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Klaus Holzkamp

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Vom reisenden Voyeur zum sozialanalytischen Reporter

29.09.2014: Über Heines Sozialreportagen (1821-1840)

  
 

Forum Wissenschaft 3/2014

Heinrich Heine war als Schriftsteller engagierter Künstler - Poet, Lyriker, Feuilletonist und ein bedeutender deutschsprachiger Autor des 19. Jahrhunderts1. Dabei gelangen ihm außerordentlich präzise und zutreffende Beschreibungen gesellschaftlicher Zustände. Wie Heine in einem besonderen, hier Sozialreportagen genannten, Feld zwei Jahrzehnte lang sozio-analytisch und literar-publizistisch arbeitete, beschreibt Wilma Ruth Albrecht an seinen Reiseberichten und Reportagen Über Polen (1823), Englische Fragmente (1828), Französische Zustände (1831/32) und Ludwig Börne. Eine Denkschrift (1840).2

Im heutigen Sinn war Heinrich ("Harry") Heine (1797-1856) weder Historiker noch Soziologe. Als Schriftsteller und Publizist verdichtete er sprachlich und oft auf philosophisch begründetem und ästhetisch ansprechendem Niveau emotional Erlebtes, rational Erkanntes und intellektuell Verstandenes. Sozialwissenschaft im Allgemeinen und Soziologie im Besonderen wurden erst von Heines Zeitgenossen Auguste Comte (1798-1857) begrifflich bestimmt und mit seinen Hauptwerken Cours de la Philosophie positive (1826-1842) und Systeme politique positive (1851-1854) begründet.3

Und auch die Geschichtswissenschaft bildete sich erst aus; ihre bedeutenden Repräsentanten waren eng in das politische Geschehen eingebunden: Während jedoch in deutschen Landen entsprechend der gesellschaftlichen und politischen Rückständigkeit die göttliche Idee in der Geschichte gesehen, ein intuitives Verstehen empfohlen und das Gottesgnadentum der Herrschaft ideologisch aufgearbeitet und gerechtfertigt wurde, wie z.B. bei Leopold v. Ranke (1795-1886), wirkte der bedeutende französische Historiker Francoise Guizot (1787-1874) als konstitutioneller Politiker und Minister in der Juli-Monarchie und sah - entsprechend der historischen Entwicklung seines Landes - Geschichte als gesellschaftlichen Prozess und Aufeinanderfolge von Klassenkämpfen an.

Auch wenn Heine weder Sozialwissenschaftler noch Historiker war, so interessierte ihn doch außerordentlich, wie die Gesellschaft, die mit der Französischen Revolution aus ihren alten Fugen Absolutismus, Ständegesellschaft und christlich-religiöser Weltanschauung geraten war, sich entwickeln werde. Heine beobachtete das Zeitgeschehen eingehend und analysierte es nach (idealisierten) Kategorien, die auf der Aufklärung und der Französischen Revolution fußen: der Menschenrechtserklärung (1789), der republikanischen Verfassung von 1793 und der Säkularisierung, die Napoleon in ganz Mitteleuropa erzwang.

Mit diesem kategorialen Instrumentarium untersuchte er die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in Europa, insbesondere auf seinen Reisen nach Polen, England, Norditalien, den deutschen Landen und in seinem Exilland Frankreich. Er verarbeitete sie in Reiseberichten, Korrespondentenartikeln und zahlreichen Zeitgedichten (auf die hier nicht eingegangen werden soll). Dabei vertrat Heine eine Grunderkenntnis: dass die Forderungen nach Freiheit und Gleichheit, nachdem sie einmal so mächtig aufgetreten waren, nicht mehr auf Dauer sowie weltweit zu unterdrücken sind und zudem nicht allein eine politische, sondern auch eine soziale und kulturelle Dimension haben:

