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Klaus Holzkamp

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Umwelt, Macht und Medizin

15.06.2007: Über die Vergiftung der Lebenswelt

  
 

Forum Wissenschaft 2/2007

Die Menschen wirken auf ihre Um- bzw. Mitwelt ein, die Um- bzw. Mitwelt wirkt auf Menschen ein. Fast ein Gemeinplatz, hätten diese Einwirkungen und ihre Wechselseitigkeit nicht so viele Folgen. Margarete Tjaden-Steinhauer und Karl Hermann Tjaden gehen anhand eines Buches Beispielen nach, in denen den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur sehr konkret zu fassen ist und Menschen - besonders einer - sich darum sehr konkret und zugleich theoriegeleitet kümmerten.



Wenn unter "kritischer Wissenschaft" mehr verstanden wird als eine kritische Selbstbetrachtung, nämlich auch die Gewinnung von Einsichten in die Wirklichkeit, dann kann man die Publikation, über die hier berichtet wird, als einen Beitrag zu diesem kritischen Geschäft begreifen - obwohl einige der Beteiligten beruflich keine Wissenschaftler/innen sind. Unter die Lupe nehmen sie die Vergiftung unserer Lebenswelt, ihre Kontamination vor allem durch chemische Stoffe, aber auch durch andere Einwirkungen, etwa Elektrosmog. Das Problem wird aus der Sicht sehr verschiedenartiger Lebenslagen, Tätigkeitsbereiche und Wissenschaften angegangen, bearbeitet und untersucht; es hält eine Vielzahl von Beiträgen zu einem Sammelband mit dem Titel "Umwelt, Macht und Medizin" zusammen, das im Untertitel "Zur Würdigung des Lebenswerks von Karl-Rainer Fabig" heißt.1

Wir wollen hier das Lebenswerk Fabigs, des 2005 verstorbenen Hamburger Arztes und Umweltmediziners, nicht interpretieren, zumal schon in einer früheren Ausgabe von Forum Wissenschaft etwas zu seinen ärztlichen, wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten gesagt wurde.2 Ebenso wenig wollen wir dieses Sammelwerk rezensieren; das verbietet sich schon wegen unserer Mitwirkung daran als Koautor/in und als Mitglieder der Redaktion. Wir möchten an dieser Stelle über dessen Genese, Struktur und mögliche Funktionen berichten, um zu verdeutlichen, was wissenschaftliche Kritik alles umfassen kann.

Eine Initiative von unten

Unmittelbar nach dem Tode Karl-Rainer Fabigs (am 28. Mai 2005) kam aus seinem früheren Patient/innenkreis eine Initiative zur Dokumentation seiner ärztlichen, wissenschaftlichen und politischen Leistungen, die in der Form eines Buches erfolgen könne. Von daher sind in den entstehenden Sammelband nicht zufällig Berichte von Patient/innen - Beschäftigte im Dienstleistungsbereich, ehemalige Fabrikarbeiter - eingegangen. Sie zeigen auf, wie es ist, wenn man durch Chemikalien vergiftet wird und fortdauernd daran leidet. Zwischen den Menschen, die chemikalienassoziierte Krankheiten mit sich herumtragen müssen, gibt es heute nicht wenige Netzwerke und Selbsthilfegruppen, die auch mit - ihrerseits in verschiedenen Verbänden organisierten - Ärzten und Wissenschaftlern kommunizieren, welche sich mit der Intoxikation von Menschen und Mitwelt professionell befassen. Es war daher nicht besonders schwierig, eine größere Gruppe von Sachverständigen zu gewinnen, die zu einem Sammelwerk beitragen wollten. So kamen darin schließlich zu Wort eben solche Netzwerke von Patient/inn/en und Interessenvertreter ehemaliger Chemiewerker, weiter Umweltmediziner-, Arbeitsmediziner-, Toxikolog-, Molekulargenetiker-, Neurolog-, Epidemiolog-, Umweltrechtler-, Völkerrechtler-, Natur- und Sozialwissenschaftler/innen diverser Disziplinen; unter ihnen Pioniere, die schon früh als niedergelassene oder Betriebsärzte und -ärztinnen, als international anerkannte Vertreter/innen der medizinischen Wissenschaft, als Rechts- und Staatsanwälte und -anwältinnen, Parlamentarier- und Aktivist/inn/en der internationalen Solidaritätsbewegung gegen die zivile und militärische Emission chemischer Substanzen und die schädlichen Effekte der daraus resultierenden Expositionen gekämpft haben. Und die dies bis heute tun; denn die Freisetzung von Dioxinen bei der BASF in Ludwigshafen und bei Boehringer in Hamburg-Moorfleet, die Vergiftung von Bewohnern Vietnams und von US-Soldaten, die gegen sie kämpften, mit diesem Supergift: Das waren ja nur besonders krasse Beispiele einer Problematik, die bis heute andauert, wie dieser Sammelband zeigt. Es ist kein Erinnerungsbuch entstanden, sondern ein Sachbuch, das Erfahrungen Fabigs und vieler seiner Kampfgefährt/innen (solche waren auch manche Patient/innen, ebenso wie seine Freundinnen und Freunde in Vietnam) bündelt und als Hilfsmittel für die Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Industriekultur verfügbar macht.

