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Klaus Holzkamp

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Durchgeschleuste Massen auf Fachschulniveau

18.06.2012: Schlüsselerlebnisse im Bologna-Prozess

  
 

Forum Wissenschaft 2/2012

Helga Spindler lehrte seit 1982 an der Fachhochschule Köln und seit 1999 an der Gesamthochschule Essen Öffentliches Recht (Schwerpunkt Sozialrecht) und Arbeitsrecht im Status einer Fachhochschulprofessur im Diplomstudiengang Sozialarbeit. Nach der Auflösung der Gesamthochschule arbeitete sie weiter am Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, hauptsächlich im neuen verkürzten BA-Studiengang und im MA-Studiengang ›Soziale Arbeit, Beratung und Management‹. Das geschah zwar mit neuem Status, aber mit nur teilweise reduziertem Lehrdeputat und ohne akademischen Mittelbau, was weiter die umfassende Betreuung bis hin zu Prüfungsvorbereitungen im BA-Studiengang auf die Professorenstelle konzentrierte. Wir veröffentlichen im Folgenden den Teil ihrer Abschiedsvorlesung vom 7.Juli 20111, in dem sie illusionslos und vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrung aus Diplomstudiengängen die Folgen ständiger Kürzungspolitik und einer bestimmten Auffassung von Bologna-Reform schildert, welche die ständig beschworene ›Berufsbefähigung‹ komplett verfehlt.

Der Druck, und zwar der in den Dienstleistungsberufen, hat sich erhöht. Wo ich mich umhöre bei Alten und bei Jungen wird er stärker. Es ist der Druck, den man nicht mehr gestalten kann. Ständig fremdbestimmte Vorgaben, sog. "Reformen" halten auf Trab. Effizienter muss die Arbeit werden und das nicht nur am Fließband, sondern auch in Schule und Studium. Kürzer soll das Studium werden. "Entschlackt" werden müssen die Inhalte. Was für ein Begriff! Wissen sei nicht so wichtig, sondern Kompetenzen. Aber ich gehöre zu einer Generation, in der beides untrennbar zusammengehörte und zwar eine gehörige Portion Wissen als Basis für Kompetenzen. Mir ist es beim Aufräumen noch einmal sehr deutlich geworden. Da waren viele Initiativen, die nie in ein Modulkorsett gepasst haben. Aber seit dieser Bachelor-Umstellung, da blieb nichts mehr übrig. Das ständige Kürzen, Eindampfen, Standardisieren hat mich gelähmt. Kürzen halte ich im Wissenschaftsbetrieb schon für wenig angemessen, aber dabei krampfhaft versuchen zu wollen, eine Untergrenze an Standards nicht zu unterschreiten, Standards, die ich aus einer gewissen Fachverantwortung glaubte einhalten zu müssen - das habe ich nicht lange durchhalten können.

Ständiges Kürzen und Eindampfen

Vorstellungen habe ich schon von dem Rahmen für ein Studium der Sozialen Arbeit und nur darüber kann ich im Folgenden sprechen: Sechs Semester sind unzureichend für ein Berufsfeld, das um eine interdisziplinäre Grundlage nicht herumkommt, das eine Art Generalzuständigkeit für gesellschaftliche Probleme hat, die mit andern Instrumenten alleine nicht gelöst werden können (ich sehe hier Schule und Psychologie und Medizin auf der einen, Polizei und Justiz auf der anderen Seite), das in dieser Sichtweise Erfahrungen und Methoden erwerben und einen unverwechselbaren Berufshabitus entwickeln muss, das in Krisensituationen eingreift, stabilisiert und Unterstützung und Netzwerke organisiert. Zudem muss die Berufgruppe Konflikte, die sie im Alltag erkennt, beschreiben, einordnen, analysieren und in die Gesellschaft und den politischen Diskurs zurückmelden können. Die Ausbildung für einen solchen Beruf auf sechs Semester einzudampfen empfand ich als Nicht- Berufsvertreterin - aber immerhin mit der Erfahrung eines etablierten Fachstudiums - als Fehlentwicklung, die einen Reiz nur für die Anstellungsträger haben kann, die keine selbständigen Akademiker, sondern pflegeleichte Sozialverwaltungsangestellte oder gutmütige, aber naive Betreuungspersonen an der Grenze zum Ehrenamt suchen. Nach meiner bescheidenen Vorstellung benötigt man mindestens sieben Semester (sogar besser acht) mit disziplinär soliden Grundlagen und dann aufbauend interdisziplinärer Spezialisierung, ein Praxissemester im fortgeschrittenen Studienteil und nicht nebenbei während oder zwischen den Semestern und ein Anerkennungsjahr, bei dem Hochschule und Praxis sich abstimmen müssen. Andere Berufe, die so intensiv mit menschlichen Konflikten arbeiten, organisieren ihre Ausbildung ähnlich.

