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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Das Öl verlassen, bevor es uns verlässt

  
 

Forum Wissenschaft 4/2011

Der Ausbau erneuerbarer Energien muss beschleunigt werden, dies zeigt nicht nur der GAU in Fukushima. Vieles spricht dafür, dass das Ölfördermaximum (Peak Oil) nahe ist. Die Konsequenzen für die Weltwirtschaft könnten schwerwiegend sein.

Öl ist das Blut der Weltwirtschaft. Ein Barrel Öl (ein 159-Liter-Fass) liefert eine Energiemenge, die dem Äquivalent von 25.000 Stunden menschlicher Arbeitskraft entspricht. Damit ist das schwarze Gold ein besonders energiedichter Rohstoff - und ein besonders wertvoller. Öl ist in seiner Bedeutung für die menschliche Entwicklung kaum zu überschätzen.

Während der Anteil fossiler Brennstoffe seit der Industrialisierung ständig stieg, fiel der Anteil menschlicher Arbeit in der Landwirtschaft und in der primären Energieproduktion genauso, wie der reale Preis von Lebensmitteln und Treibstoff sank. Dieser Preisverfall erhöhte das frei verfügbare Einkommen, er steigerte den Wohlstand der Menschen. Die nicht mehr benötigte Arbeitskraft wurde in höher qualifizierte Bereiche umgelenkt, um die gesteigerten Konsumbedürfnisse der Menschen zu befriedigen, die wiederum auf dem Einsatz von fossilen Treibstoffen, anderen Rohstoffen und Innovationen beruhten.

Entstehung von Öl

Öl ist - folgt man der dominanten Entstehungstheorie - nichts weiter als Sonnenlicht, das von Pflanzen vor Millionen von Jahren gespeichert wurde. Öl entstand ein einziges Mal in der gesamten Erdgeschichte. Seine Grundlagen finden sich im Wasser. Geologen sehen für die Ölentstehung die Vorgänge im Meer Thetys in der Jurazeit (vor 200-150Mio. Jahren) als entscheidend an. Thetys war ein besonders tiefes strömungsschwaches Meer, das sich ausdehnte, als der Urkontinent Pangäa in zwei Teile zerbrach, in Laurasia und Gondwana. Phytoplankton (besteht u.a. aus Kieselalgen, Grünalgen, Blaualgen und Goldalgen) war seinerzeit extrem reichlich im Wasser vorhanden und speicherte das ebenfalls sehr reichlich in der Atmosphäre vorhandene Kohlendioxid ab. Die Planktonschwärme starben, sanken auf den Meeresboden ab und wurden von Sedimenten bedeckt. Durch das Absinken der Sedimente wurden diese organischen Materialien hohem Druck und sehr hoher Temperatur ausgesetzt - und das über einen sehr langen Zeitraum von Millionen von Jahren. So konnte aus Billionen und Aberbillionen von Planktonleichen am Meeresgrund Rohöl entstehen.

Obwohl die alten Griechen und die alten Chinesen Öl schon kannten, setzten die Ölexploration (Suche) und Ölexploitation (Ausbeutung) im großen Stil erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Der Grund war zunächst der Mangel an Pottwalen. Das Walöl diente als Lampenbrennstoff. Dieser wurde wegen der schwindenden Walpopulationen aber zunehmend knapp, so dass Öl zu Petroleum verarbeitet wurde.

Damit begann der Siegeszug des Öls. Die Erfindung des Automobils vervielfältigte das ökonomische Potenzial des schwarzen Goldes. Das Öl, so erkannten nun die letzten Skeptiker, erwies sich als noch ergiebigerer Sonnenlichtspeicher als die Kohle.

Ohne Öl und Kohle wären die industrielle Revolution und mit ihr die immensen ökonomischen Produktivitäts- und Wachstumsschübe nicht denkbar gewesen.

Winning the energy lottery ist ein treffender Ausdruck, den der US-amerikanische Autor Richard Heinberg in diesem Kontext gerne gebraucht. Doch irgendwann ist auch der größte Lottogewinn aufgebraucht.

