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Klaus Holzkamp

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Geld kauft Einfluss

15.06.2007: oder das Eherne Gesetz der Oligarchie

  
 

Forum Wissenschaft 2/2007

Zahlen lügen häufig nicht. Sie belegen hier, ganz im Gegenteil, die oft als schlicht oder ideologisiert verschrieene Meinung, die Minderheit der ökonomisch Mächtigen und ihre Dienstklasse hätten in Wirtschaft und Gesellschaft das Sagen. Wolfgang Grunwald empört sich - in Anlehnung an die Argumentation von Robert Michels, eines Soziologen des frühen 20. Jahrhunderts, zum so genannten Ehernen Gesetz der Oligarchie - über die deutsche Geld-und-Macht-Gesellschaft.



Es bestätigt sich erneut das "Eherne Gesetz der Oligarchie" von Robert Michels, das er bereits zwischen 1909 und 1911 begründet hatte. Zwei Äußerungen unterschiedlicher Repräsentanten werfen in diesem Sinn ein Schlaglicht auf ein Grundmerkmal der deutschen Gesellschaft: "Es versteht sich von selbst, dass man nicht zugleich hohe Prinzipien und hohe Profite haben kann." (E. v. Kuenheim; früherer langjähriger BMW-Vorstandsvorsitzender), und: "Ich habe den Eindruck, Globalisierung heißt für die Unternehmer, dass die Managergehälter sich an den USA orientieren sollen und die Löhne an China." (J. Peters, IG Metall-Chef).

Im Gefolge der allgegenwärtigen kapitalistischen Marktideologie haben Globalisierung und Deregulierung der Märkte, Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, Betriebsverlagerungen nach Osteuropa und Asien, Steuerflucht sowie kurzfristige Profitmaximierung die Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche beschleunigt. Das künftig noch zunehmende kapitalistische Denken gleicht einer "stillen Revolution" zugunsten des Materiellen auf Kosten des Ideellen. Bei den meisten Menschen geht das Gewohnte, Vertraute, Berechenbare und Selbstverständliche verloren. Dies führt vor allem bei den "Modernisierungs"-Verlierern und ihren Familien zu Orientierungslosigkeit, Verstörtheit, Angst, Resignation, Apathie, psychosomatischen Krankheiten sowie zu tiefen Enttäuschungen über die Funktionsfähigkeit der verfassungsrechtlich gebotenen demokratischen, gerechten und sozialen Gesellschaftsordnung.

Nun ist seit jeher bekannt, dass die Politik u.a. maßgeblich von ökonomisch mächtigen Personen und Gruppen bestimmt wird. Aber noch nie hatten Geld und vagabundierendes Finanzkapital einen so beherrschenden und zugleich verheerenden Einfluss auf ganze Staaten, Wirtschaftsräume, Branchen und Unternehmen wie gegenwärtig. So war es nur folgerichtig, dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer, vor einigen Jahren in einem längeren Aufsatz für Die Zeit das Finanzkapital ungeniert als "fünfte Gewalt" kürte (neben der dreifachen klassischen Gewaltenteilung: Exekutive, Legislative, Judikative; ferner der "vierten Gewalt" der Massenmedien). "Geld kauft politischen Einfluss, klug eingesetzt kauft es auch intellektuellen Einfluss"1. Die fatalen Auswirkungen derzeitiger Zustände führen zur Kernfrage, wer eigentlich in Wirtschaft und Gesellschaft das Sagen hat.

Ziel dieses Aufsatzes ist es, Daten, Fakten sowie die korrespondierende sozio-ökonomische Gesetzmäßigkeit der Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit (Oligarchie) in der Wirtschaft zu diskutieren.

Oligarchische Strukturen

Ausgangspunkt ist die empirisch belegbare Tatsache, dass es in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weniger demokratische als oligarchische Machtstrukturen gibt. Mit anderen Worten: Wenige herrschen über Viele. Denn ökonomische Machteliten (maximal 5 Prozent) und deren Dienstklasse (etwa 10-15 Prozent) geben in allen wichtigen Entscheidungsgremien den Ton an. Die Legitimation hierfür gründet auf der Eigentumsgarantie des Grundgesetzes in Art. 14 ("Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet"), ohne jedoch die Sozialpflichtigkeit des Eigentums zu beachten (Art. 14 Abs. 2 GG: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen"). Die Missachtung der Sozialpflichtigkeit von Eigentum durch rücksichtslose, kurzfristige Gewinnmaximierung (einseitige Shareholder-Orientierung) auf Kosten der Stakeholder könnte daher als Verfassungsbruch gewertet werden.

