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Klaus Holzkamp

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Das "Männerproblem" an Thüringer Hochschulen

13.08.2013: Ein Anstoß zur Diskussion

  
 

Forum Wissenschaft 2/2013

Dass es Frauen im wissenschaftlichen Berufsleben strukturell schwerer haben, ist kein neuer Befund. Je höher die Position, umso geringer der Frauenanteil - dies belegen u.a. Forschungen der GEW (siehe auch Artikel von Andreas Keller in Forum Wissenschaft 1/2013), die in ihrem "Herrschinger Kodex" dazu auffordert, durch Selbstverpflichtungen auf einen ausgeglichenen Geschlechteranteil hinzuarbeiten. Für die Hochschulen in Thüringen bestätigt eine Antwort der Landesregierung auf eine große Anfrage im Landtag den Gender-Gap im akademischen ›Mittelbau‹. Susanne Hennig, Cindy Salzwedel und Hatto Frydryszek plädieren für anonymisierte Bewerbungsverfahren als Gegenmaßnahme.

Der Präsident einer namhaften Universität in Thüringen beschrieb seine Personalpolitik in einer öffentlichen Veranstaltung einer Gewerkschaft so: Habe er ein wissenschaftliches Projekt im Blick, so suche er sich einen Mitarbeiter, den er für talentiert halte, und lasse diesen das Projekt bearbeiten und "an Land ziehen". Er sei überzeugt davon, dass Wissenschaft so funktioniert.

Der Präsident ahnte dabei wohl nicht, dass er in zwei knappen Sätzen eine ziemlich präzise Beschreibung dessen geliefert hat, was in der Personalpolitik des Wissenschaftsbetriebs in besonderem Maße auftritt und Gruppen effektiv ausschließt. Natürlich könnte angeführt werden, dass dies alles längst bekannt sei. Dennoch, die Zahlen einer Antwort auf die Große Anfrage der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag Beschäftigungsverhältnisse an den Thüringer Hochschulen im Jahr 2011 (Drucksache 5/53821) untermauert diese ungewollt entlarvende Beschreibung des Präsidenten mit beeindruckender Deutlichkeit.

Geschlechtsspezifische Benachteiligung

Betrachtet man das geschlechtsspezifische Personalgefüge an den Thüringer Hochschulen in Bezug auf die weiblichen Beschäftigten, wird eines sehr deutlich: Im Hochschulbetrieb werden Frauen mit jeder Stufe der wissenschaftlichen Karriere immer weiter ausgesiebt.

Exemplarisch für die Angaben aus der 300-Seiten starken Antwort der Landesregierung sei hier die Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) als größte Thüringer Hochschule betrachtet. Unter den studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräften bewegt sich der Anteil weiblicher Beschäftigter zwischen 49 und 53%. Das Geschlechterverhältnis ist, ohne die Fachbereiche im Einzelnen zu betrachten, relativ ausgeglichen. Bei den wissenschaftlichen und künstlerischen MitarbeiterInnen findet man allerdings nur noch knapp 34% weibliche Beschäftigte.

WissenschaftlerInnen im sogenannten ›Mittelbau‹ leisten einen Umfang an Arbeit, Forschung und Lehre, der dem der Professorinnen und Professoren in gleichem Maße entspricht. Es sind Menschen, die in der Mitte ihres Lebens stehen, hoch ausgebildet sind und eigenständig forschen, publizieren und lehren. Der Zugang zu höheren akademischen Positionen ist aber nicht unabhängig von den Sympathien oder der Zugehörigkeit zum engsten persönlichen Kreis eines Professors sowie seiner Vorstellung von den dieses Netzwerk ergänzenden Personen. Der Präsident der namhaften Hochschule hat dies, wenn auch unbewusst, durch das Erläutern der eigenen Praxis zum Ausdruck gebracht und als "natürlichen" Reproduktionsmechanismus beschrieben.

