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Klaus Holzkamp

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Der Druck nimmt zu

03.04.2012: Kritische Wissenschaft in der Türkei - ein Einstieg

  
 

Forum Wissenschaft 1/2012

In der letzten Zeit häufen sich Meldungen darüber, dass in der Türkei direkte politische Repressionen in einer Weise zunehmen, die für wissenschaftliche Freiheit existenzbedrohend sind. Auf eine simple Formel gebracht, geht die Regierungspartei AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) zunehmend dazu über, jeden Einspruch gegen ihre eigene Agenda politisch auszuschalten. Jenseits von Sofortmaßnahmen wie Petitionen u.ä. braucht kritische Wissenschaftsproduktion in der Türkei langfristig inhaltliche Stärkung durch Solidarisierung, Austausch und Kooperation, findet Corinna Trogisch.

Vor dem Hintergrund sich auch in der Wissenschaft reproduzierender Herrschaftsverhältnisse wurde und wird das intellektuelle Leben in der Türkei in westlichen Ländern oft unterschätzt. Im Angebot des türkischen Buchhandels hingegen fehlt nur weniges von dem, was innerhalb der westlich determinierten internationalen akademischen community diskutiert und für wichtig erachtet wird. Es wird mitgedacht und mitgelesen in der Türkei, nur nicht in gleicher Weise wahrnehmbar mitgeredet. Insofern die wissenschaftliche Kommunikation so als Einbahnstraße funktioniert, liegt der Aufklärungsbedarf hier - etwa im deutschsprachigen Raum.

Noch im Jahr 1999 begründete die in Deutschland ausgebildete Forum Wissenschaft-Autorin Hilal Onur die Themenwahl ihrer Dissertation, Intellektuelle in der Türkei, damit, dass sie in Deutschland allen Ernstes gefragt würde, ob es denn auch in der Türkei Intellektuelle gebe.1 Eine solche Ignoranz, die viel über das soziale Gefüge der deutschen Gesellschaft aussagt, ist seltener geworden. Je mehr Bewegung in die beschriebenen Verhältnisse kommt, desto stärker zeigen sich vielmehr die besondere Relevanz und die Chancen, die der deutsche Sprachraum inzwischen birgt: Das Zusammenleben von deutscher und ›türkischer‹ - zu einem relevanten Anteil kurdischer - Bevölkerung und eine partielle Durchmischung, die Diversifizierung der Nachkommen der GastarbeiterInnengeneration nach Klassen und Schichten, all dies führt trotz aller Ungleichheiten und Konflikte zu einer gewissen Zunahme von Bilingualität, neuen Ausdrucksformen und einem neuen Status des Türkischen im akademischen Raum und unter Kulturschaffenden. Zum Anstieg der Zahl der ERASMUS-Studierenden v.a. in Istanbul hat einerseits der Imagewandel der Türkei zum angesagten, kulturproduzierenden Land beigetragen. Gleichzeitig hat es besonders im Kontext der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei in den letzten Jahren einen enormen Anstieg von Wissenschaftskooperationen gegeben.2 All diese Prozesse münden auch in Ansätze einer Neuaufstellung der deutschsprachigen Türkeiforschung, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, die aber gerade angesichts der jetzt eingetretenen Lage bedeutsam und eine genauere Auseinandersetzung wert ist.3

Derweil schreiten Eliteförderung und Privatisierung in beiden Ländern fort; wissenschaftliche Ansätze, die nichts oder wenig Profitables abwerfen oder sich explizit als herrschaftskritisch und sozialen Bewegungen nahe stehend definieren, befinden sich durch die Verringerung von Ausgaben im öffentlichen und Bildungssektor und die Unterwerfung von Forschung unter Kriterien von Standortkonkurrenz verstärkt unter Druck.

