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Klaus Holzkamp

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Glück ist machbar...

03.04.2012: vorausgesetzt Du änderst Dich!

  
 

Forum Wissenschaft 1/2012

Botschaften und Ratgeber für ein glückliches Leben sind keine Erfindung der Gegenwart. Davon künden Weisheiten, dass doch "Jeder seines Glückes Schmied" sei, oder "Glück nur der Tüchtige" habe. Dennoch ist das in der jüngsten Zeit zu beobachtende Wachstum des Marktes an Glücksratgebern in gedruckter und elektronischer Form beeindruckend. Stefanie Duttweiler hat einen Berg an Ratgebern gesichtet und stellt ihre Analyse der Figuration des Glücks vor.

Ratgeber zum Glück boomen seit den 1980ern und kein Ende dieses Trends ist in Sicht. Zu haben sind sie in jedem aktuell verfügbaren Medienformat:1 Als Hardcover-, Taschen- oder Hörbuch, als ebook auf diversen elektronischen Lesegeräten, als den Alltag begleitender newsletter ebenso wie als DVD oder app. Die Auswahl ist stattlich (Amazon listet knapp 4.500 Ratgeber zum Glück), ihre inhaltliche Spannweite groß2 und reicht von religiös-spirituellen3 bis zu pragmatisch-instrumentellen4 Varianten. Aktuell scheint sich dabei eine neue Spielart herauszubilden, die sich reflexiv-ironisch auf das Genre beziehen und dessen Heils- und Glücksversprechen relativieren. So der Kabarettist Eckhart von Hirschhausen,5 der mit Sprüchen wie: "Lache - und die Welt lacht mit dir! Schnarche - und du schläfst allein!", amüsanten Bastelbögen und den neusten Forschungsergebnissen aus der Hirn- und Glücksforschung einen neuen Ton in das Genre bringt - auch wenn die konkreten Tipps letztlich nur origineller verpackt sind als in anderen Büchern. Andere Bücher - wie beispielsweise Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei: Ein Umdenkbuch6 versprechen einen "Ausstieg aus der Glücksfalle" (Klappentext), der Ratgeber Das Glück der Pellkartoffeln beschwört den Luxus der Zufriedenheit7.

Streben nach Glück

Anleitungen und Anweisungen zum geglückten Leben zu geben, ist dabei alles andere als neu. Antike Philosophen unterrichteten ihre Schüler in der Gestaltung eines guten Lebens; im frühen Christentum gaben ›geistliche Väter‹ und ›geistliche Mütter‹ ihren Klienten im unmittelbaren Gespräch konkrete Wegweisungen in ein ›geistliches Leben‹,8 seit der frühen Neuzeit gibt es diverse Ratgeber für eine gelungene Haushalts- und Lebensführung. Mit der Entwicklung des Buchdruckes und -marktes verbreitet sich dann das spezifische Literaturgenre der Ratgeberliteratur. Thematisiert wird darin meist auch die Frage nach dem geglückten Leben, anfänglich zumeist im Lichte einer christlichen Lebensführung. Mit zunehmender Modernisierung wird das Glück immer mehr in Reichtum und Erfolg gefunden. Eng mit der Entwicklung des Taschenbuchmarktes bzw. jüngst mit dem Internetbuchhandel verknüpft, gibt es aktuell für jedes psychische, körperliche oder praktische Problem einen Ratgeber und Glück wird stärker psychologisiert. Die einschlägigen Sektionen US-amerikanischer Buchhandlungen firmieren unter den Titeln self-improvement oder personal growth und benennen damit präzise ihren Inhalt - sich selbst zu verbessern.

