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Klaus Holzkamp

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15.08.2007: Deutschland sucht die exzellente Super-Uni

  
 

Forum Wissenschaft 3/2007

Im Juli konstatierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in ihrem Jahresbericht, das Jahr 2006 habe im Zeichen der Exzellenz gestanden. Sie prognostizierte, die Exzellenzinitiative werde die Republik auch weiterhin in Atem halten. Petra Sitte und Sandra Brunner belegen: Das stimmt in mehrerer Hinsicht, wenn auch anders als von den ursprünglichen AutorInnen gemeint.

In der Tat, Exzellenz ist das neue Hoffnungswort. Sie sucht sich ihren Weg durch Institutionen und Verfahren. Früher verpönt, dient sie nun als Steuerungs- und Wettbewerbsinstrument – in Hochschulhaushalten, zwischen den Hochschulen, bei der Forschungsförderung, in Rankings oder Evaluierungen. Der Hauptpreis des Auswahlmarathons ist die von Bund und Ländern im Juni 2005 beschlossene Exzellenzinitiative. Bis 2011 werden 1,9 Milliarden Euro in ausgewählte Universitäten fließen. Spitzen sollen so sichtbar, die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt und eine Leistungsspirale in Gang gesetzt werden. Ähnliches initiierte im Februar die sächsische Landesregierung. Auch sie setzt auf Diversifizierung und technikzentrierte Spitzenforschung. Die vier sächsischen Universitäten erhalten bis 2013 rund 110 Millionen Euro. Auch Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) überraschte Ende Juni 2007 die Stadt und den Koalitionspartner mit seinem Plan zur Gründung einer Super-Universität. Sie solle die herausragenden Exzellenzfelder der drei Berliner Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen bündeln. Zöllner will so Harvard und Stanford auf Augenhöhe begegnen. Befürchtungen, das Riesenbaby werde sich von den Filetstücken der Wissenschaftseinrichtungen ernähren und so die Erfolgsaussichten der Berliner Bewerbungen im Exzellenzwettbewerb schmälern, konnte er bislang nicht ausräumen.

Der Exzellenz-Begriff also hat Konjunktur. Oftmals wird Exzellenz mit Elite gleichgesetzt – Elite, das neue Mode-Wort, Label und Visitenkarte für tatsächliche oder vermeintlich vorhandene Spitzenforschung. Elite und Exzellenz sind zu Inbegriffen für Relevanz und Zukunftsfähigkeit, Wettbewerb und Innovation, Clusterausrichtung und Netzwerkbildung sowie für Verwertungsorientierung und Wissenstransfer geworden.

Aber was ist dran an Exzellenz respektive Elite? Prämiert sie tatsächlich hervorragende Forschungsleistungen – oder schafft sie sich erst die gewünschten Eliten? Sind die verwendeten Kriterien tauglich, um über alle Wissenschaftsbereiche hinweg Leistungsfähigkeit zu messen und Defizite offen zu legen?

Die Kriterien

Die Identifizierung wissenschaftlicher Qualität innerhalb der Exzellenzinitiative geschieht anhand von – für allgemeingültig erklärten – Kriterien über alle Disziplinen hinweg. Dabei dominieren quantitative Indikatoren. So werden Forschungsqualität und -leistung sowie deren Bedeutung an der Zahl von Publikationen, der Höhe von Drittmitteln oder auch an der Häufigkeit von Zitationen gemessen. Die Begutachtung erfolgt durch Fachkollegien. Auf qualitative Indikatoren wie eine gute Lehre, Nachwuchsförderung oder Gender-Aspekte stützen sich die Bewertungen kaum.

Die Förderkriterien beziehen sich auf klare Governance, auf die Exzellenz der Hochschule als Ganzes und die der Profil bildenden Forschungsbereiche, auf internationale Kooperationen und Forschungsverbünde. Sie orientieren auf Originalität sowie Innovation, und sie sollen Hoffnung auf qualitative Sprünge bieten.