@Zitat = Wenn die Geistesbildung und die daraus entstandenen Sitten und Bedürfnisse eines Volkes nicht mehr in Einklang sind mit den alten Staatsinstitutionen, so tritt es mit diesen in einen Notkampf, der die Umgestaltung derselben zur Folge hat und eine Revolution genannt wird. Solange die Revolution nicht vollendet ist, solange jene Umgestaltung der Institutionen nicht ganz mit der Geisteshaltung und den daraus hervorgegangenen Sitten und Bedürfnissen des Volks übereinstimmt, so lange ist gleichsam das Staatssiechtum nicht völlig geheilt, und das krank überheizte Volk wird zwar manchmal in die schlaffe Ruhe der Abspannung versinken, wird aber bald wieder in Fieberhitze geraten, die festesten Bandagen und die gutmütigste Scharpie von den alten Wunden abreißen, die edelsten Krankenwärter zum Fenster hinauswerfen und sich so lange, schmerzhaft und mißbehaglich, hin und her wälzen, bis es sich in die angemessenen Institutionen von selbst hineingefunden haben wird.4

Reisen und Reportagen

Bereits in seinem Aufsatz Über Polen5, den er nach einer 1822 durchgeführten Reise durch den von Preußen annektierten Teil Polens verfasste, analysierte er die Bevölkerung des Landes nach einem Schichtmodell, dem der Ständegesellschaft: Demnach stand an der Spitze der Gesellschaft der Adel, wiederum unterteilt in arme und reiche Edelleute sowie Magnaten, und der hohe Klerus, während die überwiegende Mehrzahl dem bedrückten Bauernstand angehörte, dazwischen standen als kleinbürgerliche Schicht die armen Handwerker- und Handelsjuden. In den Städten bildeten dagegen die preußischen Beamten und das Militär die Mittelschicht.

Auch interessierte sich Heine für die Mentalität der polnischen Juden und der polnischen Edelleute, die zu dieser Zeit auch das Freiheitsideal hochhielten, allerdings nicht das "Washingtonsche" und folglich keine Anstalten machten, "ihre Bauern zu emanzipieren".6

Und an dieser Haltung des Adels scheiterte die Revolution 1830/31 in Polen, weil der revolutionäre Reichstag sich im März 1831 nicht dazu entschließen konnte, Land zu verteilen und die drückenden Lasten der Bauern aufzuheben. So kam es auch zu keinen Massenaktionen, stattdessen zur vollständigen Beseitigung von Kongresspolen durch das zaristische Regime.

Ähnlich beurteilte Heine auch die Verhältnisse in England, das er 1827 für mehrere Wochen (April - August) besuchte und in elf Reportagen beschrieb.7

Im Eingangskapitel räsoniert Heine über gesellschaftliche Freiheit und Gleichheit, den immanenten Widerspruch des ideologischen Liberalismus8. Während sich England als Hort der Freiheit verstünde, so Frankreich als Hort der Gleichheit, die mit der "Ausbildung der Gesellschaftlichkeit in Frankreich"9 als "Hauptprinzip der Revolution"10 auftrat.

England war das wirtschaftlich am stärksten entwickelte Land der Zeit, geprägt von Industrieunternehmen und damit einhergehender Verstädterung - dort wohnte um 1830 bereits ein Viertel aller Menschen in Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern. London galt als die Weltstadt überhaupt. Auch Heine war beeindruckt. Doch er meinte: Während sich einem Philosophen in dieser Stadt der ökonomische Fortschritt offenbare - "wenn London die rechte Hand der Welt ist, die tätige, mächtige, rechte Hand, so ist jene Straße, die von der Börse nach Downing Street führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten"11 - so treten dem Poeten die gesellschaftlichen Widersprüche - zum Beispiel in "einem zerlumpten Bettelweib oder einem blanken Goldschmiedeladen"12 - vor Augen, zeigten sich in der großartigen, wenn auch einförmigen neuen Bebauung und, konträr, in den dunklen, armseligen Gässchen der Pöbelquartiere:

"Die Armut in Gesellschaft des Lasters und des Verbrechens schleicht erst des Abends aus ihren Schlupfwinkeln. Sie scheut das Tageslicht um so ängstlicher, je grauenhafter ihr Elend kontrastiert mit dem Übermute des Reichtums, der überall hervorprunkt [...]"13

Damit lenkte Heine das Augenmerk auf die soziale Frage14 und die gesellschaftlichen Widersprüche im englischen Manchesterkapitalismus.

