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Klaus Holzkamp

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Kein Wundermittel

15.06.2007: Privatisierung der Arbeitsvermittlung

  
 

Forum Wissenschaft 2/2007

Wer über Vieles hinwegsieht, was die aktuelle Verminderung der Arbeitslosenzahlen nicht auf den ersten Blick preisgibt, mag an eine Verbesserung der Beschäftigungslage durch die "Hartz-Reformen" glauben. Ein genauerer Blick auf die mit ihnen eingeführten neuen Formen der Arbeitsvermittlung lässt skeptischer werden. Holger Schütz und Petra Kaps werten sie aus und vergleichen.



Seit 1998 - und verstärkt im Zuge der so genannten Hartz-Reformen - werden Vermittlungsdienstleistungen privater Anbieter zunehmend öffentlich über wettbewerbliche Vergaben öffentlicher Aufträge (Contracting Out) und Gutscheinverfahren gefördert. Zugleich fordern neoliberal gefärbte Stimmen aus Politik und Wissenschaft gerade in den letzten Jahren verstärkt die weitere Privatisierung der deutschen Arbeitsvermittlung. Contracting-Out-Befürworter verweisen dabei vor allem auf (vermeintlich) gute Erfahrungen mit diesem Instrument in Australien, den Niederlanden und Großbritannien;1 andere schlagen eine vollständige Umstellung der Arbeitsvermittlung auf das Gutscheinverfahren vor.2 Bei Contracting-Out- und Gutscheinverfahren wird die Umsetzung der öffentlichen Aufgabe an private Dritte übertragen, die Verantwortung für die Aufgabenerfüllung und der Großteil der Finanzierung liegen in öffentlicher Hand. Die Wirkungen solcher Privatisierungen sind keineswegs so positiv wie unterstellt. Mit Evaluationsergebnissen zu den reformierten Vermittlungsinstrumenten in Deutschland sowie Forschungsbefunden zum Contracting Out von Arbeitsmarktdienstleistungen in Großbritannien, Australien und den Niederlanden zeigen wir nachfolgend die Grenzen dieser Privatisierungsformen auf.

Rechtlich-politischer Stand

In der deutschen Arbeitsvermittlung galt bis zu seiner Aufhebung 1994 das öffentliche Vermittlungsmonopol. Seither trieb die Politik im Zuge der Probleme am Arbeitsmarkt und des allgemeinen Liberalisierungsdiskurses die Zulassung gewerblicher Arbeitsvermittlung schrittweise voran. Mit den seit 2002 praktizierten Formen der Beauftragung privater Vermittlungsdienstleister wurden schließlich Quasi-Märkte konstruiert, um den Wettbewerb zwischen öffentlicher und privater Arbeitsvermittlung, aber auch zwischen den privaten Vermittlern zu fördern. Ein wichtiger Schritt zur Neuordnung der Steuerung von Arbeitsmarktdienstleistungen über Contracting Out war die Übertragung der Einkaufsorganisation der Bundesagentur für Arbeit (BA) an Regionale Einkaufszentren (REZ) und die gleichzeitige Standardisierung von Arbeitsmarktdienstleistungen Anfang 2004.3 Die REZ sind für die Beschaffung dieser Leistungen über wettbewerbliche Vergabeverfahren und für die Einhaltung wettbewerbsrechtlicher Bestimmungen zuständig.

Vermittlungsdienstleistungen nach § 37 SGB III werden seit 2004, Eingliederungsmaßnahmen nach § 421i SGB III seit 2005 über die REZ ausgeschrieben. Insgesamt haben die REZ im Jahre 2005 Arbeitsmarktdienstleistungen für rund 830.000 Teilnehmerplätze in knapp 9.500 Losen mit einem Auftragsvolumen von 1,4 Mrd. Euro eingekauft. Darunter waren Beauftragungen Dritter nach § 37 SGB III für 83,7 Mio. Euro und Eingliederungsmaßnahmen für 30,1 Mio. Euro. Mit 1 bis 2% am Gesamtvolumen der Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik zwischen 2003 und 2005 sind die Anteile der hier diskutierten drei Instrumente der privaten Arbeitsvermittlung gering.

