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Klaus Holzkamp

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Queer Studies

15.08.2007: Das Verhältnis queerer und feministischer Fragestellungen

  
 

Forum Wissenschaft 3/2007

Queer ist in vieler Munde. Doch die Verwendung des Begriffs erscheint oft beliebig. Wer nicht im queeren Diskurs beheimatet ist, fremdelt oder wählt in spielerischer Gewandtheit die eine oder andere Bedeutung. Gudrun Perko geht genauer auf die Entwicklung des Queer-Diskurses in seinen Beziehungen zu anderen ein und betont deren gesellschaftspolitische Dimensionen.

Wer wollte nicht schon einmal sein Geschlecht wechseln, seine Geschlechterrollen aufbrechen, seine Identität verändern, seine Geschichte völlig neu gestalten – ausbrechen aus jenen Gegebenheiten, die uns festzurren im Korsett gesellschaftlicher Erwartungen? Der spielerisch-gewandte Umgang mit Queer ist eine Seite der Medaille. Eine andere Seite zeigt ebenfalls den Versuch, zur Geschlechter-Verwirrung und zur Verwirrung identitärer Festschreibungen im Korsett der Heteronormativität und des Identitätspolitischen anzustiften: Queer Studies treten hierfür an.

In meinem Beitrag greife ich einige Aspekte aus dem queeren Diskurs heraus, skizziere die Übernahme von Queer Theory im deutschsprachigen Raum (BRD, Österreich) sowie deren Ausdifferenzierungen in unterschiedlichen Richtungen. Schließlich fokussiere ich Queer Theory als Pluralitätsmodell und diskutiere dessen gesellschafts-politischen Bedeutungen. Danach greife ich die Frage auf, wie queere und feministische Fragestellungen zusammenhängen.

Ausdifferenzierungen

In der BRD und in Österreich wurde Queer Theory aus den USA in erster Linie über Judith Butlers Analysen darüber aufgegriffen, dass Sex (biologisches Geschlecht) immer schon Gender (sozial/kulturell konstruiertes Geschlecht) gewesen ist.1 Die Bezugnahme auf den Poststrukturalismus als Hintergrundfolie von Queer führte zur Infragestellung eindeutiger Identitäten und zum Bedenken des Endes der Eindeutigkeit. Damit gehen der Dekonstruktionsgedanke und ein spezifisches Verständnis von Macht und Machtdiskursen in Anlehnung an Michel Foucault einher, das zur konstruktivistischen Auffassung führte, Sex, Gender und letztlich Identität als konstruiert und somit als veränderbar aufzufassen. – Begrifflich kann Queer nicht eindeutig ins Deutsche übersetzt werden. Als positive Eigenbezeichnung kann am ehesten der Terminus „seltsam“ herangezogen werden, um ein Gegen-die-Norm-Sein anzudeuten; nur im weiteren Sinne kann die Verbindung zwischen queer und quer hergestellt werden.

Im Spannungsfeld dieser Diskussionen entwickelten sich im deutschsprachigen Raum unterschiedliche Schwerpunktsetzungen: Arbeiten u.a. zur Identitätskritik, Repräsentationskritik, zur Regulierung von Zweigeschlechtlichkeit finden sich ebenso wie kulturwissenschaftliche, rechtspolitische und gesellschaftspolitische Analysen. Fokussierungen der queeren Perspektive auf die Kategorien Lesbisch und/oder Schwul sind mittlerweile ebenso gängig wie solche auf die Kategorien Lesbisch, Schwul, Transgender, Intersexualität etc.2

