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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Wer denkt noch klar im Irrenhaus?

  
 

Forum Wissenschaft 2/2012

Die Erkenntnis, dass Wirtschafts- und Lebensweise der industrialisierten Gesellschaften die biologisch-physikalischen Lebensgrundlagen der menschlichen Spezies zerstören, wenn sie so fortgesetzt werden, ist ein halbes Jahrhundert alt.1 Mit Rio 1992 schien die Politik das begriffen zu haben - doch wurden wirklich Konsequenzen gezogen? Wolfgang Neef bezweifelt, dass die maßgeblichen politischen Akteure zu einer entscheidenden Kehrtwende fähig sind und sucht nach Ansätzen für Bewusstseinswandel unter zukünftigen IngenieurInnen: "Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist." (Kenneth Boulding)

Wenn man 20 Jahre nach Rio die öffentlichen Diskurse betrachtet und insbesondere die letzen zwei Jahre, also seit den pflichtgemäßen Bekenntnissen zum "Klimaschutz", dann fällt auf, dass die Kapitalismus-Krise in Gestalt der Finanz- und Schuldenkrise "gelöst" werden soll mit der Fortführung und Steigerung des alten Wahnsinns: Wachstum um jeden Preis2. Aktuell gewinnt in Frankreich Francois Hollande hauptsächlich mit der Parole, das "Sparen" zugunsten der Banken zu verbinden mit keynesianischer Wachstumsförderung. "Wachstum" ist auch die Parole für Griechenland, dessen Bevölkerung das "Sparen" für die Finanzoligarchie satt hat.

So feiert der Kapitalismus eine Art "prähumes" Zombie-Revival, wie es schon Kuhn3 beschrieben hat: Das Ende einer Epoche zeichnet sich dadurch aus, dass an deren überholten Paradigmen immer verbissener festgehalten wird. Das Wachstums-Mantra des Kapitalismus wird gebetsmühlenhaft von nahezu der gesamten Politik als "Patentlösung" gepriesen, in radikalisierter neoliberaler Form, als keynesianisch gefärbte Staats-Aufgabe oder als "Green New Deal", der "grünes" Wachstum verspricht. Rio ist also nicht nur kein Gegenstand von Politik mehr, sondern offenbar auch aus den Köpfen der so genannten "Eliten" restlos verschwunden, fast die gesamte Linke eingeschlossen. Auch die meisten Marxisten haben in Sachen "Naturverhältnis" einen riesigen blinden Fleck4.

All das geschieht ohne jede Rücksicht auf die Tatsache, dass damit die weitere, exponentiell und global zunehmende Zerstörung unserer sozialen und natürlichen Lebensgrundlagen programmiert ist. Wie Niko Paech treffend bemerkt5: Das Brutto-Sozialprodukt ist schon lange kein Indikator mehr für ein "gutes Leben", sondern nur noch für die Zerstörung unserer Lebensmöglichkeiten.

Unter dem treffenden Titel Idiotenspiel hat Hartmut Rosa die grassierende Manie kürzlich beschrieben und die Linke kritisiert, weil sie sich durch ihre Beschränkung auf Verteilungsgerechtigkeit letztlich zum Stabilisator des Kapitalismus mache: "Wer so argumentiert und damit Wahlkämpfe führt, betreibt [...] das Geschäft eines Neoliberalismus, der um alles in der Welt auf Wirtschaft, Wachstum und Wettbewerb setzt. Denn dieser Neoliberalismus hat keinerlei kulturelle Ressourcen, um das aberwitzige, selbstzerstörerische Steigerungsspiel mit Motivationsenergie zu versorgen. Er tut so, als sei der immer härtere Wettbewerb eine simple Naturtatsache; aber er verfügt über keine Erzählung, kein Wertesystem, das ein Sehnsuchtsziel für das menschliche Handeln, eine Idee des gelingenden Lebens zu definieren vermöchte. Das macht die Linke für ihn".6

