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Klaus Holzkamp

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Le mort saisit le vif.

09.01.2013: Zum Tode von Eric Hobsbawm (1917-2012)

  
 

Forum Wissenschaft 4/2012

Am 1. Oktober 2012 starb der Historiker und Schriftsteller Eric Hobsbawm in einem Londoner Krankenhaus nach langer, schwerer und mit großer Gelassenheit ertragener Krankheit, begleitet und unterstützt von seiner ihn umsorgenden Frau Marlene, mit der er 50 Jahre verheiratet war. Hobsbawm hatte gehofft, dass er nicht schon im hohen Alter auf einen Sockel gesetzt würde, um ihn unschädlich zu machen. Er wollte, dass man höre, was er - auch im biblischen Alter - zu sagen hatte und freute sich als streitbarer Marxist auf den Widerspruch. Nun kann er sich gegen die hochtrabenden und teilweise vergifteten Nekrologe der Presse nicht mehr wehren.

Gegen falsche Geschichtsschreibung und für eine andere Gesellschaft

Auf dem Schreibtisch von Eric Hobsbawm im Londoner Stadtteil Hampstead steht die oben abgebildete Skulptur von Karl Marx, ein Werk, erstellt von dem Marburger Bildhauer Peter Braun. Es gefiel ihm weitaus besser als der monumentale Grabstein von Marx auf dem Highgate Friedhof, einen Steinwurf von seinem Haus in Hampstead entfernt. Sie haben "einem alten Bewunderer Karls viel Freude gemacht", schrieb er dem Bildhauer. Auf den pompösen Koloss ist auf englisch die 11. Feuerbachthese eingemeißelt: "The philosophers have only interpreted the world in various ways, the point however is to change it." In dieser These liegt zeitbedingt ein Spannungsverhältnis zwischen Interpretation und Veränderung. Hobsbawm orientierte sich zwar wie andere marxistische Historiker an der zweiten Aussagehälfte dieser These, die Einheit von Interpretation und Veränderung war für ihn jedoch unauflöslich. Er bestand darauf, die Welt und die Geschichte in der Tradition der materialistischen Konzeption der Geschichte, wenn auch modifiziert, neu zu interpretieren, Faktizität und Anschaulichkeit keineswegs vernachlässigend. Hobsbawm wollte die Geschichte von Legenden, Erfindungen und Mythologien entrümpeln, bevor und während an das Werk gegangen wird, sie zu verändern. Praxis ohne vorangegangene Analyse - wie nach Marx zu oft ge schehen - kann katastrophal werden: so ist Hobsbawms Variante der marxistischen Geschichtsschreibung wohl zu verstehen. Nur ein klarer Blick auf Vergangenheit und Gegenwart setzt uns in die Lage, sie angemessen zu verändern. Hobsbawm hat das Verdienst, dass aus seinen ca. 20 Darstellungen zur Geschichte des 18., 19., 20. und 21. Jahrhunderts die Möglichkeit geschaffen wurde, aus ihr zu lernen. Er gibt uns das Rüstzeug an die Hand, um unter den Bedingungen der von ihm interpretierten Welt, diese zu verstehen und schrittweise zu verändern.

Als Universalhistoriker beschäftigten Hobsbawm die großen "Warum-Fragen" in der Geschichte. Trotz seiner auffälligen Zurückhaltung gegenüber aktuellen deutschen Angelegenheiten, vermied er es nicht, auf deutschem Boden den Deutschen ins Gewissen zu reden und ihrem Unwissen um das Ausmaß und die Ursachen des deutschen Faschismus mit Aufklärung entgegenzutreten. Goldhagen hatte auf die Frage, warum es zu den einmaligen Kriegsverbrechen nicht nur gegenüber den europäischen Juden durch Deutsche gekommen sei, mit seiner These von der genetischen Belastung der Deutschen sicher eine allzu einfache, unzutreffende und in sich widersprüchliche Antwort gegeben. Nach Eric Hobsbawm ist es falsch, "wenn Herr Goldhagen behauptet, der nationalsozialistische Genozid der Juden ließe sich einfach von einem angestammten und angeblichen genozidalen Antisemitismus der Deutschen ableiten. Das ist nicht wahr. Ziel und Funktion der Blutrache und der Pogrome war nicht der Genozid. Erst das 20. Jahrhundert hat die systematische Ausrottung gesamter Völker erfunden und den Nationalismus, welcher in einem Staatsgebiet nur einer ethnischen Gruppe Bürgerrechte bzw. Existenzberechtigung gestattet."(Eric Hobsbawm 2010: Zwischenwelten und Übergangszeiten, Köln: 103). Den Riesenerfolg von Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker deutet Hobsbawm als Versuch des deutschen Publikums, das historische Ereignis des Holocaust ›irgendwie‹ zu verarbeiten. Historiker müssten daran erinnern, "dass wir nicht einen Rückfall in die alte Barbarei erlebt haben und erleben, sondern einen Vormarsch in eine neue Barbarei" (Zwischenwelten: 103).

