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Klaus Holzkamp

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Es gibt ein Leben nach der Rente

24.08.2014: Ältere Frauen zwischen Unruhestand und neuen Aufgaben

  
 

Forum Wissenschaft 2/2014

Alle reden vom Alter und von den Schwierigkeiten und Chancen, die mit dieser Lebensphase verbunden sind. Aber wer ist alt und was ist die Lage des alten Menschen?, fragt Gisela Notz und stellt fest: Es gibt sie gar nicht, "die älteren Frauen". Denn die Probleme der Alten gibt es nicht, ebenso wenig, wie es die Probleme der Jungen gibt. Die älteren Frauen sind ebenso wenig ein monolitischer Block wie die älteren Männer. Alte sind also nicht gleich Alte.

Wie müsste eine Gesellschaft sein, damit ein Mensch auch im Alter Mensch bleiben kann?", das fragte Simone de Beauvoir (1908 - 1986) in ihrem 1970 erstmals in Frankreich erschienenem Buch Das Alter. Sie gibt selbst die Antwort: "Die Antwort ist einfach: Er muss schon immer als Mensch behandelt worden sein."1

Geschlechts- und schichtspezifische Ungleichheiten und solche aufgrund der ethnischen Herkunft machen auch vor dem Alter nicht Halt. Wer in früher Kindheit bessere Chancen hatte, hat sie meist auch später. Die sozialen Unterschiede verstärken sich sogar durch die neu hinzukommende Altersdiskriminierung, infolge der Prekarisierung am Arbeitsmarkt und durch aktuelle Entwicklungen im Rentenrecht. Die Thematisierung des Alters als eigene Lebensphase jenseits des Erwerbslebens bedarf - unabhängig von anderen problematisierten Ungleichheiten - immer des Verweises auf die besonderen Lebensverläufe von Frauen.

Altersforscherinnen sehen für ältere Frauen ungleich größere soziale Risiken vor allem deshalb, weil sie häufiger alleine leben als Männer. Das muss aber noch lange nicht heißen, dass sie auch alleine oder gar einsam sind. Simone de Beauvoir schrieb dazu: "Die Verheirateten ängstigen sich nicht weniger als die anderen, im Gegenteil. Die Ängste des einen mehren und bestärken noch die des anderen: jeder macht sich die doppelte Sorge, um den Gefährten und um sich selbst".2 Frauen leben in vielfältigen Zusammenhängen, alleine, zu zweit, zu mehreren, in Altenheimen, in genossenschaftlichen und gemeinschaftlichen Wohnformen, letztere scheinen vor allem in Großstädten wie die Pilze aus dem Boden zu schießen.

Das Ende der christlichen Familienpolitik

Unsere Gesellschaft hat das Glück, die am besten ausgebildete Altengeneration zu beherbergen. Die Hoffnung der ersten alten Frauenbewegung, dass Frauen, wenn sie erst einmal genauso gut ausgebildet sind wie Männer, auch die gleichen Möglichkeiten in Politik und Wirtschaft haben und die gleichen Positionen bekommen, hat sich jedoch nicht verwirklicht. Manche ältere Menschen sind - oft gegen ihren Willen - durch Frühverrentung oder durch Erwerbslosigkeit aus dem Erwerbsleben herauskatapultiert worden. Viele gehören zu den fitten Alten, von denen die Altersforscherin und Ministerin Ursula Lehr einmal gesagt hat: "Wenn der Ruhestand da ist, merkt man schnell, dass Ausschlafen, Reisen und Hobbys nicht ausfüllen. Viele Pensionäre suchen verzweifelt nach Arbeit."3

