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Klaus Holzkamp

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Gehörlose an welcher Schule?

24.09.2012: Gespräch mit Karin Kestner

  
 

Forum Wissenschaft 3/2012

In Deutschland leben etwa 80.000 Gehörlose. 80.000 Menschen, die von der hörenden Welt ausgeschlossen sind? Nein, 80.000 Menschen, die eine eigene Kultur und eigene Sprache besitzen. Die Sprache der deutschen Gehörlosen ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS), welche erst seit 2001 anerkannt ist und von ca. 200.000 Menschen in Deutschland gesprochen wird. Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache, mit einem vollständigen grammatikalischen und lexikalischen System. Die Anerkennung der DGS fördert die Bildungsmöglichkeiten Gehörloser, reicht allein aber bei weitem nicht aus. Über Chancen und Schwierigkeiten bei der Inklusion gehörloser Menschen sprach Adeline Duvivier mit der Gebärdendolmetscherin Karin Kestner.

Die Gebärdensprachen haben sich genauso wie die Lautsprachen im Laufe der Zeit - und trotz Unterdrückung - immer weiterentwickelt. Die Gebärdensprache ist nicht international, so dass DGS (Deutsche Gebärdensprache)-NutzerInnen sich nicht einfach so mit US-amerikanischen Gehörlosen unterhalten können, die ASL nutzen (American Sign Language).

Neben DGS werden auch die Hilfsmittel LBG (Lautsprachbegleitende Gebärden) und LUG (Lautsprachunterstützende Gebärden) in der Kommunikation von Hörenden mit Gehörlosen benutzt. Dies sind aber keine Sprachen, sondern einzelne Gebärden, die dem lautsprachlichen Sprachfluss folgend, dazu gebärdet werden. Ein reales Verständnis ist dementsprechend schwierig. Genauso wie die Mär des Lippenlesens: Gerade einmal 30% der Laute sind vom Mund eindeutig ablesbar.

Entwicklung der Gehörlosenpädagogik

Die Gehörlosenbildung hat eine lange Tradition des Methodenstreits: Im 18. Jahrhundert streiten sich die GehörlosenpädagogInnen um die "richtige" Methode, gehörlose Kinder zu unterrichten. Während einige für die bilinguale Methode (Unterricht in Gebärdensprache und Lautsprache) plädieren, wollen die Oralisten eine rein lautsprachliche Erziehung. Letztere setzen sich 1880 beim Mailänder Kongress durch und der Lautsprache wird der Vorzug gegenüber der Gebärdensprache eingeräumt. In einigen europäischen Ländern und in den USA gelangt man im Laufe des 20. Jahrhunderts zu der Einsicht, dass die lautsprachliche Erziehung und der Zwang zum Lautsprechen kontraproduktiv sind - insbesondere da die Gehörlosen sich selbst nicht hören können. Während die Gebärdensprache dort immer mehr in den Unterricht eingebracht und zugelassen wird, bleibt die Deutsche Gebärdensprache in deutschen Schulen verboten.

Erst 2001 wird in das Sozialgesetzbuch aufgenommen, dass hörbehinderte Menschen das Recht haben, Gebärdensprache zur Verständigung in der Amtssprache zu verwenden. 2002 wird die rechtliche Anerkennung der DGS mit dem §6 des Behindertengleichstellungsgesetzes vollzogen: "Die deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt". Gehörlosen, schwerhörigen und ertaubten Menschen wird das Recht zugesprochen, DGS und LBG zu verwenden.

Dies hat nicht nur Folgen beispielsweise für die Finanzierung von GebärdensprachdolmetscherInnen, sondern auch theoretisch auf den Schulunterricht von Gehörlosen. Das Recht auf Unterricht in Gebärdensprache ist ab jetzt verankert.

Die Gehörlosengemeinschaft, wenn auch zahlenmäßig relativ klein, ist stark vom Gemeinschaftsgefühl geprägt. Im allgemeinen Bewusstsein bleiben die Jahrzehnte der Unterdrückung, angefangen von den Verfolgungen und eugenischen Gesetzen im Dritten Reich, bis hin zu den Verboten, die Muttersprache bzw. die einzige Sprache, die sie wahrnehmen können, zu benutzen. Nur ca. 10% der Gehörlosen sind sogenannte CODAs (Child of Deaf Adults). Nur Deaf CODAs wachsen also mit der Gebärdensprache muttersprachlich auf, die anderen nehmen die Gebärdensprache in der Frühförderung, im Kindergarten und in den Schulen auf, aber auch in der Gehörlosengemeinschaft, wie zum Beispiel in den Vereinen, die sich - hauptsächlich durch Sportaktivitäten und Jugendbildung - für mehr Empowerment stark machen: Entscheidungen sollen nicht über deren Köpfe hinweg getroffen werden. Diese Empowerment-Bewegung fand ihren ersten Höhepunkt 1988 in den USA. Dort protestierten gehörlose Studierende der Gallaudet University (Washington D.C.), der ersten und bisher einzigen Universität weltweit, deren Unterricht ausschließlich in Gebärdensprache stattfindet, für einen gehörlosen Präsidenten. Nach einer Woche starker Proteste wurden die Beschwerden erhört und Dr. King Jordan wurde zum ersten gehörlosen Präsidenten der Gallaudet University gewählt.