Gemäß einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach im Jahre 2004 forderten 45 Prozent der Befragten die Sozialpflichtigkeit des Eigentums ein. Nur 14 Prozent glaubten, dass sich die Wohlhabenden für das Allgemeinwohl in der Pflicht fühlten.2 So belegt der von der Bundesregierung vorgelegte 2. Armuts- und Reichtumsbericht "Lebenslagen in Deutschland 2004", dass 50 Prozent der Haushalte nur über 4 Prozent des Nettovermögens verfügen, während auf die vermögendsten 10 Prozent der Haushalte 47 Prozent entfallen. Von 1960 bis 2000 sank in Westdeutschland der Anteil der Steuern auf Gewinn- und Vermögenseinkommen von 20 Prozent auf 6,7 Prozent. Im selben Zeitraum stieg der Anteil der Steuern auf Löhne und Gehälter von 6,3 Prozent auf 19,4 Prozent. Während die Reallöhne in West-Europa zwischen 1995 und 2004 um teilweise mehr als 25 Prozent stiegen, gingen die Realeinkommen in Deutschland um 0,9 Prozent zurück. Im Jahre 2005 gab es in Deutschland sieben Millionen Sozialhilfe-Empfänger (ALG II). 3,1 Millionen Haushalte sind überschuldet.3 16 Prozent der Bevölkerung sind arm (Armutsdefinition = weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Verdienstes). Circa 2,5 Millionen Kinder leben von Sozialhilfe. Demgegenüber sind nach Schätzungen des Bundesfinanzministeriums bis dato mindestens 400 Mrd. Euro in Deutschland erwirtschaftetes Vermögen (Geld und Kapital) am Fiskus vorbei ins Ausland geschleust worden. Desaströs für Arbeitnehmer sind vor allem die Aktivitäten vieler Investorengruppen (insbes. Private Equity Fonds, Hedge Fonds), die profitable Unternehmen ausschlachten, um kurzfristig Jahresrenditen von 20-30 Prozent zu erzielen. Kommunale Wohnungskomplexe, staatliche Krankenhäuser sowie Großkonzerne werden zur spekulativen Handelsware (z.B. Mannesmann, Aventis, Chrysler, Time Warner etc.). Das Eigenkapital der Finanzinvestoren wurde für 2006 auf circa 270 Mrd. Dollar geschätzt. Mit Fremdkapital verfügen sie über eine Kapitalmacht von ca. 1,5 Billionen Dollar, sodass auch Großkonzerne von feindlichen Übernahmen bedroht sind. Diese Entwicklung ist mittlerweile eine reale Bedrohung der Weltwirtschaft.4 Die ökonomische Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung wird angesichts der realen Machtverhältnisse in der Gesellschaft zugunsten der Wirtschaftselite weiter zunehmen. Beweis hierfür ist eine seit Jahren praktizierte Steuerpolitik, die Großunternehmen gezielt entlastet, hingegen Arbeitnehmer belastet (2/3 der gesamten Steuereinnahmen speisen sich derzeit aus der Lohnsteuer). So musste DaimlerChrysler im Jahre 2005/06 in Deutschland trotz eines Reingewinns von 2,8 Mrd. Euro aufgrund von Verlustabschreibungen keine Steuern zahlen.5

Schon vor 1600 Jahren erkannte Augustinus, dass sich der Wohlstand der Reichen aus dem Mangel der Armen speist. Der Urvater der aufgeklärten Staatsutopie Thomas Morus schrieb im Jahr 1516: "Die Reichen, nicht zufrieden, den Lohn der Armen durch unsaubere Kniffe herabzudrücken, erlassen noch Gesetze zu diesem Zwecke. Was seit jeher unrecht gewesen ist, wird dadurch noch scheußlicher gestaltet, indem es Rechtmäßigkeit erlangt." Assoziationen um die Mindestlohn-Debatte in Deutschland drängen sich auf. Die damit einhergehende Zerstörung des sozialen Friedens in Deutschland wird von der Wirtschaftselite und ihrer Dienstklasse ignoriert, verdrängt oder gar als unabänderlicher Preis einer Marktwirtschaft bagatellisiert.