Eigentlich, so könnte man meinen, hätten alle Beteiligten zufrieden sein müssen. Statt dessen gab es nach der Förderentscheidung der ersten Runde im Oktober 2006 großen Unmut: Die im Bewilligungsausschuss vertretenen WissenschaftsministerInnen der Länder drohten die abschließende Sitzung zu sprengen. Sie sahen sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Fokus ihrer Kritik lag auf der ungenügenden Berücksichtigung ost- und norddeutscher Universitäten und der willkürlichen Herab- oder Heraufstufung von Clustern. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) monierte zudem im November die mangelnde Einbeziehung von Geistes- und Sozialwissenschaften.

Doch kam diese Entscheidung wirklich überraschend? Begründete nicht schon die Konzeption der Exzellenzinitiative – die im Wege der Sprachkosmetik dazu wurde, weil die SPD „Elite“ nicht verwenden wollte – den Ausschluss ganzer Wissenschaftsbereiche? Fast könnte man meinen, die Politik habe über die von ihr selbst vertieften Gräben und über das Tempo der angestoßenen Veränderungen kalte Füße bekommen. Vor dem Hintergrund, dass die Wissenschaft stets betonte, fachfremde Kriterien sollten bei der Bewertung keine Rolle spielen, dass ergo auch keinerlei politische Rücksichtnahmen, Regionalquoten oder ähnliches geben solle, mutet die Getroffenheit manch einer nicht berücksichtigten WissenschaftsministerIn kurios an.

Die Dynamik

Unbestreitbar mutierte der Wettbewerb innerhalb der Wissenschaftslandschaft zu Rivalität und Konkurrenzdenken, und das in ganz neuer Dynamik. Die Antragsbearbeitung habe eine fruchtbare Debatte über die Profilbildung der Hochschule angestoßen, habe Stärken und Schwächen analysiert sowie Kooperationsideen hervorgebracht, so der ehemalige DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker.1 Selbst leer ausgehende Hochschulen würden so zu den Gewinnern gehören.

Richtig daran ist: 1,9 Milliarden Euro bedeuten einen erheblichen Zugewinn für die Forschung. Die verabredeten Kooperationen zwischen Hochschulen, außeruniversitären Einrichtungen und Unternehmen aus der Region brechen die Versäulung der Forschungslandschaft auf und lenken den Blick auf die wichtige Rolle der Hochschulen bei der Transformation bisheriger gesellschaftlicher Strukturen in die neue Wissensgesellschaft. Gleichzeitig jedoch klassifiziert die Exzellenzinitiative die Hochschulen in einer rasanten Geschwindigkeit. Seit dem 16. Oktober 2006 existieren nun exzellente Graduiertenkollegs, Cluster und so genannte Elite-Universitäten. 873 Millionen wurden für die erste Förderrunde universitärer Spitzenforschung locker gemacht. Am 12. Oktober 2007, wenn Wissenschaftsrat (WR), DFG sowie Wissenschaftspolitik die zweite Runde entscheiden, rücken weitere Hochschulen in die drei Spitzenklassen auf.

Das Zauberwort Elite und die Angst, nicht zur neuen Exzellenz zu gehören, führen zu einer radikalen Transformation des Hochschulsystems: Akademische Freiheit und Vielfalt werden auf dem Altar der Antragsrhetorik geopfert. Bildungsideale wollen schlichtweg nicht in das herrschende Verständnis von Wertschöpfungsketten passen. Relevante Wissenschaft ist nur die, die unmittelbar nützlich ist. Produktentwicklung, Effizienz und Ranglisten sind die neuen Orientierungspunkte. (Zwangs-)Verbünde und die Bildung von Netzwerken sollen kritische Masse schaffen. Wissenstransfer dient immer weniger der geistigen, kulturellen und sozialen Weiterentwicklung einer Gesellschaft, sondern wird immer mehr in den engen Pfad wirtschaftlicher Verwertbarkeit gezwängt.