Das Streben nach Verbesserung und Wachstum, das dem Genre der Lebenshilferatgeber generell eigen ist, wird dabei durch das inhaltliche Versprechen auf Glück dynamisiert, denn Glücksratgeber konstatieren zunächst einen notorischen Mangel an Glück und bieten in einem zweiten Schritt ein großes Versprechen und konkrete Gegenmaßnahmen an. Damit stellen sie Krise und Ratsuche auf Dauer und machen so plausibel, dass man sich unablässig um sein Glück bemühen muss. An sich selbst zu arbeiten, sich und seine Lebensführung zu optimieren, ist dabei gerade nicht dem Diskurs um das Glück vorbehalten, dieser Appell, so meine These, korrespondiert aufs Engste mit der neoliberalen Anrufung, für sich selbst zu sorgen und sein eigenes Humankapital zu optimieren.

Vor dem Hintergrund dieser Rationalität ist es mehr als vernünftig, sich Rat bei einem Buch zu suchen, um der Verantwortung gegenüber sich selbst kompetent nachkommen zu können. Denn auch wenn kaum ein aktueller Ratgeber behauptet, es gebe einen einzigen Weg zum Glück, betonen doch alle, dass es zum Erreichen des Glücks eines spezifischen, oft als Geheim- oder Expertenwissen ausgewiesenen Wissens bedarf. Glück wird so als etwas figuriert, das aus dem Bereich des Nichtwissens und damit der Kontingenz in den Bereich des systematisierbaren Wissens überführt werden kann: Man kann nun wissen, wie Glück entsteht. Dabei ist das Wissen über das Glück gekennzeichnet durch die "Hybridisierung verschiedener Wissensformen":9 Erfahrungs-, Weisheits- und wissenschaftliches Wissen werden miteinander zu einem je eigenen System des Autors verwoben. In den letzten Jahren wird dabei vor allem auf naturwissenschaftliches Wissen, insbesondere das der Neurowissenschaften rekurriert. Auch wenn sie im Hinblick auf Glückstechniken nichts Neues präsentieren, so künden die Ergebnisse der Hirnforschung nun wissenschaftlich legitimiert von Plastizität und Flexibilität sowie von Selbststimulation und Selbstregeneration des Menschen - da sie in der Struktur des Gehirns angelegt ist. Damit legitimiert nun auch die Neurowissenschaft die Idee der Veränderbarkeit und Verbesserungsfähigkeit des Menschen, die auch für die aktuellen Figurationen des Glücks konstitutiv ist. Denn Glück, so die zentrale Aussage des aktuellen Diskurses, ist machbar - wenn auch nicht unbedingt auf direktem Wege und nicht auf Dauer.

Konturen gewinnen die Figuren des Glücks im ratgebenden Diskurs zunächst durch ihre Abgrenzung gegenüber dem Unglück: Gesellschaftliche Bedingungen, Stress oder Selbstblockaden wie beispielsweise negative Einstellungen, passive Haltungen (insbesondere beim Fernsehen) oder die Jagd nach dem falschen Glück werden als Bedrohungen des Glücks vorgestellt. "Das einzige", bringt Prather die diversen Selbstblockaden auf den Punkt, "was oftmals zwischen einem selbst und dem eigenen Glück steht, ist man selbst."10 Unzureichendes Glück gilt als ebenso normal wie moderates Unglück. Doch ›Glücksverhinderer‹ zu identifizieren, so die Argumentation der Ratgeber, ermöglicht erst die Arbeit am eigenen Glück.

