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Klaus Holzkamp

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Mahler, Meinhof, Baader - waren ihre Kader

03.04.2012: Subjektwissenschaftliches zur neo-terroristischen Ideologie in Ganzdeutschland

  
 

Forum Wissenschaft 1/2012

Die Geschichte des sogenannten "bewaffneten Kampfes" der RAF und anderer militanter linker Gruppierungen scheint seit der Selbstauflösung der RAF 1998 zu Ende zu sein. Bisweilen treten einige der beteiligten AkteurInnen auch heute öffentlich in Erscheinung - mit den unterschiedlichsten Zielrichtungen und Beweggründen und mit unterschiedlicher öffentlicher Wahrnehmung. Ein breites öffentliches Echo fand 2011 Inge Vietts Plädoyer für militante politische Aktionen. Jenseits des Skandalgeschreis der bürgerlichen Presse analysiert Richard Albrecht die dahinterstehende Ideologie.

"Welch ein Geschenk Gottes muss diesem Staat ein Terrorismus sein, der ohne Motivation geschieht und so keine Gefahr in sich birgt, und sei es im Negativen auch nur, verstehbar zu sein. Und tatsächlich, gäbs sie nicht, die Terroristen, dieser Staat in seiner jetzigen Entwicklung müsste sie erfinden. Und vielleicht hat er das sogar? Warum nicht?" (Rainer Werner Fassbinder *1945 †1982, Ende 1978)1

In diesem Kurzbeitrag geht es um marxistische Kritik an der politischen Ideologie des Neoterrorismus wie von Inge Viett auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz Anfang Januar 2011 vorgetragen. Die Rednerin wurde vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten am 23. November 2011 wegen ihres Satzes: "Wenn Deutschland Krieg führt und als Antikriegsaktion Bundeswehrausrüstung abgefackelt wird, dann ist das eine legitime Aktion wie auch Sabotage im Betrieb an Rüstungsgütern, illegale Streikaktionen, Betriebs- und Hausbesetzungen, militante antifaschistische Aktionen, Gegenwehr bei Polizeiattacken etc." nach § 126 StGB ("Störung des öffentlichen Friedens") und § 140 Strafgesetzbuch ("Billigung und Belohnung von Straftaten") zu 1.200 Euro Geldstrafe verurteilt. Nach amtsgerichtlicher Meinung soll sie sich "moralisch hinter die Täter gestellt" haben2.

Incertitudes Allemandes

Was sich im spätbürgerlichen Deutschland, gruppiert um den Autodieb, Desperado und Pistolero "Andy" Baader, so selbstermächtigend wie anmaßend "Rote Armee Fraktion" (RAF) nannte und von der Gründung im Juni 1970 bis zur - angeblichen oder wirklichen - Selbstauflösung dieser "politischen Psychosekte" (Willi Winkler) im April 1998 realexistierte, war von Anbeginn an Objekt so nachhaltig-wirksamer wie dauerhaft-geheimdienstlicher Bemühungen - grad so als wäre damals eine gesellschaftlich-revolutionäre Lage in Sicht und davon auszugehen, dass ›die da oben‹ politisch nicht mehr können, ›die da unten‹ politisch nicht mehr wollen und sich der Herrschaft der ("politische Klasse" genannten) Überzähligen ›da oben‹ entledigen könnten: in einer sich heute zunehmend herausbildenden aktuellen gesellschaftlich-geschichtlichen Lage, in der sowohl in Ganzdeutschland als auch im unionseuropäischen Kernbereich ›da oben‹ weder politisch Wesentliches bewirkt noch demokratisch regiert werden kann ohne dass ›die unten‹ sich aktuell massenhaft verweigern oder gar schon perspektivisch alternative politische Organisationsformen zu entwickeln versuchen, schien in der öffentlichen Diskussionsveranstaltung Anfang Januar 2011 in Berlin etwas auf, das an Vergangenes erinnert. Und zugleich verdeutlicht, dass gerade hierzulande die präventive Konterrevolution als Vergangenheit, die nie vergeht, nicht nur nicht tot, sondern noch nicht einmal vergangen ist.

Kein Klassenbewusstsein

Peter Paul Zahl (*1944 †2011) beschloss seine Briefe und nicht nur die aus der JVA Werl/NRW Ende der 1970er Jahre mit "Freiheit & Glück". Und zeichnete als PPZ. PPZ erfuhr, damalige Büchersendungen in den Werler Knast erinnernd, einen Nekrolog. Mit Auflistung seiner Bücher3.

