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Klaus Holzkamp

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Kreationismus auf dem Vormarsch

04.09.2013: Wissenschaft oder Glaube

  
 

Forum Wissenschaft 3/2013

Eigentlich sollte man meinen, dass die Lehrinhalte im deutschen Schulwesen nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt werden. Naturwissenschaftlicher Unterricht sollte sich demnach nach wissenschaftlich belegten Fakten richten. Doch nicht nur in den USA, sondern auch in Europa nehmen Tendenzen zu, die Wissenschaft mit religiösen Glaubenssätzen zu konfrontieren. Christoph Lammers hat den Vormarsch der Kreationist_innen beobachtet.

Es ist mittlerweile sechs Jahre her, dass die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ein Interview gab, in welchem sie ihre Überzeugung äußerte, die naturalistische Evolutionstheorie und der biblische Schöpfungsglaube hätten vieles gemeinsam. Gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) ging sie noch einen Schritt weiter: "Ich halte es für sinnvoll, [...] dass man nicht einfach Schüler in Biologie mit der Evolutionslehre konfrontiert und Schüler im Religionsunterricht mit der Schöpfungslehre der Bibel. Sondern dass man gelegentlich auch schaut, ob es Gegensätze oder Konvergenzen gibt."1

Auslöser dieser Diskussion war eine im Jahr 2006 vom deutsch-französischen Kultursender ARTE ausgestrahlte Dokumentation, in welcher das brisante Thema erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Die Autoren zeigten, dass Schöpfungsvorstellungen, wie sie u.a. in der Bibel zu finden sind, auf dem Bildungsmarkt immer öfter als legitimer Erklärungsansatz herangezogen wurden, und das nicht nur an privaten, sondern auch an staatlichen Schulen. Mit der Dokumentation wurde das Interesse geweckt, sich mit einer Weltsicht zu beschäftigen, die in Deutschland bis dato nahezu unbekannt war. Weder in den Natur- noch in den Sozialwissenschaften war man darauf vorbereitet.

Das Interview war nicht nur der Höhepunkt, sondern zugleich ein wohl kalkulierter Tabubruch. Einer Vielzahl an Wissenschaftler_innen ging der Ansatz der hessischen Kultusministerin jedoch zu weit, wurden aus ihrer Sicht zwei Dinge miteinander verwoben, die nichts miteinander gemein haben: Wissenschaft und Glaube. Wissenschaft unterliegt der Prüfung von Fakten. Der Glaube jedoch lebt von einer (weltfremden) Überzeugung, die nicht hinterfragt und nicht bewiesen werden kann bzw. darf. Dass dieser Konflikt irgendwann in Deutschland ausbrechen würde, war zumindest denen klar, die die Evolutionstheorie als das ansahen, was sie war: eine der drei Kränkungen der Menschheit (Freud). Schuld daran war Charles Darwin.

Darwins (r)evolutionäre Gedanken - und ihre Folgen

Der Kreationismus ist unmittelbar mit dem Namen Charles Robert Darwin (1809-1882) verbunden. 1859 veröffentlichte Darwin sein Opus Magnum On the Origin of Species (deutsch: Über die Entstehung der Arten). Er war nicht der erste Forscher, der sich intensiv mit der Frage beschäftigte, ob es einen Wandel in der Natur gibt und welcher Mechanismus diesen Wandel bestimmt. Darwin war jedoch der erste, der ein umfassendes und wissenschaftlich fundiertes Theoriegebäude formulierte, welches sich deutlich von den bis dato gängigen Schöpfungsvorstellungen, und damit explizit von religiösen Deutungsmustern, distanzierte. Damit wurde einerseits der Grundstein der modernen Biologie gelegt, andererseits brach mit der Veröffentlichung ein gesamtes Weltbild zusammen, welches über Jahrhunderte in der Wissenschaft und in der Gesellschaft fest verankert war. Das vorherrschende gesellschaftliche und wissenschaftliche Weltbild orientierte sich an der Bibel. Ausgehend von diesem Weltbild wurde der Mensch, ganz im aristokratischen Sinn, als Krone der Schöpfung verstanden. Darwin reduzierte den Menschen nun auf das, was er wirklich war, ein nackter Affe, der mit allem einen gemeinsamen Ursprung teilte und den Gesetzen der Natur ebenso unterlag, wie alles andere auf dieser Erde.