Peak-Oil-Theory

Das war der Ansatzpunkt des texanischen Geologen Marion King Hubbert. Er entwickelte die Peak-Oil-Theorie. Hubbert suchte in den 1950er Jahren nach Methoden, um die weltweiten Öl- und Gasvorräte zu berechnen. Im Jahr 1956 sagte Hubbert voraus, dass die Spitze der Ölförderung in den Vereinigten Staaten, die lange Zeit der größte Ölförderer der Welt waren, zwischen 1966 und 1972 eintreten würde. Damals wollte niemand die Prognose hören, auch Hubberts Arbeitgeber Royal Dutch Shell nicht.

Hubbert blieb hartnäckig und beobachtete weiter die Entwicklung verschiedener Ölfelder in den USA. Die Förderung, so sein Befund, entspreche typischerweise einer Glockenkurve.

Der Befund ist bis heute gültig. Nach der Entdeckung eines Ölfeldes steigt die Ölförderkurve recht steil an. Der Druck im Ölfeld ist erheblich und sorgt dafür, dass das Öl nach oben schießt. Im Laufe der Zeit lernen die Geologen die Binnenstruktur einer Lagerstätte zudem immer besser kennen. Je genauer ein Ölfeld vermessen und die unterschiedlichen Gesteinsschichten, die Dichteschwankungen und die Strömungsverhältnisse bekannt sind, desto zielgenauer kann gebohrt werden. Steigerungen der Fördermenge sind die Folge. An einem bestimmten Punkt wird das Fördermaximum erreicht. Darauf folgt entweder ein schneller Rückgang der geförderten Ölmenge oder es stellt sich ein Förderplateau ein, das mehrere Jahre gehalten werden kann. Es ist aber unmöglich, die Ölförderung weiter zu steigern. Irgendwann sinkt in jedem Fall die Ölförderung. Der Druck im Ölfeld lässt immer mehr nach. Fällt er zu stark ab, können sich Gase aus dem Öl lösen und es kann sich eine Gaskuppe an der Spitze der Lagerstätte bilden. Das erschwert die Förderung und deshalb wird Wasser in das sich erschöpfende Ölfeld eingeleitet, das den Druck erhöht. Fortan wird ein Öl-Wassergemisch an die Oberfläche geholt. Die Kosten der Ölfeldausbeutung steigen, weil das Wasser unter erheblichem Energieaufwand später wieder vom Öl getrennt werden muss.1

Der Ansatz von Marion King Hubbert wurde auf die gesamte Welt übertragen. Nicht nur einzelne Ölquellen oder einzelne Länder haben ein Fördermaximum (Peak), sondern der gesamte Globus.

Die Peak-Oil-Theorie besagt, dass die Menschheit die Hälfte ihrer gesamten konventionellen wie unkonventionellen Ölvorkommen2 verbraucht hat und dass die Förderung global gesehen ihren Zenit entweder schon überschritten hat oder dies bis spätestens zum Ende des Jahrzehnts, also 2020, geschehen wird.

Sinkendes Angebot, steigende Nachfrage

Entscheidend ist: Nach dem Peak sinkt die Ölförderung. Was unspektakulär klingt, kann schwerwiegende Auswirkungen haben: Eine wachsende Wirtschaft stützt sich auf einen wachsenden Ölverbrauch und damit auf eine wachsende Ölnachfrage.

Im Jahr 2010 hat die Welt im Schnitt täglich rund 85 Millionen Barrel Öl verbraucht. Diese Menge entspricht einem Volumen von 5,2 Cheops-Pyramiden.

Die Welt hat nicht immer derart viel Öl konsumiert: Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der tägliche Ölverbrauch der Welt noch bei sechs Millionen Fass. Zur Zeit der Kubakrise im Jahr 1962 lag der Tageskonsum schon bei 22 Millionen Barrel. Und 1986, im Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, betrug der Erdöldurst der Welt 61 Millionen Fass pro Tag.

Laufen die langjährigen Verbrauchstrends weiter wie gehabt, wäre für das Jahr 2020 vor allem aufgrund des rasant steigenden Verbrauchs von Schwellenländern wie Indien und China ein täglicher Rohölbedarf von rund 120Mio. Barrel zu erwarten.