In Forum Wissenschaft vom Dezember 2009 habe ich gefragt, "warum naturwissenschaftliche Vernunft nicht wirkt und das selbstmörderische Wachstum in der Umweltkrise weiter geht"7, und Albert Einstein zitiert: "Wir können Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben". Diese Denkmuster wurden geprägt durch die Verbindung des Kapitalismus mit der industriellen Revolution zur Industriegesellschaft und haben wohl deshalb immer noch so viel Kraft, weil durch die Ausbeutung der fossilen Energiequellen und die darauf basierende Technik der Wachstums-Imperativ der Kapitalverwertung in reale Artefakte umgesetzt werden konnte, die eine Zeit lang ja auch tatsächlich die Lebensverhältnisse der Menschen in den Industriegesellschaften verbessert haben. Es scheint, dass trotz der inzwischen zunehmenden Erkenntnisse über das Fortschreiten der Naturzerstörung und das klägliche Scheitern der Versuche, sie mit den Mitteln der Technik aufzuhalten oder gar das Programm einer "künstlichen Natur" an Stelle der Naturverhältnisse zu setzen8, der Glaube an den "wissenschaftlich-technischen Fortschritt" sich wie bei einer Sekte noch festigt9. Leider hält gerade die Linke besonders hartnäckig an diesem Glauben fest - unter den inzwischen zahlreicher werdenden Zweiflern am Wachstum finden sich wenige, die ihr zuzurechnen sind.

Ich frage mich deshalb, wo überhaupt politisch relevante Kräfte zu finden sind, die bereit und in der Lage wären, den anstehenden Epochenwandel, für den der Begriff "Krise" eher ein Euphemismus ist, gedanklich und praktisch in Angriff zu nehmen. Denn auch die in Südamerika an die Macht gekommenen Parteien und Präsidenten wie Evo Morales, die zunächst entschlossen schienen, gegen die "Logik des kapitalistischen Systems" und die Zerstörung der Erde durch diese Logik Politik zu machen10, scheinen inzwischen vor der Gewalt des global herrschenden Wahnsinns zurückzuweichen.

Die Politik also wird es wohl nicht richten, es sei denn, die Finanzkrise führt zum Zusammenbruch des Geldsystems und damit zu katastrophischen Verhältnissen in der "Realwirtschaft", die ganz andere Protagonisten an die Macht bringen als die "TINA"11-PolitikerInnen fast aller Provenienz. Hoffnung bleibt also allein auf Bewegungen von unten, die nicht nur gegen die soziale Zerstörung durch die kapitalistische Logik Widerstand leisten, sondern auch die Lebensweise der Industriemenschen und ihre Globalisierung infrage stellen. Ob dies in den hoffnungsvollen Ansätzen "Solidarischer Ökonomie"12 konsequent genug der Fall ist, wird sich zeigen.

Hochschule und Nachhaltigkeit

Meine Erfahrung aus 4 Jahrzehnten kritischer Forschung und Lehre zum Thema "Technik, Ingenieure, Gesellschaft, Naturverhältnisse" an der TU Berlin zeigt, dass die nahe liegende Idee, unsere Universitäten könnten und würden als eine Art "Think tank" für einen solchen Epochenwandel fungieren, leider wenig mit der Realität dieses Wissenschaftsbetriebs zu tun hat. Schon in den 1970er/80er Jahren musste man konstatieren, dass die beginnende Umweltbewegung keineswegs aus den deutschen Hochschulen kam, sondern ganz andere gesellschaftliche Wurzeln hatte. Zwar konnte man z.B. an der TU Berlin einige Erfolge vermelden: So wurde dort 1978 ein Fachbereich "Umwelttechnik" gegründet, und die Anfänge der Windenergie in Deutschland sind an dieser Universität zu finden. Die Protagonisten dieser Ansätze jedoch waren keineswegs die dafür "zuständigen" Professoren und Fachbereiche, sondern Studierende und Wissenschaftliche Mitarbeiter, die einer Minderheit angehörten. Andere Universitäten waren auch nicht besser, und deshalb haben sich fast all jene, die sich ernsthaft wissenschaftlich mit dem Zustand des Planeten beschäftigen wollten, in den 80er Jahren aus den Universitäten hinaus begeben. Dort wurden die Institute gegründet, die wie das Wuppertal-Institut und die Umweltinstitute in den Jahren seither die Zukunftskonzepte entwarfen, die die ökologische Frage als Grundlagenfrage menschlicher Existenz betrachten.