Die Vermittlungsinstrumente

Nach § 37 SGB III kann die Arbeitsagentur Dritte mit Vermittlungsdienstleistungen beauftragen. Zudem haben Arbeitslose nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit einen Rechtsanspruch auf die Betreuung durch einen Vermittler außerhalb der Agentur. Daneben ist auch eine Beauftragung mit Teilaufgaben, z.B. Stellenakquisition, möglich. Wir behandeln hier nur Ergebnisse zur Beauftragung mit der gesamten Vermittlung.

Eingliederungsmaßnahmen nach § 421i SGB III sind eine Gruppenmaßnahme: Sie bezieht sich auf Arbeitsuchende mit besonderem Unterstützungsbedarf. Ein innovativer Maßnahmezuschnitt soll ihnen zu dauerhafter sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verhelfen. Die Methoden stehen den Anbietern frei; das beste Konzept soll sich im Wettbewerb durchsetzen.

Der Vermittlungsgutschein (§ 421g SGB III) ist ein Instrument, auf das Leistungsempfänger des SGB III einen individuellen Rechtsanspruch haben. Er ermöglicht Arbeitslosen, eigeninitiativ Personaldienstleister aufzusuchen und zur Vermittlungsunterstützung auszuwählen. Seit Anfang des Jahres 2005 können arbeitslose Leistungsempfänger den Gutschein bereits nach sechs Wochen Arbeitslosigkeit erhalten. Sein Wert beträgt 2.000 Euro, die erste Rate wird dem privaten Vermittler nach erfolgreicher Vermittlung und sechswöchiger Beschäftigung, die zweite Rate nach einer Beschäftigungsdauer von sechs Monaten gezahlt. Empfänger von ALG II haben keinen Rechtsanspruch auf den Gutschein.

In der Anfangsphase zielte die Einkaufsstrategie der BA in erster Linie auf Kostenreduktion und "Marktbereinigung". Dazu initiierte sie einen starken Preiswettbewerb; qualitative Aspekte der Beauftragungen wurden dagegen vernachlässigt, insbesondere bei der gesamten Vermittlung nach § 37 SGB III.

Als problematische Effekte der Ausschreibungs- und Vergabepraxis der Bundesagentur für Arbeit sind festzuhalten: Teilweise rein erfolgsabhängige Vergütung begünstigten und verstärkten Selektionseffekte; die Staffelung der Vergütungsformen nach dem Schwierigkeitsgrad der Vermittlung erfolgte bisher nur unsystematisch. Insbesondere im Fall der Beauftragung nach § 37 fand bis ins Jahr 2005 im Vergabeverfahren ein reiner Preiswettbewerb statt. Die billigsten Angebote setzten sich durch, Konzepte waren nicht vorzulegen. Erst seit 2006 werden qualitative Aspekte wenigstens formal berücksichtigt. Die Preisbildung am Markt funktionierte aufgrund widersprüchlicher Konditionen und Preismechanismen bei und zwischen den einzelnen Instrumenten sowie häufig wechselnder Modalitäten nur eingeschränkt. Auch die Vergabeverfahren der REZ waren intransparent; Ausschreibungsergebnisse und Preise wurden von der BA nicht veröffentlicht. Die geringe Verfahrens- und Preistransparenz schuf vor allem für kleine und neue Anbieter hohe Marktzugangsbarrieren. Die Wahlmöglichkeiten für die Arbeitsuchenden waren stark eingeschränkt. Durch kurze Vertragslaufzeiten und häufige Ausschreibungstermine wechselten die Anbieter oft; das verursachte hohe Transaktionskosten. Die Rahmenbedingungen führten insgesamt dazu, dass wenige große Anbieter einen hohen Marktanteil erzielten.

Bis heute ist das Kontraktmanagement der BA keineswegs optimal gestaltet. Nach mehr als zwei Jahren Erfahrung bietet die zentralisierte Einkaufsorganisation noch immer Anlass zu Kritik von Arbeitsagenturen und privaten DienstleisterInnen, auch wenn einige Rahmenbedingungen verbessert wurden.