Inge Viett (*1944; folgend V) braucht heuer keinen Nekrolog. Ob sie Briefe schreibt und wenn dies, wie sie diese zeichnet, weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht. Und das ist nur gut so.

Nicht nur nicht gut, sondern politisch, ideologisch und kulturell schlecht finde ich, was die lebende V öffentlich auswirft, zuletzt ihre Beiträge zur/auf der Luxemburg-Konferenz Anfang 20114. Dagegen schreibe ich hier. Nicht aktuell-strategisch. Sondern politik-historisch und im Anschluss an eine sozialpsychologische Kritik am großen Namen Peter Brückner als RAF-Sympathisant und dessen twen-Beitrag im Frühjahr 1972. Damals wie heute gehört/e ich nach V-Lesart zu jenen, die wohl so etwas wie "marxistisches Wissen, Kritikfähigkeit" und "linke Politik" theoretisch entwickeln und praktisch vertreten (können). Nur eines nicht: "Klassenbewusstsein".

Zu solchen meint V: "Das ist Wissenschaft, eine fortschrittliche Geisteshaltung - aber kein Klassenbewusstsein. Klassenbewusstsein ist ein kämpferischer Antagonismus zur bürgerlichen Rechtsordnung, zur bürgerlichen Moral, zum bürgerlichen Pazifismus. Es ist die Emanzipation von der bürgerlichen Ideologie überhaupt und geht aus von der Legitimität des revolutionären Kampfes für die zukünftige Legalität der proletarischen Klasse. Überhaupt macht Klassenbewusstsein nur Sinn, wenn aus ihm ein bewusster Kampf zur Überwindung der Klassengesellschaft geführt wird."

Diese auch intellektuellenfeindlichen Sätze Vs empfinde ich als politmilitante Sprechblasen. Gegen diese setze ich intellektuelle Kritikfähigkeit, theoretisches marxistisches Wissen und praktische linke Politik-Erfahrung.5

Die Werktätigen: Eine Klassenreise nach Absurdistan

Gewiss fehlt im gedruckten V-Text kaum ein Codewort, auf das manche Politlinke nicht anspringen: Es geht gegen den "Reformismus" und gegen den "›zivilgesellschaftlichen Morast‹ ... parlamentarischer und außerparlamentarischer ›Gestaltungspolitik‹" und darum, dass eine reformistisch festgefahrene "marxistische Linke" sich nun "selbst als revolutionäres Subjekt" verhält. Kurzum: Es geht um den "Aufbau einer revolutionären, kommunistischen Organisation", die "im Marxismus wurzelt und die historischen Erfahrungen der verschiedenen revolutionären Prozesse auf die gegenwärtigen veränderten Bedingungen anwendet und in den Aufbau ihrer Strukturen eingehen lässt" und die nur dann "revolutionär ist, wenn sie in bestimmten Bereichen (Kommunikation, Strukturen, Verantwortlichkeit) klandestin ist".

Im Zusammenhang mit der dürftigsten Begründung des "Gebots der Stunde" einer "revolutionären, kommunistischen Organisation" als "revolutionäre Partei" mit ihrer "neuen Front" (weil "ein großer Teil des heutigen Proletariats prekär unterwegs oder ganz aus der Produktion herausgeschleudert" ist) lässt V jegliche sei´s marxistisch-historische sei´s aktuell-klassenempirische Analyse6 fahren zugunsten einer an Allgemeinheit nur noch durch "Wir alle" überbietbaren Kategorie wie "die Werktätigen" (darunter Teile der selbständig Erwerbstätigen). Das ist (i) noch unterhalb allen Schmalspurmarxismus angesiedelter schlechtester Abstraktismus: jede Vermittlung der allgemeinsten Kategorie Werktätige in Besonderheiten wie Arbeiterklasse und/oder Industrieproletariat, die kommunistische Politik erst begründen, vermitteln und leiten können, fehlt. Das drückt (ii) Verachtung und Verhöhnung geistiger Arbeit und intellektueller Anstrengungen marxistischer Forschung und Klassenanalyse in praxisbezogener Perspektive aus, damit zugleich (iii) voluntaristisch Beliebiges des geschichtlichen Anarchismus und Terrorismus und steht (iv) in der Tradition der deutschen RAF, die in ihren achtundzwanzig Existenzjahren von Juni 1970 bis April 1998 keine theoretisch und/oder empirisch tragfähige konkrete Klassenstrukturanalyse vorlegen konnte.