Diese Bewegung ist auch heute noch ein starkes Symbol für die Gehörlosen der ganzen Welt, die als Teil des Systems für sich selbst sprechen wollen.

Für die Kommunikation zwischen Gehörlosen und der hörenden Mehrheit sind DolmetscherInnen vorerst unverzichtbar. Mit einer von ihnen, Karin Kestner, hat Forum Wissenschaft gesprochen:

D: Frau Kestner, erzählen Sie zunächst bitte kurz etwas über sich, warum sind Sie Gebärdensprachdolmetscherin geworden?

K: Ich wollte rein aus Interesse die Gebärdensprache lernen. Ich sah den Film Gottes vergessene Kinder. Ich wurde als ›Talent‹ entdeckt und bin so, mit aus heutiger Sicht minimalen Kenntnissen, zu meinem ersten Auftrag gekommen. Ich habe mich dann aber weitergebildet und so konnte ich 2001 meine Prüfung zur staatlich geprüften Dolmetscherin absolvieren.

D: Inklusion ist zur Zeit in aller Munde, wir möchten gerne mehr zur Situation von Gehörlosen im deutschen Schulwesen erfahren. Vor nicht allzu langer Zeit war die Gebärdensprache noch nicht anerkannt und in den Gehörlosenschulen verboten. Wie sieht es denn jetzt aus?

K: 2001 wurde die Gebärdensprache in Deutschland das erste Mal im Sozialgesetzbuch erwähnt. Gehörlose bekamen das Recht, in Verwaltungsverfahren Dolmetscher zu benutzen, also faktisch eine Anerkennung der Gebärdensprache. Ja, es sind schon 10 Jahre! Doch im Bildungsbereich sieht es mit der Anerkennung nicht so gut aus. Verboten ist die Gebärdensprache in Schulen nicht mehr, doch sind die meisten Lehrer in den Förderschulen nicht in der Lage den Kindern Unterricht in der einzigen Sprache, die sie verstehen, zu geben. Es wird in den Universitäten nicht verlangt, dass Gehörlosenpädagogen Gebärdensprache beherrschen.

D: Was hat die Anerkennung der Gebärdensprache 2001 verändert - innerhalb und außerhalb des Bildungswesens?

K: Es hat sich sehr viel verändert. Die DGS wird zunehmend präsenter. Früher sah man kaum Menschen, die Gebärdensprache in der Öffentlichkeit benutzten. Ärzte, Ämter, Richter und Sachbearbeiter in verschiedenen Behörden sehen nun taube Menschen, die sich selbst äußern, ihre Rechte fordern und sich selbst vertreten, mit ihrem Dolmetscher ist das kein Problem mehr. Früher begleiteten Verwandte den Gehörlosen und es hieß immer: "Sagen Sie ihm mal oder das können Sie ihm später erklären... ." Das gehört zunehmend der Vergangenheit an. Im Bildungswesen sieht die Welt aber nicht so gut aus. Die Lehrer geben sich zum Teil Mühe Gebärdensprache zu lernen. Doch das Niveau ist oft bescheiden. Ob man ein gutes Niveau nach 11 Jahren der Anerkennung der DGS von Gehörlosenpädagogen erwarten kann, mag der Leser entscheiden. Um Kindern in DGS Unterricht zu vermitteln, brauchen die Lehrer noch mehr Wissen über die Möglichkeiten des Unterrichtes in Gebärdensprache. Ja, und viele wissen nicht, oder wollen es nicht wissen, dass man als Pädagoge Kinder nicht in einer für sie nicht wahrnehmbaren Sprache unterrichten kann. Viele Gehörlosenpädagogen sehen den Wert der DGS bis heute nicht. Sie setzen immer noch auf Technik, sprich Hörgeräte oder Cochlea Implantate.