Viele ältere Frauen brauchen gar nicht zu suchen, denn sie sind für die Betreuung der Enkel zuständig, arbeiten ehrenamtlich für das Gemeinwesen oder verdienen selbst noch Geld, weil sie das wollen oder müssen. Oft sind das prekäre Arbeitsverhältnisse. Manche ältere Frauen können gut von ihrer eigenen Rente oder der Witwenrente leben, andere haben eine so kleine Rente, dass sie zusätzlich Sozialgeld beantragen müssen. Sie haben ein Leben lang gearbeitet, für die Familie, für die Karriere des Mannes, haben soziale Aufgaben übernommen, haben die Hände "nie in den Schoß gelegt", wie sie selbst sagen, und nun stehen sie da, ohne ausreichende existenzielle Absicherung. Frauen, die keine kontinuierlichen Erwerbsverläufe haben, die niedrige Einkommen erzielten, oder Frauen, die in geringfügigen Erwerbsarbeitsverhältnissen tätig waren, sind auch im Alter oftmals arm.4 Trude Unruh bezeichnete deshalb schon früher die Altersarmut als das "zynische Ende der christlichen Familienpolitik".5

Frauen können wie Männer bis ins hohe Alter gesund sein. Krankheit und Pflegebedürftigkeit können aber auch früher oder später einsetzen. Und auch dann sind es oft Frauen, die sich keinen gut ausgestatteten Platz in einem Wohn- oder Pflegeheim leisten können und ihren Kindern "zur Last fallen", auch wenn sie das früher nie wollten. 70 Prozent der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden nach dem siebten Altenbericht der Bundesregierung zuhause gepflegt.6 Bis 2030 werden eine Million Pflegebedürftige hinzukommen. Aber die familiären Ressourcen werden bald nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen.7

"Freiwilliges Engagement" im "Unruhestand"

Immer mehr Menschen gehen heute nicht in den Ruhestand, sondern in den "Unruhestand", das belegen Studien. Ihr Credo ist: "Arbeit, bezahlt und unbezahlt, bleibt ein Teil meines Lebens. Mein Ruhestand kommt später. Ich kann noch etwas bewirken."8 Von der wachsenden Zahl der rüstigen Seniorinnen, die nicht zum "alten Eisen" gehören wollen, wird erwartet, dass sie künftig noch mehr "freiwilliges Engagement" erbringen als das die Älteren ohnehin schon tun. Wer finanziell mit dem Rücken zur Wand steht, kann sich allerdings nur bedingt über die Glorifizierung der gratis zu leistenden Arbeiten freuen. Aber da werden sie gebraucht, die rüstigen alten Frauen.

Es gibt zahlreiche Studien über freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement in Deutschland. Die bisher umfangreichsten Untersuchungen stellt der Freiwilligensurvey dar. Er ist zuerst 1999, dann 2004 und zuletzt 2009 erschienen.9 Die dritte Studie zeigt auf, dass sich in Deutschland 36% aller Menschen über 15 Jahre "freiwillig" und unentgeltlich oder gegen eine geringe Aufwandsentschädigung engagieren. Insgesamt engagieren sich 40% der Männer gegenüber 32% der Frauen. Das Ergebnis ist allerdings nicht verwunderlich, da ehrenamtliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement bei den Gewerkschaften, im Sport, bei Rettungsdiensten, freiwilliger Feuerwehr, Politik bzw. politische und berufliche Interessenvertretung gezählt wird. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich das geschlechtsspezifische Gesicht des Ehrenamtes: In den Bereichen Soziales, Gesundheit und Pflege überwiegen Frauen mit etwa zwei Drittel gegenüber den Männern; die Bereiche Kinder und Jugend sowie Kirche und Religion sind ebenfalls überwiegend in Frauenhand. All diese Felder sind mit relativ hohen psychischen und physischen Anforderungen und Belastungen verbunden. In leitenden Funktionen sind Frauen mit 25,7% deutlich weniger tätig als Männer mit 42,1%. Damit reproduzieren sich die traditionellen Rollenmuster auch im Ehrenamt. Dies obwohl immer wieder betont wird, dass "[g]erade das bürgerschaftliche Engagement, das dem Gemeinwohl verpflichtet ist und bei dem ein Miteinander in den Vordergrund gestellt wird" als eine Lernwelt für Geschlechtergerechtigkeit anzusehen sei.10 Ältere Menschen investieren insgesamt ebensoviel Zeit für die "Freiwilligenarbeit" wie jüngere. Die Engagementquote der über 65jährigen steigt sogar stetig an. Der Bereich der Altenpflege ist fast ausschließlich Frauensache, egal ob in der professionellen Altenpflege, in der Familie oder in der ehrenamtlichen Gratisarbeit. Der Bedarf an AltenpflegerInnen ist angesichts der demografischen Entwicklung groß, weitere "Freiwillige" sind nur schwer zu gewinnen, pflegende Töchter sind überlastet. Staat und Wohlfahrtsverbände suchen nach Lösungen, um Kosten zu sparen, vor allem Personalkosten. ›Alte helfen Alten‹, scheint eine solche Lösung zu sein.