Evaluationsergebnisse

Die Evaluation der neuen bzw. modifizierten Instrumente (§§37, 421i und 421g SGB III) zur Arbeitsvermittlung4 untersuchte die zwischen 2003 und Anfang 2005 durchgeführten Maßnahmen nach §§ 37 und 421i SGB III sowie die ausgegebenen Vermittlungsgutscheine. Sie beschränkte sich für das Jahr 2005 ausschließlich auf Arbeitslosengeld-I-Empfänger (SGB III), obwohl diese Vermittlungsleistungen prinzipiell auch den Langzeitarbeitslosen nach SGB II zur Verfügung standen. Die Evaluation erbrachte insgesamt schwache Ergebnisse und legte zahlreiche Implementationsprobleme offen.

So wies die Wirkungsanalyse kaum positive Integrationseffekte der über Contracting Out gesteuerten Instrumente Beauftragung Dritter und Eingliederungsmaßnahmen nach. Das heißt, die TeilnehmerInnen hatten insgesamt eine geringere Wahrscheinlichkeit, in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert zu werden, als eine individuell vergleichbare Kontrollgruppe. Wenn überhaupt, vermittelten private Anbieter über die untersuchten Instrumente eher leicht vermittelbare Zielgruppen in guter Arbeitsmarktlage. Nur beim nicht über Contracting Out gesteuerten Instrument Vermittlungsgutschein deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass Private erfolgreicher vermitteln könnten als die Arbeitsagenturen. Dies gilt allerdings nur für die modifizierte Form des Gutscheins, die seit 2005 eingesetzt wird, und erfasst, wie schon angesprochen, nur Wirkungen für Kurzzeitarbeitslose.

Eingliederungen über den Vermittlungsgutschein erfolgten stark über Bestenauslese (‚Creaming‘). Hohe soziale Selektion der TeilnehmerInnen trifft auch für rein erfolgsbasierte Vermittlungsbeauftragungen nach § 37 zu, da die Dienstleister keinen Anreiz hatten, sich angesichts des hohen Risikos den schwerer vermittelbaren Arbeitsuchenden intensiv zuzuwenden. Diese Instrumente konnten also bisher die Chancengleichheit von TeilnehmerInnen nicht garantieren. Besonders mit dem Vermittlungsgutschein haben marktferne Arbeitsuchende geringere Chancen, aktiv in Vermittlungsdienstleistungen einbezogen zu werden.

Mit Blick auf die Nachhaltigkeit der Vermittlung schneiden Eingliederungsmaßnahmen nach § 421i im Vergleich am besten ab: Eine Beschäftigung nach einer solchen Maßnahme war im Vergleich zu einer Kontrollgruppe durchschnittlich etwas dauerhafter. Im Gegensatz dazu waren die Vermittlungen über den Gutschein wie über Beauftragungen Dritter im Kontrollgruppenvergleich weniger nachhaltig. Die Eingliederungsmaßnahmen schneiden überdies auch in Bezug auf das Eingehen der Anbieter auf individuelle Unterstützungsbedarfe (Responsivität) im Urteil der NutzerInnen deutlich besser ab als die Beauftragungen und der Vermittlungsgutschein.

Der Vermittlungsgutschein (Fassung von 2005) stellt das einzige Instrument dieser Evaluation dar, das für ALG-I-Empfänger robuste positive Wirkungsergebnisse über ein breites Spektrum regionaler Arbeitsmarktlagen und TeilnehmerInnengruppen aufweist. Vor allem beim Vermittlungsgutschein bleibt aber das Ausmaß der Mitnahmeeffekte unaufgeklärt. Zudem setzt die Definition eines einheitlichen Fixpreises für den Vermittlungsgutschein den Preisbildungsmechanismus außer Kraft. Ob die Integrationsleistungen also zum optimalen Preis erzielt wurden, ist nicht überprüfbar. Ebensowenig ist abschließend geklärt, wie hoch der Anteil der Einlösungen ist, der tatsächlich auf die Aktivitäten privater Vermittler zurückgeht.