Der nackte Affe

Bereits zu Darwins Lebzeiten formierte sich ein breiter - religiös motivierter - Widerstand gegen eines der wichtigsten Postulate der modernen Evolutionsforschung: Die Abstammung von Mensch und (rezentem) Affe von einem gemeinsamen Vorfahren. Während die beiden Kirchen dem wissenschaftlichen Fortschritt im Laufe der Zeit Tribut zollen mussten und zunehmend in die Defensive gerieten, wuchs eine gesellschaftliche Strömung, die sich durch Darwin in ihrem Glauben erschüttert und das Werk Gottes in Frage gestellt sah. Sie reihten Darwin ein in die lange Liste an Entwicklungen, die die Moderne hervorbrachte: Liberalismus, Kommunismus, Emanzipation, sexuelle Selbstbestimmung, Freiheit der Wissenschaft und der Weltanschauung. Vor allem in den USA wuchs der gesellschaftliche Einfluss dieser Strömung, die unter dem Namen Christlicher Fundamentalismus bis heute einflussreich ist. Überraschend ist sicherlich für viele, dass zu dieser Zeit auch der Begriff des Fundamentalismus entstand und nicht, wie viele annehmen, erst mit dem Islamismus. Der religiöse Fundamentalismus war bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Versuch sich den Entwicklungen der Moderne durch eine Rückbesinnung auf die Bibel zu entziehen.

Es wäre verkürzt anzunehmen, dass nur Menschen mit einer starken religiösen Bindung mit der Evolutionstheorie Probleme haben. Zahlreiche Forschungsarbeiten und Befragungen zeigen, dass es große Vorbehalte gegen Darwins Theorien gibt.2 Nur wenige können sich damit anfreunden, dass der Mensch nichts anderes ist, als ein vom Baum gestiegener nackter Affe. Begleitet wird dies durch das Transportieren von Halbwahrheiten und Falschbehauptungen. Bis heute haftet Darwin und der Evolutionstheorie der Makel von Sozialdarwinismus und moralischer Verkommenheit an. Kampfbegriffe wie "Der Kampf ums Dasein" oder "Das Überleben des Stärkeren" begegnen uns tagtäglich im Sprachgebrauch. Dass Darwin nichts mit dem Sozialdarwinismus zu tun hat, bleibt weitestgehend unbenannt. Auch scheint es für viele schlichtweg unmöglich, dass durch die Evolution Empathie und Altruismus entstanden ist. Für viele stellt beides ein Alleinstellungsmerkmal der Religionen dar. Viel wichtiger jedoch ist die Tatsache, dass die Evolutionstheorie, anders als beispielsweise die Newtonsche Gravitationstheorie, das (religiöse) Weltbild des Menschen hinterfragt.3

Kreationismus - ein weites Feld

Der Versuch Kreationismus näher zu bestimmen, gestaltet sich als schwierig. Dies liegt vor allem an zwei Aspekten. Zum einen handelt es sich hierbei um einen sehr allgemein gehaltenen Begriff, welcher unterschiedliche Richtungen abzudecken versucht. Zum anderen gibt es für den europäischen Raum, anders als für die Vereinigten Staaten, bisher nur wenige Untersuchungen zum Kreationismus, die ein Abstecken des thematischen Feldes ermöglichten.