So wie in der Forschung haben die Technischen Universitäten auch in der Lehre das vernachlässigt, was man heute modisch als "Nachhaltigkeit"13 bezeichnet. Zwar hat die Ingenieurausbildung seit Mitte der 90er Jahre vielfältige Kritik auf sich gezogen und wurde dann ab 2001 im Rahmen des "Bologna-Prozesses" im Schweinsgalopp "reformiert" - Fragen der ökologischen und sozialen Folgen, des gesellschaftlichen und natürlichen Kontextes der Technik-Entwicklung aber wurden nur marginal behandelt und spielten beim Design der "neuen" Studiengänge kaum eine Rolle, obgleich noch bis Ende der 80er Jahre viele Studierende mit Nachdruck verlangten, im Studium diesen Kontext systematisch zu behandeln.

Wenn wir uns also heute die Frage stellen, welche Beiträge die Ingenieurwissenschaften zur Lösung der oben skizzierten Problematik der Zerstörung der Lebensgrundlagen durch das herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem leisten könnten, finden wir die Antwort darauf nicht in den Studiengängen der Technik-Wissenschaften. Deshalb möchte ich zur Frage, ob man mit Ingenieuren in Sachen Epochenwandel praktisch rechnen kann, im wesentlichen auf der Basis meiner eigenen Erfahrungen mit IngenieurstudentInnen an der TU Berlin Stellung nehmen.

Wachstumskritik und Ingenieursstudium

Zunächst einmal liegt es nicht nahe, gerade auf diese Berufsgruppe Hoffnungen zu setzen. Schließlich sind Ingenieure und Naturwissenschaftler die Protagonisten der Industriellen Revolution, und das "Höher, Schneller, Weiter", das den Rendite- und Wachstums-Wahn der kapitalistischen Geldwirtschaft in technische Ziele und Artefakte umsetzt, definiert geradezu ihre Rolle als "erfinderische Zwerge, die für alles gemietet werden können" (Brecht, Galilei). Ihre "dienende Rolle", auf die sie lange stolz waren, machte sie schon im ersten Weltkrieg zu engen Verbündeten der Militärs: Fritz Haber z.B. entwickelte Giftgas, und im Gegensatz zu den naiven Vorstellungen Lilienthals, der das Flugzeug als Friedensbringer sah, war Zweck dessen erster massenhafter Verwendung das Töten. Negativer Höhepunkt war dann im zweiten Weltkrieg die durch den Architekten Speer "ingenieurmäßig" organisierte Rüstungsmaschine der Nazi-Barbarei und die V2-Rakete Wernher von Brauns, die er auf den Leichenbergen von 20.000 toten KZ-Häftlingen baute.

Diese "Heldentaten" gehören genauso zur Geschichte der Berufsgruppe wie ihre Leistungen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Industrienationen: Technik ersetzte menschliche Arbeit durch Einsatz fossiler Energie und stofflicher Ressourcen. Gerade die Arbeiterbewegung war stolz auf ihre Rolle bei dieser "Entwicklung der Produktivkräfte", die dann schließlich - so die Hoffnung - im Sozialismus den Menschen von der Mühsal schwerer Arbeit befreien und ihm Zeit zu Muße und Genuss verschaffen sollte. Ingenieure wissen aber, ebenso wie Naturwissenschaftler, dass dieser "Fortschritt" früher oder später zum Raubbau an der Natur führt, sie kennen die "harten" Fakten von der Biologie bis zur Physik. Die sozialen und ökonomischen Regeln menschlicher Gesellschaften sehen sie dagegen als "weiche", von Menschen gestaltbare und damit veränderbare Konstruktionen. Der Versuchung, diese als "naturgegeben" anzusehen, erliegen sie nicht. Damit haben sie auch keine Probleme, dem Boulding'schen Satz von den "Verrückten", die an unendliches Wachstum glauben, sofort zuzustimmen.