Mit dieser wahrlich nicht revolutionären Vorstellung bin ich schon vor 15 Jahren gegen Mauern gelaufen. Das würde mir weniger ausmachen, wenn ich nicht die Vermutung hätte, dass sich dahinter ein großes Maß an Verachtung gegenüber dem Berufsstand verbirgt.

Die Konzeption eines Studiums muss sich nach den Anforderungen und der inhaltlichen Verantwortung für das und in dem Berufsfeld richten und nicht formal danach, dass noch zwei Semester mehr für die anschließenden Masterstudiengänge übrig bleiben müssen. Eine Plattform für diese Diskussion habe ich sehr vermisst.

Ich freue mich zwar zu lesen, dass man etwa in Baden-Württemberg auf acht Semester zurückrudern will und schon von einer Re-Akademisierung des ersten Studiums spricht, aber in NRW scheint das noch nicht durchgedrungen zu sein.

Ich höre schon die Kritik des Vorsitzenden des Akkreditierungsrats, Grimm, dass viele Hochschulangehörige in der Studienreform nur ein formales Korsett sehen - besonders so alte und rückwärtsgewandte wie ich - statt eine Chance für eine Studienreform zu erkennen. Tut mir leid, mir geht's da wie dem Kind bei des Kaisers neuen Kleider: Ich kann da nichts erkennen, und wer das aufgezwungene Creditpoint-Geschiebe und das Zusammenpferchen von Lehrangeboten und Prüfungen in Modulen einmal - bzw. inzwischen wiederholt - miterlebt hat, der kann das Korsett nicht übersehen. Der Begriff des Moduls soll aus dem Maschinenbau kommen und dahin könnte das Konstrukt nach meiner Meinung auch wieder zurück. Mit jeder Studiengangsreform wird über Nivellierungen in den Lehrangeboten und subtile Vorgaben zu Prüfungsformen und -angeboten stärker in die Lehrfreiheit und die Qualität der Lehre eingegriffen, als es den meisten bewusst ist.

Es ist eine Reform, die mit dieser Dienstleistung nicht angemessen umgeht. Und die Zielsetzung der Standardisierbarkeit und Austauschbarkeit belastet jeden einzelnen Bestandteil dieser Entwicklung. Nur noch ein Beispiel: Auslandssemester sollen gefördert werden, was ja zu begrüßen ist. Aber damit es effizient geht und nicht mehr kostet, sollen diese Semester mit einem der sechs BA-Semester ausgetauscht werden. Was, welche Module austauschbar sind, sollen die Fachvertreter nach den Empfehlungen einer dafür eigens aufgebauten Bürokratie selbst entscheiden. Rückständig sind Sie, wenn Sie nichts für austauschbar halten. Wenn den Studierenden kein selbstfinanziertes siebentes Semester zugemutet werden soll, entscheiden sich viele für die Austauschbarkeit praxisnaher oder Feldforschungsanteile. Aber selbst das ist kurzsichtig, denn es verhindert den vergleichenden Blick auf Länder und Gesellschaften. Was den Blick erweitern soll, schränkt ihn unter diesen Effizienzvorgaben noch mehr ein. Eines der unzähligen Beispiele, wie selbst gute Ideen in der Umsetzung konterkariert und kleinkrämerisch verfremdet werden. Diese unter dem Vorwand der Europäisierung in Wirklichkeit von den nationalen politischen Eliten durchgesetzte technokratische Billig-Standardisierung verglich kürzlich jemand mit dem Bett des Prokrustes: Wenn das für seine Gäste zu klein war, hackte er ihnen einfach die Beine ab.

