunktur der Auffassungen, nach denen die Sorgearbeit eine gesellschaftliche Aufgabe sei, die kollektiv zu leisten sei. Wenn indes die sozialistische Revolution nur mehr als theoretische Größe wahrgenommen wurde oder als siegreich galt, dann wurde das Hohelied der sorgenden Mutter gesungen, der die Erziehung der Kinder und die Besorgung des Haushalts oblag.

Diese Wendungen in der Haltung zur Sorgearbeit vollführte auch die kommunistische Bewegung. In der KPD wurde nach ihrer Gründung zum Jahreswechsel 1918/19 das Leben in einem sozialistischen Volksheim propagiert, in dem sich sowohl das Zusammenleben der Geschlechter als auch die Methoden der Kindererziehung grundlegend verändern würden. Ähnliche Diskussionen fanden auch in der jungen Sowjetunion statt. Dort wurden nach der Oktoberrevolution Stimmen laut, die die klassische Familie mit ihren klaren Rollenzuschreibungen auf dem Müllhaufen der Geschichte wähnten. So rang etwa die Kommunistin, Feministin und erste sowjetische Botschafterin in Norwegen Alexandra Kollontai stets um eine sozialistische Gesellschaft, in der die vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau die Grundlage bildet für eine frei gelebte Sexualität. Sie war überzeugt, dass es gleich sei, ob sich Liebe in einer institutionalisierten Ehe oder in einer vorübergehenden Beziehung manifestiert. "Die Ideologie der Arbeiterklasse setzt der Liebe keinerlei formale Grenzen."9 Blieben solche Ansätze innerhalb der deutschen kommunistischen Partei stets nur Randerscheinungen, wurden sie in der Sowjetunion spätestens mit dem Jahr 1936 zu den Akten gelegt. Ab diesem Zeitpunkt wurden durch entsprechende Gesetze die Ehescheidungen erschwert und auch die Wertschätzung der traditionellen Familie wurde wieder propagiert. Zugleich fanden die ersten Schauprozesse in Moskau statt. An dieser Stelle fielen die Rückkehr zu traditionellen Formen der Familie und der Reproduktionsarbeit historisch zusammen mit der Ausschaltung der alten Bolschewiki in der Sowjetunion. An die Stelle der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens trat sowohl auf dem Gebiet der politischen Gesellschaft als auch der Liebesbeziehungen und der Familie die machtbetonte Staatsräson.

In Westeuropa wurde indes die Debatte über die Gestaltung der Geschlechterbeziehungen durch den Faschismus zum Schweigen gebracht. Sie konnte - abgesehen von praktischen Beispielen solidarischen Miteinanders in den Bataillonen des republikanischen Spaniens oder in den italienischen Partisanenabteilungen - erst wieder nach 1945 geführt werden. Die Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre hatte es angesichts der historischen Erfahrungen mit der alten Arbeiterbewegung und ihrem Umgang mit den Wünschen und Ansprüchen von Frauen an eine emanzipierte und solidarische politische Praxis schwer, einen Zugang zu ihren Organisationen zu finden. Im Umgang mit ihnen und mit der kapitalistischen Wirklichkeit ihrer Umwelt bedurfte es - so formulierten Feministinnen in den Reihen der Kommunistischen Partei Italiens - einer doppelten Militanz: Ihr Kampf musste sich zugleich gegen die Instrumentalisierung und Inwertsetzung der Arbeit im Interesse des Profits wenden und gegen die althergebrachte Ausgrenzung der Frauen aus politischen Auseinandersetzungen und ihre Reduzierung auf Heim und Herd durch ihre eigenen Genossen. Ein Verzicht auf eine Verbindung zu den alten Organisationen der Arbeiterbewegung - wie sie durchaus von Teilen der Frauenbewegung gefordert wurde - barg jedoch die Gefahr, dass sich die Feministinnen vollständig der Kritik an den bestehenden ökonomischen Verhältnissen enthalten und auf diese Weise große Teile der Inhalte, für die die Frauenbewegung gestritten hatte, kampflos aufgegeben hätten. Ohne Bezug zu einer (zumindest) kapitalismuskritischen Theorie wären etwa "[...] die Kritik an der Familienform, die an der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die Kritik an der entfremdeten Form der Lohnarbeit und die am Kapitalismus"10 nicht zu vermitteln. Diese Einsicht führte in Teilen der feministischen Bewegung zu einer erneuten Hinwendung zu marxistischen Positionen und zu einer kreativen Aneignung seiner Analysen.