Die Überzeugung, dass ein übernatürliches Wesen die Welt geschaffen habe, ist kein neues Phänomen. Neu ist vielmehr die Intensität, mit der wissenschaftliche Erkenntnisse, entgegen zahlreicher Belege, angezweifelt und bekämpft werden. Kreationismus (lat. creatio / erschaffen) ist eine Lehre, wonach das Universum bzw. das Leben auf der Erde von einem übernatürlichen Wesen erschaffen wurde. Grundlage kreationistischer Vorstellungen sind meist religiöse Schöpfungsmythen, wie zum Beispiel die Schöpfungsgeschichten im Buch Genesis des Alten Testaments. Charakteristisch ist, dass die Bibel als (natur)wissenschaftliche Quelle verstanden wird und damit konkrete Aussagen zur Entstehung und Entwicklung der Erde und der Lebewesen formuliert werden. Man kann verschiedene Formen des Kreationismus unterscheiden. Es seien an dieser Stelle doch nur die wichtigsten genannt.4

1) Kurzzeit-Kreationismus (Junge-Erde-Kreationismus): Die Anhänger_innen dieser Richtung sind davon überzeugt, dass die Erde nicht älter als 10.000 Jahre ist. Sie orientieren sich an der wortwörtlichen Auslegung der Bibel. Wissenschaftliche Aussagen im Zusammenhang mit dem Erdalter werden von ihnen abgelehnt.

2) Langzeit-Kreationismus (Alte-Erde-Kreationismus): Anders als die Kurzzeit-Kreationist_innen akzeptieren sie ein hohes Alter der Erde. Es gibt unterschiedliche Deutungen der biblischen Texte, so dass einerseits zwischen den Schöpfungstagen lange Zeiträume gelegen haben können oder dass es sich bei den sechs Schöpfungstagen um Zeitalter handelt.

3) Wissenschaftlicher Kreationismus (scientific creationism): Die Anhänger_innen dieser Richtung sind davon überzeugt, dass der Kreationismus eine wissenschaftliche Alternative zur Evolutionstheorie darstellt. Gott hat die Erde vor kurzer Zeit erschaffen, was durch Fossilien belegt sei. So werden diverse Fossilien als Zeichen einer globalen Sintflut gedeutet.

4) Intelligent Design (ID): Der im Deckmantel der Wissenschaftlichkeit vertretene Kreationismus vertritt die Auffassung, wonach das Leben auf der Erde zu komplex sei, als dass es durch die natürliche Selektion entstanden sein könnte. Die Anhänger_innen sind überzeugt, dass sich hinter der Evolution ein intelligenter Designer verbirgt, der jedoch nicht näher definiert wird. ID zeichnet sich durch fehlende Forschung aus und betont einzig die Schwächen der aktuellen Forschungen der Naturwissenschaften.

Kreationismus - (k)ein Thema in Europa?

Kreationismus wurde lange Zeit mit den Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht. Dies lag einerseits an der Politik des wiedergeborenen Christen George W. Bush Jr., andererseits an dem generell starken Einfluss evangelikaler Kreise auf die Gesellschaft. Zudem wird in den USA, anders als in Deutschland, Religion an öffentlichen Schulen nicht unterrichtet. Seit jeher ist den Bibeltreuen das Unterrichten der Evolutionstheorie ein Dorn im Auge und sie lassen nichts unversucht, um dem Einhalt zu gebieten. Wie stark der Kreationismus tatsächlich ist, belegt eine repräsentative Umfrage von 2006, welche in 34 Ländern durchgeführt wurde. Danach gaben in den USA nur etwa 40% der Befragten an, sie hielten die Evolution für wahr. In den beteiligten europäischen Ländern reichte die Akzeptanz von 80% (Island) bis 45% (Zypern). In Deutschland liegt die Akzeptanz der Evolution nach dieser Untersuchung bei etwa 70%. Nach einer repräsentativen Infratest-Umfrage von 2009 lehnen knapp 20% der deutschen Bevölkerung die Aussage ab, dass Menschen und Affen gemeinsame Vorfahren haben.