Neue Evaluierungsbürokratie

Hinzu kommen weitere Erschwernisse. Früher studierten in einem Semester maximal 80-90 Studierende zum großen Teil mit Wahlmöglichkeiten und nicht standardisierten Modulen. Heute sind es mindestens 120 jedes Semester, oft auch deutlich mehr bis 160. Da reichen die vorhandenen Räume nicht, solch einer wie hier ohne Mikrophon. Ich wollte passend zum Thema extra einen regulären Vorlesungsraum, in dem sich der Studienalltag hier abspielt. Und er ist sogar noch einer der schöneren, nur bei über 100 Studenten ist er auch nicht mehr schön, denn dann ist er viel zu klein und es gibt nicht viel größere. Und dann muss man sich noch den Schmuck durch zahlreiche Werbeplakate vorstellen, die über Wände und sogar Tafeln verteilt und nicht mehr entfernt werden. In diesem Semester hatte ich einen andern, ähnlichen Raum. Der hatte zwar ein Mikro, das funktionierte aber nur bei eingeschaltetem Beamer und dann hätte ich die Tafel nicht mehr benutzen können...

Aber die Situation wird konstant beobachtet, dadurch dass sich eine Evaluierungsbürokratie die sinnvolle Frage ausgedacht hat: Ob denn die Lehrenden zu verstehen gewesen und die Räume groß genug gewesen seien. Und dieser Vorgang nennt sich Qualitätssicherung und wird Semester für Semester wiederholt, ohne dass sich irgendetwas ändert.

Trotzdem, die immer größere Menge wird aufgenommen, soll ausgebildet, geprüft werden und das schnell und reibungslos. Wer sich über die ständig steigende Zahl beschwert, dem wird gesagt, das sei in andern Studiengängen und anderswo noch schlimmer. Stimmt, bei der Lehrerausbildung und sogar an meiner ehemaligen Fachhochschule, die ich wegen der überschaubaren Gruppen geschätzt hatte, sind es inzwischen auch mehr geworden. Mit dem ebenfalls aus Effizienzgründen erzwungenen Zusammenschluss zweier großer Fachbereiche hatten meine Kolleginnen zuletzt um die 300 Studierende in Vorlesungen und Prüfungen. Ein toller Synergieeffekt! Ob das für eine Hochschulausbildung noch angemessene Zustände sind, die Frage wird überhaupt nicht mehr gestellt.

Und die Saat trägt Früchte, das war für mich ein weit größeres Belastungsmoment. Es finden sich immer mehr Studierende ein, die die Logik gerne aufnehmen und auch nur noch schnell durchwollen, es auch schon in fünf Semestern schaffen wollen und sich dafür sogar bereitwillig acht Stunden hintereinander ohne Pause von einer Vorlesung in die andere quälen und sich natürlich auf nichts mehr konzentrieren können. Hauptsache, die wenigen Tage, die sie an der Universität verbringen, sind - in ihren Augen - effizient genutzt. Wenn schon schnell, dann soll auch alles in überschaubarem Umfang vorgefertigt sein - am liebsten ein Skript, was dann schon von selbst jede wissenschaftliche Vertiefung wegfallen lässt, und "tragen Sie doch bitte wörtlich vor", bzw. "beschränken Sie Ihre Vorlesung auf das, was auch in der Prüfung drankommt", keine unterschiedlichen Sichtweisen, keine interdisziplinären Verweise und keine historische Einführung! "Reden Sie nicht so lange über einen Paragraphen" oder einen Fall. Zack, zack: Vom Skript zur darauf wörtlich abgestimmten Multiple-Choice-Prüfung in einer von Studentenbeiträgen finanzierten riesigen Computerhalle und später dann zu Checklisten für die Praxis - das halten inzwischen viele für den perfekten Weg in die akademische Berufspraxis, die dann aber letztlich ein Fachschulniveau nicht mehr überschreitet. Und wer sich als Dozent Unmut und Auseinandersetzung ersparen möchte - auch um noch ein wenig mehr Freiraum für wissenschaftliche Arbeit zu erhalten - der unterwirft sich diesem Trend und stellt Textkörper zur Verfügung, auf die sich die Prüfung garantiert beschränkt.