Will man diese Schwerpunktsetzungen von Queer Theory auf einen Punkt bringen, so ließen sie sich in Bezug auf kategoriale und identitätspolitische Fragen gegenwärtig in drei Richtungen einteilen, deren Übergänge oftmals fließend sind: die lesbisch-schwule Variante, die lesbisch-bi-schwul-transgender Variante und die plurale Variante. Gemein ist ihnen die kritische Bezugnahme auf eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der nicht allen Menschen die gleichen Rechte und die gleichen Möglichkeiten der Partizipation an gesellschaftlichen (d.h. sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen, institutionellen ...) Ressourcen zukommen, in der strukturelle Ausgrenzung, Marginalisierung, Psychiatrisierung und Diskriminierung von Menschen über bestimmte gesellschaftliche Regulativa verankert sind, über die ihr Status bestimmt wird. Insofern setzen sie bei Gesellschaftsanalysen an, denen es um das Aufzeigen von Macht- und Ohnmachtstrukturen, von Herrschafts- und Gewaltverhältnisse geht. Im Zuge dessen stellen Queer Studies institutionalisierte Hierarchien (Heteronormativität, Identitätsmodelle etc.) radikal infrage, um deren Auflösung sie zugunsten der Anerkennung verschiedener Lebens- und Seinsweisen von Menschen bemüht sind. Unterschiede zeigen sich u.a. auf zweierlei Weise: Erstens im Hinblick darauf, ob die Diskussion um Sex, Gender, Begehren im Vordergrund steht oder ob die Verknüpfung von Sex/Gender mit anderen gesellschaftlichen Regulativa (Hautfarbe, Kultur, kulturelle Herkünfte, Klasse etc.) in den Mittelpunkt gerückt wird; zweitens hinsichtlich der Fokussierung auf jene Kategorien, mit denen sich Menschen als Queers bezeichnen. Eine Richtung legt nahe, Queer als Synonym von lesbisch und/oder schwul, Queer Studies als Lesbian und Gay Studies zu begreifen. Eine andere Richtung erweitert diese Kategorien durch Bisexualität und Transgender und variiert intern durch den unterschiedlichen Gebrauch des Terminus Transgender: als jeweilige Annäherung an das jeweils andere Geschlecht oder als Oberbegriff für alle Personen, für die das gelebte Geschlecht keine zwingende Folge des bei Geburt zugewiesenen Geschlechts ist. Eine weitere Richtung verwendet Queer als strategisch-politischen Oberbegriff, der so viele Kategorien als möglich einbezieht (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Intersexen, Transgender, Drags etc.) und den Anspruch hegt, im Sinne der Pluralität offen zu bleiben. Im Spannungsfeld von Theorie und Praxis werden alle drei Richtungen von Queer Studies wiederum vereint: und zwar in Bezug auf die Tatsache, dass sich nicht alle Lesben, Schwulen, Intersexuellen etc. unter dem Begriff Queer wiederfinden, sondern auf der je einzelnen Bezeichnung, ohne den Zusatz Queer, bestehen.

Diese Ausdifferenzierungen von Queer Studies entsprechen dem queeren Projekt, in dem – wie Judith Butler formuliert – Queer zwar Ausdruck für Zugehörigkeit ist, aber als Begriff diejenigen, die er repräsentiert, niemals vollständig beschreibt. Sie korrespondieren nicht zuletzt mit der Ablehnung Butlers, den Begriff Queer als fest umrissene Identitätskategorie zu verstehen, aber auch mit der Intention Teresa de Lauretis, mit Queer kategoriale und identitätspolitische Einschränkungen zu überschreiten, mit denen die Begriffe lesbisch und schwul historisch einhergehen.3

Queer als Pluralitätsmodell

Die Fokussierung von Queer Theory im Zeichen des Pluralitätsmodells greift diese Intention in einem umfassenden Sinne auf, insofern sie Geschlechter- und Identitäts-Verwirrung in Bezug auf alle kategorialen und identitätspolitischen Einschränkungen anstiften will. Im Zentrum steht, die möglichste Vielfalt menschlicher Seins- und Daseinsformen in ihrer Unabgeschlossenheit und in ihren Differenzen bei Anerkennung der (politischen) Gleichheit zu denken. Queer gilt hier als politisch-strategischer Überbegriff für Menschen, die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen (wollen): Transgender, Cyborgs, Intersexen, Drags, Lesben, Schwule unterschiedlichster kultureller Herkünfte, Religionen, Hautfarben u.v.m. Dabei geht es stets um Selbstdefinitionen mit dem Augenmerk darauf, dass die einzelnen Begriffe nicht von allen gleich definiert werden.