Große Hoffnungen auf die nachwachsende SeniorInnen-Generation

Für die Zukunft wird das "freiwillige" Potenzial nach Aussagen vieler PolitikerInnen und auch der Wohlfahrtsverbände nicht ausreichen. Grundsätzlich wird durch zahlreiche Studien eine wesentlich höhere Bereitschaft unterstellt, sich für "freiwillige" Arbeit zu engagieren, wenn entsprechende Ermöglichungsstrukturen geschaffen würden. Durch die Tatsache, dass Markt und Staat viele im Sozial-, Gesundheits-, Erziehungsbereich und vor allem in der Altenhilfe und -pflege nicht regulär bezahlen wollen, erhöht sich der Bedarf an unbezahlter sogenannter "ehrenamtlicher" Arbeit. Viele Einrichtungen bestünden nicht mehr, wenn "freiwillige" GratisarbeiterInnen nicht für ihr Fortbestehen sorgen würden. Damit blieben viele, die Hilfe und Unterstützung brauchen, unversorgt. Im Zusammenhang mit aktuellen Kürzungsszenarien wird große Hoffnung auf die ›nachwachsende Seniorengeneration‹ und, wo es um Pflegen und Sorgen geht, vor allem auf die Seniorinnen gesetzt.

Immer neue Arbeitsfelder werden gefunden, für die SeniorInnen gewonnen werden sollen. In jüngster Zeit waren das die Suppenküchen, Tafeln und Kleiderkammern. Das muss auch kritisch gesehen werden: Die Notwendigkeit solcher Einrichtungen wird, angesichts der niedrigen Renten und ALG II-Sätze niemand bestreiten. Aber, so Ulrich Thien vom Caritasverband: "Der Reiche (der Besitzende) reinigt sich durch das Geben aus seinem Überfluss von seiner ›Schuld‹ (dass er reich ist) und gibt den Armen (da unten)."11 Ältere Frauen sind sowohl Nutzerinnen, als auch Spenderinnen und ehrenamtliche Verteilerinnen von existenzunterstützenden Maßnahmen. Im Bildungsbereich arbeiten sie "freiwillig" in der Kinderbetreuung, geben Hausaufgabenhilfe, stellen Lesepatinnen und arbeiten mit Jugendlichen. Zur Vermittlung von Leihomas und -opas gibt es bereits eine Reihe privater Organisationen, ebenso wie für au-pair-Omas. Die meisten Seniorinnen sorgen sich um Ältere und Alte, die nicht mehr so rüstig sind wie sie selbst. Dabei geht es nicht nur um die ambulante und stationäre Pflege und um die Kurzzeitpflege, sondern auch um die Beratung und Hilfe für und mit pflegenden Angehörigen, die Sorge um Personen mit Demenz, um den Hospizbereich.