Medizinische Perspektiven

Medizinisch-wissenschaftliche Aspekte des Chemikalienproblems, das uns vor allem seit der kapitalistischen Entwicklung der chemischen, insbesondere der chlorchemischen Industrie bedrängt, bilden einen der verschiedenen Beitragsblöcke in diesem Sammelband. Wenn man diese Beiträge liest, lernt man zu verstehen, dass die menschlichen Lebewesen, ebenso wie die (anderen) Tiere, nicht nur selber zur natürlichen "Um"-Welt gehören, sondern von den an ihr vorgenommenen technischen Manipulationen und den dabei hervorgebrachten körperfremden Stoffen bis ins Innerste beeinflusst und verändert werden. Hiervon berichten Beiträge des Bandes anhand einer Vielzahl von Fragestellungen und Befunden, von denen wir hier nur diejenigen besonders erwähnen, bei denen es um neurotoxikologische Forschung und um die Erhellung der genetischen Voraussetzungen der Chemikaliensensitivität geht. Denn dies sind Forschungsfelder, auf denen Fabig selber, als Arzt und als Wissenschaftler, Pionierarbeiten geleistet hat. Dies konnte er, weil er als Mediziner über den körpereigenen Stoffwechsel Bescheid wusste, aufgrund seiner materialistisch-sozialwissenschaftlichen Bildung den gesellschaftlich-arbeitsvermittelten "Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur" (Marx) begriff und beide Momente zusammenbrachte. Er fragte sich nämlich, was mit den durch gesellschaftliche Arbeit erzeugten, oft schädlichen Fremdstoffen geschieht, wenn sie in den menschlichen Körper eindringen und dessen Stoffwechsel beeinflussen. Und er sah vor allem, dass solche Stoffe, nach Durchdringung der Blut-Hirn-Schranke, die Hirntätigkeit stören können und dass die Möglichkeiten des Körpers zur Ver- und Bearbeitung schädlicher Fremdstoffe von Mensch zu Mensch durchaus unterschiedlich beschaffen sein können. Vertreter der medizinischen Wissenschaft, die in diesem Buch zu Wort kommen, zeigen, was Karl-Rainer Fabig (von dem zu diesem Aspekt auch ein eigener Text abgedruckt wurde) dazu gesagt und getan hat und was der jetzige Forschungsstand ist.

Dass sich Fabig als Arzt, Mediziner und politischer Akteur mit schädlichen Fremdstoffen befassen sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt und auch nicht durch sein Studium nahe gelegt worden. Seine Beschäftigung damit kam vielmehr daher, dass er mit den Menschen solidarisch war, die in den Jahren bis 1970 Opfer der Verstreuung von Herbiziden ("Agent Orange") im Vietnam-Krieg geworden oder in den Jahren bis 1983/84 als Arbeiter in der Insektizid-/Herbizid-Produktion im Hamburger Boehringer-Werk vergiftet worden waren. Mehr und mehr mit Intoxikations-Problemen befasst, machte er schließlich auch die Unterstützung von Holzschutzmittel-Geschädigten, angefangen mit dem Kindertagesstätten-Fall im Norden Hamburgs, zu seiner eigenen Sache.

