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Klaus Holzkamp

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Der Geist von Gezi

22.05.2014: Eine Chronologie der Proteste in Istanbul

  
 

Forum Wissenschaft 1/2014

Der "Geist von Gezi" wird häufig erwähnt, wenn es um die Ereignisse und Auseinandersetzungen im Istanbuler Gezi-Park geht. Doch was ist damit eigentlich gemeint? Serhat Karakayali zeichnet den Ablauf der Proteste im Sommer 2013 chronologisch nach und will damit jeweils auch auf bestimmte kausale Relationen aufmerksam machen. In seinem Beitrag, der auf einem Vortragsskript beruht, geht er auf verschiedene Aspekte sowie die historischen, sozialen und ökonomischen Kontexte des Protests ein und erklärt, was sich hinter dem Geist von Gezi verbirgt.

Einige der Elemente, die für die Logik des Protests wichtig wurden, haben mit der Konstitution der Republik und des Nationalstaats in der Türkei zu tun, mit der Unterdrückung von Minderheitskulturen und Identitäten, mit einem knapp 30 Jahre dauernden Bürger- bzw. Guerillakrieg, aber auch mit einer schleichenden Islamisierung der Gesellschaft.

Man kann mit der Beobachtung anfangen, dass sich dieser für die Geschichte der Türkei beispiellose Protest, an einer scheinbar belanglosen Frage entzündet hat, nämlich der Bebauung eines Parkes im Zentrum Istanbuls.

Von kleinen Anfängen

Der Protest wurde anfangs von einer sehr kleinen Zahl von Aktivistinnen und Aktivisten getragen, die sich den Bulldozern entgegenstellten und die von der Polizei äußerst brutal vom Platz gedrängt wurden. Diese unverhältnismäßige Gewalt und die mediale Verbreitung dieser Information waren genauso wichtig für die Entstehung einer so breiten Bewegung wie die "ökologische" Dimension.

Als ich kurz nach dem Ausbruch der Proteste im Gezi-Park mit Aktivist_innen sprach, war die einhellige Einschätzung die, dass niemand eine solche Bewegung erwartet hatte, im Gegenteil. Mehrere Faktoren kommen nun hier zusammen, die die Beschleunigung ermöglichten: Zum einen handelte es sich um ein von den üblichen innenpolitischen Fronten scheinbar weit entferntes Thema, es ging also nicht um Fragen entlang der Opposition zur AKP, nicht um die Kurdenfrage oder ein klassisch linkes Thema. Der Park und seine Bäume ermöglichten es einer ganzen Reihe von Menschen, die nicht politisch engagiert waren, und die auch Berührungsängste mit der oft sektenhaft organisierten türkischen Linken haben, sich mit diesem Kampf zu identifizieren. Umfragen auf dem Platz ergaben denn auch, dass ca. 80 Prozent der Menschen auf dem Platz keiner Gruppe oder Organisation angehörten. Der Park und die Bäume waren sozusagen ein Medium des Protests, das ermöglichte, dass sich viele Stimmen in dem Protest artikulieren konnten. Ein interessanter Aspekt ist dabei auch die Rolle der Mitglieder des Besiktas Fußballfanclubs Carsi, deren praktische Erfahrung mit Straßenmilitanz den entscheidenden Durchbruch bei der Eroberung des Platzes ermöglichte. Denn viele der jungen Männer, die in Carsi aktiv waren, wären in anderen historischen Konstellationen womöglich in klassischen sozialen Bewegungen und Parteien aktiv gewesen. Aber die nichthierarchischen, informellen Strukturen des Fanclubs, die subkulturelle Fankultur waren für diese Generation attraktiver als die von Disziplin und Unterordnung geprägten Parteien der klassischen Linken. Der Hauptslogan von Carsi lautet entsprechend: "Carsi ist gegen alles, auch gegen sich selbst".

Die scheinbar apolitische Thematik ermöglichte es somit vielen diversen Gruppen auf den Platz zu kommen und ihre jeweiligen Themen zur Sprache zu bringen - unter dem Dach einer Opposition gegen die AKP-Regierung.