Die Auswahl

Im Ergebnis der ersten Runde wurden 18 Graduiertenschulen, 17 Exzellenzcluster und drei Zukunftskonzepte ausgewählt. Die Begutachtungsgremien sind groß und international. Je internationaler das Peer Review, desto schwerer wiegt die Exzellenz-Weihe. – Die Graduiertenkollegs sollen den Nachwuchs fördern und so führende und international wettbewerbsfähige Standorte in Deutschland herausbilden. Unter den 18 ausgewählten Schulen sind nur vier geistes- und sozialwissenschaftliche. Die Übrigen entfallen auf Lebens-, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Lediglich zwei der Nachwuchsschulen sind interdisziplinär angelegt. – Mit den Exzellenzclustern sollen die Universitäten thematische Prioritäten setzen und für diese Profilbildung strategische Partnerschaften eingehen. Von den 17 ausgewählten Clustern gehört allein eines zu den Geistes- und Sozialwissenschaften und nur vier sind interdisziplinär. Dominant sind die Naturwissenschaften mit sechs geförderten Clustern und die Lebenswissenschaften sogar mit sieben. – Mit der Förderlinie Zukunftskonzepte sollen die Universitäten ihre herausragenden Bereiche entwickeln, um sich in der internationalen Spitzengruppe zu etablieren. Voraussetzung für den Millionenzuschlag ist, dass die Hochschule zuvor schon Gewinnerin eines Exzellenzclusters und eines Graduiertenkollegs war. Drei Universitäten dürfen sich mit dem halb-offiziellen Titel Elite-Universität schmücken: die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), die Technische Universität München (TUM) und die Universität Karlsruhe, ebenfalls eine Technische Hochschule. – In Karlruhe werden Forschungsbereiche der Universität und des Forschungszentrums Karlsruhe im Karlsruhe Institute of Technology (KIT) zusammengeführt. Im erklärten Konkurrenzprojekt zum Massachusetts Institute of Technology (MIT) sind Nanotechnologie, GRID Computing, Material- und Fusionsforschung sowie Astroteilchenphysik die primären Forschungsfelder. – Die LMU will sich als weltweite Partnerin zur Identifikation und zur Lösung von Zukunftsfragen um Mensch, Gesellschaft, Kultur, Umwelt und Technologie etablieren. – Die TUM wurde für ihren unternehmerischen Ansatz prämiert. Er soll in Schule und Berufsmärkte integriert werden, umfasst die Auswahl der Studierenden durch ein Admission Center und Headhunting nach den besten ProfessorInnen. Thematisch stehen Natur- und Ingenieurwissenschaften, Medizin und Lebenswissenschaften im Vordergrund.

Die Ergebnisse der drei Förderlinien zeigen: Es dominieren die Ingenieur-, Natur- und Lebenswissenschaften. Das Bewertungsmuster lässt zu wenig Raum, um auf die akademische Vielfalt adäquat eingehen zu können. Die Orientierung an quantitativen Indikatoren legt die Benachteiligung von Geistes- und Sozialwissenschaften in die Bewertungs-Wiege. Ihre geringere Drittmittelquote liegt im Vergleich zu den Technikwissenschaften in der Natur der Sache. Letztere sind schlichtweg kosten- und geräteintensiver. Zudem wird die Herausgabe großer Publikationen, wie sie für die Geisteswissenschaften kennzeichnend ist, weniger gewürdigt als die große Anzahl kleinerer Artikel in den Naturwissenschaften.

Auch ist die Forderung nach Clusterbildung den Technikwissenschaften entlehnt; sie führt zu deren Bevorzugung. Für Naturwissenschaften ist es ungleich einfacher, sich mit der Medizin zu verbinden als für Orientalistik, dies mit der Materialforschung zu versuchen. Das Setzen auf Teamorientierung benachteiligt individualisierte GeisteswissenschaftlerInnen im Vergleich zu Laborteams schon bei den Startchancen. Der strenge Anwendungsbezug macht es den Sozial- und Geisteswissenschaften auch im „Jahr der Geisteswissenschaften“ schwer, im Wettbewerb um die vermeintlichen Eliten zu bestehen.