Funktionale Wissenschaft und Geschichtspolitik in der Türkei

Seit Gründung der Republik Türkei 1923 hatte Wissenschaft hier einen besonderen Status inne beim Versuch, durch politische, technische und sozial-kulturelle Maßnahmen an die überlegenen westlichen Nationen anzuschließen. Ein technokratischer Blick auf die Gesellschaft unter dem Aspekt ihrer Beherrschbarkeit und die Höherschätzung der Natur- gegenüber den Geisteswissenschaften, die ihrerseits positivistisch definiert wurden, leitete sich daraus her. Gerade Geschichtswissenschaft wurde massiv zur Neudeutung und teils schlichten Neuerfindung von Geschichte eingesetzt, um die Existenz eines ethnischen Türkentums zu belegen und so die staatliche Türkisierungspolitik auf Kosten der Minderheiten zu legitimieren. Das Selbstverständnis aller als Türkin/Türke sollte zur Grundlage einer sich als homogen begreifenden, dem Staat loyalen Bevölkerung werden. In der Realität hat gerade dies die bittersten und nachhaltigsten gesellschaftlichen Zerwürfnisse heraufbeschworen.4 Eine im Herbst 2011 aufflammende Diskussion um die staatlich organisierten Massaker an der kurdisch-alevitischen Bevölkerung in der Region Dersim (offiziell "Tunceli") um 1938 etwa brachte erneut an die Oberfläche, wie wenig gerade die republikanisch-säkulare Oppositionspartei CHP und ihre Basis in der Lage sind, der Hinterfragung von politischen Idolen Raum zu lassen.5 in deutschen Medien waren die periodischen drastischen Interventionen der politischen Eliten, das sich weiterentwickelnde Selbstverständnis der Gesellschaft von oben zu lenken, zuletzt anhand des Konfliktes zwischen französischer und türkischer Regierung um die Anerkennung des Völkermords an den ArmenierInnen bzw. des Verbots seiner Leugnung wahrnehmbar.

Auch die Ermordung des türkisch-armenischen Autors Hrant Dink am 19. Januar 2007 und die Verschleppung und parteiliche Führung der Ermittlungen dazu machen deutlich, wie es um die Wertschätzung von kritischer Information steht, die mit nationalen Mythen bricht. Das von Dink publizierte Wissen über die Multikulturalität der Türkei und sein Aufruf zur Aussöhnung zwischen den Nachkommen des Genozids an den ArmenierInnen 1915/16 mit den übrigen Teilen der Bevölkerung der Türkei erfuhr nach seinem Tod eine weitere, nachhaltige Abwertung: Die Tatsache, dass seine Ermordung - von staatlichen Stellen unterstützt - geplant worden war, wurde schließlich durch ein Skandalurteil vom 17. Januar 2012 geleugnet. Hoffnung vermittelte hingegen die Gedenkveranstaltung für Dink zwei Tage später, an der sich nach Schätzungen 40.000 Menschen beteiligten.6

Es ist vielen bekannt, dass wer sich in der Türkei gesellschaftlich umstrittenen Themen widmet, oft schweren Repressionen ausgesetzt ist, wie etwa der Soziologie Ismail Besikçi, der für seine Forschung zur kurdischen Kultur und Geschichte Jahre in Haft verbrachte.7 Bis heute personifiziert Besikçi für viele in der Türkei die Figur des politisch positionierten Intellektuellen im Gefolge Jean-Paul Sartres. Im Jahr 2010 erst musste er sich erneut vor Gericht dafür verantworten, das Selbstbestimmungsrecht der kurdischen Bevölkerung vertreten zu haben.8 Wenn auch Forschungen zur kurdischen Identität und Sprache mittlerweile in beschränktem Umfang möglich sind9, so bleibt die politische Bewegung tabuisiert: Wie Besikçi ist auch die in Deutschland bekannte und dort vom P.E.N. unterstützte Soziologin und Frauenforscherin Pinar Selek im Gefolge ihrer Forschung zur militanten kurdischen Bewegung erheblicher gerichtlicher Verfolgung ausgesetzt.

