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Klaus Holzkamp

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Feministische Utopien

15.08.2007: Interview mit Claudia Bernhard

  
 

Forum Wissenschaft 3/2007

Historische Analysen des Standes der feministischen Bewegung registrieren ebenso wie (nicht minder theoretische) Reflexionen des Alltags der Geschlechterverhältnisse das Uneingelöste. Christoph Spehr sprach mit einer Realistin.

  • Christoph Spehr: Feministische Utopien – gibt’s die noch?
  • Claudia Bernhard: Nein.

    • Hm. In den 70er Jahren waren feministische Utopien die visionärsten und populärsten, zumindest in der Form literarischer Utopien. Worauf führst du zurück, dass heute davon nicht mehr viel zu sehen ist?[
    • Die Unfreiheit von Frauen ist heute geschickter organisiert. Viele Forderungen sind scheinbar befriedigt, jedenfalls für Frauen der bürgerlichen Mittelschicht. Anstelle der Brüche und Übergänge, die sie früher persönlich erlebten, herrscht heute Phantasielosigkeit und Bequemlichkeit vor, während die anderen Frauen ausgegrenzt sind.

      • Bei Attac und den Sozialforen wird ja ständig wiederholt: „Eine andere Welt ist möglich!“ Was ist das für eine Welt, die da angestrebt wird, und wie kommen Frauen darin vor?
      • Das sieht dann so aus in dieser „anderen Welt“ à la Attac: Frauen haben sichtbare, aber unbedeutende Aufgaben, machen Geschäftsführung, Administratives – gestalten aber nicht. Frauen und Männer sind zwar noch geschlechtlich zuzuordnen, aber nur ganz dezent, alles ist leiser männlich und nicht so aufdringlich weiblich, Wollpullover statt Krawatte, Sneaker statt hohe Absätze, weil weibliche oder männliche Identitäten ja politisch inkorrekt sind. Und alle sind unangreifbar „gut“, offensichtlich vernünftig und nicht so anstrengend. Die anstrengende Frau ist abgeschafft.

        • Feministische Utopien scheinen immer in liaison gestanden zu haben mit anderen Visionen
        • – mit dem Sozialismus, der Ökologie, dem Sozialstaat, der Technik. Gibt es feministische Utopien nicht „pur“?

          Nein. Utopien, auch feministische Utopien, stehen immer in Zusammenhang mit den jeweiligen Verhältnissen. Sie sind Ausdruck und Umsetzung von sozialen Auseinandersetzungen, einem Ringen um alternative Gesellschaftsformen. Deshalb gibt es z.Zt. auch keine, weil da nicht um etwas Anderes gerungen wird. Es existieren wenig Spielräume, sie werden aber auch nicht wahrgenommen. Es gibt massive Verteilungskämpfe unter Frauen, aber das richtet sich nicht gegen die Machtverhältnisse. Es geht um das größere Stück vom Kuchen, aber nicht um die Bäckerei.

          • Wenn du wie in „Dark City“ über Nacht eine andere Gesellschaftsstruktur wachsen lassen könntest
          • – was würdest du da als erstes korrigieren, abschaffen oder einführen?

            Abschaffen und einführen hängt ja eng zusammen. Als erstes gäb’s mal ein radikales Verbot jeglicher Waffenproduktion. Autos über 100 PS braucht man auch nicht, keine Häuser über zehn Stockwerke, und mit der Raumfahrt ist Schluss. Das Geld, das da frei wird, fließt in soziale und politische Projekte in Selbstverwaltung. Korrigieren würde ich die Geschlechter in dem Sinne, dass Frauen einen angeborenen Selbstverteidigungsmechanismus hätten, der sie körperlich unangreifbar macht, und Männer erstmals soziale Empathie haben.

            • Was sind für dich die wichtigsten Fragen, die ein utopischer Feminismus in den nächsten 10 Jahren bearbeiten müsste?
            • Die uralte, hochaktuelle Frage nach der Aufhebung der Macht- und Einflussunterschiede entlang der Zugehörigkeit zu Geschlecht, Status, kultureller Herkunft. Und insbesondere die ungleiche Machtverteilung unter Frauen selbst, angesichts der verschärften sozialen Frage und der andauernden Rassismen.

              • Werden wir in 500 Jahren noch Geschlechter haben?

              • Oh ja, mit Sicherheit. Warum auch nicht. Vielleicht sind bis dahin schon 25 Prozent aller Vorstandsvorsitzenden Frauen – und von den Männern gehen 18 Prozent in Erziehungsurlaub. Viel weiter werden wir nicht sein.

                Claudia Bernhard ist Redakteurin bei „alaska – Zeitschrift für Internationalismus“ und Vorstandssprecherin beim Gesamtelternbeirat der Bremer städtischen Kindertagesheime. Von ihr erschienen u.a. „Kritik der historischen Demokratie“ (in: Schwertfisch, Zeitgeist mit Gräten, Bremen 1997) und „Die patriarchale Gleichberechtigungsgesellschaft“. – Dr. Christoph Spehr ist Redakteur von „alaska“ und freier Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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