Glück als momentaner Zustand

Was Glück genau ist, wird dabei gerade nicht allgemeinverbindlich definiert, vielmehr der individuellen Deutung überlassen. Einig sind sich jedoch alle Autoren in zwei Punkten: Zum einen wird Glück als körperlicher Zustand ausgewiesen, der im Gefühl von Aktivität, Energie, Stärke oder Lebendigkeit sowie Wohlbehagen, Entspannung und Genuss sinnlich erlebbar ist. Folglich kennt die Konzeption des Glücks nur eine Stelle in der Zeit - Glück findet immer in der Gegenwart statt. Zentraler Angriffspunkt der Veränderungen ist daher für viele Autoren der ›gelebte Augenblick‹. Zum anderen scheint klar, dass Glück nicht in ›Äußerlichkeiten‹ zu finden ist. Das ›wahre Leben‹ wird gegenüber dem ›falschen Leben‹ abgegrenzt. Glück, so heißt es, entspringt einem ›inneren Reichtum‹ und zeigt sich darin, ob das Leben als sinnvoll erlebt wird und die eigenen Ziele erreicht werden. Sinn bezeichnet dabei das subjektiv Wesentliche, das von den Einzelnen selbst bestimmt werden muss: "Den Sinn Ihres Lebens kann Ihnen niemand von außen geben, sondern er liegt in Ihnen."11 Das Leben gilt somit dann als ein ›wahres Leben‹, wenn es den eigenen Maßstäben folgt.

Dieser Fokus auf die Selbstbestimmung in jeglicher Hinsicht impliziert auch die Annahme, die Welt sei offen für Einwirkungen durch gezieltes Handeln. Damit ist auch die Vorstellung eines Subjekts impliziert, das nicht vollständig von seinen Umständen determiniert ist und dessen Handlungen Wirkungen zeitigen. So werden die Ratsuchenden als selbstbestimmte und wirkmächtige Subjekte adressiert - mehr noch: Sie werden auf die Position eines selbstbestimmten Subjektes verpflichtet.12

Aufgrund dieser Prämissen eröffnen Lebenshilferatgeber Freiheits- und Entscheidungsräume, die nicht zuletzt dadurch ausgebaut werden, dass ein vorgeschlagener Rat nicht als verbindlich angesehen werden muss - er kann auch verworfen werden. In aktuellen Lebenshilferatgebern wird diese Freiheit im Umgang mit dem Rat geradezu gefordert: "Probieren Sie aus, was Sie auf irgendeine Weise anspricht. Mit dem, was Sie mögen, spielen Sie, bis Sie es lieb gewinnen oder langweilig finden. Dann hat es seinen Dienst getan."13 Hierin unterscheiden sich die aktuellen Ratgeber fundamental von den Büchern zu Beginn des Jahrhunderts: Statt den Anspruch zu erheben, eine objektive Wahrheit zu besitzen, verweisen die Ratgeber nun auf die je subjektive Wahrheit der Leserinnen. Das bietet zwar keine letzte Gewissheit über die richtige, d.h. Glück bringende Lebensführung, doch gibt es die Erlaubnis (und forciert damit die Zumutung), eigene Maßstäbe zu etablieren - die dann, so die Logik, zum Glück führen sollen.

Um Glück zu erleben, werden in den Ratgebern neben dem Wissen über das Glück auch unzählige Glückstechniken vorgestellt, die es erlauben sollen, am eigenen Glück systematisch zu arbeiten. Sie zielen auf Selbsterkenntnis, steigern die (Möglichkeiten zur) Selbstgestaltung und geben nicht zuletzt Anleitungen, sich selbst - auch unabhängig von anderen - zu beglücken. Am Glück zu arbeiten heißt also unweigerlich, an sich selbst zu arbeiten.

Wege zum Glück

Als wichtiges Mittel zum Erreichen des Glücks wird stets der richtige Umgang mit dem Gegebenen genannt. Welche Gedanken man denkt, wie man auf einen Schicksalsschlag reagiert, welche Ziele man sich steckt, wie die Beziehung zu sich, anderen Menschen oder Gott aussehen - entscheidend ist lediglich, wie man auf diese äußeren Umstände reagiert: wie man sie abwehren, umdeuten kann oder sich zunutze machen kann. Mit anderen Worten: Ob man glücklich ist und Glück hat, wird als Frage von Wahl und Entscheidung ausgewiesen. Präzise drückt dies der Titel "Spurwechsel zum Glück" aus. Glück wird mithin so figuriert, als wären Glück und Unglück Alternativen, die "wie jede Unterscheidung, zwei Seiten vor[sehen], [sie] setzen aber voraus, dass beide Seiten der Unterscheidung erreichbar sind, also beide Seiten bezeichnet werden können."14 Damit wird Glück als etwas ausgewiesen, das zwar nicht selbstverständlich, aber für jeden, zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Tätigkeit möglich ist - unabhängig von der Existenz oder Nichtexistenz von Ressourcen, Privilegien oder Handicaps der Einzelnen. Die Figur des Glücks lebt mithin von der Vorstellung einer Potentialität, die - trifft man die richtigen Entscheidungen für das Glück - jederzeit in Aktualität umschlagen kann.