Prinzipiell schränkt der Artikel 301 des Türkischen Strafgesetzbuches, der auch in seiner abgemilderten Form von 2008 eine "Herabwürdigung" der türkischen Nation unter Strafe stellt, die freie Meinungsäußerung, welche Voraussetzung ungehinderter Forschungstätigkeit wäre, bedeutend ein. Dem Historiker Taner Akçam, der zum Völkermord an den ArmenierInnen forscht, einem unzweifelhaft empfindlichen Thema für nationalistische Kreise, gelang es nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Ermordung Hrant Dinks als erstem Wissenschaftler, im Streit gegen den Artikel 301 vor dem Europäischen Menschrechtsgerichtshof (EMRG) Recht zu bekommen.10

Der Putsch von 1980

Nachdem es in der Türkei v.a. in den 1960er Jahren eine von vielen als Blütezeit intellektueller Ausdrucksfreiheit erinnerte Phase gegeben hatte, brachte der Putsch von 1980 erneut eine Fülle von Restriktionen. Hatte die Intervention im Ganzen dem Brechen des Widerstands gegen eine neue, exportorientierte Akkumulationsstrategie gedient, so wurden neben brachialer Repression gegen die linke Bewegung gleichzeitig umfassende Maßnahmen zur Depolitisierung und ideologischen Neuausrichtung der Gesellschaft ergriffen. Bestimmend ist hier neben dem Verbot aller Großorganisationen, von denen vorher maßgeblich Gegeninformation produziert und zirkuliert worden war, v.a. die ab den 1960ern von rechten think-tanks ausgebrütete ›türkisch-islamische Synthese‹ (türk. abgek. TIS), die zur politischen Leitlinie wurde. Die TIS, teils Transformation und teils reaktionärer Gegenentwurf zur Ideologie des Kemalismus11, drückte seitdem unweigerlich allem intellektuellen Leben ihren Stempel auf. Neue Institutionen wie der Hochschulrat YÖK, dessen Abschaffung anlässlich fast jeder bildungspolitischen Neuerung gefordert wird,12 organisierten und kontrollierten fortan das universitäre Leben und verfestigten die Unterdrückung kritischer Perspektiven.

Wie jede andere wurde beispielsweise auch die Frauenforschung, deren Entwicklung seit den 1970er Jahren eine eigene Auseinandersetzung erfordern würde, durch diesen Bruch geprägt. Neben dem Abreißen ihrer Verbindung zu breiteren gesellschaftlichen Kämpfen spielte auch die v.a. in den 1990er Jahren hochgeschaukelte Polarisierung zwischen Säkularismus und Islamismus eine Rolle dafür, dass die Frauenforschung, wiewohl es eine hochdynamische Frauen- und feministische Bewegung gibt, wenig transformatorische Wirkung entfalten konnte.

Gefördert durch Maßnahmen wie die Einführung des verpflichtenden Religionsunterrichts, den massiven Ausbau von Predigerschulen (sog. Imam-Hatip-Gymnasien), und flankiert durch verstärkt betriebene Privatisierungspolitik wurde der in Deutschland als moderat-islamisch bekannten, religiös-nationalistischen Bewegung des Predigers Fetullah Gülen die Rekrutierung erleichtert. In den letzten Jahren tritt diese nun zunehmend als mächtiger bildungspolitischer und Medienakteur in der Türkei und darüber hinaus auf den Plan. In der Regierungspartei AKP repräsentiert die Gülen-Bewegung einen von zwei Flügeln, deren anderer sich v.a. hinter Ministerpräsident Erdogan sammelt; indessen wurzeln beide in religiös-nationalistischen und ultranationalistischen Bewegungen der 1970er Jahre. Nach Einschätzung vieler hat die Anhängerschaft Fetullah Gülens, aufbauend auf ihrer Medienmacht13 und im Verlauf zahlreicher Kämpfe etwa im Justizwesen, in der Türkei inzwischen bedeutende Teile des Staatsapparats übernommen. Der Journalist Ahmet Sik, der an einem Buch u.a. über die Unterwanderung der türkischen Polizeikräfte durch die Gülen-Bewegung arbeitete, befindet sich seit März 2011 unter dem Vorwurf, dem Ergenekon-Netzwerk anzugehören, in Haft. Nach seiner Festnahme war von den Behörden zunächst versucht worden, das noch nicht fertig gestellte Manuskript zu löschen. Schließlich wurde es in einer Solidarisierungsgeste durch 125 AutorInnen veröffentlicht und ist mittlerweile im Buchhandel frei zugänglich.