Über konkrete Fälle von Maßlosigkeit, Missbrauch, Untreue, Betrug und Korruption berichten überregionale Zeitungen fast täglich. Jedes zweite deutsche Unternehmen ist in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Die amtlich registrierten Schäden beliefen sich im Jahr 2004 auf mindestens 5,6 Mrd. Euro. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes werden rund ein Drittel aller Wirtschaftsdelikte von Mitgliedern des Topmanagements begangen.6 In seinem neuen Buch über mafiose Netzwerke in Deutschland schreibt Jürgen Roth7: "Die Rede ist vom Deutschland-Clan. […] Den Deutschland-Clan vereint (…) das neoliberale Gedankenkonstrukt, in dem Gemeinsinn durch puren Egoismus und Moral durch die Anhäufung von möglichst viel Kapital, durch blanke Geldgier ersetzt wurden."

Ökonomische Machteliten - wer?

"Eliten" (lat. eligere = auswählen) sind Inhaber zentraler Positionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die sich durch Auslese, Konkurrenz oder Kooptation herausgebildet haben. Im Folgenden wird die ökonomische Machtelite (sog. Wirtschaftselite) betrachtet, die mit eigenem und häufig sogar geliehenem ökonomischem Kapital (P. Bourdieu) maßgeblichen Einfluss ausübt. Dementsprechend bedienen die meisten Angehörigen der Funktions- und Positionseliten bzw. der oberen Dienstklasse die Interessen der ökonomisch Mächtigen. Nirgendwo ist dies so sichtbar wie bei PolitikerInnen, die sich den Kapitaleignern bzw. ihrer Dienstklasse als "BeraterInnen" andienen. Ein beschämendes Beispiel für den Niedergang (sozial-) demokratischer Ideale liefert der einstige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der sich von dem russischen Gasmonopolisten Gasprom als Aufsichtsratsvorsitzender für ein deutsch-russisches Konsortium (NEGP, Ostsee-Pipeline) einkaufen ließ. Ein halbes Jahr später wurde er von der Investmentbank Rothschild für deren Europäischen Beirat angeheuert.

"Ob es uns nun gefällt oder nicht: über das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft und damit auch über die Lebensbedingungen der deutschen Bevölkerung wird nicht von gewählten Politikern entschieden, sondern von ein paar Managern, Bankern, Unternehmensberatern und Juristen, die in einem straffen und engmaschigen Netzwerk organisiert sind. Wer Zutritt zu diesem Kreis der Wirtschaftselite erhält und wer draußen bleiben muss, entscheiden die Mitglieder selbst nach ihren eigenen Regeln."8

Die statushöhere soziale Herkunft ist in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft entscheidend. Ihr Rekrutierungsanteil aus der Oberschicht beträgt 40 Prozent (bei 6 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung). Beim Weg in die Chefetagen der 400 führenden Großkonzerne sind die Söhne des gehobenen und des Großbürgertums fast dreimal so erfolgreich wie sog. Arbeiterkinder. Der Nachwuchs von leitenden Angestellten schafft den Sprung nach oben sogar zehnmal häufiger.

Mindestens vier zentrale Persönlichkeitsmerkmale indizieren den "klassenspezifischen Habitus" (P. Bourdieu): erstens Intimkenntnis und Beachtung der Dress- und Benimm-Codes, zweitens breite Allgemeinbildung, drittens unternehmerisches Denken und optimistische Lebenseinstellung, viertens persönliche Souveränität im Auftreten. Hinzuzufügen wäre noch die Fähigkeit zur Verschwiegenheit außerhalb der inneren Zirkel ("esprit de corps"). Die Karriere von Nachwuchskräften der Wirtschaftselite zeigt folgendes Grundmuster: erstens Ernennung zum "high potential", zweitens Übertragung von beruflichen Herausforderungen sowie drittens Förderung durch einflussreiche Mentoren und/oder "Seilschaften" (z.B. Rotary/Lions-Clubs, schlagende Verbindungen, private Hochschulen, konservative Stiftungen, elitäre Sportclubs, Parteibuch-Klüngel etc.).