Die strukturelle Benachteiligung von Frauen im ›Mittelbau‹ bedeutet auch die Fortführung des ungleichen Geschlechterverhältnisses für höhere akademische Beschäftigungsverhältnisse. An der FSU in Jena sind von 312 ProfessorInnen gerade einmal 45 weiblich, das sind nicht einmal 15% der ProfessorInnenschaft.

Frauen sind in ihrem Zugang zu Beschäftigungsverhältnissen im Hochschulbereich deutlich benachteiligt. Männliche Eliten in der Wissenschaft reproduzieren sich über persönliche Auswahl, Nähe zu ProfessorInnen oder auch Mittelvergabe innerhalb ihrer Gruppe. Förderprogramme für Frauen, Gleichstellungsbeauftragte (die in Thüringen auch Männer sein können) oder diverse unkonkrete Zielvereinbarungen zwischen Landesregierung und Hochschulen scheinen nicht erfolgversprechend zu sein. Hinzu kommt, dass Frauen in Thüringen überproportional von (Zwangs-)Befristungen und (Zwangs-) Teilzeitbeschäftigung betroffen sind und so eine wissenschaftliche Karriere mit höheren persönlichen Einsätzen erkämpfen als das - pauschal betrachtet - für Männer gilt.

Die Professur wirkt aber stets richtungsweisend auf Forschung und Lehre. Sie ist die zentrale Schaltstelle innerhalb des Systems Hochschule. Die zunehmende Betonung von Drittmittelwerbung und -Einsatz verschärft den "Männerüberschuss", da vorrangig Männer (oft durch informelle Strukturen) Drittmittel einwerben, wie es die Antwort auf die Große Anfrage der Linksfraktion verdeutlicht. Die so geschaffenen Stellen sind primär mit Männern besetzt. Dieser Effekt hemmt die Entwicklung von demokratischen Hochschulstrukturen und die akademische Orientierung an Forschung und Lehre gleichermaßen.

Bessere Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft

Vermutlich stechen die Thüringer Verhältnisse im bundesweiten Wissenschaftsbetrieb jedoch nicht negativ heraus, was am Beispiel der Programmatik der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) deutlich wird. Mit dem Templiner Manifest oder dem Herrschinger Kodex beschreibt die Gewerkschaft dabei bundesweit gültige Forderungen und Alternativen. Beide Initiativen setzen an den wachsenden Herausforderungen für Beschäftigte im Wissenschaftsbereich und der gleichzeitig steigenden Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse an. Eine der Forderungen der GEW aus dem Templiner Manifest bezieht sich explizit auf die Durchsetzung eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses2, der Herrschinger Kodex hilft als Leitfaden den einzelnen Hochschulen sich für "Gute Arbeit in der Wissenschaft" selbst verpflichten zu können. Als gleichstellungspolitische Maßnahme plädiert er für eine Quotenregelung.3

Für die wissenschaftspolitischen AkteurInnen bedeutet die aktuelle Bestätigung der ungleichen Beschäftigungsverhältnisse an (Thüringer) Hochschulen, dass in Ziel- und Leistungsvereinbarungen zwischen Landesregierung und Hochschulen die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse verankert werden muss und sie zudem einer reformierten bundesweiten gesetzlichen Regelung bedarf. Die politischen Aushandlungsprozesse um die für Hochschulen nötigen Ressourcen müssen dabei radikal demokratisiert sowie partizipativ und transparent gestaltet werden - in den Hochschulen und in der Politik. Die GEW schlägt nach dem Auslaufen der Exzellenzinitiative im Jahre 2017 einen "Pakt für gute Arbeit in der Wissenschaft"4 vor, nach dem nur Hochschulen mit einem schlüssigen Personalkonzept gefördert werden können.

Außerdem sind Diskussionen zu anonymisierten Bewerbungsverfahren für wissenschaftliche Hilfskräfte und den sogenannten Mittelbau unabdingbar. Solche Bewerbungsverfahren scheinen noch nicht explizit an Hochschulen angewendet worden zu sein. Erfahrungen gibt es in Deutschland allerdings, seitdem die Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2010 ein Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren startete. Derzeit testen acht Bundesländer diese Verfahren oder haben die Einführung entsprechender Pilotprojekte angekündigt5. In Europa haben Frankreich, Belgien oder auch die Schweiz positive Erfahrungen gesammelt, international sind sie in Großbritannien, Kanada oder den USA üblich.