Durch die Aufnahme von "freiwilliger Arbeit" sollen ältere Frauen neue Aufgaben bekommen, fit, gesund und beweglich bleiben, das Gefühl haben, dass sie gebraucht werden.12 WissenschaftlerInnen fanden sogar heraus, dass "ehrenamtlich" Arbeitende länger jung bleiben und glücklicher und zufrieden sind, vor allem weil sie nicht einsam sind. Denn die Verbindung von Alter und Vereinsamung ist in der Diskussion um den demografischen Wandel ein gängiges Stereotyp. Mit diesen Argumenten wird der doppelte Sinn der "ehrenamtlichen Arbeit" deutlich, den sie immer in der Geschichte hatte: Es geht um die Befriedigung der Bedürfnisse nach sinnvoller Arbeit bei denjenigen, die sie leisten (wollen) und um die Linderung der Not der Armen und Ausgegrenzten oder generell derjenigen, die Hilfe brauchen. Beide Facetten waren und sind auch immer ein Beitrag zur Herstellung des sozialen Friedens.

Besonders wertvolle Ressourcen

Auch die Kommission der Bundesregierung zum siebten Altenbericht13 beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Menschen aller Altersstufen im Wohnquartier gegenseitig unterstützen könnten. Alte Menschen verfügen über Ressourcen von ganz besonderem Wert. Sie haben Zeit, die sie sinnvoll nutzen wollen, und den Wunsch, Neues zu lernen und ihren Horizont zu erweitern. Freilich verfügen viele ältere Menschen auch über ein Wissens-, Könnens-, und Erfahrungspotenzial, das weiter gegeben werden muss. "Auch bei älteren Menschen gibt es noch viel ungenutztes Potenzial [...] Wenn es uns gelingt, dieses Potenzial zu heben, kann der demografische Wandel zu einer großen Chance für das bürgerschaftliche Engagement werden", so die frühere Bundesministerin Kristina Schröder.14

Damit dies gelingt, sollen aktive Alte mithelfen, Schwierigkeiten, die Anderen durch das Alter entstehen, zu verhindern oder abzumildern oder auch jüngeren Menschen mit Gratisarbeit über manche Klippe helfen oder zu manchem Event verhelfen.

Besonders rührig in der Anwerbung Älterer für die "Freiwilligenarbeit" sind kirchliche Organisationen. "Sie können auf vielfältige Weise in unserem Haus mitwirken, unabhängig von ihrer Konfession, von Alter und Nationalität. Sie arbeiten neben unseren hauptamtlichen Mitarbeiter/innen", damit wirbt beispielsweise eine evangelische Kirchengemeinde für ihr Seniorenzentrum auch um nicht-christliche "Ehrenamtliche".15 Hauptamtliche, die von der Kirche bezahlt werden, müssen selbstverständlich Mitglieder einer christlichen Konfession sein.

Da nicht mehr alle - besonders nicht alle Älteren - umsonst arbeiten können und weil ohnehin schon lange (vor der Aussetzung des Wehrdienstes) darüber diskutiert wurde, wie die "Freiwilligenarbeiten" in verbindlichere und verlässlichere Strukturen gebracht, in vertragliche Vereinbarungen eingebunden und in personell unterversorgte Bereiche kanalisiert werden können, wurde nach einigen generationsübergreifenden Modellversuchen - seit April 2011 - durch eine gesetzliche Regelung ein ganz neues Arbeitsverhältnis, nämlich der Bundesfreiwilligendienst, geschaffen. Freiwillige, darunter viele Ältere, verpflichten sich nun für mindestens 20 Stunden (Unter-27jährige für 40 Stunden) über mindestens 12 Monate hinweg für ein Taschengeld von maximal 336 Euro (für 40 Stunden) monatlich zu arbeiten. ALG II und SozialgeldbezieherInnen dürfen 175 Euro von ihren Bezügen behalten. Das macht den Dienst auch für arme RentnerInnen interessant. In der Gesetzesbegründung heißt das Arbeitsverhältnis: "Öffentlicher Dienst des Bundes eigener Art". Der DGB-Bundesvorstand verweist darauf, dass so "ein weiterer Raum für prekäre Arbeitsverhältnisse" geschaffen worden ist.16

Ende April 2013 waren 36.792 Bundesfreiwillige im Einsatz, 18.735 Frauen und 18.057 Männer. Über die Verteilung nach Arbeitsgebieten wurden keine Angaben gemacht. 41 Prozent der Teilnehmenden waren über 27 Jahre alt. In den westlichen Bundesländern waren es 18,6 Prozent, in den ostdeutschen inklusive Berlin sogar 76,5 Prozent. Das ist nicht verwunderlich, denn in den östlichen Ländern sind Erwerbslosigkeit und Aussichtslosigkeit auf einen existenzsichernden Job viel höher.