Für ihre Mobilisierung und Propaganda macht sich die Gülen-Anhängerschaft das ungerechte Bildungssystem der Türkei und insbesondere die Armut der Menschen in den kurdischen Landesteilen zu Nutze. Sie bietet Jugendlichen aus armen Familien eine im Vergleich zu den staatlichen Schulen qualitativ bessere Ausbildung, Unterstützung durch ihre Nachhilfekurse und Plätze in ihren Wohnheimen an. Dazu kommen privatfinanzierte Stipendien. Weniger als an den Schulen selbst findet die wirkliche ideologische Beeinflussung in den Wohnheimen und religiösen Schulungseinrichtungen - den sogenannten Isik-Häusern - sowie Programmen zur Freizeitgestaltung statt. Wie Aussteigerberichten zu entnehmen ist, gibt es für die Wohnheiminsassen kein Privatleben mehr, selbst Abwesenheitszeiten und Zeitungslektüre werden von Leitung und Wohnheim-Imamen vorgegeben. Wer die täglichen religiösen Unterweisungen schwänzt, der oder dem droht der Verweis aus dem Heim.

Die Gülen-Bewegung ist auch in Deutschland bestens organisiert. Hier wird neben Rekrutierung stark auf Beeinflussung der Meinung von politischen EntscheidungsträgerInnen gesetzt. Wie in der Türkei macht sich die Bewegung die soziale Ungerechtigkeit des Bildungssystems zunutze, die inzwischen noch mehr als in früheren Jahren insbesondere SchülerInnen mit Migrationshintergrund benachteiligt. In diese Lücke springen inzwischen schon 20 ihr nahestehende Privatschulen, Nachhilfeinstitute, Wohnheime für Studierende sowie zahlreiche Lobby-Organisationen. Im Kontext von Mittelknappheit und Integrationsdebatte kommen Gülen-nahe Akteure auch staatlichen Stellen sehr entgegen, enthalten sie sich doch jeder Art von Forderungen nach Unterstützung und greifen auf eigene Finanzquellen zurück.

In Deutschland kaum bekannt sind hingegen Gülens Hasspredigten gegen die kurdische Bewegung, aber auch gegen die religiös-kulturelle Minderheit der AlevitInnen14 und andere marginalisierte Gruppen. Vielmehr gilt er als führender Vertreter eines interreligiösen Dialogs mit Vertretern des Christentums und des Judentums. Mit zahlreichen anderen, v.a. im Türkeikontext sehr viel näherliegenden Gruppen sucht er jedoch keinen Dialog.15 Als Hinweis auf den ideologischen Einfluss und die Macht der Gülen-AnhängerInnen, die die Evolutionstheorie ablehnen, kann gelten, dass die Masken zur Internetzensur, die von der AKP-Regierung inzwischen offiziell zum Jugendschutz und zunächst auf freiwilliger Basis eingeführt wurden, auch den Zugang zu wissenschaftlichen Seiten über die Evolution sperren.

Akut: Zuspitzung politischer Repression

Mit ihrer jetzigen Machtbasis geht die AKP zunehmend dazu über, kritische Stimmen mit direkter Repression auszuschalten. Nachdem im Hinblick auf die kurdische Frage, dem brennendsten Problem des Landes, wieder eine Lösung durch Krieg und Delegitimation legaler Organisationen gesucht wird, rief Ministerpräsident Erdogan sogar offen zur Selbstzensur auf. Während das bei näherer Beobachtung von Erdogans Politikstil vielleicht nicht überraschen mag, ist jedoch die umgehende Erklärung fünf zentraler Nachrichtenagenturen, sich an diese Aufforderung zu halten, erschreckend. Im Zentrum der grassierenden, von Regierungsvertretern offen als jenseits von Recht und Gewaltenteilung geplant beschriebenen Maßnahmen steht alles, was sich in die Nähe der zivilen oder militanten kurdischen Bewegung wagt.16

Wie die Journalistin Pinar Ögünç festhält, laufen ganz besonders kurdische JournalistInnen Gefahr, in Ausübung ihres Berufes kriminalisiert und verhaftet zu werden.17 Für jedwede Oppositionelle und KritikerInnen hat sich die Lage vor dem Hintergrund der zuletzt 2006 geänderten Anti-Terror-Gesetzgebung bis ins Abstruse zugespitzt. Grundlage hierfür ist eine Erweiterung des Terrorbegriffs ins Unendliche - das Mittel par excellence, um jegliche bürgerlichen Rechte zu demontieren. Die Rechtspraxis zeigt, dass für die Erzeugung und Verbreitung von missliebigen Meinungen und Informationen regelmäßig so hohe Strafen verhängt werden, dass ein Aufgreifen in den Bergen mit der Waffe in der Hand vergleichsweise weniger dramatische Konsequenzen hat.