Für die über Vergabeverfahren gesteuerten Instrumente waren auch Probleme in der lokalen Umsetzung auszumachen: Die Agenturen weisen den privaten AnbieterInnen BewerberInnen zu, so dass weder diese noch die Arbeitsuchenden Wahlfreiheit haben. Als Folge der geringen Preise vor allem bei Aufträgen mit reiner Erfolgsvergütung wurden weniger gut vermittelbare BewerberInnen "geparkt", also nicht intensiv beraten, aktiviert und vermittelt. Konflikte zwischen Arbeitsagenturen und AnbieterInnen veranlasste die Frage, welche Vermittlungen Dritter anerkannt und honoriert werden, da während der Zuweisung an Dritte auch die BA die TeilnehmerInnen in ihre Vermittlungsaktivitäten einbezog. Fehlendes Monitoring, unausgewogene Risikoverteilung zwischen Agenturen und privaten Dritten, fehlender Leistungswettbewerb sowie die mangelnde Transparenz der Vergabeverfahren bleiben als Umsetzungsprobleme auch weiterhin bestehen - selbst wenn inzwischen einige Verbesserungen eingeleitet wurden.

Dem Gutscheinverfahren mangelt es vor allem an Markttransparenz, Kontrollmöglichkeiten und wirksamem Monitoring. Daher kann die Wahlfreiheit der BewerberInnen den Wettbewerb nur begrenzt fördern. Vor allem für weniger kompetente Arbeitsuchende ist es schwierig, geeignete private VermittlerInnen zu finden, wenn nicht transparent wird, wer unter ihnen welche Ergebnisse erzielt. Auch die Qualitätssicherung, die der Gesetzgeber an die Branchenverbände der privaten Vermittlungsdienstleister übertragen hat, weist noch Mängel auf.

Internationale Einsichten

Blicke nach Australien, Großbritannien und in die Niederlande zeigen: Auch andernorts stellen Contracting-out- und Gutscheinverfahren nicht den Stein der Weisen für die Arbeitsvermittlung dar. In Australien geht die Privatisierung der Arbeitsvermittlung am weitesten. Alle Vermittlungsberatungs- und Integrationsdienstleistungen werden an private AnbieterInnen vergeben; in den Niederlanden und Großbritannien sind Beratungsdienstleistungen weiter in öffentlicher Hand, die Integrationsdienstleistungen aber privatisiert. Großbritannien hat in 15 besonders strukturschwachen Regionen sog. Employment Zones, in denen die Eingliederung Langzeitarbeitsloser vollständig privaten Dritten übertragen ist.

Wirkungsanalysen zu den Employment Zones (EZ)5 enthalten - trotz gegenteiliger Interpretationen der einschlägigen Privatisierungsbefürworter - keine deutlich positiven Wirkungsnachweise für Teilnahme an einem EZ-Programm. Zum Teil zeigt sich sogar ein negativer Effekt für TeilnehmerInnen im Vergleich zu NichtteilnehmerInnen. Gering ist auch die Nachhaltigkeit der Vermittlungen; marktferne Gruppen werden durch die EZ-Betreiber eher benachteiligt.

Evaluationen von drei australischen Rahmenprogrammen zur Beratung, Betreuung und Vermittlung von Arbeitsuchenden über wettbewerbliche Vergabe fallen eher neutral bis kritisch aus und verweisen auf Selektionseffekte zu Lasten schwächerer Teilnehmer und geringe Integration.6 Wegen der vollständigen Privatisierung gibt es auch keinen Wettbewerb zwischen öffentlicher und privater Vermittlung, wodurch vornehmlich gewinnmaximierende Arbeitspraktiken der privaten Anbieter reduziert werden könnten.