"Was ich kann, ist unbezahlbar. Tun, was man will, und nicht, was man muss. Mit freiwilliger Arbeit", das war einmal ein Slogan zur bundesdeutschen Kampagne zum "Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001". Seitdem entstanden neue Unterschichtungen zwischen den verschiedenen Erwerbsarbeitsverhältnissen und den Engagierten. Eine Trennung zwischen Erwerbsarbeit und Engagement ist kaum mehr möglich. Das führt zu Konkurrenz zwischen den ohnehin schon heterogenen Beschäftigtengruppen und der für die Altenpflege ausgehandelte Mindestlohn wird locker umgangen.

Ältere Frauen fallen aus der Rolle

Viele alte und ältere Frauen wollen nicht mehr die Rolle, die ihnen früher im "Ruhestand" zugedacht worden ist, erfüllen. Sie wollen im Ruhestand etwas ganz anderes als früher tun, also nicht mehr nur sorgen und pflegen, das geht aus zahlreichen Studien hervor und das kann man bei Diskussionen oft hören. Sie fühlen sich rüstig genug, um mit anderen gemeinsam Dinge zu tun, die ihnen vorher versperrt waren oder für die sie keine Zeit hatten. Sie fürchten nicht die Schwierigkeiten, die sie mit ihren Kindern bekommen, weil sie nicht als "richtige Omas" für die Betreuung der Enkel zur Verfügung stehen, sondern ihre eigenen Terminkalender haben. Manche machen auf diskriminierende Situationen, denen ältere Frauen in unserer Gesellschaft begegnen, aufmerksam. Sie arbeiten in Seniorenräten, übernehmen politische Ehrenämter und fordern Mindestrenten, von denen man leben kann, existenzsichernde, sinnvolle Erwerbsarbeit für ihre Kinder, Kindertagesstätten für ihre Enkel und Alteneinrichtungen nach ihren Vorstellungen. Auch sie werden immer mehr und für das oft zitierte Gemeinwohl sind sie ebenso wichtig, denn sie leisten politischen Widerstand gegen den Umgang unserer Gesellschaft mit den älteren Generationen.

Das sehen auch die AutorInnen des "Freiwilligensurvey" von 2009: "Wegen ihrer steigenden Fitness und ihres verbesserten Bildungsniveaus werden die älteren Menschen weiterhin für freiwilliges Engagement aufgeschlossen sein, sich jedoch in steigendem Maße als kritische und selbstbewusste Engagierte erweisen. Zwar kümmern sich engagierte Seniorinnen und Senioren, vor allem im sozialen Bereich, verstärkt um ältere Menschen, dennoch richtet sich ihr Engagement zunehmend auch direkt auf das Gemeinwesen"17. Hier wurde richtig erkannt, dass zum Erfahrungswissen der Älteren auch kritische Kompetenzen gehören.

Vielleicht werden es gerade die älteren Menschen sein, die neue Schwerpunkte in ihrem nachberuflichen Engagement setzen, die auch auf die Gemeinwesen- und Politikorientierung der Arbeit Auswirkungen haben. In Berlin und in anderen Städten bilden sich Mieterinitiativen, in denen viele ältere und alte "alleinstehende" Frauen aus verschiedenen Herkunftsländern mitarbeiten. Sie sind aufmüpfig geworden, kämpfen gegen Mieterhöhungen und die Verdrängung aus ihren Wohngebieten, machen "Krachdemos" und schreiben "Wir bleiben alle" auf ihre Transparente. Manche sind bei den Bündnissen gegen Rechts und auch in Flüchtlingsinitiativen aktiv, machen auf die unwürdige Situation in den Asylantenheimen aufmerksam und fordern eine grundlegende Reform im Umgang mit AsylbewerberInnen und Flüchtlingen.