Im Seminar "Soziologie des Ingenieurberufs" (SozIng), das ich seit fast 40 Jahren gemeinsam mit der IG Metall an der TU Berlin, seit 3 Jahren auch an der TU Harburg durchführe, machen wir die Berufsgeschichte der Ingenieure und ihre Paradoxien zum Thema. Die stark nachgefragte Lehrveranstaltung, die auch als Prüfungsfach anerkannt wird, besuchen Studierende der "harten" und konservativen Ingenieurfächer Maschinenbau und Elektrotechnik ebenso wie die eher reflektierenden Studierenden der Umwelt-, Energie- und Verfahrenstechnik. Noch vor 15 Jahren wurde Kritik an den herrschenden Verhältnissen, an der Technik und ihren sozialen und ökologischen Folgen sowie gewerkschaftliches Engagement - zentrale Inhalte des Seminars - von vielen dieser Studierenden nur schwer akzeptiert, die sich dem mainstream eher verbunden fühlten als den gesellschaftlichen Strömungen, die in den 80er Jahren bereits fundamentale Fragen zur Zukunftsfähigkeit des Industriesystems gestellt hatten. Denn immerhin war diese Debatte Ende der 1980er Jahre ziemlich weit fortgeschritten: Eines der Highlights im Seminar damals war eine Debatte zwischen Otto Ullrich, einem radikalen Kritiker der Industriegesellschaft14, und dem Leiter der neu gegründeten Abteilung "Forschung Gesellschaft und Technik" von Daimler-Benz, Eckart Minx. Der stellte ausführlich dar, wie der Konzern unter dem Vorsitz von Edzard Reuter versuchte, von der Fixierung auf das Automobil wegzukommen, auch um die neuen, ökologisch und sozial getriebenen Technik- und Automobil-kritischen Debatten in der Gesellschaft aufzunehmen und in eine zukunftsfähige Konzern-Strategie umzusetzen.15

Die meisten Studierenden damals hielten, wie die berufstätigen Ingenieure auch, die Technik für "neutral" und identifizierten sich mit diesem Attribut in der Tradition der Ingenieure des 20. Jahrhunderts, die ihre Berufsgruppe mit dem Satz beschrieben: "Die Ingenieure sind die Kamele, auf denen die Kaufleute und Politiker reiten"16: Wenn sich gesellschaftliche Probleme mit der Technik ergeben, so diese Lesart, liegt das (und damit die Verantwortung dafür) an ihrer falschen oder missbräuchlichen Anwendung und nicht an den Technikern, die sich auf der "Bacon-Hypothese" ausruhen können, nach der wissenschaftlich-technischer Fortschritt automatisch zu sozialem und kulturellem Fortschritt führen soll. Erst im Verlauf des Seminars lernten sie andere Auffassungen zur gesellschaftlichen Rolle der Ingenieure kennen.

Bewusstseinswandel bei Studierenden

Im Laufe der 1990er Jahre wurde den Studierenden angesichts der sich rapide verschlechternden Lage auf dem Arbeitsmarkt und des steigenden Drucks am Arbeitsplatz immer mehr bewusst, dass die seit 1945 von Rationalisierung und sozialem Abstieg weitgehend verschonte Berufsgruppe der Ingenieure und damit auch sie als AbsolventInnen der Ingenieurwissenschaften die Folgen der neoliberalen "Globalisierung" zu spüren bekommen würden. So begann langsam das Interesse an Fragen gewerkschaftlicher Organisierung zu wachsen, und zwar gerade bei den eher konservativ geprägten klassischen Studiengängen.