In diesem Zusammenhang sind u.a. folgende Kernaussagen der Queer Studies zu verstehen:

  • Sein-Lassen verschiedener und mehrdimensionaler Formen von Identitäten, Identitäten ohne Kern, Nicht-Identitäten bzw. Trans- und Crossidentitäten.
  • Bemühung um die Aufhebung aller eindeutigen und vermeintlich natürlichen Identitäten.
  • Möglichkeit der Selbstdefinition aller Subjekte, so sie sich definieren wollen.
  • Eröffnung vielfältiger Räume für vielfältige Ausdrucksformen von Geschlecht und Sexualität.
  • Anerkennung von Vielfältigkeit, Ambiguität und Pluralität.
  • Gegen diese Variation von Queer Theory werden auch Einwände erhoben. So erscheint manchen die praktische Umsetzung nicht möglich, insofern das Modell der Pluralität kein zusammengehöriges „Wir“ (als Gruppe oder als Handelnde im politischen Raum) ermöglichen würde. Manche wiederum wenden sich theoretisch gegen jenes Modell, insofern sie darin eine bloße Beliebigkeit, ein Laissez-faire-Prinzip sehen. Gegen diese Einwände sind im Folgenden ausgewählte theoretische und politische Inhalte von Queer Studies skizziert.

    Heterosexualität und Heteronormativität.

    Queer Studies kritisieren Heterosexualität in den Kategorien Mann/Frau als vermeintlich natürliche Setzung und damit verbunden Heteronormativität in ihrer gesellschaftlichen Verankerung. Der Hintergrund dieser Kritik ist: Über die Sozialisation haben die einen wie die anderen gelernt, zu handeln wie ein Mann und wie eine Frau (Doing Gender). Und sie haben gelernt, dass ein Mann eine Frau begehrt und umgekehrt. Dieses Wissen stellt einen gesellschaftlichen Code dar, in den Menschen jeweils hineingeboren werden und der von vielen verinnerlicht ist. Alles, was dieser Form nicht entspricht, gilt als Abweichung, als krank. Doch dieses Wissen erscheint lediglich als EURheit, insofern es auf biologische bzw. genetische Ursachen zurückgeführt, naturalisiert und ideologisch abgesichert wird. Die Begrenzung auf Mann oder Frau erweist sich als unzulängliche Identifizierung von Menschen und nicht selten als chirurgische Modifikation von intersexuellen Säuglingen hin zu einem Geschlecht, womit die eindeutige Zweigeschlechtlichkeit hergestellt werden soll. Annahmen über Sex, Gender und Begehren sind in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext eingebunden. Heterosexualität in den binären Kategorien Mann/Frau als normative und vermeintlich natürliche Setzung verknüpft sich dabei mit Heteronormativität. Diese bezieht sich nicht nur auf genitale Akte, sondern bestimmt, was überhaupt als („normale“) Sexualität gilt, und ist Bestandteil von Normen und Vorstellungen über Geschlecht, Körper, Familie, Identität oder (National-)Staat u.a. Dagegen setzte Queer Studies kritische Alternativen: Angebliche EURheiten und essentialistische Vorstellungen im Kontext der Heterosexualität und Heteronormativität werden zugunsten der Geschlechtervielfalt und der vielfältigen Alchemie des Begehrens dekonstruiert. Sex und Gender wird als soziales und kulturelles Konstrukt, Heterosexualität als von Menschen hergestellte Kategorie entlarvt, d.h. als nicht naturgegeben. Geschlecht wird als eine sich verändernde und veränderbare Variable gedacht. Es wird in Anlehnung an Butler als eine Herstellung, die durch die Macht der Diskurse in permanenter Wiederholung geschieht, aufgefasst. Butler verwendet dafür den Begriff Performativität.4 Als Alternative richten Queer-Theorien ihr Augenmerk auf jene Schnittstellen, an denen biologisches Geschlecht, soziales Geschlecht und Begehren nicht zusammenpassen. Von da aus untersuchen und beschreiben Queer Studies Wirkungsweisen von Queerness selbst, d.h. von nicht-normativen sexuellen Identitäten, Praktiken und Begehren: Cross-Identifikation, Inter-Sexualität, Transgender, Drag, Lesben, Schwule u.a. Als Tenor gilt dabei: „Gender nimmt viele Formen an. Wir sehen nur zwei von ihnen, weil wir gelernt haben, nur zwei von ihnen zu sehen (...).“5 Die Bedeutung des queeren Ansatzes liegt in Folgendem: Die Dekonstruktion der Geschlechter Mann und Frau im heteronormativen Schema erschüttert das bisherige Selbstverständnis von Geschlecht in seiner Eindimensionalität. Sprechen sich Queer Studies für die EURnehmung und Anerkennung der Vielfältigkeit von Menschen aus, so liegt ihre positive Bedeutung darin, politische Gleichheit und Gerechtigkeit im Sinne von Social Justice für Menschen in ihren unterschiedlichen Seins- und Daseinsformen zu fordern, ohne Differenzen auszulöschen.6 Wesentlich ist hier der Referenzrahmen der Menschenrechte, Anerkennungspolitiken und -ethiken, die gegen den Vorwurf eines queeren Projektes als Laissez-faire-Prinzip oder als Modell der Beliebigkeit sprechen.