Die von Evaluierungsverwaltung - ich würde sagen Evaluierungstechnokraten - pfiffig ausgedachte Frage "Prüfungsanforderungen werden für mich transparent dargestellt" ermuntert, bestätigt diese Haltung auch noch. Da bin ich immer schlecht weggekommen, habe aber kein schlechtes Gewissen deshalb. Multimediale Aufbereitung eines Stoffs in Stichworten und Graphiken wird erwartet - die Aufforderung, sich mit Fachliteratur zu beschäftigen, gilt umgekehrt bereits als Zumutung. Das sind alles Ergebnisse der Evaluierung, die ich Ihnen hier vortrage. Wie alle diese Umstände dem viel zitierten "Arbeiterkind" nutzen sollen, das erschließt sich mir jedenfalls nicht.

Während wir uns in Studienzeiten beschwert haben, dass wir zu viel alte Nazis unter unseren Professoren hatten, von denen die wenigsten bereit waren zu ihrer Verantwortung zu stehen, dass wir zu wenig von aktuellen Fachproblemen erfuhren und dass der kritische Blickwinkel auf die Themen unterschlagen wurde, beschwert man sich heute darüber, dass kein Skript vorliegt, kein Powerpoint geboten wird und dass statt einer gut ausgestatten Präsenzbibliothek - was mir immer ein großes Anliegen war - keine konsumierbaren Textfragmente im Netz stehen. Aber diese Haltung ist den Studierenden kaum anzulasten, denn ein wieder von oben vorgesetzter Begriff von "Qualität der Lehre" suggeriert genau, dass das notwendig sei - ist es vermutlich auch, wenn man eine solche Masse so schnell durchschleusen will.

Die Qualität der Lehre ergab sich früher aus der Vielfalt der Lehrenden, solche die stärker förderten oder die besser vermitteln konnten, solche, die in ihrer Fachspezifik aufgingen, solche, an denen man sich abarbeiten musste und solche, die Identifikationsfiguren für die eigene Entwicklung boten. Das war Vielfalt in jeder Richtung. Aber wer die Professorenqualität in gewisser Einförmigkeit hauptsächlich danach aussucht, wer Drittmittel einwerben und Folien ansprechend darbieten kann, der produziert Monokulturen und keine Vielfalt.

Präsentieren wird wichtiger als der Inhalt. Textcollagen wie diese zumindest fleißige Arbeit von Herrn Guttenberg sind so typisch für diese Entwicklung, in der Marketing wichtiger ist als die Inhalte, dass ich schon fast etwas verstehen kann, warum er so gekränkt reagiert hat.

Dabei sind die Studenten keine Kunden und die Professoren keine Anbieter. Aber die Evaluierung, teilweise auch die Leistungszulagen, Studiengebühren, Rankings, universitäre Außendarstellung - alles basiert auf diesem strukturellen Ansatz. Ein Fachdidaktiker hat das für mich überzeugend einmal schön zusammengefasst: Ein "Anbieter" muss sich danach ausrichten, was der "Kunde" wünscht, ein Dozent daran, was langfristig wirkt und den Fachstandards entspricht. Er darf dabei auftretenden Konflikten nicht aus dem Weg gehen, sondern muss sie auf sich nehmen. Ein Anbieter wird alles tun, sich ihnen zu entziehen. Ein Anbieter betrachtet die Gutgläubigkeit und Naivität seiner Kunden als Vorteil und nutzt sie aus, ein Dozent muss den kritischen Geist schärfen, Studenten unabhängig machen und sie in die Lage versetzen, die gerade im sozialwissenschaftlichen Bereich wohlfeil angebotenen Konzepte und Strategien einzuordnen. Muss die Urteilskraft stärken in einer Zeit, in der wir von Meinungsmachern und "Spindoctoren" umgeben sind. Der Anbieter freut sich, wenn sich die Bilanzen kurzfristig gut entwickeln, der Dozent freut sich über langfristige Auswirkungen. Die Dienstleistung hat durchgängig eine andere Eigenart als heute von den Reformern unterstellt. Meinen Sie, Herr Guttenberg hätte seine Universität so gut bewertet und so bereitwillig Werbung für sie gemacht, wenn sein Doktorvater das getan hätte, was er hätte tun sollen??