Die ganze Sprengkraft von Peak Oil wird deutlich, wenn man den Blick für einen Moment nur auf Indien und China richtet. Diese großen Schwellenländer, die zusammen gerechnet ein Drittel der Weltbevölkerung stellen, steigern ihre Ölnachfrage jedes Jahr um knapp zehn Prozent. Ein chinesischer Bürger verbraucht im Augenblick 13 mal weniger Öl als ein US-amerikanischer Bürger, während ein Inder 20 Mal weniger Öl verbraucht als ein Amerikaner.

Würden Indien und China bei unveränderter Bevölkerung in einigen Jahrzehnten das derzeitige Energieverbrauchsniveau Japans erreichen (Japan hat von den Industrieländern die größte Energieeffizienz), bräuchten beide Länder 138Mio. Barrel pro Tag. Und der Rest der Welt hätte dann noch keinen Tropfen Öl verbraucht....

Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA), sprach im Sommer 2009 von dem "Äquivalent von vier Saudi Arabien", die bis 2030 neu entdeckt und angezapft werden müssen, um die Senkung der bisherigen Förderleistung auszugleichen - und "von sechs Saudi Arabien", um mit dem erwarteten Nachfragewachstum Schritt halten zu können.3

Diese neuen Saudi Arabien sind freilich nicht in Sicht.4 Die Zeichen stehen damit langfristig auf eine Erschöpfung des Öls.

Die Verknappung des schwarzen Goldes wird auch an der Preisentwicklung deutlich. Das Barrel Rohöl kostete im Jahr 1970 durchschnittlich 1,76 US-Dollar, bei der Ölkrise 1973 waren es rund fünf Dollar. Im Jahr 1980 kostete das Barrel 28,64$. Danach ging der Ölpreis zurück. Ein Zwischenhoch Anfang der 1990er Jahre (u.a. wegen des zweiten Golfkrieges) war nicht von Dauer. 2003, im Jahr des dritten Golfkrieges, lag der Preis wieder auf dem Niveau von 1980: 28,10$ waren für das Barrel zu entrichten. In den darauf folgenden Jahren ging der Preis steil nach oben: 2006 kostete das Barrel 62,12$, Anfang des Jahres 2008 knackte der Ölpreis die 100$-Marke und stieg im Juli auf rund 147$ in der Spitze an. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ließ den Ölpreis wieder sacken - allerdings nur vorübergehend. Im Herbst 2011 pendelt der Ölpreis um 110$ pro Barrel.

Klar: Inflationseffekte und das Wirken von Spekulanten bilden diese Zahlen nur unvollständig ab. Dennoch ist die Botschaft eindeutig: Knappheit bedingt einen Preisanstieg.

Verfechter der Peak-Oil-These auf der Seite der Ölindustrie sind selten. Das Eingeständnis eines Ölfördermaximums wäre geschäftsschädigend. Es würde massiv Vertrauen in die Liefer- und Produktionsfähigkeit der Ölkonzerne verloren gehen. Industrienahe Einrichtungen wie das Beratungsunternehmen CERA (Cambridge Energy Research Associates), engagieren sich seit einigen Jahren in einer Kampagne zur ›Entlarvung‹ der Peak-Oil-Theorie. Kritiker der Theorie des Ölfördermaximums argumentieren, dass es derartige Prognosen zur Erschöpfung der Ölvorkommen schon vor Jahrzehnten gab. Die vorhergesagten Zeiträume des Eintreffens der Ölförderspitze hätten sich immer als unhaltbar erwiesen. Die Ölindustrie verweist zudem darauf, dass die Fördertechnik immer besser werde und Ölfelder folglich immer besser ausgebeutet werden könnten.

Trotzdem gibt es sie, die Anhänger der Peak-Oil-Theorie im eigenen Lager. Der Chef des Ölkonzerns Total, Christophe de Margerie, gehört dazu. Er glaubt, dass der Peak nicht mehr weit entfernt ist und meint, dass 100Mio. Barrel am Tag nicht zu erreichen sein werden.