D: Gehörlosen- und Schwerhörigenschulen heißen jetzt in NRW zum Beispiel "Förderschule mit Schwerpunkt Hören und Kommunikation". Viele Gehörlose fühlen sich dadurch verletzt, dass der Bereich "Hören" so stark betont wird und die "taube Identität" / "gehörlose Identität" herausradiert wurde.

K: Ganz ehrlich? Es ist eigentlich egal, wie die Schulen heißen. Wenn in den Schulen die gehörlosen Kinder in Gebärdensprache unterricht würden, hätten die Gehörlosen sicher weniger Probleme mit dem Namen der Schule. Namensgebung ist doch nur Augenwischerei. Es sind Sonderschulen und bleiben Sonderschulen. Wie aktuelle Berichte und Forschung zeigen, sind sie auch nicht so spezialisiert, wie sich das die Gesellschaft denkt. Die Ergebnisse der Förderschulen sind katastrophal (siehe Studie der Bertelsmann-Stiftung)1.

D: Was ist denn der Unterschied zwischen einem Besuch der Regelschule und dem Besuch einer Förderschule?

K: Da könnte ich natürlich 10 Seiten schreiben, aber ich hebe eine Sache hervor. Gehörlose Kinder, die DGS als Basissprache besitzen, können auf ganz normalem Niveau lernen, wenn sie eine Übersetzung des Lehrers in der Regelschule durch Dolmetscher bekommen. Sie haben dort ungehindert Zugang zu Bildung und das in ihrer Sprache - der einzigen, die sie wahrnehmen können, wenn sie nicht hören. Das Niveau der Förderzentren wird so lange niedrig bleiben, bis dort die Gebärdensprache den Stellenwert bekommt, der ihr gebührt.

D: Welche Schulformen gibt es für schwerhörige / gehörlose Kinder? Wo können sie eine berufliche Ausbildung oder das Abitur machen?

K: Es gibt zur Zeit nur die Förderschulen (ca. 60 FZ deutschlandweit) für gehörlose Kinder, jetzt in einigen Bundesländern auch die Möglichkeit mit Dolmetschern in die Regelschule zu gehen. Ausbildungen könnten sie theoretisch überall machen, doch immer noch werden sie häufig auf Berufsförderungswerke (sechs deutschlandweit) verwiesen. Das liegt auch an dem niedrigen Niveau der Förderzentren. Das Abitur können Gehörlose nur in Essen absolvieren. Ich hoffe, dass sich das alles noch in naher Zukunft verändert, und gehörlose Kinder auch in Gymnasien mit Dolmetschern das Abitur machen können. Die erste Schülerin, die mit Dolmetschern in Nordrhein-Westfalen eingeschult wurde, besucht nun mit Dolmetschern ein Gymnasium. Das sind aber zur Zeit nur Einzelfälle.

D: Müssen gehörlose SchülerInnen in der Schule auch Fremdsprachen lernen? Womöglich auch zwei für das Abitur oder wird ihnen die deutsche Lautsprache als Fremdsprache anerkannt?

K. Natürlich, doch der Fokus im Englischunterricht und weiteren Fremdsprachen liegt bei gehörlosen Kindern auf dem Erwerb der Schriftsprache. Bisher wird die deutsche Schriftsprache noch nicht als erste Fremdsprache für gehörlose Kinder anerkannt.

D: Zurück zum Begriff "Inklusion": Immer mehr SchülerInnen mit diagnostiziertem Förderbedarf werden in Regelschulen im sogenannten Gemeinsamen Unterricht (GU) beschult. Wie sieht es bei gehörlosen SchülerInnen aus?

K: Es sind immer mehr, ja das stimmt, doch es sind tatsächlich nur wenige. Im Umkreis von Köln sind es jetzt schon einige, in Hessen zwei und in Bayern bald vier Kinder. Ein Kind in Baden-Württemberg. Wenn Kinder nur gehörlos sind und sie die DGS als Basissprache besitzen, ist im Normalfall kein weiterer Förderbedarf diagnostiziert! Sie lernen dann ganz normal - nur in einer anderen Sprache.

D: Welche Hilfe gibt es für ein gehörloses Kind zur Integration im Bildungssystem?

K: Hilfe? Da muss ich lächeln. Die Eltern der Kinder müssen bis vor die Gerichte ziehen, um die Kinder in Regelschulen mit Dolmetschern einschulen zu lassen. Ich helfe den Eltern durch die Instanzen, damit die Kinder ihr Recht auf gleichwertige Bildung bekommen. In NRW ist es jetzt leichter, da haben es die Entscheidungsträger und Geldverteiler verstanden. Die Eingliederungshilfe bezahlt die Dolmetscher.

