BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Indizienprozess zum Klimawandel

15.08.2007: Beweisaufnahme und Strafmaßbestimmung

  
 

Forum Wissenschaft 3/2007

Klimawandel ist keine wegzudenkende Größe mehr. Real ist er so präsent wie im Bewusstsein – weltweit. Die Selbstverkennung von AKW-Betreiberkonzernen als „Klimaretter“ verdeutlicht dies ebenso wie die erstaunliche Wende der US-Administration hin zu eigenen „Initiativen“. Den tatsächlichen Stand skizziert Udo E. Simonis.1

Rund ein Jahr nach dem 30-Jahre-Update der „Grenzen des Wachstums“2 (September 2006), elf Monate nach Vorstellung des „Stern-Reports“3 (Oktober 2006) und sieben bis vier Monate nach Präsentation des ersten Teils des 4. Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change4 (Februar 2007), des zweiten5 (April 2007) und des dritten Teils6 (Mai 2007) wissen wir nun Einiges. Meadows et al. stellten klar, dass mit dem Klimawandel eine weitere Grenze überschritten ist; Stern et al. machten mit den Kosten des Klimawandels vertraut; die Working Group I des IPPC-Berichts mit dessen Ausmaß, die WG II mit den Auswirkungen, die WG III damit, was zu tun sei – mit Politik also.

Naturwissenschaftliches

Der 3. Sachstandsbericht des IPCC von 2001 hatte die Botschaft bereits vermittelt, der 4. bestätigte sie mit „very high confidence“: An der Erderwärmung besteht kein Zweifel mehr. Die Erde hat sich in den vergangenen hundert Jahren um 0,74 °C erwärmt. Dabei war die Erwärmung in den letzten 50 Jahren in etwa doppelt so hoch wie die in den ersten 50 Jahren. Elf der letzten zwölf Jahre waren die wärmsten seit Beginn der flächendeckenden Temperaturmessung im Jahre 1850. Auch die Ozeane wurden bis in 3.000 Meter Tiefe wärmer. Durch die Erwärmung dehnen die Ozeane sich aus, wodurch der Meeresspiegel ansteigt. Im 20. Jahrhundert stieg er um 17 cm, wozu auch schmelzende Gletscher und schmelzendes Eis beitrugen.

Die Energiebilanz der Erde ändert sich durch die ankommende Sonnenstrahlung, die Konzentration von Treibhausgasen und Aerosolen (Partikeln) in der Atmosphäre sowie durch Eigenschaften der Erdoberfläche. Die Erkenntnisse darüber, welchen Anteil die einzelnen Faktoren an der Erderwärmung haben, sind erheblich besser geworden. Der 4. IPCC-Bericht sagt, der größte Teil der Erderwärmung sei mit höchster EURscheinlichkeit („very likely“) vom Menschen verursacht. Weitaus wichtigste Ursache sind die anthropogenen Treibhausgase, das wichtigste davon das ubiquitäre Kohlendioxid (CO2). Dessen Konzentration in der Atmosphäre ist von vor-industriellen 280 Parts per Million (ppm) auf 379 ppm im Jahre 2005 angestiegen – weit mehr als jemals in den letzten 650.000 Jahren, für welche die Konzentration aus Eisbohrkernen rekonstruiert ist. Wichtigste Ursache dieses Anstiegs ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Zwischen 2000 und 2005 setzte sie jedes Jahr durchschnittlich 26,4 Gigatonnen CO2 frei. Änderungen in der Landnutzung, wie Landwirtschaft und Waldvernichtung, setzten pro Jahr 5,9 Gigatonnen CO2 frei. Zweitwichtigstes Treibhausgas ist das Methan (CH4), dessen Konzentration in der Atmosphäre von vor-industriellen 715 Parts Parts per Billion (ppb) auf 1.774 ppb (2005) angestiegen ist. Wesentliche Ursachen für diesen Anstieg sind die Landwirtschaft und die Verbrennung fossiler Brennstoffe.