Ein Blick in die Glaskugel

An diesen wenigen Statements erkennt man schon: An Prognosen zu Peak Oil herrscht kein Mangel. Die der Ölindustrie gewogene Internationale Energie-Agentur bezweifelt inzwischen, dass die Erdölvorräte eine Tagesförderung von 100Mio. Barrel zulassen. Die IEA verwirrte mit ihren Prognosen allerdings Laien und Fachleute. Im Herbst 2009 erklärte sie, dass sie von einem Peak im Jahre 2020 ausgehe. Nur ein Jahr später revidierte sie diese Prognose und teilte mit, sie sehe das Ölfördermaximum nicht vor 2035. In 25 Jahren werde die globale Fördermenge bei 96Mio. Barrel pro Tag liegen. Im gleichen Atemzug verkündete die IEA, dass die Förderspitze beim konventionellen Öl schon im Jahr 2006 überschritten worden sei.5

Zu den Kritikern der IEA gehört die Energy Watch Group. Die Wissenschaftler der Gruppe halten die Annahmen der IEA für viel zu optimistisch. Die Energy Watch Group prognostiziert für das Jahr 2020 eine tägliche Ölförderung von 58Mio. Barrel und für das Jahr 2030 eine Fördermenge von 39Mio. Barrel pro Tag.6 Gemäß den Szenarioberechnungen wird die Ölexploitation bis 2030 um etwa 50 Prozent zurückgehen. Dies entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Rückgang von drei Prozent, was den Erfahrungen aus den USA entspricht.7

Ähnlich viel Pessimismus strahlt die Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO) aus. Die Förderung wird laut ASPO im Jahr 2020 bei ungefähr 70Mio. Barrel pro Tag liegen. Im Jahr 2030 soll sich die Förderung auf einem Niveau von rund 55Mio. Barrel am Tag bewegen.8

Der schwedische Geologe Fredrik Robelius hat in seiner 2007 vorgelegten Dissertation vier grundlegende Peak-Oil-Szenarien erarbeitet, darunter ein Best-Case- wie ein Worst-Case-Szenario. In den Szenarien tritt die Ölförderspitze zwischen 2008 und 2013 ein, wobei die Peak-Förderung zwischen 83 und 94Mio. Barrel pro Tag liegt. Ähnlich äußert sich der Ölgeologe Chris Skrebowski. Er sieht die Spitze der Ölförderung bei 91 oder 92Mio. Barrel pro Tag erreicht. In diesem Bereich werde sich die Ölförderung möglicherweise bis 2015 auf einem Plateau halten können.9

In letzter Zeit taucht in Studien häufig das Jahr 2014 auf. Viel Beachtung fand im Jahr 2010 eine kuwaitische Studie von Ibrahim Sami Nashawi und Adel Malallah sowie Mohammed Al-Bisharah. Sie gehen davon aus, dass der Peak im Jahr 2014 erreicht werden wird. Die Forscher stützten ihre Schätzung auf die Entwicklung der Fördermengen in 47 ölreichen Ländern. Aus den Daten leiten die Experten ab, dass die globalen Erdölreserven pro Jahr um durchschnittlich 2,1 Prozent aufgezehrt werden.

Wenn eine weiter wachsende Ölnachfrage auf ein sinkendes Ölangebot trifft, wird der Ölpreis nur noch eine Richtung kennen: nach oben. Das wird das ökonomische Wachstum in den kommenden Jahren erheblich bremsen und möglicherweise zum Erliegen bringen.

Die Gefahr des Ölfördermaximums besteht also nicht darin, dass es kein Öl mehr gibt, sondern dass es kein billiges Öl mehr gibt.