Dioxine: Vietnam und Hamburg

Über die Ausbringung von Agent Orange und anderen chemischen Giftstoffen durch die US-Streitkräfte im Vietnam-Krieg und deren zerstörerische Folgen für Mensch und Natur berichten in dem Buch mehrere Autoren eindringlich, darunter ein vietnamesischer Wissenschaftler. Das wissenschaftliche und politische Problem war, das Ausmaß der Giftstoffausbringung und ihrer grauenhaften Wirkungen zur Kenntnis zu nehmen, sie anzuerkennen und für Schadenslinderung und Entschädigungsleistungen zu kämpfen. Das hat Fabig vor allem im Kontext der Aktivitäten der Gesellschaft für die Freundschaft zwischen der BRD und Vietnam getan, insbesondere mit publizistischen Mitteln. Einige seiner im Buch abgedruckten Texte zeugen davon. Man lese etwa den Artikel, mit dem er (ursprünglich im Vietnam-Kurier der Freundschaftsgesellschaft) die sensationellen Neuberechnungen der über Südvietnam versprühten Herbizid-Mengen von J. Stellman et al.3 zu popularisieren versucht, oder (im selben Organ postum veröffentlicht und hier im Buch wieder abgedruckt) seinen Bericht über die Abweisung der Zivilklage vietnamesischer Agent Orange-Opfer gegen US-amerikanische Chemie- und Pharmazie-Konzerne durch das zuständige US-Gericht. Wie aus dem Buchbeitrag eines vietnamesischen Ökologen über den Ökozid in südvietnamesischen Landschaften hervorgeht, ist das ganze Ausmaß der Schädigungen noch längst nicht erforscht, von deren Ausgleich, trotz aller Anstrengungen, ganz zu schweigen. Auch andere Buchbeiträge berichten über die fortwirkenden Schadwirkungen bei den nachgeborenen Menschen und in ihren Lebensräumen sowie über Vorhaben und Maßnahmen, die Leiden lindern sollen.

Die Vergiftung von Beschäftigten in der Pestizide-Produktion des Zweigwerks von Boehringer Sohn, Ingelheim, in Hamburg-Moorfleet war nicht der erste Fall gravierender chemischer Intoxikation in der Industrie der BRD - zumindest ansatzweise zur Sprache kommen in dem Buch auch der Dioxin-Unfall in der Chemischen Industrie in Ludwigshafen und die Vergiftungen in einer Schuhfabrik im Raum Trier. Aber Boehringer-Hamburg ist der erste Fall, in dem vor allem politische Aktivitäten einer kritischen politischen Gruppierung, unter aktiver Mithilfe Karl-Rainer Fabigs, letztlich die Stilllegung eines Chemiewerks bewirkt haben - einer Pestizidfabrik, an deren Beispiel die Erzeugung des kanzerogenen TCDD-Dioxins insbesondere als Verunreinigung des hier produzierten Herbizids und dessen tödliche Wirkungen wohl erstmals wissenschaftlich nachgewiesen wurden.4 Welche Arbeitsbedingungen in diesem Werk herrschten und mit welchen Schwierigkeiten die Beschäftigten zu kämpfen hatten, bis ihre horrenden Gesundheitsschäden später - sofern sie überlebten - ernst genommen wurden, soweit das überhaupt gelang, wird einem/einer wohl nirgends so deutlich vor Augen geführt wie in den Gesprächen mit ehemaligen Boehringer-Arbeitern einerseits und mit dem ihnen zur Seite stehenden Leiter der Hamburgischen Beratungsstelle für Chemiearbeiter andererseits. Und nirgends wird die Arzt-Persönlichkeit Fabigs so überzeugend geschildert wie in dem Bericht seiner Patienten aus dem Südosten Hamburgs. Überhaupt wird nirgendwo in diesem Sammelband so deutlich wie hier und in einigen anderen Beiträgen zu Problemen der Belastung von Arbeitsplätzen durch Industriegifte, welche Hindernisse davor aufgerichtet sind, ein chemikalienassoziiertes Leiden als betrieblich bedingte Erkrankung anerkannt zu bekommen, genauer: als schwerkranker Mensch mit der zuständigen Berufsgenossenschaft konfrontiert zu werden.

Holzschutzmittel, Recht, Politik

Es gibt allerdings ein analoges Problem, und auch dieses kommt in dem Sammelband ebenfalls sehr überzeugend zur Sprache. Das ist das Problem der Vergiftung durch Holzschutzmittel, dem Karl-Rainer Fabig und ein Kollege, der ebenfalls in diesem Band berichtet, im Kindertagesstätten-Fall auf die Spur gekommen war. Auch bei den Holzschutzmitteln und anderen, die Innenräume belastenden, Stoffen hatte es kaum Kenntnisse von ihrer gesundheitsbedrohenden Wirksamkeit gegeben, was insbesondere für bestimmte, in den siebziger Jahren außerordentlich verbreitete Marken-Holzschutzmittel gilt; auch hier war die Anerkennung der quasi-kausalen Rolle solcher Chemikalien für die Krankheitsentstehung in weiter Ferne; auch hier musste um solche Anerkennung und damit um die Haftung der Hersteller solcher Produkte gekämpft werden. Einer der wichtigsten dieser Kämpfe erfolgte mit dem berühmten Frankfurter Holzschutzmittelprozess, aus dem einer der Hauptbeteiligten hier sehr eindringlich berichtet. Karl-Rainer Fabig war einer der gutachtenden Fachleute, die in diesem Prozess auf der richtigen Seite standen.