Das Klimasystem reagiert auf Treibhausgase in spezifischer Art und Weise. Eine Verdopplung der vor-industriellen Konzentration von 280 auf 560 ppm hätte nach entsprechenden Berechnungen eine Erwärmung von 3 °C zur Folge (equilibrium climate sensitivity). Welche weitere Erwärmung aber in Zukunft tatsächlich zu erwarten ist, hängt von den Annahmen über die künftige Emission an Treibhausgasen ab. Hier setzt die spezifische Szenario-Methodik des IPCC an. Es gibt keine Prognosen, sondern nur langfristige Wenn-Dann-Berechnungen. Seit dem 3. Sachstandsbericht 2001 sind mit Hilfe einer Reihe von Modellen zahlreiche solcher Simulationen erstellt worden, die eine gewisse Spannbreite möglicher Zukünfte auf Basis idealisierter Emissions- und Konzentrations-Annahmen ergeben. Der Bericht der WG I präsentiert sechs Szenarien: drei Szenarien der Kategorie A 1, das fossil-intensive Szenarium A1FI, das nicht-fossile A1T und das ausbalancierte A1B, sowie die Szenarien A2, B1 und B2 entsprechend einer CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 600, 700, 850, 1.250 und 1.500 ppm. Die Szenarien B1, A1B und A2 standen im Fokus mehrerer vergleichender Studien, die für die Feinabstimmung des Berichts angestellt wurden. Ein interessanter weiterer Fakt: Diese Szenarien decken keine zusätzlichen klimapolitischen Initiativen ab, auch nicht solche, die explizit die Umsetzung der in der UN-Klimarahmenkonvention und im Kyoto-Protokoll vorgesehenen Ziele betreffen. Sie sind also weder politisch motiviert noch besonders ambitioniert.

Ergebnis der Simulationen: Je nach unterstelltem Szenario liegt die weitere Erderwärmung bis zum Jahr 2100 zwischen 1,1 und 6,4 °C. Dem niedrigsten Temperaturanstieg (1,1 bis 2,9 °C, am wahrscheinlichsten 1,8 °C) liegt die Annahme zugrunde, es komme global zu einem schnellen Strukturwandel der Wirtschaft und zur raschen Einführung sauberer und effizienter Technologien. Dem höchsten Temperaturanstieg (2,4 bis 6,4 °C, am wahrscheinlichsten 4,0 °C) liegt die Annahme zugrunde, dass bei anhaltendem Wirtschaftswachstum die Verbrennung fossiler Brennstoffe nicht wirklich ihrem Ende zugeht.

Auswirkungen ...

Was sind die absehbaren Auswirkungen der Erderwärmung? Die WG II des IPCC bezieht sich in ihren Einschätzungen auf die Ergebnisse von mehr als 29.000 Datenreihen aus 75 Studien der WG I, auf eine Synthese von Studien, welche die regionalen und ökosystemaren Effekte betreffen, und auf Modellierungen, in denen natürliche und anthropogene Faktoren miteinander verknüpft wurden. Auf diese Weise entstanden zusätzliche Informationen über die zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme, Sektoren und Regionen.

Hier können nur einige Ergebnisse der WG II referiert werden: Die Erwärmung wird – so ist mit großer Bestimmtheit anzunehmen – in den nördlichen Breiten am stärksten sein. Es wird weniger Schnee geben, und das arktische und antarktische See-Eis wird zurückgehen – die Arktis könnte im Sommer eisfrei werden. Extreme Wetterlagen, wie Hitzewellen und Starkregen, werden zunehmen, und die tropischen Stürme, Taifune und Hurrikane, dürften heftiger werden. Regenfälle werden in den nördlichen Breiten zu-, in den Subtropen dagegen abnehmen. Die thermohaline Zirkulation im Atlantik wird sehr wahrscheinlich schwächer werden; ein „Umkippen“ im 21. Jahrhundert wird aber für unwahrscheinlich gehalten. Durch den Anstieg der Erdtemperatur wird auch der Meeresspiegel ansteigen – je nach Temperaturanstieg um 18 bis 59 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts. Hinzu käme aber womöglich der Anstieg durch abtauendes Eis in Arktis und Antarktis. Über die Dynamik des Abtauens und seine Auswirkungen gibt es jedoch noch erhebliche Ungewissheit. Es besteht nur mittlere Sicherheit (medium confidence), dass eine partielle Enteisung des Grönlandeisschildes und der Westantarktis über einen Zeitraum von Hunderten bis Tausenden von Jahren eintreten wird bei einer Erdtemperaturerhöhung von 1 bis 4 °C (gegenüber 1990 bis 2000), woraus ein Anstieg des Meeresspiegels von 6 Metern oder mehr entstehen könnte. Klar ist hingegen: Die Meere werden durch gelöstes CO2 saurer, der pH-Wert sinkt.