Dennoch beinhaltet die Figur des Glücks ebenso das Gegenteil: Glück gilt auch als Überraschung, als Beigabe. Am deutlichsten wird das im Konzept des flows.15 Doch auch hier ist nicht der Inhalt der Tätigkeiten, sondern das Einnehmen einer bestimmten Haltung entscheidend: Das Selbst gerät außer sich mittels einer Tätigkeit, der es sich gewachsen fühlt und empfindet gerade diese Erfahrung als ein ›ganz bei sich sein‹ - Anstrengung, Selbstvergessenheit und Identitätserfahrung fallen im ›gelebten Augenblick‹ zusammen. Die Selbstvergessenheit darf allerdings gewisse Grenzen nicht überschreiten: Rausch, Ekstase oder blinde Leidenschaft sind ausgeschlossen. So kann die Arbeit am Glück eine Lust nicht verschaffen - die Freiheit von sich selbst.

Entsprechend der Grundprämisse, Glück sei beeinflussbar - und sei es über Kontextsteuerung - wird alles zum möglichen Ansatzpunkt der Veränderung erklärt. So ist es unerheblich, ob man beispielsweise mit Blumen buchstäblich ›mehr Farben ins Leben zu bringen‹ versucht, sich mehr bewegt oder psychische Selbstblockaden auflöst oder bestimmte Nahrungsmittel, Gewürze und Getränke zu sich nimmt - alles, so wissen die Ratgeber, kann das Glück steigern und ist dementsprechend nach Maßgabe seiner glücksfördernden Wirkung auszuwählen. Stellt sich das sinnlich erlebte Glück dann ein, fungiert es als Orientierungshilfe und Maßstab der geglückten Lebensführung. Denn als erfüllt gilt das Leben erst dann, wenn es mit dem Gefühl der Freude einhergeht, energiegeladen und lebendig ist. Glücksgefühle erweisen sich so als zuverlässige Indikatoren für die Selektion von Handlungen und Glück so als "Problematisierungsformel",16 nach der man das eigene Leben ausrichten und permanent evaluieren kann.

Glück und Subjekt

Diese Figuration des Glücks in aktuellen Glücksratgebern entwirft also ein Subjekt, das sich selbst vollständig gegeben ist; nichts steht außerhalb seiner Einsichts- und Einwirkungsmöglichkeiten. Theoretisch plausibilisiert wird diese Subjektkonstitution durch die Vorstellung der Machbarkeit des Glücks, die konkreten Glückstechniken lassen sie praktisch werden. Gemeinsam entsteht so eine theoretische und praktische Umakzentuierung der Form des Subjekts. Es wird nun als etwas figuriert, was einem kybernetischen Modell der Rückkopplung und Steuerung folgt. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Konzeption der Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt. Sie wird nun nicht mehr als eine undurchlässige Gegenüberstellung, sondern als konstitutives Wechselwirkungsverhältnis gefasst: Das Individuum wählt diejenigen Einflüsse der Außenwelt aus, die es benötigt, um sich positiv zu stimulieren, sich mit Energie aufzuladen oder sich zu motivieren, und es wehrt in sich und in der Umwelt jene Einflüsse ab, die der Förderung des Glücks und seiner Selbstbestimmung entgegen stehen. Darüber hinaus wird dem Individuum zugeschrieben, die Außenwelt nach Maßgabe der eigenen Glücksvorstellungen beeinflussen zu können. Am deutlichsten kommt dies in den Büchern des Positiven Denkens zum Ausdruck: "Die Wirklichkeit ist so, wie ich sie sehe, ihr Zustand ist von meinem Zustand abhängig."17

