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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Kolumne

09.01.2013: Quintilian

  
 

Forum Wissenschaft 4/2012

Als Kultusministerin in Baden-Württemberg hat Annette Schavan Berufsverbot über den Lehrer Michael Czaszkóczy verhängt, scheiterte damit vor Gericht und verzichtete schließlich darauf, in Berufung zu gehen. Vielleicht verhielten sich Justiz und CDU-Politikerin dabei nicht gemäß besserer Einsicht, sondern wussten, dass der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in diesen Angelegenheiten anders denkt als einst Willy Brandt.

Schavan ist für Studiengebühren und G 8. Als sie vor Jahren befand, die Mathematik sei die Sprache der Natur, antwortete ihr der Vorsitzende des Mathematikerverbandes, die Mathematik sei die Sprache der Mathematiker. Das Missverständnis erklärt sich aus Frau Schavans Werdegang, der eher übernatürliche Merkmale aufweist: Sie hat Erziehungswissenschaften, Philosophie und katholische Theologie studiert, arbeitete beim Generalvikariat Aachen und war Referentin und schließlich Leiterin des bischöflichen Cusanuswerks.

Aus dem Dargelegten ergibt sich nichts, das die Forderung, sie solle als Bundesbildungsministerin zurücktreten, besonders rechtfertigen würde. Sie ist nicht besser und nicht schlimmer als die meisten ihrer Vorgänger(innen) und vermutlichen Nachfolger(innen).

Welche Absicht einen Gutachter leitete, der Annette Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" bei der Abfassung ihrer Dissertation vorwarf, muss ebenso offen bleiben wie die Frage, welche leitende Absicht die Funktionäre von Forschungseinrichtungen und -verbänden, die sie in Schutz nehmen, antreibt. Die F.A.Z. weist darauf hin, dass entweder zu Recht oder zu Unrecht Rücksicht auf Drittmittel, bei deren Vergabe die Ministerin nicht ohne Einfluss sei, vermutet werden könne. Geisteswissenschaftler(innen) sehen den Ruf ihrer Disziplinen wieder einmal bedroht und nehmen deshalb für oder gegen Annette Schavan Stellung. Einer von ihnen meldet schon einmal neuen Drittmittelbedarf an. Es müsse das Verhältnis von Plagiat und Paraphrase erforscht werden. Letztere sei ehrwürdig, denn ein gewisser Quintilian (35 - ca. 96 n. Chr.) habe in seinem Werk Institutio Oratoria davon gehandelt.

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