Wir sehen, die Schwierigkeiten, die der Kampf gegen manifeste Effekte von Intoxikationen durch anthropogene Chemikalien bereitet, sind im wesentlichen immer dieselben: Es ist schon für kundige Wissenschaftler/innen nicht einfach und oft gar nicht möglich, das ganze Ausmaß solcher Vergiftungen zu erkennen (schon deshalb, weil ja die meisten synthetischen Stoffe, geschweige denn ihre vielfältigen Wirkungen, gar nicht oder kaum bekannt sind); es ist noch schwieriger zu erreichen, dass bei entsprechenden Erkrankungen die Bedingtheit oder Mitbedingtheit durch schädliche Fremdstoffe gesellschaftlich anerkannt wird (was z.B. für Menschen, die an sog. Multipler Chemikalien-Sensitivität leiden, ein großes Problem darstellt); und es ist hierzulande nahezu unmöglich, mit rechtlichen und/oder politischen Mitteln durchzusetzen, dass die chemisch bedingten oder mitbedingten Schäden durch den Verursacher gemindert, gelindert oder ausgeglichen werden (also den Leidtragenden eine "Entschädigung" gewährt wird). Das Chemieproblem ist also auch ein eminent rechtlich-politisches Problem. Dies behandelt nicht nur der Bericht zum Holzschutzmittelprozess, sondern es ist Thema auch anderer Beiträge, so derjenigen zu Entwicklungshemmungen des nationalen und des internationalen Umweltrechts. Und meist wird der "Leidensweg", wie es in einem Beitrag heißt, "durch den Rechtsweg verlängert". Was es bedeutet, mit politisch-parlamentarischen Mitteln gegen die Macht der Chemie-Konzerne und von ihnen hörigen Berufsgenossenschaften anzugehen, zeigt ein authentischer Bericht aus dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags über ein jahrelanges Ringen mit diesem Problem.

Welche Funktionen können einem solchen Sammelwerk zukommen, das bei aller Vielfalt seiner Beiträge doch einen einheitlichen Blickpunkt hat, nämlich das praktische und theoretische Problem der modernen Vergiftung der Lebenswelt? Wir denken und hoffen, dass das Buch drei nützliche Zwecke erfüllen kann. Erstens könnte es dazu beitragen, das Selbstbewusstsein, den Gedankenaustausch und die wechselseitige Hilfestellung von Menschen, die unter chemikalienassoziierten Krankheiten leiden, über die schon entwickelten vielfältigen Vernetzungswirkungen hinaus weiter zu fördern; und vor allem könnte es mithelfen, endlich die öffentliche Anerkennung dieser Leiden als gesellschaftlich erzeugte und zu verantwortende Übel zu erringen. Nicht zuletzt wäre dafür auch hilfreich, wenn das Buch - zweitens - dahingehend Wirkungen entfalten könnte, das immer noch herrschende gesellschaftliche Bewusstsein infrage zu stellen, das sog. Wirtschaftswachstum sei schließlich ohne gravierende destruktive stofflich-energetische Effekte machbar. Anders gesagt: wenn es die Einsicht fördern würde, dass es der gesellschaftlichen Wohlfahrt willen eines systematischen Rückbaus der schadstoffträchtigen Installationen und der schadstoffhaltigen Artefakte unserer Wirtschaftsweise bedarf, wenn die vorhandenen Umwelt- und Gesundheitsgefahren eingedämmt werden sollen - was freilich nicht nur und vielleicht noch nicht einmal in erster Linie deshalb extrem schwierig ist, weil hier Kapitalinteressen tangiert werden, sondern auch und nicht zuletzt wegen des Weiterwirkens bereits akkumulierter Altlasten und bereits erfolgter Verwüstungen unserer Lebenswelt. Drittens könnte sich dieses Buch - und das wäre zu wünschen - dadurch als nützlich erweisen, dass es Gesellschafts-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler/innen darauf aufmerksam macht, dass die Welt, in der wir leben, unsere Erde ist, deren Natur wir samt unserer Geistestätigkeit angehören. Deshalb müssen auch die Gegenstände unserer Wissenschaften und unser wissenschaftliches Nachdenken über diese Welt ohne Beachtung ihrer natürlichen (somit auch ihrer stofflichen) Beschaffenheiten und Bedingungen abstrakt bleiben.