Anonymisierte Bewerbungsverfahren

Im Pilotprojekt Nordrhein-Westfalen "entsprach der Anteil der Bewerberinnen und Bewerber mit Migrationshintergrund mit 21,7 Prozent nahezu dem Migrantenanteil an der Gesamtbevölkerung (22,8 Prozent im Jahr 2011); 20,8 Prozent der im Rahmen des Pilotprojekts eingestellten Personen hatten einen Migrationshintergrund. Derzeit beträgt der Migrantenanteil in den Landesministerien zwölf Prozent"6. Aus Frankreich wird berichtet, dass es "das Auffälligste nach einem Jahr ist, dass sich heute etwa doppelt so viele Bewerber auf eine Stelle meldeten wie zuvor - der anonyme Lebenslauf wirkt der ›Selbstzensur der Kandidaten‹ offenbar entgegen"7.

Erste Erfahrungen mit anonymisierten Bewerbungsverfahren lassen die vorsichtige Hoffnung zu, dass es ein Instrument ist, mit dem sich strukturell benachteiligte BewerberInnen besser durchsetzen können. Auch Frauen im Wissenschaftsbetrieb sollten profitieren können. Der besonders für Frauen sensible Einstieg in den Wissenschaftsbetrieb als wissenschaftliche Hilfskraft oder Mitarbeiterin kann mittels eines anonymisierten Auswahlverfahrens möglicherweise eher geschlechtergerecht gestaltet werden, als dies allein eine Quotenregelung leisten kann.

Dass das deutsche Wissenschaftssystem mit seinem Standesdünkel auf den Prüfstand gehört, muss nicht extra erwähnt werden. Wohl aber die Bemerkung, dass es endlich eine Abkehr von der Idealvorstellung einer "normalen" Wissenschaftlerbiografie geben muss. Auch in der Wissenschaft gehören Brüche ebenso zu Lebensläufen wie das Recht auf gute Arbeitsbedingungen. Um zu geistigen Höhenflügen anzusetzen, bedarf es jedoch keiner prekären Beschäftigung oder struktureller Diskriminierung. Der Präsident der namhaften Hochschule und der namhafte Staatssekretär des zuständigen Ministeriums werden den Kopf schütteln.

Anmerkungen

1) Antwort auf die Große Anfrage Beschäftigungsverhältnisse an den Thüringer Hochschulen im Jahr 2011 der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag, Drucksache 5/5382, www.parldok.thueringen.de/parldok/.

2) Vgl. www.templiner-manifest.de.

3) Vgl. www.templiner-manifest.de/Herrschinger_Kodex.html.

4) www.gew.de/GEW_schlaegt_ Pakt_fuer_gute_Arbeit_in_der_Wissenschaft_vor.html.

5) Vgl. "Erstmals Spitzenstelle in städtischem Betrieb über anonyme Bewerbung besetzt", in: www.haufe.de/personal/hr-management/anonyme-bewerbung-spitzenstelle-in-staedtischem-betrieb-besetzt_80_ 173426.html.

6) Vgl. "Minister Schneider: Mehr als 20 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt / Pilotprojekt zur anonymisierten Bewerbung im Landesdienst", in: www.nrw.de/landesregierung/pilotprojekt-zur-anonymisierten-bewerbung-im-landesdienst-13935/.

7) Vgl. Spiegel online: "Frankreich: 50 Firmen testen anonyme Bewerbungen", in: www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/frankreich-50-firmen-testen-anonyme-bewerbungen-a-662492.html.


Susanne Hennig (MdL) ist Bildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag. Hatto Frydryszek studiert an der FSU Jena Soziologie (Master of Arts). Cindy Salzwedel studiert an der FSU Jena Politikwissenschaft, Philosophie und Religionswissenschaft (Magistra Artium).

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