Für die detaillierte Darstellung der erwarteten Auswirkungen des Klimawandels verwendet die WG II zwei Blickweisen: eine sektorale und eine regionale. Hierzu jeweils, kurz gefasst, einige Beispiele:

Wasser: Es kommt zu steigender Wasserverfügbarkeit in feuchten Tropen und hohen Breiten und zu abnehmender Wasserverfügbarkeit und zunehmenden Dürren in mittleren und niedrigen Breiten. Hunderte Millionen Menschen dürften erhöhtem Wassermangel ausgesetzt sein.

Ökosysteme: Für bis zu 30% der Tier- und Pflanzenarten steigt das Aussterberisiko bei einer Temperaturerhöhung von 1,5 bis 2,5 °C. Es kommt zu zunehmender Korallenbleiche und Korallensterben. Die Ökosystemleistungen gehen tendenziell zurück.

Nahrung: Dürren und Überschwemmung werden die Nahrungsmittelproduktion reduzieren. Die Vorkommen von Fischarten werden sich regional verschieben. Die Holzproduktion könnte dagegen steigen (wegen des CO2-Düngeeffekts).

Küsten: Die Küstengebiete sind höheren Risiken ausgesetzt. Es wird zunehmende Schäden durch Fluten und Stürme geben, insbes. in den Flussdeltas Asiens und Afrikas und auf den kleinen Inseln.

Industrie, Siedlungen, Gesellschaft: Die Auswirkungen des Klimawandels werden in der Summe negativ sein, insbes. für Sektoren, die von Rohstoffen abhängen und von extremen Wetterlagen betroffen sind. Arme Gesellschaften werden aufgrund ihrer geringen Möglichkeiten der Anpassung und Vorsorge am stärksten betroffen sein.

Gesundheit: Belastungen von Millionen Menschen durch Unterernährung, Durchfall-, Herz-, Kreislauf- und Infektionserkrankungen und Todesfälle durch Hitzewellen, Fluten und Dürren werden ansteigen.

Die WG II spricht die Möglichkeit an, einige der sektoralen und regionalen Auswirkungen unter dem Begriff „schwerwiegende Verletzlichkeiten“ (key vulnerabilities) zu subsummieren auf Basis von Kriterien, die in der Literatur verwendet werden (magnitude, timing, reversibility, potential for adaptation, distributional aspects etc.), überlässt diese klimapolitisch wichtige Kategorisierung aber zukünftiger Arbeit. Regionalen Auswirkungen des Klimawandels gilt dagegen das besondere Interesse. Sie gehen weit über das hinaus, was im 3. Sachstandsbericht von 2001 konzipiert war. Dazu mehrere kurze Übersichten:

In Afrika werden bis 2020 durch den Klimawandel 75 bis 220 Millionen Menschen unter zunehmendem Wassermangel leiden. Die Anbaufläche für Nahrungsmittel und die Erträge werden abnehmen (in manchen Regionen bis um 50% bis 2020); die Unterernährung wird zunehmen.

In Asien wird die Verfügbarkeit von Wasser in den großen Flussbecken abnehmen; bis Mitte des Jahrhunderts könnten hiervon mehr als eine Million Menschen betroffen sein. Fluten und Dürren werden Durchfallerkrankungen zunehmen lassen, steigende Wassertemperaturen die Cholera fördern.