Und wissenschaftliche Kritik?

Was kann nach alledem nun "kritische Wissenschaft" bedeuten? Gewiss, man benötigt eine andere als die main stream-Wissenschaft, und auch davon ist in diesem Band die Rede. Er verdeutlicht ferner zu Recht, dass es der Vernetzung von Initiatoren wissenschaftlicher Kritik vorab im EU-Maßstab bedarf, wozu es erfreuliche Ansätze gibt, an denen Fabig bis kurz vor seinem Tode selber mitwirkte. Dieses sind Ansätze zu einer demokratischen, nicht hierarchischen post-normal science, für die übrigens der Sache nach in einem anderen Beitrag auch ein Schüler und langjähriger medizinischer Weggefährte Fabigs plädiert, wenn er den Modellcharakter der US-amerikanischen Schools of Public Health hervorhebt: von Institutionen des Gesundheitsschutzes, in denen die Interaktion von niedergelassenem Arzt und wissenschaftlichem Forscher (die Fabig in seiner Person selber verkörperte) grundlegend ist. Kritik braucht schließlich immer ein theoretisches Fundament, wozu Karl-Rainer Fabig mit grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von Evolution, kapitalistischer Industriegeschichte, Mensch und Umwelt angesetzt hat. Außerdem muss einer kritischen Theorie offenbar eine kritische Praxis zur Seite stehen. Wenn man so will, ist vielleicht das geschilderte Publikationsprojekt selber ein kleines Beispiel für solche Praxis. Es handelt sich um ein durch Autor/innen finanziertes non profit-Vorhaben, dessen Überschüsse vollständig der Mitfinanzierung von Hilfsprojekten in Vietnam dienen werden, welche die Freundschaftsgesellschaft BRD-Vietnam betreut.

Anmerkungen

1) Anita Fabig, Kathrin Otte, Hrsg., Umwelt, Macht und Medizin, Zur Würdigung des Lebenswerks von Karl-Rainer Fabig, Kassel: Verlag Winfried Jenior 2007, 325 S., Pb., Eur 18,- (ISBN 978-3-934377-24-0).

2) Karl Hermann Tjaden, Wissenschaft als theoretische und praktische Kritik, Erinnerung an Karl-Rainer Fabig. In: Forum Wissenschaft 4/2005, S.49-52. - Ergänzend zitieren wir hier aus dem Summary ("Karl-Rainer Fabig’s research work") des Beitrags von Rolf Czeskleba-Dupont zu dem Buch, der die wissenschaftlichen Leistungen Fabigs würdigt: "[…] Throughout the 1980s and 1990s, Fabig engaged in mapping diverse damages from poisoning with chlorinated dioxins - whether this was in Vietnam as result of the spraying of Agent Orange or at one of the pesticide producing chemical factories, Boehringer at Hamburg, or in day-care centres with PCP-containing wood preservatives. Symptoms of neurotoxic damages from dioxin exposure emerged as a new category of health damages not taken into account by neither WHO nor national protection agencies recommending levels of ‚safe‘ intake: No lower threshold could be delimited for brain damages via inhalative uptake according to Fabigs findings from SPECT (Single Photon Electronic Computer Tomography). In this millennium, Fabig developed methods - in cooperation with molecular geneticists - to identify gene variants and corresponding physiological mechanisms (enzymes) that explain, why there are not only gradual, but qualitative differences between individuals exposed to the same toxic agent. The explanation rests upon assuming a differing detoxifying capacity of individuals as well as a differing ‚sensitizing capability of chemicals‘. Both very plausible concepts and especially their interplay in real life imply that general limit values are unacceptable tools of regulation. Physicians are obliged to engage in a scrutinizing dialogue with their patients. Fabigs work demonstrates the importance of extending the concept of facts as well as that of peers in scientific work, as it is recommended in post-normal science."

3) Vgl. Nature 422, 2003.

4) Durch A. Manz et al. in Lancet No 8773, 1991.


Margarete Tjaden-Steinhauer, Dr. phil., Prof. i.R., war an der Universität Gesamthochschule Kassel in der Ausbildung von Sozialarbeiter/innen tätig. - Karl Hermann Tjaden, Dr. phil., Prof. em., war an derselben Hochschule in der Ingenieur- und Planer/innen-Ausbildung beschäftigt. Beide waren Mitglieder der Redaktion des Sammelbandes "Umwelt, Macht und Medizin".

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