In vielen Ländern Europas hat es in den letzten Jahren einige Versuche gegeben, das Unterrichten der Schöpfungslehre im Biologieunterricht durchzusetzen oder die Evolutionstheorie aus dem Biologieunterricht zu verbannen (z.B. Italien, Polen, Serbien und Russland). Darüber hinaus sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen christlich-fundamentalistische Gruppen versuchten einen neuerlichen Diskurs um die Rolle der Evolutionstheorie bei der Erklärung zur Entstehung des Lebens anzustoßen (z.B. Schweiz und Großbritannien). Zwar ist man in der Wissenschaft weit davon entfernt sich mit diesen irrationalen Deutungsmustern zu identifizieren, dennoch bieten die gängigen Vorbehalte gegenüber der Evolutionstheorie eine Andockstation für derlei Überzeugungstäter_innen. Darüber hinaus stärkt der Macht- und Mitgliederverlust der Kirchen den so genannten religiösen rechten Rand. So ermöglicht beispielsweise die Öffnung der evangelischen Kirche gegenüber den bibeltreuen freikirchlichen Gemeinden und Einrichtungen, die Diskursverschiebung sowohl innerhalb der Kirche (z.B. aktuelle Debatte um das Familienbild) als auch innerhalb der Gesellschaft voranzutreiben.

Doch die Versuche in die Gesellschaft hineinzuwirken, bleiben nicht auf die eigenen Strukturen beschränkt. Den bibeltreuen Kreationist_innen ist bewusst, dass der Bildung eine außerordentliche Rolle zukommt. Wer Zugang zu den Köpfen der Kinder hat, kann einen erheblichen Einfluss auf die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft ausüben. So sind sie seit Jahren darum bemüht, auf dem Bildungsmarkt Fuß zu fassen, sei es durch die Einflussnahme auf die Politik oder durch den Unterhalt eigener Schulen durch ihnen nahestehende Träger. Die Deregulierung des Bildungsmarktes spielt ihnen dabei in die Hände.

Bibel statt Bildung

Bildung ist längst zu einer Ware geworden, mit der gehandelt wird. Doch nicht nur auf rein ökonomische Interessen ausgerichtete Anbieter tummeln sich auf diesem Markt, auch und gerade weltanschaulich ausgerichtete Träger, mit zum Teil zweifelhaften Inhalten, spielen in Deutschland eine besondere Rolle.5 Mit einem Anteil von mehr als 50% im Bereich der Kindergärten haben die christlichen Kirchen die Vormachtstellung im frühkindlichen Bildungsbereich. Eine weltanschaulich neutrale, und damit wissenschaftsorientierte und -kritische frühkindliche Bildung ist nicht erkennbar, ganz im Gegenteil. Bis heute spielen Arche Noah und Adam und Eva eine größere Rolle in Kindertagesstätten und Primarschulen denn Urmel aus dem Eis.

Im schulischen Bereich haben sich in den letzten Jahren christliche Privatschulen etablieren können, die ein dezidiert bibeltreues Bekenntnis vertreten. Zwar ist die Zahl der Schulen überschaubar (2012: 90 Schulen), aber das Interesse seitens der Eltern ist groß. In Zeiten von PISA verzeichnen vor allem die Träger Zulauf, welche mit einem - vermeintlich - alternativen Konzept auf die Bildungsmisere reagieren. Inhalte, und seien sie noch so problematisch, spielen eine eher untergeordnete Rolle bei der Entscheidung der Eltern. Alternativ, schöpfungsbewahrend, grün, anders - so präsentieren sich die christlichen Privatschulen gerne. Dass sich eine solche Schule an der Bibel orientiert und als "einzige Autorität und Richtschnur für Leben und Lehre [...] die Bibel, das zuverlässige und wahrhaftige Wort Gottes"6 ansieht, scheint kaum jemanden zu stören. Weder Eltern, noch Lehrer_innen, schon gar nicht Regierungsbezirke und Politik. Gerne verweisen Aufsichtsbehörden auf die Möglichkeiten freier Träger, den Lehrplan durch - aus ihrer Sicht - geeignetes Material zu ergänzen. Für Kreationist_innen ist dies eine Einladung, ermöglicht ihnen diese Politik einen Freifahrtschein im Biologieunterricht. Und sie bekennen sich dementsprechend ganz offen dazu, bibeltreu zu unterrichten. Clemens Volber, Geschäftsführer der Freien Evangelischen Schulen Berlin (FESB) erklärte 2009: "Wir lehren im Biologieunterricht sowohl die darwinsche Evolutionstheorie als auch die Schöpfungsgeschichte."7