Feministische Aneignungen des Marxismus

Die marxistische Feministin Silvia Federici kritisierte Karl Marx in ihrem 1974 entstandenen Essay Counter-Planning from the Kitchen. Dieser habe in seiner Analyse des Kapitals zwar die Scheidung der Produzenten von den Produktionsmitteln als grundlegende Bedingung für die Herausbildung kapitalistischer Produktionsverhältnisse beschrieben, dabei aber die immense Bedeutung übersehen, die eben diese Trennung für die in der heimischen Sorgearbeit beschäftigten Frauen gehabt habe. Ausgehend von dieser Einschätzung forderte sie Frauen auf, einen neuen Blick auf die Hausarbeit zu werfen:

"[...] so entdecken wir das Wesen und das Ausmaß der Hausarbeit neu. Denn sobald wir von den Socken, die wir stopfen und den Mahlzeiten, die wir zubereiten, aufblicken, um uns die Gesamtheit unseres Arbeitstages anzusehen, erkennen wir, dass dieser Arbeitstag zwar nicht dazu führt, dass wir einen Lohn erhalten, dass wir aber nichtsdestotrotz das kostbarste Produkt erzeugen, das es auf dem kapitalistischen Markt gibt: Arbeitskraft. Hausarbeit ist weitaus mehr als Hausreinigung. Sie besteht in der physischen, emotionalen und sexuellen Wartung der Lohnverdiener: darin, diese Lohnverdiener Tag für Tag auf die Arbeit vorzubereiten. Sie besteht darin, unsere Kinder - zukünftige Arbeiter_innen - zu betreuen, sie von Geburt an durch ihre Schulzeit hindurch zu unterstützen [...] Das bedeutet, dass sich hinter jeder Fabrik, jeder Schule, jedem Büro und jedem Bergwerk die verborgene Arbeit von Millionen Frauen verbirgt, die ihr Leben und ihre Arbeit zur Verfügung gestellt haben, um die Arbeitskraft zu produzieren, die in diesen Fabriken, Schulen, Büros und Bergwerken zum Einsatz kommt."11

Vermittelt über die kritische Auseinandersetzung mit Marx schlug Federici auf diese Weise eine klassenspezifische Sichtweise auf die Hausarbeit vor, indem sie die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als unabdingbare Voraussetzung für die Schaffung kapitalistischen Profits beschrieb. Ihre dann erhobene Forderung nach der Bezahlung dieser unsichtbaren Arbeit wurde auf diese Weise anschlussfähig an die marxistische Analyse des Kapitalismus. Zugleich schuf die politische Forderung nach Entlohnung der Hausarbeit aber auch die Möglichkeit, sie von konservativer Seite zu instrumentalisieren. Sie folgt nämlich in erster Linie der Logik der kapitalistischen Lohnarbeit und stellt sie daher nicht in Frage. Zudem kann sie neben der Wertschätzung der geleisteten Arbeit auch den Wert der klassischen Familie betonen. Hinzu kommt, dass die Bezahlung der Hausarbeit auch dazu dienen kann, in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit den Verzicht auf Berufstätigkeit abzufedern. Sie diente damit aber nicht mehr der Emanzipation der Menschen, die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit leisten und auch nicht dem Ziel, diese Arbeit sichtbar zu machen, sondern viel eher der weiteren Verschleierung dieser Arbeit und der Ausgrenzung der betroffenen Menschen aus potentiell solidarischen Zusammenhängen. Von daher kann die Entlohnung der Sorge- und Reproduktionsarbeit nicht ausreichen, um diese Tätigkeiten und die mit ihnen verbundenen Menschen aus der Isolation des familiären Hauses herauszuholen.