Vs Appell an "die Werktätigen" zum "Gebot der Stunde" erinnert an etwas, das Bertolt Brecht in den Flüchtlingsgesprächen (1940/41) der Exilanten Kalle (Handarbeiter) und Zipfel (Intellektueller) kritisch angesprochen hat als Frage, ob "der Prolet" wieder mal´n "Gehherda" machen soll nach dem Muster: "Sie denken sich einen Idealstaat aus, und wir sollen ihn schaffen. Wir sind die Ausführenden, Sie bleiben die Führenden, wie?"7

Das Gebot der Stunde: Vorwärts in die Vergangenheit

Dass V ihr damaliges "Gebot der Stunde", um in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik der 1980er Jahre als Person überleben zu können, nutzte, ist so verständlich wie nicht kritikabel - auch wenn dies weiland nur möglich war im langen Schatten damaliger staatlicher Sicherheitsorgane8. Zu kritisieren aber ist, dass die (vermutlich dort) angeeigneten politstrategischen Theoriebruchstücke so unverstanden wie unhinterfragt heute als organisatorisches "Gebot der Stunde" zur Gründung einer neuen politischen Partei für bestimmte Teile verunsicherter und verwirrter politischer Linke in die ganzdeutsch-publizistische Arena geworfen werden - grad so, als wäre ein zunehmend aufgeklärter politischer Zusammenhang völlig bedeutungslos: ich meine die weiland aktiv-terroristische Desperadopolitik Ende der 1960er Jahre in der damaligen Frontstadt Berlin (West) im Zusammenspiel öst- und westlicher geheimdienstlicher Organe und ihrer Agenten.9 Diese wurde begonnen und inszeniert durch so höchstzwielichtige Berliner Politfiguren wie Horst Mahler (*1936: "James") und Peter Urbach (*1940: "S-Bahn Peter"). Und weil das so war und weil V mit ihrem scheinmilitanten Plädoyer für Klandestinität und Abfackeln das immer noch nicht wahrhaben will - können ihre Beiträge auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011 durchaus auch als Einladung an heutige geheime Dienste, präventiv-konterrevolutionär tätig zu werden, gelesen werden.

abfackeln ... hinterstellen ... beitreten

Wer mit dem Polithintergrund der V hier & heute nicht nur meint, den Werktätigen eine neue ganzdeutsche Kommunistenpartei bescheren zu sollen, sondern heute & hier auch die Abfackelung von Bundeswehrausrüstung als "Antikriegsaktion" öffentlich ebenso als "legitime Aktion" auslobt wie andere zur "Sabotage im Betrieb an Rüstungsgütern" auffordert, anstatt selbst die Chance zu nutzen, nach erfolgreicher Bewerbung als Bufdi-Seniorin legal bis zu zwei Jahr lang selbst in einem "Rüstungsgüter"-"Betrieb" zu arbeiten10 und wer proklamiert, die neu-"revolutionäre Partei muss sich entschlossen hinter diese Kämpfe stellen", hat politikhistorisch wenig(er als wenig) begriffen. Und dies nicht nur, weil jede revolutionär-kommunistische Partei sich nicht hinter irgendwen oder irgendwas stellt, sondern geeignete Aktionen bedenkt, anregt und organisiert. Alles andere ist bestenfalls gutmenschiges Politversagen, schlimmstenfalls politreaktionäre Ideologie.

Vs im Kleine-Gauner-Rotwelsch versprachlichte Polit-›Denke‹ signalisiert im Dahinter etwas zwischen der Skylla östlicher oder/und der Charybdis westlicher Dienste und/oder ihres Zusammenspiels. Aber das mögen andere, sich berufen Fühlende, aufdecken. Was jedoch Vs als jungweltlich hofierte öffentliche Sprecherin der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011 betrifft und ihre "Frage, warum ich nicht der DKP beitrete" - so wird hier ein nachhaltiger Wirklichkeitsverlust deutlich in der Unterstellung, genannte Partei nähme sie als Mitglied auf. Das Beispiel verweist auf Allgemeines und damit aufs ›weite Feld‹ eines persönlichkeitszerstörenden Grandiositätsszenario entgrenzter Selbstüberschätzung.