    Diskriminierungs-Kategorien

    Queer Studies kritisieren den begrenzten Blick auf Sex und Gender und verknüpfen diese Kategorien mit anderen gesellschaftlichen Regulativa wie Hautfarbe, Kultur, kulturelle Herkünfte, Klasse etc. Dass diese Verknüpfung reflektiert wird, basiert auf Kritiken, die relativ rasch nach der Etablierung von Queer Theory im deutschsprachigen Raum gegen sie formuliert wurden: nämlich rassistische Strukturen nicht zu bedenken, die Bedeutungen, transgender mit schwarzer Hautfarbe zu sein, nicht zu reflektieren, schwul-lesbische und transgender MigrantInnen bzw. Flüchtlinge in den Reflexionen auszusparen, also einen Diskurs und eine Politik aus weißer Perspektive zu führen. In diesem Sinne greife Queer nur eine marginalisierte Kategorie heraus – Sex/Gender –, die zur Basis des „Widerstandes“ erklärt werde, die aber die Struktur des dominanten Diskurses nicht angreife. Diese Kritiken gegen Queer und Analysen der Black Queer Studies und Queers-of-Colour konfrontierten vehement mit Fragen, die über die bloße Kategorie Sex/Gender hinausgehen.7 Auch als Entgegnung zu jener Auslassung etablierte sich der alternative plural-queere Ansatz. Er bezieht mehrere Kategorien ein, über die der Status eines Menschen in der Gesellschaft bestimmt wird. Diskutiert werden hier Möglichkeiten und Hindernisse v.a. in Bezug auf Umsetzungen in der Praxis. Zur Diskussion stehen u.a. ein ganzheitliches Modell, in dem alle Dimensionen von Diversitäten stets gleichzeitig berücksichtigt werden sollten, und der intersektionale Ansatz, der zwischen inter-kategorial, intra-kategorial und anti-kategorial unterscheidet. Ein inter-kategorialer Zugang analysiert die Verhältnisse und Wechselwirkungen zwischen Kategorien, ein intra-kategorialer Zugang fokussiert Fragen von Differenz und Ungleichheit innerhalb einer Kategorie, und eine anti-kategoriale Zugangsweise thematisiert die Konstruktion der Kategorien selbst und strebt deren Dekonstruktion an. In der Verbindung dieser drei Zugangsweisen zeigen Queer Studies fließende Übergänge hin zu Diversity-Ansätzen für soziale und politische Institutionen sowie zu interkulturellen Ansätzen.8 Queer-Theorien, die diese Kritiken selbstkritisch aufgenommen haben, haben ihre positive Bedeutung in der Auffassung, dass es mehrere Diskriminierungsmerkmale gibt, die nicht additativ aufgerechnet werden. Entgegen der Auffassung einer objektiven Messbarkeit von Ausgrenzungsmechanismen und Diskriminierungsgründen sind die Kriterien, mithilfe derer Ausgrenzung und Ungleichbehandlung stattfinden und konstruiert werden, miteinander verwoben. Queer Studies treten ein für die Abschaffung der Hierarchien als Teilung der Gesellschaft in Macht und Nicht-Macht, in „höhere“ und „niedere“ Statusgruppen, in mit Rechten und nicht mit Rechten ausgestattete Menschen.