Die niederländischen Erfahrungen mit wettbewerblichen Ausschreibungen von Reintegrationsmaßnahmen sind ebensowenig eine reine Erfolgsstory: Geringe Transparenz der Vergabebedingungen, schwache Marktentwicklung und fehlende Wirkungsergebnisse sind hier die Probleme. Die Begleitforschung kritisiert hohe Regulierungsdichte, bürokratische Verfahren, fehlerhafte Angaben der Dritten bei Bietverfahren und Abrechnungen sowie soziale Selektionseffekte.7 Praktiker- wie BeobachterInnen zeigen sich daher über Ausschreibungsverfahren inzwischen ernüchtert, deren Bedeutung nun tendenziell zurückgeht; Marktsteuerung über Ausschreibungen wird zunehmend nur noch als ein Mittel zum Zweck angesehen.

Deutsche Perspektiven …

Ein überlegenes Modell der Beteiligung privater Dritter an der öffentlich geförderten Arbeitsvermittlung gibt es offenkundig nicht. Die Zwischenbilanz zu den Erfahrungen in Deutschland mit den Instrumenten der Beauftragung Dritter mit Arbeitsvermittlungsdienstleistungen und dem Vermittlungsgutschein fällt mager aus. Das Verhältnis von Qualität und Kosten (produktive Effizienz) hatte bisher zu wenig Bedeutung. Kosteneinsparungen führten in nicht wenigen Fällen zu geringerer Qualität der Ergebnisse. Ein fairer Qualitätswettbewerb wird zu wenig gefördert. Auch Kriterien wie Responsivität und Chancengleichheit gehörten nicht zum geschäftspolitischen Horizont der BA und der REZ. Einzig der Vermittlungsgutschein ist responsiv gegenüber individuellen Unterstützungsbedarfen, zur Steigerung von Effizienz und Chancengleichheit trägt jedoch auch dieser nicht bei. Die Einkaufsprozesse weisen noch erhebliche Mängel auf. In einigen Ausschreibungssegmenten lässt sich wegen fehlender Angebote von Marktversagen sprechen. Der dominierende Preiswettbewerb führte zu Qualitätsmängeln in der Leistungserbringung und hohen Selektionseffekten zum Nachteil marktferner Arbeitsuchender - Grundlage für höheren Kontrollaufwand und entsprechende Mehrkosten, um Anbieterleistungen vertragsgerecht sicherzustellen.

Die einheitliche Ausgestaltung des Vermittlungsgutscheins widerspricht allen Argumenten der Kontraktmanagementtheorie, die mit intelligenten Preismechanismen Selektionseffekte vermeiden will. Der Gutschein befördert die Unterstützung der stärksten Gruppen von Arbeitsuchenden, besonders in Regionen mit guter Arbeitsmarktlage. Im Vergleich der beiden Verfahren des Contracting Out und der Gutscheinvergabe schneidet der Gutschein - zumindest bei Kurzzeitarbeitslosen - auf den ersten Blick besser ab. Die Ergebnisse belegen aber nicht, dass ein Gutscheinverfahren per se das effektivere oder effizientere Verfahren ist, zumal eine Vermittlung über Gutschein im Schnitt deutlich teurer ist als ein Contracting Out.

So zeigt sich einmal mehr, dass die Privatisierungsbefürworter in der deutschen Debatte vornehmlich ideologisch argumentieren. Sachlich unzutreffend ist die als gegeben unterstellte höhere Effizienz der privaten Arbeitsvermittlung. Irreführend ist die Polarisierung zwischen vermeintlich effizienten privaten DienstleisterInnen und der vermeintlich trägen Mammutbehörde BA.