Literarische Soziologie

Aber auch die nicht erfolgte religiöse Emanzipation mit der Unterdrückung der irischen Katholiken zum einen und der Privilegierung der Anglikanischen Kirche zum anderen fällt ihm auf, des Weiteren eine vorherrschende Krämerseelenphilosophie und der noch weitgehend feudal geprägte Staats- und Herrschaftsapparat. Dessen Erhaltung habe die Politik von A. W. Herzog von Wellington (1769-1852) gedient: Zur Macht- und Privilegienerhaltung von Adel und Anglikanischer Kirche sei Krieg gegen Frankreich geführt worden, werde auch Kolonialpolitik betrieben, damit sich einzelne Briten bereichern könnten und der Geldumlauf und die Industrie befördert werde. Diese Politik habe das Land in die Verschuldung und damit an den Rande des Staatsbankrotts geführt:

"Der Übel größtes ist die Schuld. Sie bewirkt zwar, daß der englische Staat sich erhält und daß sogar dessen ärgste Teufel ihn nicht zugrunde richten; aber sie bewirkt auch, daß ganz England eine große Tretmühle geworden, wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muß, um seine Gläubiger zu füttern, daß England vor lauter Zahlungssorgen alt und grau und aller heiteren Jugendgefühle entwöhnt wird, daß England, wie bei stark verschuldeten Menschen zu geschehen pflegt, zur stumpfsten Resignation niedergedrückt ist, und sich nicht zu helfen weiß - obwohl 900 000 Flinten und ebensoviel Säbel und Bajonette im Tower zu London aufbewahrt liegen."15

Da der Konstitutionalismus zu keinen grundlegenden sozialen Reformen fähig sei, Gesetze der "aristokratischen Brut ihre Beute" sicherten, die Parteien sich ähnelten und die Opposition sich lediglich als kläffender Kettenhund gebäre, ja alle Veränderungen und Verbesserungen dem Pragmatismus entsprungen seien und den Fluch der Halbheit trügen, sei eine Revolution des Volkes unausweichlich:

"Keine gesellschaftliche Umwälzung hat in Großbritannien stattgefunden, das Gerüste der bürgerlichen und politischen Institutionen blieb unzerstört, die Kastenherrschaft und das Zunftwesen hat sich dort bis auf den heutigen Tag erhalten, und obgleich getränkt von dem Lichte und der Wärme der neueren Zivilisation, verharrt England in einem mittelalterlichen Zustande, oder vielmehr im Zustande eines fashionablen Mittelalters."16

In seinen Englischen Fragmenten lieferte Heine in Form seiner Sozialreportage eine grundlegende soziologische Studie über den englischen Manchesterkapitalismus und seine staatlichen Geschäftsführer. Heine erkannte auch schon den Zusammenhang zwischen Krieg zur Erhaltung des alten Privilegiensystems der Aristokratie, Staatsverschuldung und repressiver Armenpolitik.

Mit vergleichbarer politischer und sozioökonomischer Differenzierung untersuchte Heine die Französische[n] Zustände17 in der gleichnamigen Artikelserie, die vom Dezember 1831 bis September 1832 in der Augsburger Allgemeine[n] erschien, und in Lutetia18, Briefe aus den Jahren 1840 bis 1843, die dort - ebenfalls anonym - gedruckt wurden.

Heine kennzeichnete die politischen und sozialen Widersprüche, die die Herrschaft des "Bürgerkönigs" Louis Philipp (1773-1850) prägten. Louis Philipp wurde nach der Julirevolution 1830, die von Druckern, Handwerkern und Studenten getragen wurde, um den Versuch Karls X., ein absolutes Regime zu etablieren, abzuwehren, von der liberalen Kammermajorität und der hohen Finanz inthronisiert. Er verdanke - in Heines Worten - seine Krone "den Pflastersteinen" der Julirevolution, sei von Kleinbürgern und Handwerkern in seine Position gewählt worden und vertrete nun die Politik der Bankiers und Edelleute, während das Volk weiterhin verarme.