Hegemoniale Alltagskultur

Weder durch Skandalisierung realexistierender sozialer Ungerechtigkeiten infolge grundgesellschaftlicher Ungleichheiten noch durch öffentlich-abstrakte Appelle an andere zu handeln, und schon gar nicht durch intern-gemeinschaftsstiftende Klandestinität ist der Erhalt und Entwicklung des Kapitalismus fördernden "passiven Revolutionierung" (Antonio Gramsci) beizukommen. Keine kommunistische Partei "gewinnt ihre gesellschaftliche Hegemonie durch radikale Parolen [oder] die Entwicklung radikaler Reformprogramme, sondern durch eine Radikalisierung des Alltagsbewusstseins [...] Es geht darum eine Alltagskultur zu schaffen, die [...] von radikalen Gedanken und subversiven Bedürfnissen geprägt ist [...] Hegemonial kann im Sinne von Gramsci eine sozialistische, auf die Überwindung der bestehenden Verhältnisse ausgerichtete Partei nur werden, wenn ihr Denken, ihre Werte und Sinngebungen zunächst in einem relevanten Teil der Bevölkerung [...] mehrheitsfähig sind."11

Und auch Harald Werners am marxistischen Hegemonialkonzept geschulter Schlussakkord lässt sich auf V´s - vermeintlich proletarische - Intellektuellenverachtung beziehen: "Der Kampf der gegensätzlichen gesellschaftlichen Lager ist immer auch ein Kampf um die Intellektuellen der Gesellschaft. Es gab schon in den besten Zeiten der sozialistischen Bewegung keine nur bürgerlichen oder nur proletarischen Intellektuellen, sondern die sozialistische Linke hat immer dann Intellektuelle und Künstlerinnen gewonnen, wenn sie ihnen einen attraktiven Raum für subversives Denken und kulturelle Experimente anbieten konnte."

Anmerkungen

1) RWF-Zitat nach Richard Albrecht 1996: Abrechnung. Neun Scenen für drei Spieler. Und ein Brief von Parseghian. Ein filmisches Stück fürs Theater (Mimeo-Typoscript): 2.

2) SPIEGEL online 23.11.2011.

3) www.duckhome.de/tb/archVes/9079-FREIHEIT-UND-GLUECK.html

4) Inge Viett 2011: "Notwendiger Aufbauprozess. Zur Realisierung revolutionärer Strategien braucht es eine handlungsfähige kommunistische Organisation", in: junge Welt , 4.1.2011; XVI. Internationale Rosa Luxemburg Konferenz. Die Broschüre. Berlin 2011: 39-41; dort auch Vs fünf Diskussionsbemerkungen: 28-35; alle V-Zitate hiernach.

5) Zuletzt Richard Albrecht, "Subjektmarxismus", in: soziologie heute, 3 (2011) 15: 20-23; soziologieheute.wordpress.com/2010/05/13/albrecht-richard/ ; www.duckhome.de/tb/authors/56-Richard-Albrecht

6) Zuletzt Richard Albrecht 2007: "Pauper(ismus): Geschichte und Aktualität von ›Neuer Armut‹ und ›Arbeitenden Armen‹; in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, II/2007: 19-32; www.trend.infopartisan.net/trd0608/t190608.html

7) Bertolt Brecht ²1968: Gesammelte Werke Band 16 = Prosa 4, Ffm.: 1441.

8) In dichter Beschreibung Christa Bernuth ²2007: Innere Sicherheit. Kriminalroman, München.

9) Aktuelle Recherchen der Berliner Publizistin Regine Igel: www.heise.de/tp/artikel/32/32762/1.html , www.heise.de/tp/druck/ob/artikel/35/35257/1.html , www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/35/35258/1.html , www.heise.de/tp/artikel/35/35259/1.html , www.taz.de/!75582/

10) www.bundes-freiwilligendienst.de/gesetz/

11) Harald Werner, Die Linke hat Recht und nichts davon [Dezember 2011]: www.harald-werner-online.de/index.php?id=195 ; alle HW-Zitate hiernach.

Richard Albrecht (Ph.D.; Dr.rer.pol.habil.) lebt als reflexionshistorisch arbeitender Sozialforscher & Freier Autor in Bad Münstereifel www.grin.com/en/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept , wissenschaftsakademie.net eingreifendes.denken@gmx.net

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