Die wichtigsten Antriebskräfte für den Aufstieg sind letztlich Geld und Macht; folglich ist Ämterhäufung üblich. Das Gesetz, wonach maximal zehn Aufsichtsratsposten von einer Einzelperson besetzt werden dürfen, wird seit Jahrzehnten durch Umbenennung ausgehebelt: Beraterkreis, Beirat, Verwaltungsrat etc. So war der Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank, Wolfgang Röller, mit 78 Multifunktionären aus 700 größeren Unternehmen verbunden. Ähnliche Netzwerke gibt es auch beim ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, und seinen Nachfolgern. Allein bei 16 der 30 Dax-Unternehmen wurden die früheren Vorstandsvorsitzenden zu Aufsichtsratsvorsitzenden, und in den Vorständen der Dax-Unternehmen saßen 2002 elf ehemalige McKinsey-Berater. Die totgesagte "Deutschland AG" ist immer noch sehr lebendig: Gemäß einer Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitzer (DSW) vom August 2006 sitzen allein die drei Führenden, M. Schneider (Aufsichtsratschef Bayer u. Linde), G. Cromme (Thyssen-Krupp) und U. Hartmann (E.on) in den Kontrollgremien von 14 der 30 DAX-Konzerne.9

Ein drastisches Beispiel für die durch Seilschaften und Kooptation gesicherte Kontinuität von Macht- und Funktionseliten ist die "Nazi-Elite" im Dritten Reich, die noch Jahrzehnte in der demokratisch verfassten Bundesrepublik einflussreiche Positionen innehatte.10

Besonders in den letzten zehn Jahren hat sich bei der breiten Bevölkerung eine für die Stabilität des demokratischen Staatswesens bedrohliche Vertrauens- und Akzeptanzkrise gegenüber der herrschenden Klasse entwickelt. In keinem Land Westeuropas ist das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der politischen und wirtschaftlichen Elite so groß wie in Deutschland. Eine Umfrage des Emnid-Institutes ermittelte bei mehr als 50.000 Deutschen, dass 70 Prozent die Konzernchefs als unehrlich, 80 Prozent ihre Macht als zu groß und 70 Prozent ihr Verhalten als unethisch einschätzen. Politiker werden von 76 Prozent der Befragten als unehrlich wahrgenommen. Im Vergleich dazu die Durchschnittswerte von Westeuropa: 40 Prozent der Befragten empfinden Konzernchefs und 46 Prozent Politiker als unehrlich.11 Laut einer Forsa-Umfrage im Dezember 2006 bei 1000 Bundesbürgern12 glauben fast 90 Prozent der Befragten, dass "auf die Interessen des Volkes keine Rücksicht" genommen wird. Ferner meinen 47 Prozent, dass sie die Politik durch Wahlen "gar nicht" mitbestimmen können. Mit dem politischen System sind 36 Prozent der Deutschen unzufrieden; mit dem tatsächlichen Funktionieren des Systems sind sogar 61 Prozent unzufrieden.

Soziale Schichten

Das Schicht-Modell ist geeignet, Macht und Einfluss bestimmter Personengruppen in einer Gesellschaft zu identifizieren. Unter "soziale Schicht" werden gesellschaftliche Gruppen verstanden, die aufgrund von Vermögen, Macht, Bildung, Beruf, Einkommen oder Prestige als gesellschaftliche Pyramide beschrieben werden können, nämlich: Ober-, Mittel- und Unterschicht. Jede einzelne Schicht ist noch dreifach unterteilbar in eine obere, mittlere und untere Kategorie. Weniger als 1 Prozent der Bevölkerung lassen sich im Dunstkreis der oberen Oberschicht ausmachen: "Die Quasi-Unsichtbaren" oder "Quasi-Unberührbaren" (Gelddynastien, Erben großer Vermögen, Finanzinvestoren etc.).

In keinem anderen westlichen Industrieland ist Bildung so sehr von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland.13 Vor allem das dreigliedrige Schulsystem (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) sichert frühzeitig und nachhaltig den Einfluss der herrschenden Klasse auf Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Wie empirische Forschungen zeigen, besteht das sog. obere Milieu aus maximal 20 Prozent der Bevölkerung: 5 bis 10 Prozent aufgrund von Eigentum sowie 10 bis 15 Prozent aufgrund ihrer akademischen Ausbildung. Letztere rekrutieren sich aus dem gehobenen Bürgertum sowie aus sozialen Aufsteigern. Die Größenverhältnisse zwischen den oberen, mittleren und unteren Milieus liegen seit Jahrzehnten unverändert bei etwa 20 zu 70 zu 10 Prozent.14