Perspektiven der Care Revolution

Beim Versuch, aus den Tätigkeitsfeldern der Sorgearbeit eine politische Praxis abzuleiten, die auf eine Überwindung jeglicher Ausbeutung und Ausgrenzung von Menschen orientiert ist, sind die Arbeiten der feministischen Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker hilfreich, die stets die Verbindung herzustellen suchen zwischen den unterschiedlichen Ebenen sozialer Ausgrenzung, die sich sowohl in geschlechtlicher, sozialer und ethnischer Diskriminierung oder in der Diskriminierung von Alten, Kranken und Behinderten manifestiert. Erst in der Zusammenschau dieser - und weiterer - Facetten gesellschaftlich wirksamer Ausgrenzung und Geringschätzung wird deutlich, dass sich in ihnen aktuell immer auch die große Erzählung des Neoliberalismus spiegelt, nach der jeder Mensch frei sei, seinen Erfolg selber zu gestalten. Mit dem niederländischen Psychologen Paul Verhaeghe lässt sich diese Überzeugung in die Worte fassen: "Du musst dich selbst erschaffen, du musst es schaffen."12 Sie bedeutet aber auch, dass diejenigen, die es nicht schaffen, aus den Netzwerken der Erfolgreichen heraus- und der öffentlichen Fürsorge anheimfallen. In der Folge knapper staatlicher Kassen greift dann, was Gabriele Winker beschreibt: "Familien werden nur dort unterstützt, wo ansonsten das ökonomische Wachstum beeinträchtigt wird. Familienpolitik ist damit im Kern Wirtschaftspolitik."13 Damit ist aber gleichfalls der gesamte Bereich der bezahlten und unbezahlten Sorgearbeit darauf verwiesen, einen Anteil an der Realisierung kapitalistischer Wertschöpfung zu haben - indes weit umfassender und unverblümter, als es noch bei Silvia Federici erschien.

Ein politisches Nachdenken über die Perspektiven von Reproduktions- und Sorgearbeit, das nicht an den ökonomischen Erfordernissen, sondern an den Bedürfnissen der sie leistenden wie der ihrer bedürfenden Menschen orientiert ist, muss indes immer der Frage nachgehen, wie die berechtigten Forderungen der Beschäftigten und der Nutzer_innen von Leistungen im Pflege-, Assistenz- und Bildungsbereich miteinander zu verzahnen und gemeinsam zu formulieren sind. Wenn das gelingt, dann würde Sorgearbeit in ihrer ganzen Breite in der Tat öffentlich sichtbar werden. Sie wäre in dem so notwendigen Diskurs jedoch auch mit der eingangs zitierten Frage August Bebels konfrontiert, welche Gestalt und Organisation die menschliche Gesellschaft sich geben muss, um menschlich zu sein. Die Einsicht, dass die Menschen von den Umständen gebildet werden und dass daher die gesellschaftlichen Umstände menschlich gebildet werden müssen, mag dabei als Kompass dienen, um allen Menschen ein angstfreies Leben und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Anmerkungen

1August Bebel 1974: Die Frau und der Sozialismus, Hannover: 35.

2Vgl. Karl Marx: "Thesen über Feuerbach", in: MEW Bd. 3: 6.

3Karl Marx: "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung", in: MEW Bd. 1: 358.

4Friedrich Engels: "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und der Familie - Zur ersten Auflage 1884", in: MEW Bd. 21: 27f.

5Clara Zetkin, Heinrich Schulz: "Leitsätze zum Thema ›Volkserziehung und Sozialdemokratie‹ für den Mannheimer Parteitag der SPD 1906", in: Albert Reble (Hg.) 1969: Die Arbeitsschule - Texte zur Arbeitsschulbewegung, Bad Heilbrunn: 143.

6Vgl. Friedrich W. Busch 1980: Familienerziehung in der sozialistischen Pädagogik der DDR, Frankfurt/M.: 36.

7Vgl. Tania Puschnerat 2003: Clara Zetkin: Bürgerlichkeit und Marxismus - Eine Biographie, Essen: 161.

8Vgl. Rosa Luxemburg: "Sozialreform oder Revolution", in: Dies. 1990: Gesammelte Werke Bd. 1/1. Berlin/DDR: 370.

9Alexandra Kollontai: "Ein Weg dem geflügelten Eros!", in: Dies. 1979: Der weite Weg - Erzählungen, Aufsätze, Kommentare, Frankfurt/M.: 122.

10Frigga Haug 1999: "Feministisch arbeiten mit Marx", in: Utopie kreativ 109/110 (November/Dezember 1999): 129.

11Silvia Federici 2012: "Counter-Planning from the Kitchen", in: Dies.: Aufstand aus der Küche - Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Münster: 111.

12Paul Verhaeghe 2013: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft, München: 73.

13Gabriele Winker 2011: "Soziale Reproduktion in der Krise - Care Revolution als Perspektive", in: Das Argument 292 (3/2011): 339.


Florian Grams lebt als Historiker in Hannover und arbeitet in erster Linie zu Fragen der Geschichte der Arbeiterbewegung. Er ist in der selbstbestimmten Behindertenbewegung engagiert und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit eugenischen Positionen und mit den Perspektiven der Care-Arbeit.

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