Fraglich ist aber, wie der Peak verlaufen wird. Die Standardannahme ist, dass die Ölförderung nach dem Scheitelpunkt um zwei bis vier Prozent pro Jahr sinkt. Pessimistische Prognosen gehen von einem regelrechten Fördereinbruch aus und rechnen mit einem Sinken um vier bis zehn Prozent.10

An Studien zur Öl-Problematik herrscht v.a. im angelsächsischen Sprachraum kein Mangel. Auffallend ist jedoch, dass sich vor allem militärische Organisationen und Institutionen für die Thematik interessieren. Auch das deutsche Verteidigungsministerium hat sich mit dem Ölfördermaximum beschäftigt. In einer 2010 erschienenen Studie, die das Zentrum für Transformation der Bundeswehr erstellte, werden die Konsequenzen des Eintretens des Ölfördermaximums gedanklich durchgespielt. Es gilt in der Untersuchung nicht als Eventualität, sondern wird als Fakt behandelt. "Der Eintritt des Peak Oil ist jedoch unvermeidlich", heißt es in dem knapp 100-seitigen Papier, das eigentlich nur für den internen Gebrauch bestimmt war, aber dann doch an die Medien durchsickerte.11

Ein globaler Mangel an Erdöl wird von den Wissenschaftlern der Bundeswehr erwartet und stellt nach Ansicht der Autoren "ein systemisches Risiko dar, denn durch seine vielseitige Verwendbarkeit als Energieträger und als chemischer Grundstoff wird so gut wie jedes gesellschaftliche Subsystem von einer Knappheit betroffen sein."12

Die Bundeswehr-Untersuchung erweist sich als wahre Fundgrube interessanter Aussagen, mit denen nicht hinter dem Berg gehalten wird. Weiter heißt es in der Studie: "Als direkte Folge eines Peak Oil bleibt somit festzuhalten, dass unter den Bedingungen der in den letzten Jahrzehnten gewachsenen globalen und nationalen Wirtschaftsstrukturen marktwirtschaftliche Mechanismen zu Unterversorgung und sogar zu einem Teil- oder Komplettversagen von Märkten führen können. [...] Eine vorstellbare Alternative wäre, dass staatliche Rationierungen und die Zuteilung wichtiger Güter oder auch die Aufstellung von Produktionsplänen und andere Zwangsmaßnahmen kurzfristig marktwirtschaftliche Mechanismen in Krisenzeiten ersetzen."13

Auf vier Seiten entwerfen und diskutieren die Autoren sogar ein Katastrophenszenario. Dessen Eintreten sei zwar nicht unbedingt wahrscheinlich, aber im Bereich des Möglichen. "Dramatische Konsequenzen" seien möglich, es sei denkbar, dass "die Weltwirtschaft auf unbestimmte Zeit schrumpft".14

Sehr viel nüchterner im Tonfall wie auch im Fazit kommt eine EU-Studie daher, die sich ebenfalls mit den Konsequenzen des Ölfördermaximums befasst und die in Fachkreisen für Aufsehen sorgte. Die EU-Kommission initiierte und co-finanzierte das HOP! research project, ein Forschungsprojekt, welches die makroökonomischen Auswirkungen hoher Ölpreise im Zuge von Peak Oil berechnen sollte. Der Bericht des international zusammengesetzten Forscherteams sieht erhebliche Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum und auf die Beschäftigung. Die Höhe der Wachstumsverluste hänge v.a. davon ab, wie stark die Ölpreise tatsächlich ansteigen würden und ob dieser Anstieg abrupt oder stufenweise vonstatten gehe. Ferner wird laut Abschlussbericht bedeutsam sein, wie die Staaten steuerlich auf die Ölpreisveränderungen reagieren (zum Beispiel durch eine Senkung der Steuern auf Kraftstoffe) und ob es tatsächlich zu Engpässen bei der Ölversorgung in der EU kommt. Vor allem auf kurze Sicht seien die Folgen von Peak Oil ernst zu nehmen: "Die allgemeine Schlussfolgerung lautet, dass hohe Ölpreise auf die Ökonomie signifikante kurzfristige Auswirkungen haben werden und einen begrenzten mittel- und langfristigen Effekt haben können." Daher wird im Bericht eine deutliche Empfehlung ausgesprochen: "Die Resultate von HOP! weisen darauf hin, dass Investitionen in alternative Energiequellen und Energieeffizienz eine Schlüsselfunktion bei der Dämpfung der negativen Auswirkungen hoher Ölpreise haben. Werden diese Investitionen [...] zu spät getätigt [...], werden die makroökonomischen Auswirkungen hoher Ölpreise in den 27 EU-Ländern deutlich gravierender sein."15