Seit etwa fünf Jahren hat sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt zwar verbessert - seit 2006 sind nur noch rd. 3% der Ingenieure in Deutschland arbeitslos, Ingenieurinnen immer noch doppelt so viel wie Ingenieure. Die Arbeitssituation und ihre Randbedingungen jedoch sind unverändert schwierig. Die Zunahme von Stress und "burn-out"-Syndromen, die schon vor zehn Jahren in den "gehobenen" Angestellten-Berufen und bei Ingenieuren spürbar war17, ist derzeit sogar eines der Haupt-Themen in den Medien.

Die Studierenden kennen diese Probleme bestens, oft aus eigener Erfahrung in den Jobs, die die Industrie Werkstudenten anbietet. Damit hat sich die Diskussion im Seminar nochmals verlagert: War vor 10 Jahren noch Aufklärung angesagt, so geht es heute mehr darum, Strategien zur Veränderung dieser Berufssituation zu entwickeln.

Ähnliches gilt für die Problematik der sozialen und ökologischen Folgen der Entwicklung der kapitalistischen Industriegesellschaft seit der industriellen Revolution, deren Haupt-Protagonist die Berufsgruppe der Ingenieure ist.18 Die Rolle der Technik und der Ingenieure, die Paradigmen der Technikentwicklung und ihre Prägung durch den Kapitalismus wurde von allen Generationen der Studierenden im Seminar mit großem Interesse und Engagement diskutiert und bearbeitet. Die schonungslose Analyse, die Otto Ullrich im ersten Block präsentiert, war für die meisten Studierenden zunächst ein Schock und führte zu großen Kontroversen. Bis zur Jahrhundertwende 2000 machten wir mit ihnen in diesem Zusammenhang den "Chinesentest" als Gedanken-Experiment: Was passiert, wenn alle Chinesen bzw. die übrigen 80% der Bevölkerung der Erde die industrielle Entwicklung und Lebensweise der 20% Europäer und Nordamerikaner nachvollziehen? Inzwischen läuft der "Test" in der Realität. Ingenieure rechnen dann: Dazu bräuchte man 5 Planeten. Also bleibt nur eine Schlussfolgerung: Schleunigst die Industrienationen um den Faktor 5 industriell abrüsten, und zwar gesellschaftlich gesteuert.

Hier allerdings endet zunächst die Harmonie mit der IG Metall: Als Teil bzw. Stabilisator des Systems (am deutlichsten wurde das bei der von der IGM erfundenen "Abwrackprämie" für Autos) muss sie sich auch von den Studierenden sehr kritische Fragen stellen lassen.

Denn die Thematik ökologischer und sozialer Technikentwicklung, Nachhaltigkeit und - in den letzten beiden Jahren - Alternativen zur kapitalistischen Verschleißwirtschaft boomt im Seminar. Studierende bringen eigene Themen ein wie z.B. die verheerenden Auswirkungen der Erschließung von Bauxit-Vorkommen in Vietnam, das bedingungslose Grundeinkommen, Formen des Widerstands gegen politische und ökonomische Diktate oder einen neuen Arbeitsbegriff. In den letzten beiden Jahren arbeiteten mehrere Gruppen zu sozial-ökologischen Unternehmen und Ökonomien: Sie referierten über historische Beispiele nicht-kapitalistischer und nicht-planwirtschaftlicher Unternehmensverfassung wie im Katalonien der spanischen Republik und über aktuelle sozial-ökologische Unternehmensbeispiele wie Mondragon in Spanien oder Sekem in Ägypten19. Hier wird auch relativ gründlich recherchiert, nachgedacht, diskutiert - und wenn IngenieurInnen die System-Frage stellen, diskutieren sie nicht nur, sondern suchen nach alternativen Lösungen.

Interessant ist auch, dass die Analyse "unserer" Lebensweise und ihrer Folgen bei den Studierenden zunehmend auch selbstkritische Reflexionen erzeugt: Diskussionen über die ständige Erreichbarkeit durch Email und Handy, über das schlechte Gewissen, wenn man länger als 11/2 Stunden nicht "online" war, über den Auto- und Mobilitätswahn etc. nehmen stark zu, und die Zahl der Studierenden, die z.B. bewusst auf ein Auto verzichten und mit "CO2-Rechnern" ihren persönlichen Energieverbrauch prüfen, steigt spürbar an.