Ob diese Form der konstitutionellen Monarchie Bestand habe, hänge davon ab, ob Louis Philipp seine Legitimität dazu nutze, um entweder sich mit dem Adel zu verbinden und die Restaurationsperiode fortzusetzen oder sich mit "republikanischen Institutionen umgeben"19 und das ihm ausgesprochene Vertrauen des Volkes einlösen wolle. Denn politisch und sozial stelle das Regime Louis Philipps lediglich einen unausgesprochenen Waffenstillstand zwischen Royalisten und Republikanern dar. Die sozialen Aufstände 1831 in Lyon, Grenoble und im Juni 1832 in Paris selbst sowie die Ereignisse im Zusammenhang mit der Choleraepidemie zeigten die Brüchigkeit des Systems. Wenn Louis Philipp weiterhin versuche, die Konstitution zu verletzen, um eine Erbmonarchie zu etablieren, "so werden wir auch unseren achtzehnten Brumaire erleben, und der rechte Mann wird plötzlich unter die erblassenden Machthaber treten und ihnen die Endschaft ihrer Regierung ankündigen"20.

Die andere Gefahr drohe dem Herrschaftssystem deshalb, weil die Forderungen und Bedürfnisse der Unterschichten völlig ignoriert würden. Denn die Politik der "Enrichez-vous"-Regierungen unter Louis Philipp hätte wohl das Bürgertum, speziell die Geldaristokratie, bevorrechtet, die französische Wirtschaft und die Industrialisierung gefördert, aber auch das Proletariat hervorgebracht, das nun mit radikalen Wortführern eigenständig hervortrete.

Marxismus vor Marx

Zu dieser Zeit hatte Heine schon seine Sicht auf die europäische und Weltgeschichte der anbrechenden modernen Epoche entwickelt. Sie findet sich im ersten Buch Ludwig Börne. Eine Denkschrift (1840).21 Nur vordergründig setzt sich Heine mit dem zeitgenössischen Schriftsteller, Publizisten und politischen Agitator Ludwig Börne auseinander. Vielmehr beschäftigt er sich mit "dem Zeitgeist, worin er sich zunächst bewegte". Und diese Zeit ist geprägt von den drei großen terroristischen R - Richelieu, Robespierre, Rothschild:

"Richelieu, Robespierre und Rothschild sind für mich drei terroristische Namen, und sie bedeuten die graduelle Vernichtung der alten Aristokratie. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind die drei furchtbarsten Nivelleurs Europas. Richelieu zerstörte die Souveränität des Feudaladels und beugte ihn unter die königliche Willkür, die ihn entweder durch Hofdienst herabwürdigte oder durch krautjunkerliche Untätigkeit in der Provinz vermodern ließ. Robespierre schlug diesem unterwürfigen und faulen Adel endlich das Haupt ab. Aber der Boden blieb, und der neue Herr desselben, der neue Gutsbesitzer, ward ganz wieder ein Aristokrat, wie seine Vorgänger, deren Prätensionen er unter anderem Namen fortsetzte. Da kam Rothschild und zerstörte die Oberherrschaft des Bodens, indem er das Staatspapiersystem zur höchsten Macht emporhob, dadurch die großen Besitztümer und Einkünfte mobilisierte und gleichsam das Geld mit den ehemaligen Vorrechten des Bodens belehnte. Er stiftete freilich dadurch eine neue Aristokratie, aber diese, beruhend auf dem unzuverlässigsten Elemente, auf dem Gelde, kann nimmermehr so nachhaltig mißwirken wie die ehemalige Aristokratie, die im Boden, in der Erde selber, wurzelte. Geld ist flüssiger als Wasser, windiger als Luft, und dem jetzigen Geldadel verzeiht man gern seine Impertinenzen, wenn man seine Vergänglichkeit bedenkt [...] er zerrinnt und verdunstet, ehe man sich dessen versieht."22