Die Vermittlung der kreationistischen Inhalte erfolgt vor allem durch das Standardwerk Evolution - ein kritisches Lehrbuch, welches 1986 erstmals durch den Verein Wort und Wissen e.V. veröffentlicht wurde und aktuell in der sechsten Auflage erscheint. Das Buch, in seiner äußerlichen Form kaum von den standardisierten Lehrbüchern zu unterscheiden, wendet sich an Schüler_innen der Oberstufe und an Lehrer_innen und vermittelt evolutionskritisches Denken, orientiert an der Schöpfungsgeschichte. Obwohl nicht für den schulischen Unterricht zugelassen, befindet es sich unhinterfragt in vielen Schulbibliotheken. 2002 erhielt das Buch den Deutschen Schulbuchpreis des Kuratoriums Deutscher Schulbuchpreis. Die Laudatio hielt der damalige Vorsitzende der thüringischen CDU Dieter Althaus. Dieser lobte das Buch und drückte seine Hoffnung aus, "dass Ihr Buch nicht nur von Biologielehrern für den Unterricht verwendet wird, sondern auf eine weit darüber hinaus gehende Leserschaft trifft."8 Es ist zu vermuten, dass es zudem eine Vielzahl an Unterrichtsmaterialien gibt, welche in den freien Bekenntnisschulen benutzt werden, die jedoch keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten würden.

Für viele bibeltreue Eltern ist das Unterrichten der Evolutionstheorie, ebenso wie die Vermittlung von Sexualkunde, ein ausschlaggebendes Argument, ihr Kind nicht mehr auf eine staatliche oder private Schule zu schicken. Seit Jahren prozessieren christlich-fundamentalistische Eltern gegen die - aus ihrer Sicht - Bevormundung durch den Staat. Sie sehen ihr Grundrecht auf Erziehung verletzt. Bislang waren die Klagen erfolglos. Danach bleibt vielen Eltern nur noch die Flucht ins Ausland, wo sie politisches Asyl beantragen, bzw. der Weg in die Illegalität. Nach derzeitigen Schätzungen kann man davon ausgehen, dass rund 1.000 Kinder in Deutschland aufgrund religiöser Überzeugungen nicht zur Schule geschickt werden - mitunter mit Billigung durch die Behörden. Selten sind die Auseinandersetzungen mit dem jeweiligen Bundesland so erfolgreich wie im Fall der 12 Stämme Israels in Bayern. Diese bibeltreue Gemeinschaft kämpfte mehrere Jahre um die Unterrichtung ihrer Kinder im Sinne der Bibel. Der Freistaat Bayern gestand dieser Gemeinde über einen längeren Zeitraum eine eigenständige Rolle im Sinne einer privaten Ergänzungsschule zu und erlaubte ihnen ihre Kinder im bibeltreuen Sinne zu erziehen. Derzeit droht den Bibeltreuen der Entzug dieses Status', da sie nicht in der Lage zu sein scheinen eine qualifizierte Lehrperson zu bestellen. Außerdem steht der Vorwurf der Züchtigung von Kindern im Raum.9 Der Vorwurf Kreationismus zu lehren, bleibt hingegen ungenannt.