Der deutsche Gesetzgeber hat es bisher versäumt, eine grundsätzliche politische Entscheidung über die Aufgabenverteilung zwischen öffentlicher und privater Arbeitsvermittlung zu treffen. Das SGB III und die jeweiligen Gesetzesbegründungen sind dazu an vielen Stellen undeutlich geblieben. So entstand die Situation, dass Arbeitsagenturen und private Dritte einerseits Kooperationspartner sein sollen, andererseits als Konkurrenten am Markt agieren. Dies ist eher eine Schwäche des institutionellen Arbeitsvermittlungssystem, und weniger ein Defizit der BA. Die Kampagne der FDP für die Privatisierung der BA im Zuge des Bundestagswahlkampfes 2005 hat die aus Selbsterhaltungsinteressen nahe liegende Konkurrenzorientierung der privaten AnbieterInnen wie der Bundesagentur verstärkt, wodurch sich Kooperationsprobleme bei der Umsetzung der Vermittlungsinstrumente noch verschärften. Zudem geht die Forderung nach stärkerer Trennung zwischen staatlichem Gewährleister und privaten UmsetzerInnen an der Realität vorbei: In der deutschen Arbeitsmarktpolitik trug die BA schon immer überwiegend die Gewährleistungsverantwortung, private Träger übernahmen die Umsetzung für die arbeitsmarktpolitischen Instrumente. Und schließlich ist auch die Formel ‚privat = effizient‘ zu simpel. Implementations- und Wirkungsanalysen verweisen auf große Unterschiede zwischen den Vermittlungsergebnissen und Arbeitspraktiken privater Dritter.

Ein genauerer Blick auf die Leistungsfähigkeit der BA zeigt: Die Performanz und Effizienz der rund 180 lokalen Agenturen fällt unterschiedlich aus. Die Arbeitsvermittlung vor Ort variiert überdies beträchtlich in den jeweiligen Umsetzungspraktiken und wird auch mit viel Engagement und Kreativität betrieben.8 Zudem wurde eine Reihe von Prozessen in den neuen Kundenzentren verbessert. Problematisch bleibt allerdings der Zentralismus der Nürnberger BA-Zentrale, der die Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeitsagenturen durch sog. Handlungsprogramme 9 und andere Vorgaben deutlich beschränkt; die Einführung des zentralen Einkaufs verkleinert die Handlungsspielräume der Agenturen zusätzlich.

… und Vorschläge

Ohne eine politische Grundsatzentscheidung über den öffentlich-privaten Politikmix in der Arbeitsmarktpolitik lassen sich weder die Potenziale privater Vermittlungsdienstler noch die der öffentlichen Arbeitsvermittlung ausschöpfen. Am sinnvollsten erscheint uns ein kooperatives System mit öffentlicher wie auch öffentlich geförderter privater Vermittlung, denn nur dieses verspricht Synergieeffekte aus den gewachsenen Kompetenzen der vorhandenen Institutionen. Unverzichtbare Voraussetzung dafür wäre, die Beauftragung Dritter wieder stärker in das Ermessen der Agenturen zu stellen, was eine Neujustierung der Einkaufsorganisation bedeutete. Eine zweite Bedingung wäre, den Agenturen insgesamt mehr lokalen Gestaltungsspielraum zu gewähren. In diesem Zusammenhang würde ein unreglementierter, freier "Experimentiertopf" der Agenturen eine echte Alternative zu den bestehenden Vermittlungsinstrumenten darstellen. Umsetzbar wäre ein solches Instrument durch die Aufhebung der Beschränkungen der sog. freien Förderung (§ 10 SGB III). Die Agenturen erhielten damit ein frei nutzbares und kurzfristig aktivierbares Budget, mit dem sie auch Dritte zielgerichtet für spezielle Leistungen beauftragen könnten.

Die grundsätzliche (aus unserer Sicht schlechtere) Alternative zu einem kooperativen System wäre ein Systemwettbewerb zwischen öffentlicher und privater Vermittlung, der mittelbar zur Abschaffung der weniger erfolgreichen Variante führen müsste. Ein Systemwettbewerb wäre sowohl auf der Basis von Contracting Out als des Gutscheinverfahrens möglich. Öffentliche und private Vermittlung müssten hierfür gleiche Ausgangsbedingungen und Handlungsspielräume erhalten. Die Arbeitsagenturen müssten daher von der Bindewirkung zentraler Vorschriften befreit werden. Denn nur mit hoher dezentraler Handlungskompetenz können die Arbeitsagenturen ihre Potenziale so nutzen, dass ein Leistungswettbewerb mit privaten Dienstleistern zu fairen Bedingungen stattfinden kann.