In Europa werden fast alle Regionen unter dem Klimawandel leiden, durch Überschwemmungen, zunehmende Stürme und Verluste an Artenvielfalt und Ökosystemen. Südeuropa wird unter zunehmender Trockenheit und geringeren Erträgen in der Landwirtschaft leiden, in Mittel- und Osteuropa können Trockenzeiten häufiger werden. In Nordeuropa ist insbes. mit Schäden durch Überschwemmungen zu rechnen.

In Lateinamerika wird zunehmende Trockenheit dazu führen, dass die Regenwälder im östlichen Amazonasgebiet durch eine Savannenvegetation ersetzt werden. In den Tropen besteht die Gefahr des Verlustes an biologischer Vielfalt; in den trockenen Regionen kann es zu Wüstenbildung und sinkenden landwirtschaftlichen Erträgen kommen. Änderungen der Niederschlagsverteilung werden Wasserversorgung und Energiegewinnung beeinträchtigen.

In den Polarregionen werden Dicke und Ausmaß der Gletscher und Eisschichten weiter zurückgehen und die Ökosysteme sich verändern. Dies wird negativ sein für Seevögel und Säugetiere. Die traditionelle Lebensweise der Bewohner/innen der Arktis ist gefährdet.

Kleine Inseln sind besonders vom ansteigenden Meeresspiegel und seinen Auswirkungen auf die Küsten betroffen, der zudem Fischerei und Tourismus schädigen dürfte. In der Karibik und im Pazifik wird die Wasserversorgung betroffen sein.

... und Kosten

Anpassung an den Klimawandel (adaptation) oder Verringerung der Emissionen und Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels (mitigation)? Das ist das zentrale Thema der Working Group III. Es ist nicht nur ein naturwissenschaftliches, es ist auch und besonders ein ökonomisches Thema. Parallel zum IPCC-Bericht hat sich hierzu ein Team um Sir Nicholas Stern mit großem Aufwand zwei Fragen gewidmet: Welche Auswirkungen werden die künftigen Emissionen von Treibhausgasen haben – und was werden sie kosten? Und: Was kosten und nutzen die Maßnahmen, welche die Emission von Treibhausgasen reduzieren können?

Die Kosten der Auswirkungen des Klimawandels zu ermitteln, ist, wie die Autoren zu Recht sagen, eine „echte Herausforderung“. Monetäre Bewertungen höchst heterogener und langfristiger Entwicklungen sind mit vielfältigen methodischen und ethischen Fragen verbunden. Wie etwa sollen die erwarteten Todes- und Krankheitsfälle bei den Kosten des Klimawandels angemessen berücksichtigt werden? Was sind Kosten und Nutzen heute im Vergleich zu denen im Jahr 2050 oder 2100 (Diskontierungsproblematik)? Den Stern-Report intensiv zu diskutieren, wäre einen eigenen Beitrag wert. Ich gehe hier stattdessen von der eher heroischen Annahme aus, dass die Komplexität solcher Bewertungen allgemein bekannt ist, und gebe die Ergebnisse in stark verkürzter Form wieder:

Erstens: Die rein monetären Kosten des Klimawandels dürften bei mindestens 5% des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, jetzt und für immer. Zweitens: Berücksichtigt man die Auswirkungen auf die Ökosysteme und die menschliche Gesundheit, ergibt sich eine Größenordnung von 11%. Drittens: Berücksichtigt man ferner die möglichen Rückkopplungen und notwendigen Transferleistungen aus der unterschiedlichen Betroffenheit der Weltregionen, dann steigen die Kosten auf etwa 20%. Die Kosten eines ungebremsten Klimawandels liegen demnach irgendwo auf der Skala von 5 bis 20% des globalen BIP – nach Stern vermutlich am oberen Ende. (Um diese Größenordnung zu verdeutlichen, bringt er den viel zitierten, aber auch umstrittenen Vergleich mit den Kosten der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre).