Vor diesem Hintergrund ereignete sich Ende Oktober 2011 die Verhaftung des Verlegers und Menschenrechtsverteidigers Zarakoglu und der an der Marmara-Universität beschäftigten Politikwissenschaftlerin Büsra Ersanli unter dem Vorwurf, der staatenübergreifenden kurdischen Untergrundorganisation KCK anzugehören. Dass diese beiden anerkannten Persönlichkeiten in Untersuchungshaft genommen wurden, gab Anlass zur Gründung einer internationalen Solidaritätsinitiative von WissenschaftlerInnen unter dem Namen GIT (frz. groupe International de travail, dt. Arbeitsgruppe) zunächst in Frankreich, nachfolgend auch in anderen Ländern. Auf den Websites der jeweils unabhängig arbeitenden Ländersektionen werden fortlaufend neue Informationen veröffentlicht.18 Auf die GIT aufbauend wurde ein Appell zur Solidarisierung mit Ersanli und Zarakoglu auch an die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Dokumentation und gegenwartsbezogene Forschung (DAVO) gerichtet; ähnliche Initiativen in diesem und weiteren Foren sind im Entstehen, während dieser Artikel geschrieben wird.

Wissenschaftliche Freiheit und politische Neuordnung

Der akute Druck, unter dem in der Türkei derzeit alle stehen, deren Wissensproduktion die politische Tagesordnung der Regierungspartei stört, fordert schnelles unterstützendes Handeln. Der akute politische Druck, der sich v.a. auf die Ausschaltung der legalen kurdischen Opposition und alle ihr in kritischer Solidarität verbundenen Kräfte richtet, sollte gleichwohl nicht den Blick davon ablenken, dass der Streit um die Freiheit von Wissenschaft und Forschung in der Türkei wie auch andernorts nicht getrennt von anderen gesellschaftlichen Feldern geführt werden kann. Die Kommerzialisierung der Bildung, der enorm gewachsene Einfluss rechtskonservativer Kräfte und das, was die Historikerin Asli Odman als ›symbolische Neuordnung der Klassenbeziehungen‹ bezeichnet, stehen in engem Zusammenhang. Büsra Ersanlis Verhaftung, so Odman, bricht mit der hergebrachten symbolischen Anordnung. Gemäß dieser waren es bis daher stets gesellschaftlich unterprivilegierte ›TürkInnen‹, die als Intellektuelle (Journalistinnen, Universitätsangehörige, SchriftstellerInnen, VerlegerInnen etc.) brutaler Repression ausgesetzt waren, während die wenigen etablierten ›weißen TürkInnen‹, die sich solidarisierten, nicht mit den selben Konsequenzen zu rechnen hatten. Es sei eine bezeichnende Neuerung, dass Habitus und Biographie der Professorin Ersanli, die keiner benachteiligten Bevölkerungsgruppe entstammt, ihr die Verhaftung nicht erspart hätten.19 Für Odman legt Ersanlis Verhaftung darüber hinaus nahe, dass Initiativen wie eine von Abgeordneten der damaligen prokurdischen Partei DTP schon 2007 zusammengerufene beratende WissenschaftlerInnengruppe, der Ersanli ebenfalls angehört hatte, der Regierung ein besonderer Dorn im Auge seien. Diese Wissenschaftlerinnen stammten von den als ›besser‹ bekannten, sogar Eliteuniversitäten des Landes, in denen Forschung und Lehre gewöhnlich in politisch isolierter Form und auf den globalen wissenschaftlichen Markt orientiert stattfindet. In den jetzigen Gewaltmaßnahmen drückt sich u.a. die Befürchtung der Regierung aus, kritische und aktive Wortmeldung durch Intellektuelle könnte der begonnenen Einschüchterungspolitik, die alle demokratischen Impulse der Gesellschaft bedroht, entgegenstehen. Und tatsächlich könnten die nun unter Druck entstehenden Solidarisierungsinitiativen Anlass und Raum zu einem neuen Verständigungsprozess über Kriterien und Bedingungen freier und kritischer Wissenschaft bieten. Dabei könnten auch die einleitend beschriebenen Entwicklungen im deutschsprachigen Raum eine produktive Rolle spielen.