Die Unterrepräsentanz von Frauen ist ebenfalls hausgemacht, tummeln sich Wissenschaftlerinnen doch nur wenig in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Hier liegt der Frauenanteil im Durchschnitt bei acht Prozent. Wenn bei den Exzellenzclustern nur die Universität Konstanz mit einem geistes- und sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt auf den vorderen Rängen landet, dann kann offen davon gesprochen werden, dass die Exzellenzinitiative Wissenschaftlerinnen benachteiligt.

Die Auswirkungen: Umbau, ...

Die Exzellenzinitiative wird zu einer weiteren Differenzierung der Hochschulen führen. Dies ist auch gewollt, wie Jürgen Zöllner als derzeitiger Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) auf der DFG-Jahresversammlung im Juli betonte. Man muss noch hinzufügen: Auch innerhalb der Hochschulen sowie zwischen Ost und West wird diese Deklassierung bewusst in Kauf genommen. Die Merkmale der Diversifizierung sind schon erkennbar:

Anders als der Hochschulpakt 2020 fördert die Exzellenzinitiative nicht Verbesserungen in der Lehre, sondern sie befördert die Konkurrenz thematisch geschlossener Forschungskonzepte. Nur die Förderlinie der Graduiertenschulen misst der Lehre Bedeutung bei. Der international beachtete und gelobte Vorzug der Einheit von Forschung und Lehre wird aufgekündigt. So ist der Umbau der Gewinnerhochschulen zu Forschungsuniversitäten programmiert. Flankiert wird diese Entwicklung durch Ideen zur Schaffung von Forschungs- bzw. Lehrprofessuren. Anwendungs- und lehrorientierte Fachhochschulen werden noch stärker an den Rand gedrängt.

Der Exzellenzwettbewerb wird einerseits Massen-Universitäten mittlerer Qualität und als Ausbildungsanstalten hervorbringen. Andererseits konzentrieren sich im Süden Elite-Universitäten. Sie werden weiter Mittel akkumulieren: „The winner takes it all.“

Der Sieg der Elite-Hochschulen war absehbar und geht zudem auf eine stringente Numerus-Clausus-Praxis zurück. Auf Kosten von Lehrangeboten wurde der Forschung über Jahre Vorrang eingeräumt. Infolge dessen landeten genau diese Hochschulen bei dem im Oktober 2006 veröffentlichten DFG-Förder-Ranking alle auf vorderen Plätzen. Auf die vorderen 20 Hochschulen entfallen mehr als die Hälfte aller Forschungsfördermittel der DFG. Auf die ersten zehn Universitäten, zu denen Karlruhe und die beiden Münchener Universitäten gehören, entfiel sogar ein Drittel. Die Top Ten arbeiten in der Mehrzahl an lebens-, natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Förderschwerpunkten. Schon insoweit gab es also keine gleichen Startbedingungen für alle Hochschulen. Die psychologische Wirkung, ob man zu den Gewinnern oder Verlierern gehört, dürfte ein ebenfalls zu beachtender Effekt der Exzellenzinitiative sein. Dabei ist aber nicht nachgewiesen, dass dort, wo viel Geld hinfließt, auch tatsächlich Exzellenz herauskommt. Zudem ist ein deutsches Harvard eine Illusion. Als Stiftungsuniversität hat Harvard ein Vermögen von rund 26 Milliarden Dollar. Die rund 21 Millionen Euro pro Elite-Universität nehmen sich da recht mager aus. Hinzu kommen die sozialen Auswirkungen: Elite-Universitäten werden ihre Studierendenauswahl verschärfen. Und nicht erst seit Veröffentlichung der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes im Juni wissen wir: Akademiker/innen produzieren Akademiker/innen.