Ein beachtenswertes Beispiel sind die Seniorinnen in der Stillen Straße in Berlin, die (nicht nur) Medienaufmerksamkeit bekamen, weil sie ihre Freizeitstätte im Sommer und Herbst 2012 monatelang besetzt hielten, um sie vor der Schließung zu bewahren: "Unsere Standhaftigkeit und Eure Solidarität haben sich gelohnt. Wer sagt denn, dass man in der Welt nichts mehr ändern kann? Egal wie alt oder jung, wir sind für unsere Überzeugung eingestanden!", schrieben sie (auch an mich), als sie gesiegt hatten. Das sind nur einige Beispiele. Die "unwürdige Greisin" (Brecht) wird in der Zukunft möglicherweise noch andere Missstände auf die politische Agenda setzen und darauf dringen, dass sich etwas verändert! Und sie wird "direkt an die gesellschaftlichen Wurzeln rühren, das heißt an die gesellschaftliche Ordnung, die die Kälte produziert und reproduziert", weil sie weiß, dass alle anderen Versuche "gegen die alles durchdringende Kälte anzugehen", zum Scheitern verurteilt sind (Adorno). Ihr Erscheinen kann zur Herausforderung werden, der sich auch Jüngere stellen müssen.

Anmerkungen

1) Beauvoir, Simone de 1988: Das Alter, Reinbek bei Hamburg.

2) Zit. nach ebenda: 399.

3) www.sueddeutsche.de/karriere/arbeiten-im-alter-unruhestand-haelt-jung-1.12531 83 (Zugriff: 5.5.2014).

4) Siehe den Artikel von Hannelore Buhls in diesem Heft.

5) Unruh, Trude (Hg.) 1987: Trümmerfrauen - Biografien einer betrogenen Generation, Essen.

6) www.best-age-conference.com/Kongress/(letzter Zugriff: 16.2.2014).

7) Siehe hierzu auch den Artikel von Annika Kron in diesem Heft.

8) Vieregge, Henning von 2013: "Encore Career: Von der Ausnahme zur Normalität", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 04-05 / 21.01.2013 - Thema: Alternde Gesellschaft.

9) BMFSFJ (Hg.) 1999: Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, Stuttgart, Berlin, Köln; BMFSJ (Hg.) 2005: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 - 2004, München; BMFSFJ (Hg.) 2009: Freiwilliges Engagement in Deutschland, Berlin: Hauptbericht.

10) Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) - Projektgruppe Zivilengagement 2009: Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, Berlin: 141.

11) Thien, Ulrich 2011: "Existenzunterstützende Angebote - Begründungen und Perspektiven der christlichen Soziallehre", in: Caritas in NRW (Hg.): Brauchen wir Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern? Hilfen zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit, Freiburg: 93 - 121; hier: 99.

12) Notz, Gisela 2012: "Freiwilligendienste für alle". Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der "freiwilligen" Arbeit, Neu-Ulm.

13) www.siebter-altenbericht.de.

14) Schröder, Kristina 2009: "Vorwort", in: BMFSFJ: Hauptbericht 2009: 3.

15) www.elisabeth-diakonie.de/de/einr/sz-bergfelde/pflege/ehrenamt/.

16) Siehe hierzu ausführlich: Notz, Gisela 2012"Freiwilligendienste": 93 ff.

17) Siehe Fußnote 8.


Gisela Notz, Dr.phil., Sozialwissenschaftlerin, Historikerin und Autorin lebt und arbeitet freiberuflich in Berlin, Redakteurin von Lunapark21, Herausgeberin des Kalenders Wegbereiterinnen, der seit 2003 jährlich erscheint.www.gisela-notz.de.

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