Auf dem Platz versammelten sich schnell sonst eher unsichtbare Initiativen und Gruppen, wie z.B. die armenische Gewerkschaft oder Queer-Gruppen neben der kemalistischen Jugend. Was mich persönlich sehr beeindruckt hat, waren Begegnungen und Interaktionen zwischen diesen diversen, teils einander ablehnend bis feindlich eingestellten Identitäten. Ich habe gesehen, wie ein Zug von Schwulen und Lesben durch den Park zieht mit Sprüchen wie "Wir sind schwul, wir sind hier, wo ist Tayyip?" und der von Kemalisten beklatscht und bejubelt wurde.

Vielfältige Identitäten

Die anfangs noch von homophoben und sexistischen Beschimpfungen geprägten Parolen und Graffitis sind auf Kritik feministischer Gruppen geändert worden. Die Beteiligung am Protest hat allen möglichen Forderungen eine neue Legitimität und Sichtbarkeit verliehen. Religiöse und ethnische Identitäten wurden entkoppelt von den staatlich-hegemonialen Projekten, in denen sie bisher platziert wurden. Auf den Versammlungen im Park spielte diese "Rekomposition" der kollektiven Identität eine wesentliche Rolle.1

Die neue "Geschwisterlichkeit der Völker" (Halklarin Kardesligi), wie eine Parole hieß, umfasste auch die Kurd_innen, allerdings war die Situation hier sehr ambivalent. Einerseits sah man auch Fahnen mit dem Gesicht von Öcalan oder dem Logo der Partei BDP. Man sah vereinzelt Menschen mit türkischer Fahne und Kurdenfahne gemeinsam laufen.

Andererseits reagierte die Führung der kurdischen Bewegung mit Zurückhaltung, denn man wollte, wie es hieß, den Friedensprozess nicht gefährden. Die Regierung Erdogans hatte als erste seit Jahrzehnten Verhandlungen mit der Bewegung der Kurd_innen aufgenommen, in den vergangenen Jahren war immer wieder von friedlichen Lösungen, Teilautonomie oder dem Vorbild Nordirland, die Rede. Erst vor Kurzem gab es einen wohl historischen Auftritt Erdogans in Diyarbakir, wo er mit prominenten Vertretern der Bewegung aus Politik (u.a. Barzani) und Kultur zusammenkam und versprach, dass die Menschen von den Bergen herunterkommen, dass die Gefängnisse sich leeren werden. Von der Linken (auch von der kurdischen Linken) wurde dieser Prozess insgesamt skeptisch beurteilt, man sprach von einem Manöver, mit dem die Regierung diese starke gesellschaftliche Opposition stilllegen will. Denn faktisch ist für die Kurd_innen bisher nur die Erlaubnis herausgesprungen, Privatschulen zu gründen, in denen Kurdisch unterrichtet werden darf und es sind Buchstaben des Kurdischen Alphabets legalisiert worden. Einige aus den Kreisen der BDP haben daher jüngst eine neue, breitere Bewegung ausgerufen, die nicht nur auf die kurdische Sache im Sinne eines reinen kurdischen Nationalismus fokussiert. Was der PKK von links vorgeworfen wird, ist dabei unter anderem, die kurdische Autonomie um den Preis einer weiteren Islamisierung erkauft zu haben. Während der Kemalismus das Türkentum als die gemeinsame, und oft eben erzwungene nationale und kulturelle Identität ausrief, soll diese Identität nun durch eine islamische, genauer "sunnitische" Identität ersetzt werden. Erdogan weiß genau, dass viele Kurd_innen konservativ und gläubig sind. Von den 35 zivilen kurdischen Opfern eines Angriffs der türkischen Streitkräfte in Uludure sprachen AKP-Offizielle konsequent als "sunnitischen Opfern".

Islamischer Kapitalismus

Islamisierung ist ein weiteres Stichwort. Viele der Slogans, Graffitis und Transparente befassen sich mit Politiken der Lebensführung, man könnte auch sagen, den "biopolitischen" Dimensionen der AKP-Herrschaft.

Von der Aufforderung mindestens drei Kinder zu kriegen und der diese Aufforderung begleitenden gesetzlichen Einschränkung von Abtreibungen bis zu den diversen Maßnahmen gegen Alkoholkonsum usw.. Aktuell hat der Premierminister gemischtgeschlechtliche Wohnheime zum Problem erklärt, es wurden Nachbarn aufgerufen auch WGs der Polizei zu melden, woraufhin es in einigen Städten zu willkürlichen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen kam - all dies ohne gesetzliche Grundlage. Diese Eingriffe in die Lebensweise betreffen also einerseits die Ebene der "Sittlichkeit" oder islamischen Moral, andererseits geht es ganz klar um die Selbstbestimmung von Frauen über ihre reproduktiven Fähigkeiten: Frauen sollen eine ausschließlich reproduktive Sexualität und zwar im Rahmen der Ehe führen.