Unreflektierte Effizienzstrategien

Das Angebot verflacht überdies durch den ständigen Personalabbau. Wenige Wochen nach meiner Einstellung am 1.März 1982 erfolgte der landesweite Einstellungsstopp und dann kam zwölf Jahre lang niemand mehr neu nach, außer bei denen, die irgendwas mit Medien und Design machten. Damals existierten ausformulierte Personaltableaus für die sozialwissenschaftlichen Fachbereiche, jedenfalls an der FH, und sie waren nach den Notwendigkeiten des Studiums, der Fächer, den Anforderungen der Berufe zusammengestellt worden. Und plötzlich fielen die Stellen weg, eine nach der anderen wurde nicht mehr besetzt, abgewertet, und aus Not, nicht aus konzeptioneller Überzeugung, umgewidmet. Was zunächst noch nach einer notwendigen Konsolidierung nach den fetten Jahren aussah, wurde dann immer mehr zum fachlich nicht begründeten Abbau in allen Bereichen bei gleichzeitiger Steigerung der Studentenzahlen. Jede Studienordnungsdiskussion seit 1988 wurde quälender, weil mit weniger Personen, weniger differenziertem fachlichen Input immer mehr Output organisiert werden sollte. Im Rückblick bin ich sozusagen vor einer ständig höher werdenden Personalabbauwelle entlang gesurft und im Gegensatz zu den Neuen kannte ich noch die alten Strukturen und Möglichkeiten.

Allen Erscheinungen und Strategien ist eines gemeinsam: Es fehlt an einer Wertschätzung der Dienstleister und einer Wertschätzung der erbrachten Kerndienstleistung - und zwar im Basisbereich und nicht nur in der Spitze - was sich aus unreflektierten Effizienzstrategien herleitet und wo die aufgetretenen Mängel nicht durch schrittweise Konsolidierung im dauerhaft angestellten Personalbereich, sondern durch eine Inflation von befristeten Stellen und hektische Top-Down-Kampagnen und die Implementierung immer neuer zentraler Einrichtungen und die primitive Übertragung von Steuerungstechniken aus nichtwissenschaftlichen Betrieben kompensiert werden soll.

Ich habe mich, da, wo ich konnte, bemüht gegenzuhalten. Es war nicht mehr viel in letzter Zeit, aber dazu zählen noch meine Initiativen zur besseren Bewertung der Betreuung von Abschlussarbeiten (eine Stunde Lehrermäßigung erst ab 20 Bachelorarbeiten pro Semester setzt eine Fließbandbetreuung bei diesem wichtigen ersten Studienabschluss voraus, die man selbstverständlich nur den Geisteswissenschaften zumutet. Zum Vergleich: Bei der Diplomarbeit war noch die Betreuung von 2,5 Arbeiten derart bewertet worden.) und die Kritik mit Änderungsvorschlägen für die Evaluierung.2 Ich bekenne, ich bin eine hoffnungslose Anhängerin einer differenzierten, überschaubaren und soliden Basisausbildung und zwar an öffentlichen Hochschulen und nicht an den privaten, die das Defizit schon länger erkannt haben. Ich sehe hier eine langsame aber stetige und destruktive Entwicklungsdynamik, die sich in meinen Augen auch nicht verbessern würde, wenn ich in Zukunft noch zusätzlich per Zufallsgenerator ausgesuchte Studenten als Mentorin betreuen müsste.3 Ich wäre wie gesagt schon froh gewesen, wenn ich die mir fachlich zugeordneten Studierenden hätte individueller betreuen können. Und der heute ausgerufene "No Stress Day", an dem ich Tai Chi üben könnte oder eine Kurzmassage bekäme - der ist ebenfalls nicht hilfreich, weil er nichts am täglichen Druck ändert.

Ich möchte den ersten Teil zur Effizienz der Bildungsdienstleistungen an der Hochschule mit einem kleinen Plagiat beenden: Da wo ich mir das zutraute, "war ich immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht." Das Zitat ist jetzt auch kein Original "Guttenberg", sondern es soll von Captain Kirk aus Star Trek II stammen und der, bzw. sein Drehbuchschreiber, hatte es wohl auch von irgendwoher.

Anmerkungen

1) Das komplette Manuskript ist hier einsehbar: www.uni-due.de/edit/spindler/Abschiedsvorlesung_Spindler_2011.pdf (Zugriff: 3.5.12).

2) vgl.: Die neue Hochschule 6/2011: 239 und 252.

3) vgl.: zentrales Mentorenprogramm der Universität.


Helga Spindler, Prof. Dr. iur., lehrte bis 2011 Arbeits- und Sozialrecht an der Fakultät für Bildungswissenschaften (Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik) der Universität Duisburg-Essen.

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