Projekt Aufklärung

Paradoxerweise sind die Voraussetzungen für beide Denkrichtungen, d.h. sowohl für die Wissenschaft als auch für den Kreationismus, besser denn je. Wissenschaftlich gesehen zeigt sich mit jeder veröffentlichten Studie und mit jedem Experiment, dass Evolution eine Tatsache ist und dass die Evolutionstheorie der derzeit beste Erklärungsansatz für das Funktionieren der Evolution ist. Darüber hinaus weiß die Wissenschaft heute mehr über die Entstehung des Lebens als noch vor 150 Jahren. Auch die Religionen wurden längst entzaubert und deren Inhalte wurden aufgeschlüsselt, ähnlich wie die DNA des Menschen. Doch auch die Kreationist_innen profitieren vom Zeitgeist. Nicht nur, weil sich die Wissenschaft über Jahrzehnte hinweg in den Dienst von Profitgier und Genozid gestellt hat und damit denjenigen eine Steilvorlage bietet, die von jeher überzeugt sind, dass die Wissenschaft zum Untergang der Menschheit beiträgt. Darüber hinaus gibt es immer mehr Menschen, die sich der Komplexität von gesellschaftlichen Problemen und Prozessen dadurch zu entziehen versuchen, indem sie sich irrationale, einfache Erklärungsmuster zu eigen machen. Der Kreationismus propagiert ein schlichtes Weltbild, welches durch Gut und Böse geprägt wird. Gut ist, was Gott geschaffen haben soll. Böse ist, was die Evolutionstheorie aussagt. Es ist an der Zeit, die Widersprüche dieser Entwicklungen sichtbar zu machen und der kritischen Wissenschaft wieder mehr Raum zu bieten. Denn nur die kritische Wissenschaft, die sich selbst hinterfragt, kann die Aufklärung, im besten Sinne, vorantreiben und den Kreationismus zur Geschichte machen.

Anmerkungen

1) Zitiert nach Welt.de/dpa: Kreationisten im hessischen Biologie-Unterricht. URL: www.welt.de/wissenschaft/article91539/Kreationisten-im-hessischen-Biologie-Unterricht.html [Zugriff: 01.08.2013].

2) Vgl. Dittmar Graf (Hg.) 2011: Evolutionstheorie - Akzeptanz und Vermittlung im europäischen Vergleich. Heidelberg.

3) Vgl. "Evolutionstheorie im Unterricht - (k)ein Fach wie jedes andere?", in: Evolutionsbiologie. Moderne Themen für den Unterricht. Herausgegeben von Daniel Dreesmann, Dittmar Graf und Klaudia Witte. Heidelberg 2011: 505-540. (Zusammen mit Thomas Waschke).

4) Auch im Judentum und im Islam gibt es kreationistische Schöpfungsvorstellungen. Vor allem der islamische Kreationismus gewinnt seit geraumer Zeit an Zuspruch. Der wichtigste Vertreter des islamischen Kreationismus ist der Holocaustleugner Adnan Oktar (Selbstbezeichnung: Harun Yahya). Er veröffentlichte unlängst den Atlas der Schöpfung, welcher Beweise gegen die Evolution vorzulegen versucht. Das Buch hält jedoch keiner wissenschaftlichen Prüfung stand.

5) Vgl. Forum Demokratischer AtheistInnen (Hg.) 2005: Mission Klassenzimmer. Zum Einfluss von Religion und Esoterik auf Erziehung und Bildung. Aschaffenburg.

6) Geistliches und pädagogisches Konzept der Georg Müller Schule, traeger.gms-net.de/Traeger/html/body_konzept.html [Zugriff: 01.08.2013].

7) Zitiert nach Angelika Dehmel: "Darwin muss nachsitzen", in: Financial Times Deutschland. www.ftd.de/wissen/:kreationismus-darwin-muss-nachsitzen/476209.html [Zugriff: 01.08.2013].

8) Der Text war zunächst auf der Homepage des Deutschen Schulbuchpreises nachzulesen, wurde aber nach Kritik aus dem Netz genommen.

9) Heike Sonneberger: "Schule der ›Zwölf Stämme‹ droht das Aus", in: Spiegel online. www.spiegel.de/schulspiegel/zuechtigung-und-lehrermangel-schule-der-zwoelf-staemme-droht-aus-a-895160.html [Zugriff 01.08.2013].


Christoph Lammers, *1976, M.A., Politikwissenschaftler, Referent der Rosa-Luxemburg-Stiftung und seit Ende 2007 Chefredakteur des politischen Magazins MIZ.

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