Die Exzellenzinitiative führt zu einem tiefen Umbruch in der Wissenslandschaft. Im Kern läuft der Elite-Kampf auf eine gezielte Präferenz der Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften hinaus. Als schon dominante Wissenschaften werden sie in Erwartung des Elite-Titels „getunt“. Die unterrepräsentierten Sozial- und Geisteswissenschaften ziehen im inneruniversitären Ressourcenkampf aufgrund der Förderformate zwangsläufig den Kürzeren. Die gewählte Elite besticht durch ihre Einseitigkeit.

Wachstum von Institutionen und Disziplinen allein ist noch kein Beleg dafür, dass sich neue Erkenntnisse einstellen. Die fast zwanghafte Verclusterung der Wissenschaftslandschaft erweckt den Eindruck, als würden Forschungsverbünde aktionistischer Selbstzweck. Großprojekte solchen Ansatzes führen nicht nur zur Exklusion von Geistes- und Sozialwissenschaften, sondern auch von Forschungsthemen. Gelenkt wird, was und wie geforscht, organisiert und kontrolliert wird. Antragsrhetorik wird eingeübt, und Institutionen werden nach Fördermitteln ausgerichtet. Der Abschied von der Volluniversität und der akademischen Vielfalt werden eingeleitet, die Wissenschaftslandschaft wird einseitiger und die Universität mit einem Humboldtschen Bildungsansatz seltener. Exzellenz wird also gemacht. Zukünftig wird der Name der Universität entscheidend sein für Geld, Ausbildung und Forschung. Es geht um Reputation, nicht um Leistung. Und: Die finanzielle Sogwirkung hat auch eine personale Auswirkungen. Zukünftig werden die Top-Universitäten das Personal nur noch unter sich austauschen.

... Ausschlüsse, Abhängen, Entdemokratisierung

Die Exzellenzinitiative in der konzipierten Form wirkt zudem als Instrument von Exklusion und Selektion zwischen den Geschlechtern. Leistung ist eben gerade nicht Ausdruck einer individuellen Handlung, sondern das Ergebnis sozialer Zuschreibungen. Wenn die Indikatoren ganze Fächerdisziplinen benachteiligen, in denen mehrheitlich Frauen wissenschaftlich aktiv sind, so benachteiligen sie schon für sich genommen Wissenschaftlerinnen. Sie setzen darauf, dass die Lebenszeit der Wissenschaft gewidmet wird, dass der wissenschaftlichen Hingabe die private Selbstaufgabe folgt und dies bestimmende Wissenschaftspraxis wird. Offenbar sind viele Frauen dazu nicht bereit. Dafür sind die Zahlen zur Unterrepräsentanz von Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen beredtes Zeugnis.

Im Übrigen wurde der Aspekt „Chancengleichheit“ der Geschlechter bei den ersten Exzellenz-Begutachtungen nicht berücksichtigt. In der zweiten Runde wird „Gender Equality“ ausdrücklich abgefragt. Gleichwohl bekannte der WR-Vorsitzende, Prof. Dr. Peter Strohschneider, nach der Vorauswahl zur zweiten Runde Anfang Januar, dass das Verfahren und die Kriterien gegenüber der ersten Förderrunde unverändert blieben.