Geht es dabei nur um ein überholtes Familienbild? Das wäre eine zu einfache Antwort. Die drei bis vier Kinder muss man im Kontext der Symbiose zwischen Islam und Kapitalismus situieren, für die das Projekt der AKP steht. Das damit verbundene stetige Bevölkerungswachstum soll den ökonomischen Aufschwung der Türkei absichern. Die türkische Ökonomie gehört zu den am schnellsten wachsenden weltweit und dieses Wachstum beruht im Wesentlichen auf dem Bausektor (und auf Konsumschulden). Benötigt werden nicht nur billige Arbeitskräfte, sondern auch eine nachfragende Bevölkerung, weshalb nun Ehepaare günstige Kredite bekommen. Die geplante Bebauung des Gezi-Parks mit einer Shoppingmall drückt dieses islamisch-kapitalistische Projekt präzise aus. Der Park ist daher auch jenseits seiner medialen Funktion, also Träger oder Projektionsfläche der Diversität zu sein, noch auf ganz substantieller Ebene Ausdruck der mit dem kapitalistischen Wachstum zusammenhängenden Prozesse beschleunigten städtischen Wandels, der Landflucht und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums. Nicht nur in der Türkei sind Parks oft die letzten nichtkommerziellen Orte im städtischen Raum. Unter dem Gesellschaftsprojekt der AKP wird eine Neuaufteilung dieses Raums angestrebt: Auf der einen Seite einen durch Religion und Sitte regulierten nicht-kommerziellen Raum, der auch die Formen der Gemeinschaft reguliert (weswegen auch viele Moscheen auf ehemaligen Parkflächen errichtet werden) und andererseits einen Raum des Konsums. Angestrebt wird eine Gesellschaft von Konsumenten, deren Privatleben durch islamisch kodifizierte Lebensführungsregeln reglementiert wird. Mehr noch, man kann in Anlehnung an Weber mit einem gewissen Recht von einem "islamischen Geist des Kapitalismus" sprechen: In Bezug auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitern wird der Islam zur Absicherung von Ausbeutungsbeziehungen eingesetzt, in Bezug auf die Förderung des Unternehmertums im Sinne der Herausbildung eines islamischen Kapitals (das explizit gegen das säkular-republikanische Kapital in Stellung gebracht wird), und in Bezug auf die Strukturen des Sozialstaats mit dessen Ersetzung durch einen Charity-Kapitalismus durch wohltätige Spenden (die ja im Islam als mildtätige Gaben zu den religiösen Pflichten gehören).

Diese Ausrichtung einer auf öffentlicher und privater Verschuldung beruhenden Politik des Wirtschaftswachstums hat einige, wenn auch kleine Teile islamischer Kreise in Opposition zur Regierung gebracht. Gemeint sind hier insbesondere die "antikapitalistischen Muslime" und die "revolutionären Muslime". Dies ist deswegen relevant, weil diese Gruppierungen von Anfang an an den Protesten im Gezi-Park beteiligt waren und dem Protest eine wichtige Note verliehen haben, die Aussage nämlich, dass es sich dabei nicht um eine Polarisierung zwischen einem kemalistischen und säkularen und einem religiösen Teil der Bevölkerung handelt.

Der Geist von Gezi

Der Geist von Gezi, der sich in ganz bestimmten Aktionen und Interaktionsmustern zeigte, hatte eine wichtigen Effekt auf die Konstitution des kollektiven Subjekts und der Struktur des politischen Feldes. Sein Kernelement war die Weigerung, den politischen Gegner zum Feind zu erklären, oder ihn Prozessen des "Othering" zu unterwerfen, wie dies seitens der Regierung von Anfang an versucht wurde (indem man die Protestierenden z.B. gleich zu Beginn als "Gesocks" bezeichnete). Dass die Menschen darauf mit einer Welle des Humors reagiert haben, indem sie sich in der Folge selbst als Capulcu, als "Marodeure" eben oder "Chaoten" bezeichnet haben, ist ein erster Ausdruck dieser Gegenstrategie, die verhindern sollte, dass es zu einer Polarisierung zwischen zwei Lagern kommt. Das hatte die AKP nämlich versucht: auf der einen Seite die frommen anatolischen Normalbürger_innen gegen die vermeintlich elitären, gebildeten, kemalistischen Oberschichtsangehörigen.