    Queer Studies kritisieren (eindeutige) Identitäten, die Bildung abgeschlossener Gruppen und grundsätzlich Identitätspolitiken als Strukturen und Mechanismen einer mit Identität operierenden Ordnung. Als Ausgangspunkt dieser Kritiken gilt, dass Identität gesellschaftlich konstruiert ist, es das Subjekt als mit sich selbst identische Einheit nicht gibt und identitätspolitische Wir-Konstellationen keine natürlichen Konstellationen sind. Wesentlich ist hier, dass Identität nie ohne Gesellschaft existiert, dass in einer Gesellschaft bestimmte Vorstellungen von Identität verankert und von vielen internalisiert sind. Analog zum Doing Gender und Undoing Gender schlage ich vor, hier von Doing Identity und Undoing Identity zu sprechen. Identität dient auf subjektiver Ebene der Stabilisierung etc. des Ich/Selbst/Ego. Auf kollektiver Ebene dient sie der Aufrechterhaltung einer bestimmten (mehr oder minder homogenen) Ordnung, einer bestimmten Gruppe, eines bestimmten Teiles der Gesellschaft. Diese wird identitätspolitisch, also politisch im Zeichen von Identität bestimmt, die die einen einschließt, die anderen ausgrenzt, den einen nützt, den anderen schadet und die an bestimmte Vorstellungen der Normalität gebunden ist. Hier gilt, was Adriana Cavero pointierte: „[...] das Wir ist immer positiv, das Ihr ist ein möglicher Verbündeter, das Sie (im Plural) hat das Gesicht des Gegners [...].“9 Dem entgegen zeigen queere Ansätze Identität als gesellschaftliches Konstrukt und als Kulturiertes auf. Das Subjekt beschreiben sie in seiner Mehrdimensionalität und Unbestimmtheit. Konzepte der Trans-, Cross-, Nicht-Identität gelten nicht nur als Identitätsmix, sondern intendieren die Aufhebung vermeintlich natürlicher Identitäten. Gegen identitäre Wir-Konstellationen setzen sie auf ein politisch-strategisches bzw. referentielles Wir (wesentlich ist dabei, zwischen unterschiedlichen Wir zu unterscheiden). Wenn ein „handelndes Kollektiv“ Bestehendes verändern will, also als Wir gegen etwas aufbegehrt und die Handelnden keine identitäre Einheit, keine Homogenität für sich beanspruchen, kann von einem solchen Wir gesprochen werden. Subjekte wären darin jeweils ein Subjekt der Handlung, wie Hakan Gürses formuliert: „[...] Ich stehe als Individuum hinter meiner Tat, ich bin der/die TäterIn hinter der Tat – ohne dafür einen kollektiven Namen annehmen zu müssen. [...] Ich muss mich nicht als schwul, Migrant oder Schwarzer bezeichnen, um als Individuum gemeinsam [...] mit anderen Individuen gegen die Macht [...] zu kämpfen: unabhängig davon, ob die anderen Individuen, die MitkämpferInnen, sich als schwul, MigrantIn oder Schwarze bezeichnen (bezeichnet werden)“.10 So geht es im Bereich des Handelns nicht darum, was oder wie jemand ist, sondern um das Interesse an Regelungen und Veränderungen öffentlicher Angelegenheiten an öffentlich-politischen Orten. Die positive Bedeutung des queeren Ansatzes, die Zeichen eines allgemeinen Wir mit Argwohn zu betrachten und sich grundsätzlich gegen Identitätspolitiken zu richten, liegt in der umfassenden Kritik an Ausschlussverfahren, -strukturen und -mechanismen, die eine mit eindeutiger Identität operierende gesellschaftliche Ordnung birgt. Damit richten sich Queer Studies gegen Ungerechtigkeiten und Separatismus und bergen die Möglichkeit, der Gefahr zu widerstehen, sowohl die Strukturen von Ausgrenzung als auch die Mechanismen der Reproduktion dieser Strukturen zu wiederholen, in die neue Denkrichtungen und politische Praxen trotz Suche nach Alternativen zu Herrschaftsstrukturen und -verhältnissen immer wieder geraten sind und geraten.

    Queeres und Feministisches

    Die Frage nach dem Verhältnis von queeren und feministischen Fragestellungen zueinander ist komplex. Denn analog zu den unterschiedlichen Richtungen von Queer Studies sind die Anliegen feministischer Theorien und Praxen ausgehend von den 1970er Jahren mannigfaltig. Deshalb können hier nur wenige Aspekte skizziert werden.