Bereits 1884 formulierte der italienische Soziologe Gaetano Mosca in seiner Theorie der herrschenden Klasse eine Gesetzmäßigkeit, die noch heute unverändert gilt: "In allen Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den fortgeschrittensten und mächtigsten, gibt es zwei Klassen, eine, die herrscht, und eine, die beherrscht wird. Die erste ist immer die weniger zahlreiche, sie versieht alle politischen Funktionen, monopolisiert die Macht und genießt deren Vorteile, während die zweite, zahlreichere Klasse von der ersten befehligt und geleitet wird […]."15

Robert Michels hat in seinem klassischen Werk "Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie"16 nach eingehender Analyse von Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien in Europa die Erkenntnis von Mosca vertieft, dass jeder Organisation eine Tendenz zur Oligarchie (griech. oligos = wenig; archein = führen) innewohnt, die demokratischen Prinzipien zuwider läuft. Dieses allgegenwärtige Phänomen wurde von Michels als "Ehernes Gesetz der Oligarchie" bezeichnet. Es besagt, dass a) sozial-psychologische Faktoren bei den Führenden und Geführten sowie b) bürokratische Organisationsformen die Herrschaft Weniger über Viele bewirken, und zwar als zeit- und kulturübergreifende Gesetzmäßigkeit.

Für oligarchische Tendenzen gibt es nach Michels drei Ursachenbündel: a) die menschliche Natur (Egoismus), b) typische Verhaltensmuster der herrschenden Klasse (Kooptation, Absicherung ihrer Herrschaft) und c) hierarchisch-bürokratische Strukturen und Prozesse in Organisationen.

Michels’ Ehernes Gesetz

Darauf basierend lauten Michels’ sechs Kernaussagen: erstens: Ohne Organisation ist Demokratie nicht denkbar; zweitens: Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie; drittens: Mit zunehmender Organisation schwindet Demokratie; viertens: Mit zunehmender Organisation steigt die Macht der Führenden aufgrund von Faktoren wie Tendenz zur Machtabsicherung, indirekte Wahl, Allmacht von Gremien etc; fünftens: Macht ist stets konservativ: "Die Revolutionäre der Gegenwart sind die Reaktionäre der Zukunft"17 und schließlich wird, sechstens, mit der Entstehung einer oligarchischen Bürokratie aus einem ursprünglichen Mittel zum Zweck ein Selbstzweck.

Offensichtlich handelt es sich bei den oligarchischen Herrschaftsstrukturen in Wirtschaft und Gesellschaft um eine zeitlose, transkulturelle, sachlogische sowie anthropologische Konstante. In allen komplexen, hoch arbeitsteiligen Gesellschaften, Organisationen und Gruppen braucht es die von wenigen Personen bzw. Gruppen angeleitete Steuerung und Koordination der Einzel-/Gruppenleistungen auf übergeordnete Ziele hin, damit Organisationen ihren Zweck erfüllen können. Neben diesen sach-rationalen Gründen steht vor allem in kapitalistischen Gesellschaften das Streben vieler Menschen nach (Arbeitsplatz-)Sicherheit; insbesondere nach Eigentum/Kapitel und folglich Macht/Einfluss.

Demokratie- und Elitenforschung, betriebswirtschaftliche Organisationsforschung sowie sozialpsychologische Führungs- und Gruppenforschung haben in den letzten 70 Jahren theoretisch und empirisch nachgewiesen, dass es keine dauerhaft hierarchiefreien Organisationen oder Gruppen gibt und je geben wird. Die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit in sozio-technischen Systemen ist folglich unumgänglich und allgegenwärtig. Allenfalls geht es um die Bedingungen der Möglichkeit eines gewaltlosen Elitenwechsels im Sinne der o.g. Elitenzirkulation.

Das Grundproblem bleibt wohl unlösbar, ob und wie sich die oligarchische Herrschaft der ökonomischen Machteliten kontrollieren oder gar verhindern lässt. Bislang wird in staatlich-demokratischen Systemen versucht, eine Machtbalance durch formaljuristisch geregelte Elitenkonkurrenz zu gewährleisten. Besonders in der Wirtschaft funktioniert dieses Prinzip jedoch nur rudimentär, und zwar aufgrund der eigentumslegalisierten Machtverhältnisse.