Heine hebt darauf ab, dass Richelieu den absoluten Staat mit stehendem Heer, das mit Steuern aus gewerblicher Produktion und Fernhandel finanziert wurde, schuf, Robespierre die Einwohner zu Bürgern mit Rechten und Pflichten nivellierte und eine tugendhafte Zwangsgesellschaft eingeführte und Rothschild, der "Nero der Finanzen", über das Staatsschuldensystem den staatlichen Zugriff auf die Gesamtheit der Volkswirtschaft und den bürokratischen Anstaltsstaat beförderte. Und Heine erkennt schon 1840, dass die Hochfinanz sich zur dominierenden Macht in Staat und Gesellschaft entwickelt:

"Diese Erkenntnisse sind 1840 einzigartig. Es ist daran zu erinnern, dass Karl Marx 27 Jahre später, im 24. Kapitel des ersten Bandes seines Hauptwerkes ›Das Kapital‹ die Bedeutung der Staatsschuld systematisch und historisch dargestellt [...] hat."23

Während die Wirtschaftswissenschaften weiterhin daran festhielten, dass das Geldkapital dem Produktionskapital diene, habe Heine schon die Vorherrschaft des Finanzkapitals erkannt: "Trotz Marx´ öfter auftauchenden Begriff ›Finanzaristokratie‹ wird erst im 20. Jahrhundert die Dominanz und Verselbständigung des internationalen Finanzkapitals diskutiert. 1909 erschien Rudolf Hilferdings Buch Das Finanzkapital, das diesen Begriff erstmals prägte und die Verselbständigung diskutierte." Ironisch überspitzt formuliert Rüdiger Scholz: "Heine ist Marxist, fast ein Jahrzehnt bevor Marx zum Marxisten wird."

Wie bekannt, sympathisierte Heine mit frühsozialistischen und kommunistischen Propagandisten und Organisatoren seiner Zeit und zwar nicht nur intellektuell, wenngleich er persönlich sich lieber in den Salons des "juste-milieus" aufhielt als in den "verborgenen Dachstuben" oder dunklen Katakomben der Revolution:

"Ein schrecklicher Syllogismus behext mich, und ich kann der Prämisse nicht widersprechen: ›daß alle Menschen das Recht haben zu essen‹, so muß ich mich auch allen Folgerungen fügen."24

Damit nahm er das Gleichheitsprinzip der Französischen Revolution wieder auf, verband es mit dem Gedanken der Volkssouveränität und propagierte Demokratie als Volksherrschaft.

Allerdings wollte Heine sich nicht mit den "Schmeichlern" und "Hoflakaien des Volkes" gemein machen, die sich das Volk, auch international gesehen, schön, klug und gut reden. Genau besehen sei nämlich das Volk hässlich, böse und dumm.

Es kann aber die erwünschten Eigenschaften erlangen, wenn dazu die materiellen Voraussetzungen geschaffen worden sind:

"Aber diese Häßlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselben schwinden, sobald wir öffentliche Bäder erbauen, wo Seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden kann. Ein Stück Seife könnte dabei nicht schaden, und wir werden dann ein Volk sehen, das hübsch propre ist, ein Volk, das sich gewaschen hat."

Und die Bosheit des Volkes "kommt vom Hunger; wir müssen sorgen, daß das souveräne Volk immer zu essen habe; sobald allerhöchst dasselbe gehörig gefüttert und gesättigt sein mag, wird es euch auch huldvoll und gnädig anlächeln [...]"

Dass das Volk gerne einem Barnabas zujubelt, liegt in der "Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu tilgen suchen durch öffentliche Schulen für das Volk, wo ihm der Unterricht auch mit den dazugehörigen Butterbrötchen und sonstigen Nahrungsmitteln unentgeltlich erteilt werde - Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald ein intellektuelles Volk sehen."25

Anmerkungen

1) Vgl. Wilma Ruth Albrecht 2007: Harry Heine, Aachen.