Anmerkungen

1) Vgl. Hilal Onur 1999: Intellektuelle der Türkei. Die historischen Gründe ihrer Marginalität und Entwicklungstendenzen, Baden-Baden

2) Laut Angaben der deutschen Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bestehen mittlerweile rund 400 Hochschulkooperationen zwischen deutschen und türkischen Universitäten. Vgl. DAAD-Newsletter 4/2011

3) Gründung des Netzwerk Türkei und des TEZ in Hamburg

4) Tanil Bora 1995: "Türkiye'de milliyeçilik ve azinliklar", in: Birikim no. 71/72, 1995: 34-49. David McDowall2005: A Modern History of the Kurds, London.

5) bianet.org/english/minorities/134261-prime-minister-i-apologize-for-dersim .

6) bianet.org/english/minorities/135575-thousands-of-people-commemorate-hrant-dink

7) Klassisch geworden ist Besikçis "Brief an die UNESCO" von 1979: Wir wollen frei und Kurden sein, Köln/Karlsruhe 2002

8) bianet.org/bianet/freedom-of-expression/123110-sociologist-besikci-and-lawyer-simsek-on-trial

9) Vgl. Sonja Galler: "Auf der Busfahrt, beim Essen und beim Tee..." über den Studiengang Kurdische Sprache und Kultur an der Universität Mardinin: INAMO 67/2011. In diesem Zusammenhang soll auch auf die Arbeit des 2010/11 gegründeten "Zentrums für politische und soziale Forschung in Diyarbakir" (türk. DISA) und insbesondere dessen Publikation Scar of Tongue zu muttersprachlicher Bildung hingewiesen werden.

10) blog.lehofer.at/2011/10/egmr-herabwurdigung-des-turkentums.html

11) Der Ausdruck Kemalismus bezieht sich auf den Namen des Republikgründers Mustafa Kemal und dessen säkulare Prinzipien.

12) Vgl. wwwi.bianet.org/english/freedom-of-expression/134772-revolting-students-rely-on-legal-rights

13) Vgl. Joshua D. Hendrick 2011: Media Wars and the Gülen factor in the New Turkey. Middle east Report260.

14) Vgl. hierzu eine Videoansprache Fetullah Gülens auf Türkisch: www.youtube.com/watch?v=qVOU1D2c6I4 , zuletzt abger. 13.2.2012

15) Nikolaus Brauns, Interview zur Gülen-Bewegung, unveröffentlichtes Manuskript des Autors, November 2011.

16) Zu den Verhaftungswellen im Kontext der KCK-Ermittlungen, Vorverurteilungen durch Medien und rechtliche Einzelheiten geben die Seiten des an die Menschenrechtsstiftung der Türkei angeschlossenen Demokratischen Türkeiforums und Amnesty International umfassende Informationen. Vgl. www.tuerkeiforum.net/Verfahren_gegen_die_Union_der_Gemeinschaften_Kurdistans

17) www.radikal.com.tr/Radikal.aspx?aType=RadikalYazar&ArticleID=1072904&Yazar=PINAR-OGUNC&CategoryID=97 zuletzt abgerufen am 9.2.2012

18) Die deutsche Sektion hat eine mailinglist und einen Blog eingerichtet, der über gitgermany.wordpress.com/ zu erreichen ist.

19) Persönliche Mitteilung von Asli Odman, Januar 2012. Vgl. weiterführend Tanil Bora in: INAMO 67/2011.


Corinna Trogisch hat Sozialwissenschaften in Hannover studiert und lebt in Deutschland und der Türkei. Sie promoviert zu sozialistischem Feminismus in der Türkei.

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