Aber auch regionale Disparitäten haben sich krass gezeigt: Nur zwei der 18 in erster Runde geförderten Graduiertenschulen liegen in den neuen Bundesländern. Der Osten bekam nur ein Exzellenzcluster und kein Zukunftskonzept zugesprochen. Der Blick auf die Zahlen zeigt drastisch das Auseinanderdriften von Ost und West sowie Nord und Süd: 86 Prozent der rund 873 Millionen Euro gehen in den Süden, 11 Prozent entfallen auf den Norden und gerade mal drei Prozent auf den Osten. Die Exzellenzinitiative wird zum Aufschwung Süd. Sie ignoriert, dass es den neuen bzw. nördlichen Bundesländern an Finanzkraft mangelt, um den Vorsprung aus Süddeutschland auszugleichen. Der Osten hat im Hinblick auf seine Forschungsstärke 17 Jahre nach der Abwicklung zahlreicher Institute ohnehin einen strukturellen Nachteil. Hinzu kommen ein schwaches wirtschaftliches Umfeld und die massenhafte Abwanderung von Fachkräften. Auch die Unterrepräsentanz ostdeutscher WissenschaftlerInnen in den Entscheidungsgremien der Forschungsförderung dürfte die eingespielten Machtkartelle wenig gestört haben. Berlin übernimmt als verschuldete Stadt zudem weit über den eigenen Bedarf hinaus die Ausbildung von Studierenden aus anderen Bundesländern.

Die Exzellenzinitiative verstärkt im Ergebnis die Unterschiede zwischen den Bundesländern. Daran wird die zweite Runde, in der mehr ost- und norddeutsche Universitäten in der Vorauswahl berücksichtigt wurden, im Kern nichts ändern. „Der Letzte macht das Licht aus“, darin haben die Ossis ja schon Übung.

Der Wettbewerb um Deutschlands Super-Universitäten scheint zudem keine Mitbestimmung zu vertragen. Ein Blick auf die Entwicklung der Exzellenzkonzepte fördert zu Tage, dass ein Teil der Anträge unter hoher Geheimhaltungsstufe an den Kollegialorganen vorbei entworfen wurde – Zeitgeistsieger unter sich. Geheimniskrämerei und mangelnde Rückkopplung der Rektoren wurden insbesondere in Berlin beklagt.2 Die Auswahl thematischer Schwerpunkte ist aber Kernbestandteil der Mitbestimmung aller Statusgruppen an der Universität. Insofern reiht sich die Exzellenzinitiative in den Trend zur Entdemokratisierung der Hochschulen ein. Sie wirft ganze Entwicklungspläne über den Haufen, trifft Vorentscheidungen über Zukunft oder Abwicklung ganzer Fächer an gewählten Gremien vorbei, weil sie nicht mehr in beschriebene Exzellenzcluster passen. Angesichts der Tatsache, dass fast zwei Milliarden an öffentlichen Steuermitteln aufgewendet werden, und angesichts der wichtigen Rolle von Wissenschaft und Forschung für eine nachhaltige und sozial gerechte Gesellschaft ist dies die falsche Gangart.

Hinzu kommt die bewusste Inszenierung. Schenkt man dem jüngsten Spiegel-Bericht3 Glauben, führt das Exzellenz-Casting zu frisch gestrichenen Treppengeländern, zur Anschaffung von Designer-Müllkörben, zum Ausschildern von Baumaßnahmen, wo noch gar keine sind, und zum Abschirmen von Studierenden als unliebsamen Störenfrieden während der Gutachterbegehung. Potjomkin’sche Dörfer und Protokollstrecken, auch das kennen wir.

Alternativen? Alternativen!

Eine Fortführung der Exzellenzinitiative über das Jahr 2011 hinaus ist nicht sinnvoll. Bund und Länder wollen darüber 2009 entscheiden. Die Forderung nach Verstetigung zielt auf die dauerhafte Etablierung von gnadenlosem Wettbewerb in und zwischen den Hochschulen. Er soll für einen weiteren Umbau der Wissenschaftsdisziplinen und -strukturen genutzt werden und den so angestoßenen Strukturwandel in der Wissenschafts- und Forschungslandschaft unumkehrbar gestalten. Politische Forderungen nach Öffnung der bestehenden Exzellenzinitiative für Fachhochschulen, wie es die FDP vorschlägt4, oder gar die Schaffung eines eigenen Lehrwettbewerbs, wie ihn B’90/DIE GRÜNEN5 und die KMK6 favorisieren, sind keine wirklichen Alternativen. Auch sie fußen auf den Prinzipien des Elite-Konzepts. An der skandalösen Unterfinanzierung der Mehrzahl der Hochschulen ändern sie effektiv nichts.