Diese Subjektkonstitution akzentuiert mithin die Vorstellung individueller Autonomie, die die Freiheit und Möglichkeit eröffnet, sich selbst zu erfinden, ohne auf interne oder externe Bedingungsfaktoren Rücksicht zu nehmen. Wenn jegliche innere und äußere Determination abgestritten wird, geht mit der Arbeit am eigenen Glück die Möglichkeit einher, den eigenen Anspruch auf Glück auch gegen äußere Anforderungen zu reklamieren und ihn zu verwirklichen. Hierin liegt meines Erachtens ein wesentliches Moment des aktuellen Glücksbooms. Diese Konzeption des Glücks verspricht ein erfülltes Leben - auch jenseits der Marktlogik: Die Vorstellung eines jederzeit und für alle erreichbaren Glücks oder einer umfassenden Zufriedenheit und die weit reichenden Möglichkeiten, auf sich und die Welt einzuwirken, zeigen, dass Glück keiner spezifischen Ressourcen oder Qualifikationen bedarf, keine Zugangsbeschränkungen und Exklusionsmechanismen kennt und dass aufgrund der individuellen Bestimmung des Glücks keine direkte Konkurrenz hervorgerufen wird. Mit dieser Bestimmung verspricht die Figur des Glücks eine gerechte Welt, in der jeder dieselben Voraussetzungen mitbringt. Darüber hinaus setzt die Orientierung am Glück antimaterielle Akzente und stiftet Sinn, der sich unter Umständen einer ökonomischen Vereinnahmung widersetzt.

Mit anderen Worten: Als Ausdruck von Gerechtigkeit, Sinn, Authentizität und Emanzipation errichtet diese Figuration des Glücks eine ›Bastion‹ gegen die Abhängigkeit von einer hochdynamischen Wirtschaft, die Arbeit und Leben entgrenzt, die auf die Subjektivität der Einzelnen zugreift und grundlegende Existenzsicherheiten in Zweifel zieht. Die ›Problematisierungsformel‹ Glück sowie die Glückstechniken ermöglichen es, sich von diesen Anforderungen bei Bedarf flexibel zu distanzieren. Doch arbeiten sie genau diesen Anforderungen zugleich auch zu: Zum einen auf sehr direkte Weise, indem die Techniken der Selbstoptimierung wesentlich dazu beitragen, produktiver zu werden. Optimismus, Aktivität, Energie, Lebendigkeit, Veränderungsbereitschaft und Sinnorientierung sind ja nicht nur glücksfördernd, sondern auch Ressourcen zur Erhaltung der Gesundheit, des Umgangs mit Stress oder der Verbesserung der Beziehungsfähigkeit - mithin der Optimierung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Zum anderen arbeitet die ›Problematisierungsformel‹ Glück den aktuellen Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft auch auf eher indirekte Weise zu, indem sie auf vielerlei Weise die Einzelnen auf Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung verpflichtet und ihnen dabei Techniken an die Hand gibt, dies auch zu verwirklichen. Denn das Diktum, eigeninitiativ für sich selbst zu sorgen, Verantwortung zu tragen und in eigener Sache das Beste aus sich zu machen, ist ein entscheidendes Moment der aktuellen Regierungsweise, in der soziale Sicherheiten und Bindungen abgebaut, gesellschaftliche und ökonomische Risiken der Selbstverantwortung der Einzelnen übergeben und Initiative, Aktivität und Eigenverantwortung zu gesellschaftlichen Inklusionskriterien werden.18 Die individuelle Ausrichtung am Glück ist somit ein wesentliches Moment zur Herstellung dieser Ordnung, denn sie trägt wesentlich dazu bei, diese Ordnung plausibel zu machen: Weniger durch die unmittelbare Affirmation dieses Diskurses als vielmehr durch konkrete, erfahrungsbildende Techniken und Verfahren, die selbstverantwortliche und selbstbestimmte, flexible und sich selbst befriedigende Subjekte produzieren. Anders ausgedrückt: Die Diskurse, Verfahren und Praktiken zur Herstellung des Glücks konstruieren Bedingungen, die die neoliberale Transformation des Sozialen nicht nur diskursiv plausibilisieren, vielmehr konkret mitproduzieren.