Die Alternative zu diesen möglichen Schäden des Klimawandels liegt in den Kosten der Maßnahmen, welche die Emission von Treibhausgasen reduzieren können. Hierbei spielen im Stern-Report zwei Annahmen eine zentrale Rolle. Zum einen wird die Absorptionskapazität der natürlichen Ökosysteme auf 5 Milliarden Tonnen CO2 geschätzt. Zum anderen müsste für eine Stabilisierung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei etwa 450 ppm der weitere Anstieg der Emissionen in den nächsten 10 Jahren gestoppt werden und danach um gut 5% jährlich fallen. (Für eine Stabilisierung bei 550 ppm müsste diese Rate 1 bis 3% jährlich betragen – je nachdem, wann der Anstieg endet). Dazu werden vier Maßnahmengruppen näher diskutiert: die Reduzierung der Nachfrage nach energieintensiven Gütern und Dienstleistungen; eine drastische Erhöhung der Energieeffizienz; ein Stopp der Waldvernichtung; der Übergang zu Energiequellen, die nicht auf Kohlenstoff basieren. Stern et al. schätzen, dass die Maßnahmen für eine Stabilisierung der CO2-Konzentration bei 500 bis 550 ppm bis zum Jahr 2050 insgesamt etwa 1% des globalen BIP pro Jahr kosten werden. Das Fazit daraus: Die Kosten eines effektiven Klimaschutzes sind erheblich geringer als die Kosten des Nicht-Handelns. Und: Je später mit dem Klimaschutz begonnen wird, desto teurer wird er.

Der zweite Teil des Stern-Reports beschäftigt sich (so wie WG III des IPCC) mit der Frage, welche Politik den notwendigen Paradigmenwechsel einleiten könnte. Drei zentrale Elemente einer künftigen Klimapolitik werden diskutiert. Erstens: Kohlenstoffemissionen müssen einen Preis bekommen – egal, ob durch Emissionshandel, durch Steuern oder gesetzliche Regelungen; zweitens: Kohlenstofffreie Technologien zur Energieerzeugung müssen gefördert werden; dies kann eine Entwicklung beschleunigen, die über die übliche Lernkurve und Mengeneffekte zu wettbewerbsfähigen Preisen führt; drittens: Verhaltensbarrieren müssen beseitigt werden, die heute noch dazu führen, dass kosteneffektive Maßnahmen zur besseren Energienutzung nicht umgesetzt werden. Stichworte hierzu: Mindeststandards für Energieeffizienz; umfassendere Information über Energieverbrauch und Möglichkeiten besserer Energienutzung.

Diese Punkte des Stern-Reports zeigen es schon: Klimapolitik ist globale Politik. Wirksames kollektives Handeln ist gefordert – und es muss bald beginnen. Womit ich beim eigentlichen Thema angekommen bin – bei Kyoto I und Kyoto II (III).

Von Kyoto I zu Kyoto II (III)

Das bisher einzige Umsetzungsprotokoll der UN-Klimarahmenkonvention – das „Kyoto-Protokoll“ von 1997, das erst im Jahre 2005 in Kraft trat – läuft bereits 2012 aus. Zeit also, über Kyoto II zu verhandeln und über Kyoto III nachzudenken.

Das Kyoto-Protokoll ist eine zentral wichtige, völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung über die Reduzierung der Treibhausgasemissionen; es gibt keine echte Alternative zu einem multilateralen Ansatz der Klimapolitik. Zudem ist es ein Vertrag mit hoch-innovativen ökonomischen Mechanismen. In der bisherigen Fassung ist es aber ein schwacher Vertrag. Dies vor allem aus drei Gründen: Die Zielsetzung ist nicht ambitiös genug; es sind zu wenige Emissionsländer in die Verpflichtungen einbezogen worden; die Sanktion gegen Zielverfehlung ist unzureichend. Zwischen der Verabschiedung des Vertrages (1997) und seinem Inkrafttreten (2005) ist ein anderer Konstruktionsfehler, der Anreizmechanismus, nachgebessert worden, allerdings nur halbherzig. Es fehlt noch immer die notwendige Balance zwischen Anreiz und Sanktion („Zuckerbrot und Peitsche“), wie sie zum Beispiel im „Montreal-Protokoll“ zum Schutz der stratosphärischen Ozonschicht vorbildlich angelegt ist.