Für den Fall eines rechtzeitigen Gegensteuerns ist die EU-Studie durchaus optimistisch. Allerdings - und das geben nicht nur die beiden hier zitierten Studien zu bedenken - wird das Zeitfenster für politische Entscheidungen immer kleiner. Bis zum heutigen Tag wurden kaum Vorbereitungen für die Zeit nach dem Ölfördermaximum getroffen. Die mit der Problematik verknüpften Herausforderungen sind zweifellos groß. Die bevorstehende Umwälzung ökonomischer Grundlagen birgt große Risiken, aber auch große Chancen. Chancen, die Weltwirtschaft auf andere Grundlagen zu stellen.

Anmerkungen

1) Vgl. Hauke Ritz, 2008: "Ende einer Epoche. Peak Oil und seine geostrategische Bedeutung. Teil I: Die absehbare Erschöpfung der globalen Ölreserven", in: Junge Welt vom 9.8.2008, 10

2) Mit konventionellem Öl sind die Ölmengen gemeint, die mit klassischen (Förder-)Methoden in flüssiger Form an die Oberfläche geholt werden können. Für die konventionellen Ölvorkommen variieren die meisten kritischen Schätzungen zwischen 1.800 und 2.200 Milliarden Barrel. Regierungsnahe Organisationen gehen indes von deutlich höheren Werten um die 3.000 Mrd. Barrel (und teilweise noch mehr) aus. Unkonventionelles Öl ist ein recht unscharfer Begriff. Unkonventionelles Öl umfasst Ölsand, Schweröl, Ölschiefer sowie synthetisches Öl aus Biomasse, Erdgas und Kohle. Auch hier gehen die Reserveschätzungen teilweise extrem auseinander.

3) Zitiert nach: Martin Held / Jörg Schindler, 2009: Postfossile Mobilität. Wegweiser für die Zeit nach dem Peak Oil, Bad Homburg, 57

4) Daran ändert auch die Ölsandförderung in Kanada nichts. Dort ist das theoretische Potenzial zwar beträchtlich, aber die Fördertempi und -mengen sind viel zu gering. Eine ähnliche Bemerkung lässt sich für vermutete Ölvorkommen in der Arktis oder neue Ölfunde vor der Küste Brasiliens machen. Die Menschen werden auch in Zukunft Öl finden, doch die neuen Quellen sind tendenziell kleiner und die Förderung ist wesentlich aufwändiger (und daher teurer), als dies bisher der Fall war.

5) Vgl. Internationale Energie-Agentur (Hg.), 2010: World Energy Outlook 2010, Executive Summary, Paris, 6

6) Vgl. Jörg Schindler / Werner Zittel, 2008: Zukunft der weltweiten Erdölversorgung, überarb., deutschsprachige Ausgabe, o.O.; Energy Watch Group / Ludwig-Bölkow-Stiftung, 13

7) Vgl. ebd., 70

8) Vgl. Association for the Study of Peak Oil and Gas (Hg.), 2009: ASPO Newsletter, Nr. 100, April 2009, 2

9) Vgl. Industry Taskforce on Peak Oil & Energy Security (Hg.), 2010: The Oil Crunch, Second report, London, 15

10) Vgl. Tariel Mórrígan, 2010: Peak Energy, Climate Change, and the Collapse of Global Civilization: The Current Peak Oil Crisis, Santa Barbara, 7

11) Zentrum für Transformation der Bundeswehr (Hg.), 2010: Teilstudie 1: Peak Oil. Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen, Reihe Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert, Strausberg, 78

12) Ebd., 5

13) Ebd., 43

14) Ebd., 47

15) Davide Fiorello et al., 2008: High Oil Prices: Quantification of direct and indirect impacts for the EU - HOP! Final Report, Mailand, 35


Dr. Norbert Nicoll ist belgischer Politikwissenschaftler und Ökonom, der zur Medien-, Wirtschafts- und Außenpolitik forscht. Kürzlich erschien sein Buch "Hat die Zukunft eine Wirtschaft? Das Ende des Wachstums und die kommenden Krisen", in dem er sich mit den sich verknappenden fossilen Brennstoffen auseinandersetzt.

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