Anmerkungen

1) Diese Ausführungen gehen im Wesentlichen auf einen Artikel im Handbuch Glück zurück, das die Ergebnisse meiner Dissertation: Stefanie Duttweiler 2007: Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie, Konstanz knapp zusammenfasst.

2) Dieter Thomä 2003: "Die lange Nacht des Glücks. Mit neuen Ratgebern unterwegs zu Wonne und Happiness", in: Literaturen 12/2003: 30-35.

3) Neben den dezidiert religiösen Büchern sei hier auf die ca. 300 Bücher des Bestsellerautors und Benediktiner-Mönchs Anselm Grün verwiesen, in denen sich Wissensbestände christlicher Mystik mit Esoterik und Psychologie mischen oder auf diejenigen des Dalai Lama respektive des buddhistischen Mönchs Thich Nhat Hanh, die den Weg zum wahren Glück durch Meditation und Achtsamkeitsübungen weisen.

4) Besonders erwähnenswert ist der Longseller von Werner Küstenmacher 2001: Simplify your life. Einfacher und glücklicher leben, Frankfurt am Main, der über zwei Millionen Leser verzeichnet.

5) Eckhart von Hirschhausen 2009: Glück kommt selten allein..., Hamburg/Berlin (Taschenbuchausgabe 2011).

6) Russ Harris et al.2009: Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei: Ein Umdenkbuch, München.

7) Sabine Asgodom, Siegfried Brockert 2009: Das Glück der Pellkartoffeln: Vom Luxus der Zufriedenheit, München.

8) Andreas Müller 2010: "Die Suche nach Glückseligkeit. Ratgeber-Literatur in der Geschichte des Christentums", in: Stefanie Duttweiler, Uta Pohl-Patalong: Auf der Suche nach dem Glück. Ratgeberliteratur als Lebenshilfe, Praktische Theologie 01/2010: 31-38

9) Stefanie Duttweiler 2007: Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie, Konstanz.

10) Klappentext zu: Hugh Prather 2001: Loslassen und glücklich sein. Der Weg zum entspannten Leben, München.

11) Küstenmacher: Simplify your life: 11, siehe Fußnote 4.

12) Stefanie Duttweiler 2007: "Beratung als Ort neoliberaler Subjektivierung" in: Roland Anhorn, Frank Bettinger, Johannes Stehr (Hg.): Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einführung und Bestandsaufnahme, Wiesbaden: 261-276.

13) Lothar Seiwert 2002: Das Bumerang-Prinzip: Mehr Zeit fürs Glück, München.

14) Niklas Luhmann 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main: 133.

15) Mihaly Csikszentmihalyi 1992: Flow. Das Geheimnis des Glücks, Stuttgart.

16) Duttweiler: Sein Glück machen, wie Fußnote 1.

17) Hans Kruppa 1999: Wegweiser zum Glück, Freiburg: 34.

18) Ulrich Bröckling 2007: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a. M..


Stefanie Duttweiler hat mit einer Arbeit zu diesem Thema an der Universität Basel in Soziologie promoviert, derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Basel und Frankfurt a. M.

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