2) Der Beitrag ist eine erweiterte Druckfassung des auf dem von i-trans. Gesellschaft für Wissenstransfer veranstalteten Projekttag LITERATUR IN DER POLITIK / POLITIK IN DER LITERATUR. Ein Streifzug durch die Geschichte vorgetragenen Beitrags am 25. April 2014 in Linz/Donau. Organisation und Moderation Dr. Claudia Pass und Dr. Bernhard Hofer.

3) Vgl. Paul Kellermann 1967: Kritik einer Soziologie der Ordnung. Organismus und System bei Comte, Spencer und Parsons, Freiburg/Br.: 25-55.

4) Heinrich Heine (1832): "Französische Zustände", in: Heinrich Heine 1964: Sämtliche Werke, Bd. VIII. Hg. v. Hans Kaufmann, München: 65-268, hier: 145.

5) Heinrich Heine (1823): "Über Polen", in: "Reisebilder. Vierter Teil", in: Heinrich Heine 1964: Sämtliche Werke, Bd. VI. Hg. v. Hans Kaufmann, München: 195-221.

6) Ebenda: 205.

7) Heinrich Heine (1928): "Englische Fragmente", in: "Reisebilder. Vierter Teil", a.a.O.-: 65-134.

8) Leo Kofler 1959: "Liberalismus und Demokratie", in: Zeitschrift für Politik (N. F.), 6; 2: 113-126.

9) Heinrich Heine: "Englische Fragmente", a.a.O.: 66.

10) Ebenda: 67.

11) Ebenda: 70.

12) Ebenda: 71.

13) Ebenda: 74.

14) Vgl. Ondrej Dušek (2009): "Die sozialen Fragen in Heines Englischen Fragmenten":tuetschek.wz.cz/werke/heine.pdf.

15) Heinrich Heine: "Englische Fragmente", a.a.O.: 92.

16) Ebenda: 126.

17) Heinrich Heine: Französische Zustände, a.a.O.: 65-197.

18) Heinrich Heine: "Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben", in: Heinrich Heine 1964: Sämtliche Werke, Bd. XI: 137-299; Bd. XII: 5-109, mit dem Anhang: "Kommunismus, Philosophie und Klerisei": 111-160.

19) Heinrich Heine: "Französische Zustände", a.a.O.: 138.

20) Ebenda: 159.

21) Heinrich Heine (1840): "Ludwig Börne. Eine Denkschrift", in: Heinrich Heine 1964: Sämtliche Werke, Bd. XI. Hg. v. Hans Kaufmann, München: 5-135.

22) Ebenda: 26f.

23) Rüdiger Scholz 2010: "Heinrich Heine über den Terrorismus der Neuzeit. Revolutionäre, Terroristen und Nivellierer in ›Ludwig Börne. Eine Denkschrift.‹", in: Heine Jahrbuch, 49: 1-18, hier: 6; dort auch die beiden folgenden Zitate dieses Autors. - Als frühe Materialsammlung zum Verhältnis von Heine und Marx vgl. Walther Victor 1951: Marx und Heine. Tatsache und Spekulation in der Darstellung ihrer Beziehungen, Berlin.

24) Heinrich Heine, Vorwort zu Lutetia (1855). In: Lutetia I. Heinrich Heine, Gesammelte Werke, Bd. XI, a.a.O.: 338.

25) Heinrich Heine: "Geständnisse. Geschrieben im Winter 1854, in: Heinrich Heine 1964: Sämtliche Werke, Bd. XIII. Hg. Hans Kaufmann. München: 89-159, hier: 114.


Dr. Wilma Ruth Albrecht ist Sozial- und Sprachwissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Literatur-, Architektur- und Politikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Letzte Buchveröffentlichung: Pfalz & Pfälzer. Lesebuch Pfälzer Volksaufstand 1849 (2014); die Autorin arbeitet derzeit an ihrem Romanprojekt zum letzten ›kurzen‹ Jahrhundert: EINFACH LEBEN.

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