Hobsbawm war keiner jener Intellektuellen, die sich ausschließlich mit abstrakten Theorievorstellungen beschäftigen und sich nicht für Menschen und ihr Schicksal interessieren. Er stand hinter Bert Brechts Gedicht An die Nachgeborenen und verteidigte diese Position auch gegenüber seinen eigenen Kritikern. Bei aller von ihm geübten Selbstkritik gegenüber früher eingenommenen Positionen gehörte er gewiss nicht zu denen, die den Boden für Freundlichkeit bereiten wollten, aber selbst nicht freundlich waren. Er war freundlich. Nach persönlichen und brieflichen Kontakten mit ihm in den letzten zehn Jahren kann ich dies dankbar bezeugen.

Insofern die 68er-Generation sich als revolutionär verstand, sprach Hobsbawm ihr diese Eigenschaft kategorisch ab, was nicht heißt, dass sie nicht in der BRD dazu beitrug, die verkrusteten Strukturen der postfaschistischen Gesellschaft aufzubrechen. Nach der Niederlage des sozialistischen Lagers mit seinen inzwischen eingetretenen und noch nicht absehbaren Langzeitfolgen und der Offenkundigkeit, dass der gegenwärtige Kapitalismus, die Sozialdemokratie und der Sozialstaat gescheitert sind, weist er darauf hin, dass es keine Gesellschaft gibt ohne den Begriff der Ungerechtigkeit. "Und daher soll es auch keine geben, in der man sich nicht gegen sie auflehnt." (Zwischenwelten: 227).

Wir sollten keine hehren Versprechungen machen, in seinem Sinne das von ihm begonnene Werk fortzusetzen, sondern ganz schlicht seine Werke lesen. Dazu gibt es eine Übersicht über seine 100 in deutscher Sprache bzw. deutscher Übersetzung erschienenen Veröffentlichungen in Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen, Köln 2010, 2. Auflage. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren: Wege der Sozialgeschichte. Ansprache anläßlich der Verleihung des dritten Bochumer Historikerpreises, Bochum 2009; Globalisierung, Demokratie und Terrorismus, München 2009; Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus, München 2012, sein letztes Interview in deutscher Sprache mit dem Magazin stern "Es wird Blut fließen, viel Blut" (13. Mai 2009) sowie diverse Aufsätze: "Krieg der Ideen. Der Spanische Bürgerkrieg und die internationale Linke", in: junge Welt vom 27. April 2009; "Meine Jahre als Jazzkritiker. Intellektuelle Streifzüge durch musikalisches Neuland", in: junge Welt vom 12. Juli 2010; "Alle verhielten sich einwandfrei. Zu Paul Brodas Buch ›Wissenschaftsspione: Eine Erinnerung an meine drei Eltern und die Atombombe‹", in: junge Welt vom 2. Dezember 2011; "Nach dem Kalten Krieg. Erinnerungen an Tony Judt", in: Z, Zeitschrift für marxistische Erneuerung, Nr. 91/2012.

Mit Thukydides teilte Hobsbawm die Einsicht, dass Besiegte der wirklichen Geschichte näher kommen und bessere Geschichtsschreiber sind. Wenn man in 100 Jahren auf Hobsbawms Werke stößt, wird man hoffentlich entdecken, dass der Kapitalismus sich nicht als permanent erwiesen hat und nur eine vorübergehende Erscheinung der Geschichte war, und dass Menschen, nicht nur Marxisten, die Unerträglichkeit des sozialen Unrechts, wonach es Massen von armen Menschen gibt und eine winzige Minderheit von privilegierten Reichen und mächtigen Superreichen, nicht mehr ausgehalten haben.

Der Abschied von Hobsbawm am 11. Oktober 2012 im Londoner Stadtteil Golders Green war von tiefer Traurigkeit erfüllt und klang aus mit der "Internationale". Sein mit intellektueller Souveränität und nicht nachlassender Neugier jenseits des Elfenbeinturms geführtes Leben für Arbeit, Brot und Bildung, gegen soziale und politische Unterdrückung, gegen Krieg und Völkermord ist zu Ende gegangen. Sein Kampf galt nicht einer lediglich besseren, sondern einer anderen Gesellschaft. Bleibt zu hoffen, dass Hobsbawm sich in seiner düsteren Prognose über einen eventuell nicht auszuschließenden großen Weltbrand irren wird.


Dr. Friedrich-Martin Balzer, Bibliograph des Gesamtwerkes von Eric Hobsbawm in deutscher Sprache bzw. deutscher Übersetzung sowie des Gesamtwerkes von Wolfgang Abendroth, Helmut Ridder, Wolfgang Ruge, Hans Heinz Holz und Heinz Düx, siehe www.friedrich-martin-balzer.de.

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