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Klaus Holzkamp

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Tempo, Qualität, Akzeptanz?

15.08.2007: Deutsche Bologna-Entwicklung auf dem Prüfstand

  
 

Forum Wissenschaft 3/2007

Die Entwicklung des "Bologna"-Prozesses lässt sich nicht unbedingt mit den entsprechenden Prozessen in der Bundesrepublik zusammenbringen. Andreas Keller stellt diese Prozesse ins Verhältnis zur letzten Bologna-Konferenz und resümiert Stand ebenso wie Perspektiven.

Vom 16. bis 18. Mai 2007 haben sich in London die für das Hochschulwesen zuständigen MinisterInnen aus mittlerweile 46 europäischen Staaten zur 4. Bologna-Folge-Konferenz versammelt. In drei Jahren soll der 1999 in der gleichnamigen oberitalienischen Universitätsstadt in Gang gesetzte Bologna-Prozess abgeschlossen werden. Im Folgenden werden die wesentlichen Vereinbarungen der MinisterInnen sowie der Stand der Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland kritisch analysiert.

Die Bilanz des gemeinsamen Berichts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Kultusministerkonferenz an den Londoner Hochschulgipfel1 zeigt, dass die Umstellung der Studienstrukturen auf Bachelor und Master zwar auch in Deutschland in Fahrt gekommen ist, aber noch weit vom Ziel der flächendeckenden Umstrukturierung entfernt ist, das entsprechend der Festlegungen des Bologna-Prozesses 2010 erreicht werden soll. Die deutschen Hochschulen können inzwischen 3.075 Bachelor- und 2.113 Masterstudiengänge melden. Ihnen stehen aber mit 6.034 deutlich mehr traditionelle Diplom-, Magister- und Staatsexamensstudiengänge gegenüber. Weitaus dramatischer fällt dieses Verhältnis aus, wenn man nicht die Studiengänge, sondern die Studierenden in den Blick nimmt: Erst 12,5 Prozent aller Studierenden, also nur jedeR achte, sind in die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge immatrikuliert. Da die Zahl der Studierenden nur unzureichend abbildet, dass etliche Bachelor- und Masterstudiengänge erst in den unmittelbar zurückliegenden Semestern eingerichtet wurden, sollte ihr der Anteil der StudienanfängerInnen in den neuen Studiengängen gegenübergestellt werden: Er liegt mit 27,9 Prozent deutlich höher, dennoch bleibt festzuhalten, dass sich nicht einmal jedeR dritte StudienanfängerIn in einen der neuen Studiengänge einschreibt.

Brechstangen-Durchsetzung

Dennoch halten Bundesbildungsministerin Schavan und die Kultusministerkonferenz (KMK) an dem ehrgeizigen Ziel fest, bist 2010 alle Studiengänge in der Fläche auf Bachelor und Master umzustellen. Dass dies kaum realistisch ist, ergibt sich schon daraus, dass Staatsexamensstudiengänge wie Rechtswissenschaft oder Medizin mit der Umstellung noch nicht einmal begonnen haben. Hier wäre zunächst der Gesetzgeber gefordert, die staatliche Regulierung der Abschlüsse und Curricula im Juristenausbildungsgesetz bzw. der Approbationsordnung für Ärzte zu reformieren. Bislang gibt es jedoch nicht einmal den Ansatz einer Diskussion über entsprechende Initiativen. Weder die Bologna-Erklärung von 1999 noch die Nachfolge-Kommunikees sehen indes für bestimmte Fachrichtungen eine Ausnahme von der Festlegung vor, bis 2010 eine flächendeckende Umstellung auf zweigliedrige Studienstrukturen vorzunehmen.

Während in einigen Fachrichtungen die Anforderungen des Bologna-Prozesses stoisch ausgesessen zu werden scheinen, bauen Bund und Länder in den meisten anderen Fachrichtungen einen enormen Zeitdruck auf. Die Implementation der neuen Studiengänge wird gleichsam mit der Brechstange durchgesetzt auch dort, wo es dafür keine Unterstützung bei Studierenden und HochschullehrerInnen gibt und die Akzeptanz der neuen Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt fraglich ist. Es ist daher höchste Zeit, dass Bund, Länder und Hochschulen sich ehrlich eingestehen, dass eine flächendeckende Umstellung aller Studiengänge bis 2010 ohnehin nicht erreicht werden kann, und eine Entschleunigung des Bologna-Prozesses zulassen. Bei der Einführung neuer Studiengänge darf Tempo nicht vor Qualität und Akzeptanz gehen. BildungspolitikerInnen, die sonst stets den Begriff des Wettbewerbs im Munde führen, sollten den Mut haben, in Fachrichtungen oder an Hochschulen, bei denen Bachelor und Master auf keine ausreichende Akzeptanz stoßen, einen Wettbewerb von traditionellen einphasigen und neuen bologna-gerechten zweiphasigen Studienstrukturen zuzulassen.

Ferner wäre es verantwortungslos, Studierende mit dem Bachelorzeugnis in der Tasche auch dann auf die Straße zu schicken, wenn sie ein Masterstudium anschließen möchten - insbesondere, solange die Akzeptanz der neuen Bachelorstudiengänge bei Studierenden und auf dem Arbeitsmarkt nicht gegeben ist. Die Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz für Bachelor- und Masterstudiengänge2 sehen indes immer noch vor, dass die Zulassung zu Masterstudiengängen "von besonderen Zugangsvoraussetzungen abhängig" gemacht werden soll. Damit ist eine bedenkliche Beschränkung der Studierfreiheit und, soweit die Akzeptanz der neuen Bachelorstudiengänge unsicher ist, auch der Berufsfreiheit von Studierenden verbunden. Die Alternative hierzu ist eine vollständige Durchlässigkeit beim Übergang vom Bachelor zum Master. Dabei geht es nicht etwa darum, dass alle BachelorabsolventInnen weiter studieren müssen, aber sie sollten weiterstudieren dürfen, wenn sie es für erforderlich halten. Der Übergang zum Master darf weder durch Quote noch durch Note beschränkt werden. Zur vollständigen Durchlässigkeit gehört auch: Masterstudiengänge müssen endlich uneingeschränkt förderfähig nach dem BAföG werden. Derzeit ist dies nur bei konsekutiven (fachidentischen) Studiengängen gewährleistet.