Immer wird es eine Elitenherrschaft der ökonomisch Mächtigen geben, die mal mehr, mal weniger Gleichheit, Gerechtigkeit und Mitbestimmung zulassen (muss). Vor allem das kapitalistische Denken und Handeln untergräbt den sozialen Frieden und somit die Balance zwischen Gleichheit, Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: Kurzfristige profitorientierte Individual- und Gruppeninteressen zerstören das Gemeinwohl.

Wo bleibt das Konstruktive?

Mindestens vier Maßnahmen gegen die gröbsten Auswüchse kapitalistisch-oligarchischer Herrschaft in Wirtschaft und Gesellschaft sind unerlässlich, um die Akzeptanz und Stabilität eines marktwirtschaftlich orientierten, demokratisch verfassten Staatswesens zu gewährleisten: erstens Durchsetzung der Sozialpflichtigkeit des Eigentums gemäß Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes; zweitens eine grundlegende Steuerreform zugunsten der lohnabhängigen Arbeitnehmer; drittens Beteiligung der Arbeitnehmer an den von ihnen erwirtschafteten Gewinnen, damit der systematisch vorenthaltene Lohn abhängig Beschäftigter endlich zur Auszahlung kommt; viertens drastische Erhöhung der Erbschafts-, Vermögens- und Schenkungssteuer, weil große Kapitaleinkommen das Leistungsprinzip ad absurdum führen und somit die ökonomische Ungleichheit unumkehrbar vertiefen. Freilich müssten diese Reformen von den ökonomisch Mächtigen akzeptiert und eingeleitet werden. Etwa amtierenden Vorstandsmitgliedern deutscher Großkonzerne oder Chefmanagern, die mit Großkunden auf Zech- und andere Touren zu gehen pflegen. Oder von den staatlich bestallten Machern der so genannten Rahmenbedingungen für das, was dieser Beitrag beschrieben hat.

1868 schrieb Werner von Siemens an seinen Bruder: "Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich treuen Gehilfen nicht den erwarteten Anteil gäbe."

Anmerkungen

1) Bergmann, J.: Die Reichen werden reicher - auch in Deutschland. In: Leviathan, 32. Jg., Heft 2, VS Verlag, Wiesbaden, 2004, S.185-202.

2) Bartels, H.-P.: Victory-Kapitalismus. Wie eine Ideologie uns entmündigt, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, S.177.

3) Vgl. Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. et al. (Hg.): Schuldenreport 2006, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2006.

4) Storn, A. (2006): In der Hand der Jongleure, in: Die Zeit, Nr. 36, 31.08.2006, S.26.

5) Vgl. Hickel, R.: Kassensturz. Sieben Gründe für eine neue Wirtschaftspolitik, Rowohlt, Reinbek 22006.

6) Vgl. www.bka.de/pks/pks2004/index2.htm , 26.01.2006.

7) Roth, J.: Der Deutschland-Clan, Eichborn, Frankfurt/M. 2006, S.10.

8) Opoczynski, M.: Die Blutsauger der Nation. Wie ein entfesselter Kapitalismus uns ruiniert, Droemer/Knaur, München 2005, S.48.

9) Vgl. Hamburger Abendblatt, 19.08.2006, S.28.

10) Vgl. Frei, N.: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, dtv, München 1997, sowie Frei, N.: Hitlers Eliten nach 1945, dtv, München 2003.

11) Vgl. Die Welt, 19.11.2004, S.11.

12) Vgl. www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,456684,00.html , 26.01.2006.

13) Vgl. PISA-Studie.

14) Vgl. Vester, M.: Die Krise der politischen Repräsentation: Spannungsfelder und Brüche zwischen politischen Eliten, oberen Milieus und Volksmilieus. In: Hradil, S., Imbusch, R. (Hg.): Oberschichten - Eliten - Herrschende Klassen, Opladen 2003, S.237ff.

15) Zit.n. Wasner, B.: Eliten in Europa. Einführung in Theorien, Konzepte und Befunde, VS Verlag, Wiesbaden 2004, S.36f.

16) Orig. 1911; Kröner, Stuttgart 1989.

17) Vgl. ebd.


Prof. Dr. Wolfgang Grunwald ist Lehrstuhlinhaber für Arbeits- und Betriebspsychologie am Institut für Wirtschafts-, Verhaltens- und Rechtswissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg (www.uni-lueneburg.de/fb2/soz/psycho/index.htm ) und war seit 1982 als Trainer und Berater in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung tätig.

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