Die aktuellen Zeichen stehen allerdings nicht auf der Einrichtung eines Systemwettbewerb mit gleichen Ausgangsbedingungen. In diesem Jahr wird ein Modellprojekt in sechs Agenturbezirken beginnen, das ähnlich den britischen Employment Zones die Vermittlung bestimmter Zielgruppen weitgehend auf Private verlagert. Die Leistungen dieser Privaten sollen evaluiert und mit den Leistungen der Arbeitsagenturen auf Basis eines Kontrollgruppendesigns verglichen werden. Da die beteiligten Arbeitsagenturen in ihren Vermittlungsaktivitäten jedoch weiter in das Korsett der zentralen Vorgaben gebunden sind, werden die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar sein. Dies könnte den ideologisch motivierten Privatisierungsbefürwortern in die Hände arbeiten.

Anmerkungen

1) Bruttel, O. (2005): Die Privatisierung der öffentlichen Arbeitsvermittlung: Erfahrungen aus Australien, den Niederlanden und Großbritannien, In: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung 1/2005, 7-29. Schneider, H./Eichhorst, W./Zimmermann, K. F. (2006): Konzentration statt Verzettelung: die deutsche Arbeitsmarktpolitik am Scheideweg, Bonn.

2) Berthold, N./von Berchem, S. (2005): Arbeitsmarktpolitik in Deutschland. Seit Jahrzehnten in der Sackgasse, Berlin.

3) vgl. Gülker, S./Kaps, P. (2006): Effizienzsteigerung der Arbeitsvermittlung durch Contracting-Out? Eine Prozessanalyse zur öffentlich-privaten Kooperation bei vermittlungsnahen Dienstleistungen, in: Zeitschrift für Sozialreform, 1/2006, 29-52.

4) Gemeinsames Forschungsprojekt des WZB und infas Bonn; Erhebungszeitraum Herbst 2004 bis Juni 2006. Download des Endberichts unter www.wzb.eu/ars/ab/pdf/hartz_endbericht/endbericht_komplett.pdf

5) Hasluck, C./Elias, P./Green, A. (2003): The Wider Labour Market Impact of Employment Zones, Warwick. Hales, J./Taylor, R./M., W./Miller, M. (2003): Evaluation of Employment Zones, London/Sheffield.

6) Struyven, L./Steurs, G.(2005): Design and redesign of a quasi-market for the reintegration of jobseekers: empirical evidence from Australia and the Netherlands, Journal of European Social Policy 3/2005, 211-229. Carney, T. (2005): Lessons From Australia’s Fully Privatised Labour Exchange Reform (Job Network): From ‚rights‘ to ‚management‘?, In: ZIAS, 1/2005, 77-105.

7) Struyven/Steurs a.a.O; Sol, E. (2005): Contracting out of Public Employment Systems from a Governance Perspective, in: Bredgaard, T./F. Larsen (eds.), Employment Policy from Different Angels, Copenhagen, 155-173.

8) Schütz, H. (2005): Vom Arbeitsamt zum Kundenzentrum - Reformveränderungen der deutschen Arbeitsvermittlung, und Ochs, P. (2005): Arbeitsverwaltung im Wandel - Agenturmodelle beim Übergang in die neue BA-Welt, beide in: Schütz, H./Mosley, H. (Hg.): Arbeitsagenturen auf dem Prüfstand - Leistungsvergleich und Reformpraxis der Arbeitsvermittlung. Berlin, 135-178, 179-219.

9) Schütz, H./Oschmiansky, F. (2006): Arbeitsamt war gestern - Neuausrichtung der Vermittlungsprozesse in der Bundesagentur für Arbeit nach den Hartz-Gesetzen, in: Zeitschrift für Sozialreform, 1/2006, 5-28.


Petra Kaps ist wissenschaftliche Mitarbeiterin, Holger Schütz wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Abteilung Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung. Sie arbeiten beide zu Themen der Evaluationsforschung, der Policy-Analyse sowie der Reformentwicklung im öffentlichen Sektor.

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