Doch nicht nur im persönlichen Leben beginnt das Nachdenken und Umsteuern: Neue Formen politischer Aktivität, die sich weder an klassischen Mustern der Studentenbewegung orientieren noch an den herrschenden Politik-Formen, werden nicht nur in Referaten entwickelt, sondern in die Praxis umgesetzt. Vor drei Jahren wurde aus dem Seminar heraus die studentische Gruppe "Blue Engineering" gegründet und zu einer erfolgreichen, von der TU Berlin finanzierten "Projektwerkstatt" ausgebaut20, die ein Modul für soziale und ökologische Ingenieursarbeit für die Bachelor- und Masterstudiengänge entwickelt hat. Die Grundidee ist, an den Hochschulen und in dafür zugänglichen Betrieben soziale und ökologische Kriterien als Leitlinie der Ingenieurarbeit zu etablieren und die Ökonomie daran anzupassen. Die Gruppe hat sich in den letzten zwei Jahren sehr erfolgreich beim VDI, auf dem "ITA-Forum" des BMBF, auf einer internationalen Konferenz zur Ingenieurausbildung in Delft vorgestellt und bei zwei Engineering-Konferenzen der IG Metall Veranstaltungen gestaltet. Seitdem ist "Blue Engineering" regelmäßiger Bestandteil im Seminar in Berlin wie in Harburg, ebenso wie "Ingenieure ohne Grenzen"21, die die alte Idee einer sozial und kulturell eingebetteten Technik für "Entwicklungsländer" praktisch realisieren.

Ein Fazit

So wie unter berufstätigen Ingenieurinnen und Ingenieuren der Gegensatz zum Management, zum "shareholder-value" als Messgröße des Unternehmenserfolges und zur Dominanz der betriebswirtschaftlichen Kostendrücker immer schärfer wird, so sehen auch Studierende der Ingenieurwissenschaften, bei denen noch vor 15 Jahren sehr angepasste, "unpolitische" Haltungen dominierten und Kritiker der Industrie- und Technikentwicklung eher als Nestbeschmutzer wahrgenommen wurden, zunehmend die Widersprüche im Kapitalismus. Sie begreifen den Wachstums- und Renditewahn auch als Ursache für ihre persönlichen Probleme und ihre wachsende Zukunftsangst. Als künftige IngenieurInnen sehen sie vielleicht klarer als andere dessen ökologische Folgen - Klimawandel und Naturzerstörung - in globalen Ausmaßen. Sie könnten so, obgleich oder vielleicht gerade weil aus ihrer Berufsgruppe die Protagonisten der Industriegesellschaft kommen, heute zu denen gehören, die das "Idiotenspiel" des Kapitalismus schneller durchschauen und dann auch praktisch - wie Ingenieure und Ingenieurinnen nun mal ticken - bekämpfen. Dann sind sie vielleicht nicht mehr die "Kamele, auf denen Kaufleute und Politiker reiten", sondern schließen sich den Rebellen an, die jeder Epochenbruch braucht und die heute in weltweiten Demonstrationen und Aktionen die grundlegende Veränderung des Wirtschafts-Systems fordern.

Anmerkungen

1) Die wissenschaftliche Literatur, die das an Daten und Fakten nachweist, füllt bald schon Bibliotheken - vom ersten Bericht des Club of Rome 1972: Die Grenzen des Wachstums bis zu Niko Paech 2012: Befreiung vom Überfluss.

2) Im Folgenden geht es um Europa. Für Länder, die nur einen Bruchteil des "ökologischen Fußabdrucks" der Europäer in Anspruch nehmen, ist Wachstum zur Sicherung der Lebensgrundlagen nötig - zum Ausgleich müssen Länder, die das Fünffache z.B. von afrikanischen Ländern in Anspruch nehmen, um mehr als die Hälfte schrumpfen.

3) T.S.Kuhn 1976: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main.