D: Vor kurzem ging der Fall "Melissa" durch die Presse2, bei dem ein gehörloses Mädchen eine Regelschule besuchen wollte. Wer bezahlt zum Beispiel den DolmetscherInneneinsatz für einen Schulbesuch?

K: Verklagt wurde der Bezirk Schwaben, als überörtlicher Sozialhilfeträger - der auch zuständig ist, der hat es abgelehnt. Es ist dann das Kultusministerium und das Sozialministerium je zur Hälfte eingesprungen. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Ich bin aber positiv gestimmt, dass die Bezirke demnächst für die Kinder zahlen.

D: Und bei der Ausbildung, zum Beispiel im Betrieb?

K: Bei betrieblichen Ausbildungen ist die Agentur für Arbeit zuständig - auch für die Berufschule.

D: In der Gehörlosengemeinschaft ist die Inklusion zum Teil stark umstritten: Ob ein gehörloses Kind eine Regelschule oder eine Förderschule besucht, scheint eine heikle Frage zu sein. Wie kommt es?

K: Oft wird mir von Gehörlosen gesagt, dass die Förderzentren doch die Kulturstätten der Gehörlosen seien. Die Sprache, die Kultur wird von dort in die Welt getragen. Das müsste doch erhalten bleiben... Doch heute sieht man auf den Pausenhöfen kaum noch gebärdende Kinder. Alle werden zur Lautsprache - ich weiß nicht wie ich es schreiben soll - gedrängt - gefördert - beeinflusst?! Die Kinder "hören" von klein auf, dass sie doch so schön sprechen könnten - wie es sich für Außenstehende anhört, können sie ja nicht beurteilen. Sie verlassen sich immer mehr auf die Lautsprache. Das hat zum Teil sehr negative Folgen. Die Kinder werden später selten auf Dolmetscher zurückgreifen, die sichere Basis der DGS (durch Dolmetscher) wird nicht genutzt. Hörende denken, "der kann sprechen, dann kann er auch hören" so wird es immer mehr Missverständnisse geben, denn hören kann der gehörlose Mitarbeiter eben nicht. Nickt vielleicht nur ab, um sich nicht zu blamieren. Alternative Angebote könnten den gehörlosen Kindern die Möglichkeit geben, die Gehörlosenkultur und Werte kennenzulernen.

D: Die nächste Stufe des Bildungswesens, das Hochschulsystem, interessiert uns ebenfalls: Welche Hilfen stehen den Studierenden zur Verfügung? Ist ein problemloses Studieren denkbar?

K: Sie können auch im Hochschulbereich Dolmetscher finanziert bekommen, aber es ist immer noch ein Kampf um die Gelder.

D: LehrerInnen und DozentInnen haben eine wichtige Rolle. 2008 bekam der erste gehörlose Professor in Deutschland eine Professur. Prof. Christian Rathmann hat einen großen Teil seiner Berufsbiografie in den USA verbracht. Was ist denn der Unterschied zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Bildungswesen für Gehörlose?

K: In den USA werden in der Regel gehörlose Kinder integriert - mit Dolmetschern - aber auch dort steht nicht alles zum Besten. Die Dolmetscher in den USA haben schlechtere Ausbildungen als in Deutschland.

D: Brauchen wir mehr gehörlose ausgebildete "VolllehrerInnen"?

K: Wenn wir mehr Kinder in die Regelschule integrieren, haben wir automatisch mehr Studierende, das bedeutet auch mehr taube Gehörlosenpädagogen! Und ja - natürlich brauchen wir die!

D: Frau Kestner, ich bedanke mich sehr für das Gespräch.

Anmerkungen

1) www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_32811_32812_2.pdf ; www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_111873.htm .

2) www.taz.de/!98042/ zum Beispiel gehoerlosen-bund.de/dgb/index.php?option=com_content&view=article&id=2248%3Amelissaodereinweitereskapitelaufdemdornigenwegzurinklusionimfreistaatbayern&catid=35%3Anews&Itemid=54&lang=de .


Karin Kestner ( www.kestner.de ) ist Gebärdensprachdolmetscherin, Verlegerin für Software und Bücher zum Thema Gebärdensprache und seit mehr als 15 Jahren ehrenamtliche Beraterin und Helferin für Eltern gehörloser Kinder. Adeline Duvivier ist Lehrerin für Deutsch, Französisch und Sozialwissenschaften an Schulen in der Nähe von Münster. Dort bietet sie auch Arbeitsgemeinschaften in Deutscher Gebärdensprache an, um der hörenden Welt die Gehörlosenkultur näher zu bringen.

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