Auf der Londoner Ministerkonferenz wurde schließlich am 18. Mai 2007 nach Bologna 1999, Prag 2001, Berlin 2003 und Bergen 2005 ein weiteres Bologna-Nachfolge-Kommunikee verabschiedet, das "Londoner Kommunikee" mit dem Titel "Auf dem Wege zu einer Europäischen Hochschulraum: Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung"3. Im Titel kommt zum Ausdruck, dass die so genannte externe Dimension des Bologna-Prozesses eine stärkere Bedeutung erlangt, also die Beziehungen des Europäischen Hochschulraums zu anderen globalen Regionen - mit dem erklärten Ziel der Förderung der Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Hochschulraums.

Unterlaufen von Standards?

Bis zuletzt umstritten blieb in London das Thema Qualitätssicherung. Im Vorfeld der Ministerkonferenz war kontrovers, welcher Stellenwert dabei der europäischen Ebene eingeräumt werden soll. Die Ministerkonferenz hat sich am Ende auf die Einrichtung eines "Europäischen Registers der Qualitätssicherungsagenturen" verständigt. Dabei soll es sich um ein von der so genannten E4-Gruppe - European University Association (EUA - ein europäischer Dachverband der Universitäten), European Association for Quality Assurance in Higher Education (ENQA - ein Netzwerk der Qualitätssicherungseinrichtungen), European Association of Institutions in Higher Education (EURASHE - ein europäischer Dachverband der nichtuniversitären Hochschulen) und Europan Students Unions (ESU, vormals ESIB - der europäische Dachverband der nationalen Studierendenvertretungen) - getragenes Büro handeln, das die Informationen über die in den Bologna-Staaten anerkannten Qualitätssicherungsagenturen öffentlich zugänglich machen soll. Die Forderungen nach weitreichenden Befugnissen des Registers etwas im Sinne einer Supra-Akkreditierung konnten zunächst abgewendet werden, aber ist die neue Einrichtung als neue europäische Quasi-Behörde erst einmal erfolgreich etabliert, wird eine erneute Diskussion kaum ausbleiben. Es besteht die Gefahr, dass auf diese Weise mittelfristig die hohen Standards des deutschen Akkreditierungsverfahrens unterlaufen werden könnten, das eine Beteiligung sowohl von Studierenden als auch von Gewerkschaften als VertreterInnen der beruflichen Praxis in der Akkreditierung vorsieht - etwa indem nicht nur vom Akkreditierungsrat akkreditierte, sondern auch vom europäischen Register anerkannte Agenturen zur Akkreditierung von Studiengängen berechtigt sind.

Zu den originären Zielen des Bologna-Prozesses gehört die Förderung der Mobilität der Studierenden, aber auch des Hochschulpersonals im Europäischen Hochschulraum. Dass Mobilität nicht nur durch Harmonisierung der Studienstrukturen gefördert werden kann, sondern auch eine soziale Dimension aufweist, hat die Londoner Ministerkonferenz nun erneut unterstrichen. Wirklich ernst genommen wurde diese Zielsetzung bisher aber nicht, was sich etwa darin widerspiegelt, dass der von der European University Association (EUA) vorgelegte offiziöse Bericht zur London-Konferenz "Trends V"4 die Frage nach der Umsetzung der sozialen Dimension gar nicht erst aufwirft - anders als der studentische Bericht "Bologna With Student Eyes"5. Die 46 Unterzeichnerstaaten des London-Kommunikees haben sich nun aber verpflichtet, diese bisher abstrakte Zielsetzung endlich mit konkreten "Aktionsplänen" zu unterlegen und "Maßnahmen zur Bewertung ihrer Wirksamkeit" zu ergreifen. Darüber hinaus sollen Daten zur Mobilität und sozialen Dimension vorgelegt werden.

In dieser Hinsicht stellt das Londoner Kommunikee eine wichtige Grundlage für Forderungen von Gewerkschaften und Studierendenvertretungen dar. Sie sollten in den kommenden zwei Jahren darauf drängen, dass Bund und Länder zu ihrer in London gemachten Zusage stehen, die soziale Dimension des Bologna-Prozesses ernst nehmen und einen nationalen Aktionsplan vorlegen. Im Lichte des London-Kommunikees wird von Seiten des Bundes und der Länder auch neu über die Einführung von Studiengebühren und ihre sozialen Auswirkungen sowie über Reichweite und Wirksamkeit der studentischen Ausbildungsförderung und der sozialen Infrastruktur an den Hochschulen zu diskutieren sein.

Anmerkungen

1) www.bmbf.de/pub/nationaler_bericht_bologna_2007.pdf

2) www.kmk.org/doc/beschl/BS_050922_LaendergemeinsameStrukturvorgaben.pdf

3) www.bmbf.de/pub/Londoner_Kommunique_Bologna_d.pdf

4) www.ond.vlaanderen.be/hogeronderwijs/bologna/documents/Final_Trends_Report_V_May.pdf

5) www.ond.vlaanderen.be/hogeronderwijs/bologna/documents/Bolognastudenteyes2007.pdf



Dr. Andreas Keller ist Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung beim Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Mitglied im erweiterten Bundesvorstand des BdWi.

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