Stattdessen haben viele im Gezi-Park auf eine Form des Protests gesetzt, die man mit dem französischen Philosophen Jaques Ranciere als "demokratischen Kampf" bezeichnen könnte. Dabei geht es darum, immer so zu handeln, dass vorausgesetzt wird, dass die andere Seite meine Argumente verstehen kann und damit eine virtuelle Sphäre eines geteilten Sinns zu etablieren.2 Dieser Akt, selbst wenn er mit brutaler Gewalt und absolutem Nichtverstehen auf der Seite der etablierten Mächte und herrschenden Gruppen konfrontiert ist, ist notwendig, um nicht in einen Zynismus und eine Kultur des Misstrauens, schließlich der Verschwörungstheorien zu verfallen, bei dem der andere nur als Feind erscheint.

Anstatt also die Machtverhältnisse zu bestätigen, besteht die demokratische Haltung darin, immer so zu tun, als sei es schon anders, als rede man nur die Sprache der Vernunft und des normalen Bürgers. In diesem Sinne sind solche Protestformen wie den Polizeibeamten Bücher und Simits zu überreichen oder andere Protestler_innen daran zu hindern, US-Fahnen zu verbrennen, zu verstehen.3 4

Protest und Humor

Damit komme ich zu dem letzten Element, dem Humor. In der gewöhnlichen Interpretation humorvoller Aktionen oder Sprüche wird immer von "kreativem Protest" gesprochen. Dabei steckt hinter der Bezeichnung kreativ etwas fundamental EURes, das hier übersehen wird. Es geht um mehr als den Unterhaltungswert des Humors.5

Der grundsätzliche Effekt des Witzes ist die Unterminierung der Regeln und Normen einer Gesellschaft. Es ist eine Handlung, die den herrschenden Glaubenssystemen zuwiderläuft und damit die Veränderbarkeit der je zeitgenössischen Lebensform sichtbar werden lässt, wie Paolo Virno argumentiert.6 Virno bezieht sich auf die Theorien des Witzes bei Freud und Aristoteles, wenn er sagt, dass der Witz strukturell identisch mit dem logischen Fehlschluss ist. Unter normalen Umständen können wir indes erkennen, dass ein Witz ein Witz ist, weil wir Norm und Ausnahme leicht auseinanderhalten können. Im Ausnahmezustand aber verschwimmen die Grenzen zwischen der Norm und ihrer Anwendung. Die Bedingungen, unter denen eine Aussage als regelkonform gilt, sind unsicher. Unter diesen Umständen kann Humor einen Weg in eine alternative Wirklichkeit weisen, denn im Humor geht es genau nicht um die Bestätigung der gegebenen Bedingungen, sondern um deren Manipulation. Damit hat der Humor die gleichen Eigenschaften wie innovative Handlungen, nämlich einen minoritären oder zunächst mal fehlerhaften Umgang mit den gegebenen Dingen. Das massive Auftreten von Witzen während des Aufstands zeigt demnach an, dass "etwas anderes möglich ist" und dass eine bestimmte Lebensform Risse bekommen hat, dass man das Leben selbst gestalten kann.

Anmerkungen

1) Beispielhaft ist dies zu sehen im folgenden Video:www.youtube.com/watch?v= l1Vzugbrqb8.

2) J. Rancière 1995: On the shores of politics, London, New York: 50.

3) www.radikal.com.tr/turkiye/gezi_par kinda_kandilli_eylem-1136463.

4) www.iha.com.tr/asayis/israil-bayragi-yakmak-isteyen-guruba-tepki/279709.

5) depts.washington.edu/know/wordpress/?p=590;www.buzzfeed.com/lemoustache/25-examples-of-the-best-street-humour-from-istanbu-b7x9.

6) P. Virno 2007: Multitude between innovation and negation, Los Angeles: 129ff.


Serhat Karakayali ist Soziologe und Gastwissenschaftler an der Universität Hamburg.

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