Immerhin: der Clean Development (CDM) -Mechanismus ist seit zwei Jahren in Kraft und hat mit seinen bisher zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vereinbarten rund 1.200 Projekten ein Emissionsminderungspotenzial bis zum Jahr 2012 von rund 1,5 Milliarden Tonnen CO2. Der Joint Implementation (JI)-Mechanismus ist erst seit wenigen Monaten in Kraft – mit einem Minderungspotenzial von mehreren Hundert Millionen Tonnen. Das Potenzial des Emissions Trading (ET)-Mechanismus ist theoretisch enorm, faktisch aber entscheidend abhängig von den staatlichen Reduzierungsvorgaben – den so genannten Caps, den quantitativen Emissionsgrenzen – und dem tatsächlichen Zertifikatspreis, der sich auf dem CO2-Markt ergibt – also hoch oder niedrig sein kann. (Dass der Zertifikatspreis in Deutschland zeitweise „in den Keller gegangen“ ist, ist eindeutig auf handwerkliche Fehler bei der Umsetzung zurückzuführen: zu wenige Marktteilnehmer, zu schwache Reduzierungsvorgaben, Geschenk statt Verkauf der Emissionsrechte). Die im Rahmen des Kyoto-Protokolls inzwischen eingerichteten Klima-Fonds mögen für Informations- und Kommunikationsaufgaben ausreichend sein; für die Anpassung an den stattfindenden Klimawandel und die Vermeidung eines gefährlichen weiteren Klimawandels sind sie aber völlig unzureichend.

All diese Mechanismen bedürfen daher zunächst der Nachjustierung. Der CDM bringt bisher zu wenig für Afrika, während er in China boomt. Der JI bedarf einer Effizienzphilosophie im Empfängerland, die insbes. in den Ländern Osteuropas und in Russland nicht anzutreffen ist. Der ET-Mechanismus in Europa ist wiederum zu lasch, zu kohlefreundlich, die Zertifikate wurden verschenkt und nicht versteigert. Während die EU-Kommission sich gezwungen sah, ihren eigenen, flexibel formulierten Vorgaben gegenzusteuern, haben andere Regionen der Welt (wie Nordamerika und Ostasien) einen ET-Mechanismus noch gar nicht etabliert.

Es stellt sich aber auch die Frage, ob das bisherige Kyoto-Instrumentarium nicht ergänzt werden muss. Jede nationale Politik steht ja in ihrer Lenkungsfunktion auf mehreren Beinen. Wieso soll das für die internationale Klimapolitik nicht auch gelten? – Die wissenschaftliche Literatur zu globalen Umweltproblemen behandelt eine Mengenlösung (wie Emissionszertifikate) und eine Preislösung (wie Steuern) grundsätzlich als gleichwertig. Und der konkreten Vorschläge zur einer Preislösung gibt es einige: Abgaben auf die Nutzung globaler Güter (wie Flugverkehr und Seetransport), Einführung einer allgemeinen CO2-Steuer u.a.m. Dem, was theoretisch empfehlenswert und praktisch geboten ist, stehen allerdings massive partikulare Interessen gegenüber. Und die Frage ist, ob ein aktualisiertes Werk wie das von Meadows et al., ein faszinierender Film wie der von Al Gore, ein umfassender Report wie der von Stern et al. und ein cooler Sachstandsbericht wie der des IPCC daran etwas ändern werden.

Damit sind schon die Essentials für ein Kyoto II angesprochen: Die Zielmarke muss erhöht, die Zahl der Akteure vermehrt, das Instrumentarium erweitert und ergänzt werden, die Sanktionen müssen verschärft und die Anreize verstärkt und fundiert werden. Eine zentral wichtige Frage ist hierbei, ob ein Konsens über ein konkretes Klimaschutzziel selbst hergestellt werden kann. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) hat die Fixierung einer globalen Temperatur-Leitplanke von 2 °C über dem vor-industriellen Niveau vorgeschlagen (was einer CO2-Konzentration von etwa 450 ppm entspräche). Die Grundidee dieses Vorschlages: Alles, was über eine Erderwärmung von 2 °C hinausgeht, ist gefährlich.