4) Vgl. K.-H- Tjaden 2011: "Schwachstellen in der gängigen Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaft. Barrieren und Chancen einer marxistischen Mensch-Umwelt-Theorie", in: Z Nr. 88, Dez. 2011 und meine Auseinandersetzung mit Mohssen Massarat in der darauf folgenden Nummer 89. Zwei rühmliche Ausnahmen: Elmar Altvater 2010: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Münster, und Paul Mattick 2012: Business as Usual, Hamburg.

5) Niko Paech: Befreiung vom Überfluss, a.a.O..

6) Le monde diplomatique, April 2012: 2.

7) "Die zweite Kristallschale", in: Forum Wissenschaft Nr. 4, 2009.

8) vgl. Hubert Markl "Pflicht zur Widernatürlichkeit", in: Der Spiegel v. 27.11.1995.

9) Schlagzeile der New York Times am 17.4.1912: "Managers of the line insisted Titanic was unsinkable even after she had gone down".

10) Attac-Rundbrief Sand im Getriebe Nr. 71, 2.2.2009.

11) Diese von Thatcher geprägte Formel fand Eingang in nahezu alle Verträge der EU und prägt immer noch das Denken fast aller politischer und wirtschaftlicher "Eliten" und eines Großteils der Bevölkerung.

12) Immerhin finden wir einiges davon z.B. in Altvater / Sekler (Hg.) 2006: Solidarische Ökonomie, Hamburg oder Wirtschaft neu denken, Akademie Solidarische Ökonomie, April 2012, www.akademie-solidarische-oekonomie.de .

13) Zur Kritk vgl. den Aufsatz von Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister im BdWi-Studienheft Nr. 7, Januar 2011: 55 ff: "Ökologische und weibliche (Re)Produktivität - der ›blinde Fleck‹ in Nachhaltigkeitswissenschaften und -politik".

14) Otto Ullrichs Thesen sind seit 30 Jahren fester Bestandteil des Seminars durch persönlichen Vortrag und seine Schriften, z.B.: Weltniveau. In der Sackgasse des Industriesystems, Berlin 1980.

15) Auch andere Industriebetriebe, wie z.B. SEL, gründeten damals solche Abteilungen. Bekanntlich wurde diese Strategie nicht lange durchgehalten: man verlegte sich bei Daimler wieder auf Autos, Autos, Autos.... Dennoch konnte Minx die Abteilung retten und war seitdem, ebenso wie inzwischen sein Nachfolger Thomas Waschke, regelmäßiger Referent im Seminar.

16) vgl. Eugen Kogon 1976: Die Stunde der Ingenieure, Düsseldorf.

17) Vgl. Schmitthenner, Urban, Pickshaus (Hg.): Arbeiten ohne Ende, a.a.O..

18) Dazu Wolfgang Neef 1982: Ingenieure - Entwicklung und Funktion einer Berufsgruppe, Köln, und die o.a. Schriften von Otto Ullrich.

19) Die heute mit knapp 100.000 MitarbeiterInnen weltweit größte Genossenschaft Mondragon wurde im spanischen Bürgerkrieg gegründet und ist global und branchenübergreifend tätig. Das SEKEM-Projekt, 1977 gegründet, arbeitet mit etwa 3.000 Beschäftigten im Bereich biologischer Landwirtschaft/fairer Handel, betreibt eigene Schulen und eine Universität. Beide Unternehmen praktizieren konsequente Wirtschaftsdemokratie. (s. dazu Pierre Broué und Émile Témime 1968: Revolution und Krieg in Spanien, Frankfurt/M: 182 ff).

20) www.blue-engineering.org/ .

21) www.ingenieure-ohne-grenzen.org/ .


Wolfgang Neef, geb. 1943, ist Diplomingenieur und Soziologe. Er arbeitete seit 1970 an der TU Berlin und war dort von 1993 bis zur Verrentung 2008 Leiter der "Zentraleinrichtung Kooperation". Er widmet sich weiterhin seinen Arbeitsschwerpunkten Ingenieurstudium, Berufssituation von Ingenieuren, Nachhaltigkeit in der Technik.

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