Statt Leuchttürme als isolierte Inseln zu fördern, muss sich die Wissenschaftspolitik um das brüchige Fundament und die Breite bemühen. Der Hochschulpakt 2020 hätte ein geeignetes Instrument sein können, wenn Bund und Länder für den Ausbau der Studienplatzkapazitäten zu einer langfristigen Einigung über eine angemessene Finanzierung über das Jahr 2010 hinaus gekommen wären. Gleichermaßen richtig wäre, würden sich Bund und Länder konsequent der Verbesserung von Lehrbedingungen widmen. Ideen zu Exzellenzinitiativen sollten zugunsten des Hochschulpaktes und von Maßnahmen zur sozialen Öffnung der Hochschulen beerdigt werden. Auch ein Programm zur Förderung der Chancengleichheit ist angesichts des Ende 2006 ausgelaufenen Hochschul- und Wissenschaftsprogramms notwendig und sollte verbindlich in den Hochschulpakt eingebettet werden. Die Reform der Personalstruktur in vielen Bundesländern muss genutzt werden, dem wissenschaftlichen Nachwuchs eigenständige Karrierewege zu eröffnen und einen dauerhaften Verbleib im Wissenschaftsbetrieb zu ermöglichen. Juniorprofessuren mit Tenure Track sind hierfür ein geeignetes Mittel. – Wichtig ist ebenfalls eine Initiative zur Stärkung der Geistes- und Sozialwissenschaften. Der WR hat dazu Anfang 2006 Empfehlungen erarbeitet. Viele Fraktionen7 haben sich den Empfehlungen angeschlossen, weitere Ideen unterbreitet sowie Vorschläge für eine Bund-Länder-Initiative zur Erfassung und zum Erhalt der kleinen Fächer gemacht.

Sofern hervorragende Forschungsleistungen – jenseits der Exzellenzinitiative – gefördert werden, müssen die Kriterien stärker an den Wissenschaftsdisziplinen ausgerichtet werden und qualitativen Charakter erhalten. Sie dürfen nicht länger nur den Natur- und Ingenieurwissenschaften entlehnt werden. Die Begutachtung muss über Fachkollegien hinaus erfolgen, um Interdisziplinarität zu befördern. Endlich nachgedacht werden muss über Frauen- und Fächerquoten bei der Antragsbewilligung, um der Selektivität der derzeitigen Forschungsförderung entgegenzutreten. Eine Fächerquote wäre übrigens auch ein Instrument gegen die Benachteiligung von Frauen. Und nicht zuletzt muss Gender in der Forschung endlich als ein Weg begriffen werden, der neue Perspektiven und Innovationen hervorbringen kann.

Anmerkungen

1) Die Zeit , 19.10.2006, 43/2006, Uns fehlt die Phantasie

2) Der Tagesspiegel, 23.05.2007, Geheimniskrämerei, www.tagesspiegel.de/magazin/modernes-leben/gesundheit/Gesundheit;art300,2184060

3) Der Spiegel, 02.07.2007, Elite-Schaulaufen – Die Hundert-Millionen-Euro-Show, www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,491824,00.html

4) BT-Drs. 16/2838

5) BT-Drs. 16/3094

6) Der Tagesspiegel, 17.06.2007, Kriterien für gute Lehre gesucht, www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/;art304,2323496

7) BT-Drs. 16/4154; 16/4153; 16/4161; 16/4406



Sandra Brunner ist Referentin für Forschungs- und Technologiepolitik der Fraktion Die Linke. Sie ist Juristin und lebt in Berlin. – Dr. Petra Sitte ist forschungs- und technologiepolitische Sprecherin und Stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag. Sie ist Volkswirtin und kommt aus Halle.

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