    Analyse der (Zwangs-)Heterosexualität und Heteronormativität: Queer Theory schließt u.a. an die lesbisch-feministischen Problematisierungen von (Zwangs-)Heterosexualität an. Zentral waren feministische Analysen der (Zwangs)Heterosexualität als Institution und nicht hinterfragte Norm, als System der Zweigeschlechtlichkeit in der Verknüpfung von Herrschaftsform, persönlicher Eigenschaft und sexueller Praxis. Damit in Verbindung stehend, rücken Queer Studies die Auseinandersetzung mit Heteronormativität ins Zentrum. Sie befragen u.a., wie Heterosexualität als Heteronormativität in Geschlechterverhältnissen und weitergehend in Gesellschaftsverhältnissen verankert ist.11

    Kategorie Geschlecht: Die Einforderung des feministisch(-lesbischen) Subjektes „Frau“ war lange Zeit verbunden mit feministisch-politischen Strategien von (Selbst-) Entwürfen und (Selbst-)Gestaltungen weiblicher (lesbischer) Liebes-, Arbeits- und Denkformen. Im Zuge der postmodernen Kritik wurde auch in feministischen Kontexten die Kategorie „Frau“ beanstandet. So charakterisiert Monique Wittig diese Kategorie in ihrer ausschließlichen Bedeutung im heterosexuellen System des Denkens und in heterosexuellen ökonomischen Systemen (die Kategorie „Frau“ gibt es nur in Relation zur Kategorie „Mann“) und strebt an, die Kategorien des Geschlechts obsolet zu machen.12 Im Zuge der Intention, Geschlecht in seiner Eindimensionalität (heterosexueller Mann/heterosexuelle Frau) zu dekonstruieren und gleichzeitig mehrere Geschlechter sichtbar zu machen, verdeutlichen Queer Studies Bezüge zu jenen feministischen Problematisierungen.

    Debatten um Gender und Sex: Diese Debatten führten dazu, dass Queer-Theorien sich auch vom Feminismus abgrenz(t)en. Diese Abgrenzung zentriert sich im Vorwurf, in feministischen Theorien werde der Begriff Gender implizit als heteronormativ aufgefasst und stelle damit keine adäquaten Instrumente für die Analyse von Sexualität bereit. Mit diesem Konstruktionsgedanken zeigt Butler selbst inhaltliche Verbindungen zu feministischen Ansätzen und zugleich deren Veränderung. So galt ihr Simone de Beauvoirs Analyse „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ 13, die Ende der 1960er Jahren in der Frauenbewegung als Referenzrahmen aufgegriffen wurde, als ein Ausgangspunkt. Doch erweitert sie diesen Konstruktionsgedanken in Bezug auf Sex, Gender und Geschlechterkategorien.

    Skandalisierung (struktureller) Gewalt: (Strukturelle) Gewalt gilt als ein Ausgangspunkt feministischer Bewegungen und Theorien: u.a. alltägliche Gewalt von Männern gegen Frauen, Gewalt als strukturell patriarchales Phänomen.14 Gewalt spielt in queeren Kontexten eine wesentliche Rolle. Sie öffentlich sichtbar zu machen, intendieren Berichte von Gewalt gegen queere Menschen: als alltägliche, institutionelle und strukturelle Gewalt. Sie beginnt bereits da, wo es um die Nicht-EURnehmung und Nicht-Benennung queerer Menschen geht. Analysen von Gewalt im Kontext feministischer Auseinandersetzungen standen im Zeichen der Befreiung der Frauen. Queer Studies greifen jene Analysen auf – mit dem Unterschied, dass sie den Blick nicht ausschließlich auf Frauen richten.

    Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen: Im Kontext feministischer Auseinandersetzungen wurde der intersektionale Ansatz als einer beschrieben, der sich gegen die Additionstheorie von Unterdrückung und Diskriminierung wendet.15 Wie oben dargestellt, greifen Queer Studies diesen Ansatz auf und verbinden ihn mit der Forderung nach politisch-ökonomischer Gleichstellung von Queers mit dem Ziel des Social Justice, d.h. von Partizipationsmöglichkeiten an gesellschaftlichen Ressourcen.

    Als Gleiche ernst nehmen

    Queer Studies in ihrer pluralen Variante fordern, Menschen anerkennend insofern gleich ernst zu nehmen, als das Sein der einen um nichts besser ist als das Sein der anderen. Dabei meint Pluralität, die Vielfalt menschlichen Seins und menschlicher Lebensweisen – gebunden an Menschenrechte, Ethiken und Politiken der Anerkennung – ernst zu nehmen. Queer Studies bergen die Möglichkeit, gegen Fremdbestimmungen und Konzepte der Identitätspolitiken der Pluralität auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens demokratisch Raum zu eröffnen. An dieser Stelle liegt die Schnittmenge zum Feminismus.