Zunächst geht es um Kyoto II, den Vertrag ab 2012, der wohl nicht in Kyoto, sondern 2009 in Kopenhagen vereinbart werden wird. Dann aber geht es auch um die Perspektive für die Zeit danach, die Periode bis 2050, um Kyoto III, auf die viele klimapolitische Perspektiven ohnehin ausgerichtet sind, die Klimawissenschaft allemal.

Ressourcenleichte Wirtschaft

Physikalisch betrachtet geht es beim Kyoto-Protokoll (Kyoto I, II und III) vor allem um De-Karbonisierung: um die Formulierung und Durchsetzung bestimmter internationaler De-Karbonisierungs-Standards. Das Erdsystem ist aber nicht nur von CO2-Emissionen bedroht. Vielmehr ist der gesamte industrielle Metabolismus überhöht, das heißt auch und besonders: der globale Materialdurchsatz – und damit der „ökologische Rucksack“ der Industriegesellschaft. Die CO2-Last eines Europäers beispielsweise liegt im Durchschnitt bei etwa 9 Tonnen pro Jahr; der Totale Materialdurchsatz (TMD) aber bei fast 70 Tonnen. Das Ziel „emissionsarme Technologie“ muss daher durch das Ziel „ressourcenleichte Wirtschaft“ ergänzt werden – De-Materialisierung ist angesagt.

Mehrere strategische technologische Mechanismen kommen hier in den Blick, von denen einige im Bericht der WG III des IPCC auch diskutiert werden. Ich nenne hier vor allem

  • die drei E’s: Energieeinsparung, Energieeffizienz, Erneuerbare Energien;

  • die drei R’s: Reduce, Re-use, Recycle;

  • das große S: CO2-Sequestrierung und letztlich
  • das grundsätzliche i.e.: Industrielle Ökologie.
  • Viele derer, die eine völkerrechtliche Behandlung des Klimaproblems – und damit das Kyoto-Protokoll – ablehnen oder gering schätzen, setzen auf die „technologische Karte“, auf so genannte Leuchtturmprojekte, ein „Apollo-Programm“, auf strategische Innovationspolitik – von der Wasserstoffwirtschaft über die Kohlenstoff-Sequestrierung bis hin zu großtechnischen erneuerbaren Energien. Diesen Interessen könnte, ja sollte man entgegenkommen, wenn es dabei um klimaschützende Technologiekooperation geht.

    Die UN-Klimarahmenkonvention lässt grundsätzlich mehrere Umsetzungsprotokolle zu. Es ist also nicht nötig und vielleicht auch gar nicht klug, die internationale Klimapolitik nur mit Hilfe eines primär ökonomisch konzipierten Protokolls à la Kyoto umsetzen zu wollen. Auch ein technologisch konzipiertes Umsetzungsprotokoll könnte unter der Obhut der Klimarahmenkonvention ausgehandelt werden, vorzugsweise dort, wo die Gegner des Kyoto-Protokolls sitzen – beispielsweise in Houston, Texas.

    Mit einer solchen Doppelstrategie – Verbesserung des Kyoto-Protokolls („Kyoto II“) und Vereinbarung eines Technologieprotokolls („Houston-Protokoll“) – ließen sich, einen gewissen Optimismus über die gesellschaftsinterne Dynamik der USA und deren Nachahmer unterstellt, nicht nur die bisherigen Boykotteure ins Feld der internationalen Klimapolitik (zurück-)holen, sondern auch jene Trittbrettfahrer, die sich mit ihrem niedrigen Entwicklungsstand aus der Verantwortung herausreden konnten – oder auf die ökologischen Schulden Anderer verweisen, ohne an die rasch anwachsenden eigenen Schulden zu denken.

    Das Anreiz- und Sanktionssystem eines solchen Vertrages sollte Prinzipien enthalten, die zum Teil schon in Anwendung und technologisch höchst innovativ sind, wie z.B. das „Front-Runner“- und das „Zero-Emissions-Prinzip“, das „Faktor-4“- und das „Faktor-10“-Konzept. Es müsste auch dafür gesorgt werden, dass das Patentrecht einen groß angelegten klimabezogenen Technologietransfer nicht im Keime erstickt.