    Anmerkungen

    1) Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main 1991. Dies.: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Frankfurt/Main 1995. Zu Queer Theory in den USA: Annamarie Jagose, Queer Theory. Eine Einführung, Berlin 2001.

    2) Vgl. u.v.a. Genschl, Corina: Umkämpfte sexualpolitische Räume. Queer als Symptom, in: Stefan Etgetin/ Sabine Hark (Hg.), Freundschaft unter Vorbehalt, Berlin 1997. Hark, Sabine: Queer Interventionen, in: Feministische Studien Heft 2/Jg. 11, 1993. Dies.: Deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität, Opladen 1999. Questio (Hg.): Queering Demokratie. Sexuelle Politiken, Berlin 2000. Engel, Antke: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation, Frankfurt a.M./New York 2002. Polymorph (Hg.): (K)ein Geschlecht oder viele? Transgender in politischer Perspektive, Berlin 2002. Perko, Gudrun: Queer-Theorien. Ethische, politische und logische Dimensionen plural-queeren Denkens, Köln 2005.

    3) Vgl. Lauretis, Teresa De: Queer Theory. Lesbian and Gay Sexualities: An Introduction, in: differences: A Journal of Feminist Cultural Studies. Heft 2/Jg. 3/2, 1991. Butler: 1995, op. cit.

    4) Vgl. Butler: 1995, op. cit.

    5) Vgl. Treut, Monika: Eine Reise ins Land der Neuen Geschlechter, Dokumentarfilm mit: Sandy Stone, Jordy Jones, Susan Stryker, 2002.

    6) Vgl. Weinbach, Heike: Social Justice statt Kultur der Kälte, Berlin 2006: 50.

    7) Vgl. u. a. Castro Varela, María do Mar/Gutiérrez Rodríguez, Encarnación: Queer Politics im Exil und in der Migration, in: Questio (2000), op. cit. Ferreira, Grada: Die Farbe unseres Geschlechts. Gedanken über ‚Rasse‘, Transgender und Marginalisierung, in: Polymorph (2002), op. cit.

    8) Vgl. Czollek, Leah Carola/Perko, Gudrun: Diversity in außerökonomischen Kontexten: Bedingungen und Möglichkeiten der Umsetzung, in: Anne Broden/Paul Mecheril (Hg.), Re-Präsentationen. Dynamiken der Migrationsgesellschaft, Düsseldorf 2007.

    9) Cavero, Adriana: Relating Narratives, London 1997: 90f.

    10) Gürses, Hakan: Das „untote“ Subjekt, die „ortlose“ Kritik, in: Gudrun Perko/Leah Carola Czollek (Hg.), Lust am Denken: Queeres jenseits kultureller Verortungen, Köln 2004: 151.

    11) Vgl. Rich, Adrienne: Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz, in: Dagmar Schultz (Hg.), Macht und Sinnlichkeit, Berlin 1983. Hagemann-White, Carol: Thesen zur kulturellen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit, in: Barbara Schaeffer-Hegel/Brigitte Wartmann (Hg.), Mythos Frau. Projektionen und Inszenierungen im Patriarchat, Berlin 1984.

    12) In diesem Zusammenhang formuliert Wittig, dass „Lesben keine Frauen“ sind. Vgl. Wittig, Monique: The Straight Mind, in: Feminist Issues 1/1; 1980. Dies.: The Mark of Gender, Feminist Issues 5.2, 1985.

    13) Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 1951.

    14) Vgl. Thürmer-Rohr, Christina: Feministische Konfrontationen mit kulturellen Differenzen, in: Alice-Salomon-Fachhochschule (Hg.), Quer. Denken. Lesen. Schreiben, Nr. 07/03.

    15) Vgl. Crenshaw, Kimberle: Demarginalizing the Intersection of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory, and Antiracist Politics, in: Anne Phillips (Hg.), Feminism & Politics, Oxford 1998. Knapp, Gudrun-Axeli: „Intersectionality“ – ein neues Paradigma feministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von ‚Race, Class, Gender‘, in: Feministische Studien. Jg. 23. H. 1, 2005.



    Mag. Dr. Gudrun Perko ist Philosophin, Wissenschaftscoach und Mediatorin. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Philosophie der Politik, Ethik, Feministische, Gender- und Queerstudies (www.perko-profundus.de ; gudrun.perko@univie.ac.at ).

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