    Institutionelle Innovationen

    Es gibt noch eine andere große, für unser Thema wichtige Idee. Parallel zur Präsentation des ersten Teils des 4. Sachstandsberichts des IPCC hatte der damalige französische Staatspräsident zu einer Umweltkonferenz nach Paris eingeladen. Jacques Chirac hielt ein flammendes Plädoyer für eine Revolution des Bewusstseins, der Ökonomie und des politischen Handelns („la révolution des consciences; la révolution de l’économie; la révolution de l’action politique“): „Der Planet leidet, doch warum tun wir uns so schwer mit den notwendigen Maßnahmen? Weil wir uns mit schuldhaftem Egoismus weigern, die Konsequenzen der Umweltzerstörung zu akzeptieren.“

    Eine große institutionelle Reform käme einer solchen Revolution des politischen Handelns gleich: die Transformation des finanziell und personell nur unzureichend ausgestatteten Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in eine schlagkräftige Weltumweltorganisation (Global Environment Organisation – GEO) bzw. Weltumwelt- und -entwicklungsorganisation – WEDO. Das könnte strategisch wichtig sein, nicht nur der zukünftigen internationalen Klimapolitik wegen. Auch die Koordination der anderen Sektoralpolitiken bedarf dringend einer stärkeren Institutionalisierung im UN-System. Der Erhalt der Biodiversität und der Wälder, der Schutz der Böden, die Sicherung der Wasserversorgung – all diese globalen Aufgaben sind vom Klimawandel tangiert und mit diesem rückgekoppelt. Durch Kooperation, Addition und Integration der parzellierten globalen Umweltpolitiken zu einer kohärenten „Weltumweltpolitik“7 zu gelangen, dürfte eine zentral wichtige politische Aufgabe der Zukunft sein.

    Parität ist also das Mindeste, was zu schaffen ist, wenn, wie Sir Nicholas Stern sagt, der Klimawandel das größte Marktversagen ist, das die Welt je gesehen hat („Climate change is the greatest market failure the world has ever seen“). Die internationale Klimapolitik braucht eine neue Dynamik, braucht Vorreiter und „Nachbrenner“, sie braucht vor allem Fortschritt ohne Rücksicht auf mögliche Profiteure des Untergangs. Das aber wird es nur geben, wenn alle relevanten Akteur/innen – Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – nicht nur die Realität des Klimawandels akzeptieren, sondern auch die Verantwortung dafür. Denn: „Wir allein wissen und können zugleich. Oder zumindest wissen wir, dass wir können sollten“8.

    Anmerkungen

    1) Titel und Untertitel dieses Beitrags verdanken sich einer Sentenz von Hans Joachim Schellnhuber: „Die Beweisaufnahme im Indizienprozess ist nun abgeschlossen. Der Täter ist überführt – der Mensch verändert das globale Klima. Jetzt können wir noch das Strafmaß – das Ausmaß an Schäden – beeinflussen.“

    2) Meadows, Donella/Jørgen Randers/Dennis Meadows: Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update, Stuttgart 2006

    3) Stern, Nicholas, et al.: The Economics of Climate Chance, London 2006

    4) IPCC (Working Group I): Climate Change 2007: The Physical Science Basis, Geneva 2007

    5) IPCC (Working Group II): Impacts, Adaptation and Vulnerability, Geneva 2007

    6) IPCC (Working Group III): Mitigation of Climate Change, Geneva 2007

    7) Simonis, Udo E.: Weltumweltpolitik. Grundriss und Bausteine eines neuen Politikfeldes, 2/Berlin 1999

    8) Paoli, Guillaume: Wir sind die Verbrecher. Klimaschutz braucht Revolution, in: FAZ, 22. Nov. 2006


    Prof. Dr. Dr. h.c. Udo E. Simonis arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB); Arbeitsschwerpunkte: Ökologisierung der Industriegesellschaft und Internationale Umweltpolitik. Der Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Vortrages am Schweizerischen Institut für Auslandforschung in Zürich (April 2007).

    Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion