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Klimawandel ...

31.12.2011: ... und seine Wechselwirkungen mit Geschlechterverhältnissen

  
 

Forum Wissenschaft 4/2011

Gesellschaftliche Genderprobleme und ungerechte Geschlechterverhältnisse weltweit sind mit verantwortlich für den Klimawandel. Dennoch wird in der Erforschung der Ursachen des Klimawandels nicht auf Geschlechterverhältnisse eingegangen und werden klimaproblematische gender-spezifische ökonomische und Entwicklungs-Paradigmen tabuisiert. Bei Methoden, Wissensproduktion und Grundlagen der Entwicklung von Maßnahmen im Kampf gegen die Erderwärmung besteht noch erheblicher Bedarf an Objektivierung, rationaler Enttabuisierung und genderverantwortlicher Entwicklung, wie Meike Spitzner und Ulrike Röhr aufzeigen.

Grundlegende systematische Analysen, die die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und Klimawandel bzw. zwischen Klimaschutzpolitiken und Abbau von Geschlechterungerechtigkeit untersuchen, fehlen bisher weitgehend, von wenigen Ausnahmen abgesehen1.

Analysen zu Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis (gender) können nicht durch reine Beschreibung von phänomenologischen Unterschieden qua biologischen Geschlechts ("sex") ersetzt werden. Die reinen Beschreibungen von Unterschieds-Phänomenen können Hierarchien (die strukturelle Benachteiligung von Feminität und die Erhebung von Maskulinität zum allgemeinen Maßstab) nicht erklären: Wieso etwa als ›weiblich‹ interpretierte bzw. Frauen zugewiesene Tätigkeiten un- oder unterbezahlt werden und entsprechenden ökonomischen Sektoren (subsistenten, versorgenden, sozialen Bereichen) geringere Förderung und mindere (auch klima-) politische Relevanz zugemessen wird, während als ›männlich‹ interpretierte bzw. von Männern favorisierte oder dominierte Tätigkeiten bezahlt und höher dotiert werden und entsprechenden ökonomischen Sektoren (industriellen, kommerziellen, technologischen Bereichen) größere Förderung und (klima-)politische Relevanz zugestanden wird. Denn nicht Unterschiede sind ein Problem, sondern deren ungleiche Bewertung. Und reine Beschreibungen liefern als solche auch noch keine politisch gestaltbare Perspektive, wie nachhaltige Entwicklung und Gleichstellung herbeigeführt und der Abbau von nicht-nachhaltigen Entscheidungsorientierungen und Geschlechterungerechtigkeit bewerkstelligt werden kann. Aber vorfindbare Unterschiede geben Hinweise, welche Fragen einer entsprechenden Politikentwicklung zu Grunde gelegt werden müssen. Denn es zeigt sich, dass heute Männer andere und weniger nachhaltige Zugänge zur Klimaproblematik und zu deren Bewältigung haben als Frauen.

Laut repräsentativer Studien unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Wahrnehmung der natürlichen Umwelt ebenso wie in ihren Einstellungen, ihrem Verhalten und im Betroffenheitsgefühl bei Umweltgefahren2 (Bundesministerium für Umwelt / Umweltbundesamt 2004). Männer sind weniger umweltbewusst und weniger technikskeptisch als Frauen. So verbrauchen sie - wie eine schwedische Studie zeigt3 - doppelt soviel Energie im Verkehr wie Frauen. In einer in Deutschland durchgeführten Umfrage wurde außerdem festgestellt, dass Frauen sensibler auf extreme Wetterereignisse reagieren als Männer4 . Die ausdrückliche Absage an Atomenergie und Problematisierung der androzentrischen Verkehrspolitik ist Ausdruck des ersten klimapolitischen Engagements von Frauengruppen (Frauengipfel zur ersten COP 1995 bzw. Klimaenquetekommission des Deutschen Bundestags 19895).

Der Begriff ›Androzentrisch‹ (ursprünglich von der US-amerikanischen Ökonomin Charlotte Perkins Gilman 1911 eingeführt) meint dabei die Erhebung des dem Maskulinen Zugeschriebenen zu einem vorgeblich allgemeinen und objektiven Maßstab und Zentrum mit Disqualifizierung des dem Femininen Zugeschriebenen als Abweichung und dessen Verortung außerhalb des vermeintlich ›Eigentlichen‹, das verzerrt durch eine partikulare ›maskuline‹ Sichtweise nur teilweise wahrgenommen und nicht objektiv und unangemessen benannt wird. Als dominante institutionalisierte Rationalität, der jedeR ausgesetzt und zu Anpassung aufgefordert ist, stellt Androzentrismus eine tiefgreifend strukturierende Bedrohung gegenüber convivialen Geschlechter- und Naturverhältnissen dar.

Vulnerabilität und Adaptation

Ein wichtiges Thema der Klimapolitik ist, dass die Folgen des Klimawandels nicht alle Menschen gleich treffen werden; Leidtragende des Klimawandels sind besonders die vulnerablen - verwundbaren - Bevölkerungsteile. Auf sie sollen sich eigentlich die Politiken zur Anpassung an den Klimawandel (Adaptation) richten. Im 3. IPCC-Sachstandsbericht 2001 werden ausdrücklich die Risiken der Verwundbarkeit durch den Klimawandel benannt: Armut, mangelnder Zugang zu jenen Ressourcen, welche ausreichend schützen, und geringer Schutz aufgrund sozialer Rolle. Der Bericht benennt damit genau die geschlechtshierarchisch verteilten Risiken, nimmt jedoch keinerlei Bezug auf Frauen und auf Geschlechterverhältnisse. Dabei stellen Frauen weltweit das Gros der Armen, sind stärker von direkten negativen Auswirkungen sowohl bei Einkommensbeschaffung als auch bei Versorgungsarbeit, zugleich auch durch zunehmende Gewalt in unsicheren Situationen nach Katastrophen betroffen. Männer gefährden sich dagegen durch ›heroische‹ Rettungsversuche Vermisster oder Aufräumarbeiten eher selbst.

Dennoch lässt auch die neue Methodik zur nationalen Gesundheitsberichterstattung über Klimawandel-Verwundbarkeit und -Anpassung sowie Identifikation verletzbarer Bevölkerungsgruppen alle Genderaspekte außer Acht. Die genderreflektierte Katastrophenforschung kritisiert allerdings, dass in androzentrischen klimapolitischen Verhandlungen Frauen - wenn überhaupt - fast ausschließlich als Opfer, kaum jedoch als wesentliche Akteure der Vorbeugung gegen Naturkatastrophen betrachtet werden, die sie als Pflanzerinnen von Bäumen gegen Bodenerosion, durch ihr Verhalten (z.B. ihr weniger emotionales Verhältnis zu Autos, Technologien, Hochgeschwindigkeit etc.) u.a. sind. Sie fordert die Abkehr vom bisher dominanten technokratischen Zugang des Gefahrenmanagements und einen Präventions-orientierten Zugang über Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit.

Mitigation

Die Verursachung des Klimawandels hängt mit ungerechten Geschlechterverhältnissen zusammen und erfährt darüber eine beschleunigte, tiefgreifende und international ausgreifende Dynamik. Diese wird durch eine klimaschädigende Vereinbarkeits-Problematik erzeugt. In ihrer Kritik an der Verabsolutierung des so genannten Produktiven unter Ausblendung des Reproduktiven analysiert die ökonomische Genderforschung zum Klimawandel6 die Klimaproblematik als Auswirkung einer Wirtschaftsweise, die sich über die rastlose Produktion und Vermarktung physisch-materieller Güter definiert. Die Genderverkehrsforschung7 hat herausgearbeitet, dass Motorisierung (ähnlich wie das Verständnis von Verkehr als sozial, versorgungsökonomisch und natural dekontextualisierbare räumlich-zeitliche Beziehung und als Raum-›Überwindung‹8) ein zentrales androzentrisches Fortschrittsparadigma darstellt, welches zur Klimaproblematik wesentlich beiträgt und klimaunverträgliche Lebensweisen in Gang setzt.

Die Priorisierung des Autoverkehrs gegenüber allen anderen Personenverkehrsinfrastrukturen ist bis heute einer genderspezifischen Rationalität geschuldet; wenn er beispielsweise entsprechend politisch derart privilegiert wird, dass Zufußgehen und Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel mit Risiken behaftet und durch Warten und Umwege behindert und verlangsamt wird, dann ist es äußerst rational, darauf - sofern möglich - zu verzichten und sich selbst für die zunächst keineswegs selbst präferierte Autonutzung zu entscheiden. Die Zerstörung ökologisch und sozial verträglicher Verkehrsinfrastrukturen durch Umwidmung knappen innerstädtischen öffentlichen (Straßen-)Raums9, öffentlicher Budgets und institutioneller Ressourcen zugunsten unverträglicher, die Unterminierung von Erreichbarkeiten und strukturelle Verkehrserzeugung - wie kann in der ›privaten‹ (Versorgungs-)Ökonomie aufgefangen werden, was genderspezifische politische (Verkehrs-)›Rationalität‹ an nachhaltigkeits- und klima-destruktiven Dynamiken in Kraft setzt?

Obwohl Androzentrismus10 als treibende Kraft des Klimawandels erkannt wird, thematisiert und verhandelt die Klimapolitik diese zentrale Genderproblematik nicht. Und die mit ihr und problematischer Maskulinität verbundenen Modernisierungs-Paradigma selbst werden tabuisiert. Dadurch werden die enormen klimapolitischen Gegensteuerungspotenziale ausgeblendet statt genutzt. Dem Prinzip der Klimarahmenkonvention der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung wird keine Rechnung getragen.

Emissionshandel

Der Erwerb von CO2-Zertifikaten durch Finanzierung von CO2-einsparenden Techniken in Entwicklungs- und Schwellenländern kann dazu führen, dass der Ausstoß im Norden gleich bleibt oder sich gar erhöht, und dass kein Strukturwandel der bisherigen gesellschaftlichen Naturverhältnisse11 einsetzt. Auch unmittelbar können z.B. Gesundheitsbelastungen durch die mit CO2 gekoppelten weiteren Emissionen als Luftverschmutzung zunehmen und damit zu einer Steigerung der geschlechtsspezifisch im Rahmen der Hausarbeit zugewiesenen Gesundheitssorge- und Versorgungsarbeiten führen, wie z.B. der Sorge für ein allergieerkranktes Kind.

Die Genderklimaforschung bezweifelt, dass der Emissionshandel als ein Instrument zu nachhaltigem Klimaschutz beitragen kann. Er basiert auf den Mechanismen des globalisierten Kapitalmarktes, die - wie die Genderumweltforschung kritisiert12 - mit universalisiertem Zwang zu Rentabilität und Effizienz in eine Krise der sozialen Versorgung, der Ernährungssicherung und der Überlebenssicherung der Armen führen. Zumal diese Mechanismen das Risiko "Von der Lizenz zum Plündern zur Lizenz zum Töten" (Maria Mies)13 beinhalten, d.h. der mit globalem Freihandel zusammenhängenden Kriege. Der Emissionshandel kann die Erzeugung von Energiebedarf und -bedürfnissen, von Verkehr und Naturverbrauch in Privathaushalten, öffentlicher Dienstleistung und Industrie durch androzentrische Modernisierungspfade nicht stoppen und entfaltet keine Dynamik zu deren Überwindung.

Verschmutzungsrechte stellen die Zerstörung eines öffentlichen Gutes (›unverschmutzte Luft‹) qua Privatisierung dar. Mit Blick auf Geschlechterverhältnisse werden Privatisierungspolitiken dagegen differenziert kritisiert (im Norden z.B. im Verkehr14, im Energie- und Wasserbereich15) und der Erhalt öffentlicher Güter und Dienstleistungen als Voraussetzung für Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Sicherung der Lebensgrundlagen (livelihood) 16 erachtet. Denn grundlegende Untersuchungen zu Zusammenhängen zwischen Ökologie und Geschlechterverhältnissen17 haben gezeigt, dass die Privatisierung öffentlicher Aufgaben der Daseinsvorsorge eigentlich eine "doppelte Privatisierung" beinhaltet: Die eine Privatisierung ist die vieldiskutierte Übergabe der profitablen und rationalisierbaren Teile der Aufgaben der Daseinsvorsorge an ›private‹ wirtschaftliche Geschäftsbereiche, wo neben dem eigentlichen Nutzen dann zusätzlich eine Rendite erwartet wird; die andere Privatisierung ist die Verschiebung an ›private‹ Haus- und Versorgungsarbeit: Die durch Androzentrismus rational nicht begriffenen elementaren Teile der Aufgaben der Daseinsvorsorge und ihre nicht profitablen Bestandteile werden einer politik-externen und vermeintlich ökonomie-externen Bewältigung anheim gestellt. Es bleibt nur die Alternative: Die Aufgaben werden entweder nicht mehr geleistet - oder diejenigen, die um ihre Bedeutung wissen und überproportionale soziale und Versorgungs-Verantwortungsbereitschaft aufweisen, nehmen sie auf sich, zu ihren eigenen Lasten. Somit wirken Privatisierungspolitiken zulasten der unbezahlten Ökonomie der privaten Haushalte, zulasten von Frauen, zulasten des Abbaus von Geschlechterhierarchie in unserer Gesellschaft, nachhaltiger gesellschaftlicher Naturverhältnisse und zulasten des Klimaschutzes.

Sektorale Reduktionsziele

Welcher klimapolitische Sektor welche jeweilige CO2-Reduktionspflicht erbringen soll, ist nicht politisch unter Einbeziehung von Genderdimensionen thematisiert und demokratisch entschieden worden. Dem Industriesektor sind durch die Verteilungspläne des Emissionshandels vorab extrem große Emissionsrechte bei einer gleichzeitigen Gesamtbegrenzung der Emissionsrechte zugebilligt worden. Die Reduktion muss dadurch vom Verkehrs- und Haushaltsbereich erreicht werden. Die verschenkten Verschmutzungsrechte an den produktiven Industriesektor widersprechen den Lasten, die gegebenenfalls dem re-produktiven Haushaltssektor zugemutet werden.

In Hinsicht auf Genderdimensionen wie der ungleichen Verteilung und ökonomischen Abwertung der Haus- und Versorgungsarbeit sowie der ökologischeren Mobilität von Frauen erfordert klimapolitische Geschlechtergerechtigkeit, dass bei den in Konkurrenz um die verbliebenen Verschmutzungsrechte zueinander stehenden Bereichen - dem Verkehrsbereich und dem Bereich Private Haushalte - dem Haushaltssektor wegen seiner gesellschaftlichen, sozialen, versorgungsökonomischen und Gender-Bedeutung keine kontraproduktiven Restriktionen zugemutet werden. Das wiederum erfordert, dass gezielt hohe Reduktionsziele für den Verkehrssektor angestrebt werden, insbesondere durch Vermeidung von Verkehrsaufwand für Versorgung, durch umfassend verbesserte Erreichbarkeiten, Verbesserung der Verkehrsbedingungen für unmotorisierte Mobilität, klimaverträgliche öffentliche Verkehrsangebote und gezielte Reduktionspolitiken gegenüber unverträglichsten Verkehren wie Flugverkehr, Straßengüterverkehr und hochmotorisiertem Autoverkehr ohne Tempolimits.

Differenzierte Genderuntersuchungen sind notwendige Grundlage für Entscheidungen, welche Reduktionsziele den Haushalten abverlangt werden können. Denn anders als in den anderen klimapolitischen Sektoren besteht die Gefahr, nicht nur die gesetzlich verlangten Fortschritte in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit zu verfehlen, sondern sogar wesentlich kontraproduktive Folgen hervorzurufen. Sehr genau zu betrachten gilt, wie die Geschlechterverhältnisse von den zu erbringenden Reduktionszielen betroffen sind, um keine Widersprüche zwischen den nationalen Gleichstellungs- und Klimazielen zu produzieren.

Versorgungsarbeitsverteilung und Versorgungsökonomie

Klimaschädigende Wirkungsdynamiken gehen aus ungleicher Versorgungsarbeits-verteilung und Versorgungsökonomie hervor. Eine Entlastung von ungleicher geschlechtsspezifischer Belastung mit Hausarbeit ist bisher vorwiegend über technische Aufrüstung der Haushalte, die eine Zunahme des Energieverbrauchs beinhalten (z.B. durch Geschirrspüler, Wäschetrockner, Autos), angestrebt worden, anstelle durch öffentliche Dienstleistungen oder andere verträgliche Versorgungsmöglichkeiten. Die "Krise der Versorgungsökonomie" (Spitzner/ Beik 1995) bedeutet: Solange Versorgungsarbeit qua Geschlecht abgewiesen und zugewiesen wird und aus der politischen, infrastrukturellen, planerischen und ökonomischen Verantwortung ausgeblendet bleibt (wie beispielsweise in der Verkehrsplanung und -politik, die kommerziell relevante Orte höchst komfortabel mit öffentlichen Geldern bedient, jedoch die Verkehrsanforderungen der Hausarbeit, der sozialen Zusammenhänge und der Vielfalt körperlicher Verfasstheiten von Menschen trotz neuerem "Barrierefreiheits"-Paradigma kaum wahrnimmt noch bedient), und solange eigenständige Existenzsicherung, die materielle und soziale Grundlage für geschlechtsspezifische Unabhängigkeit, an Erwerbsarbeit (in strukturell androzentrisch bestimmten Arbeitsstrukturen) gekoppelt wird, geraten Frauen, Gleichstellung, Umwelt und Nachhaltigkeit unter eine höchst brisante destruktive Dynamik.

Die Krise der Versorgungsökonomie erzeugt eine klimaschädigende "Vereinbarkeitsproblematik". Durch die Anforderungen des Arbeitsmarktes müssen sich Frauen immer mehr um eine zeitsparende Bewältigung der Versorgungsarbeit bemühen. Zudem brauchen sie weitere Entlastung bei der Sicherung von Versorgungsqualitäten für Nahestehende. Auch die Anforderungen an Information, Erreichbarkeit und räumliche Flexibilität steigen. Damit werden energieintensive Produkte (z.B. bei der Ernährung der Haushaltsmitglieder, etwa durch Rückgriff auf Fast Food), die Versorgung unterstützende Dienstleistungen, Kommunikationstechnologien und steigender Verkehrsaufwand - mit entsprechendem jeweiligen Energieverbrauch - nötig. Die Energieabhängigkeit der Haushalte und der Versorgung nimmt zu, ohne dass die bzw. der Versorgungsarbeit Leistende wesentliche Faktoren dieser Abhängigkeit beeinflussen kann. In der sog. Privatsphäre müssen die klimarelevanten Folgen der öffentlichen Androzentrismen und die strukturelle Ungleichstellung der Geschlechter gerade von jenen ausgebadet werden, die die größte Umweltsensibilität aufweisen - sie werden zu guter Letzt auch noch adressiert als diejenigen, die verantwortlich seien für den Klimawandel ("Feminisierung der Umweltverantwortung" Schultz, Wichterich) und ihre Einstellung ändern müssten.

Dies wirft auch ein Licht auf eine andere sehr wichtige Diskussion der Klimapolitik: "Versorgungssicherheit" und "Energiesicherheit" sind tatsächlich zentrale Begriffe der Energie- und Klimapolitik, unter denen z.B. jüngst die internationale Atompolitik einen neuen Aufschwung zu erlangen suchte. Aber statt die haushaltliche Energieabhängigkeit und Versorgungssicherheit klimapolitisch zu thematisieren, werden diese Begriffe androzentrisch umdefiniert und unabhängig von bzw. unter Nichtbeachtung ihrer Genderproblematik verhandelt.

Politische Folgen androzentrischer Methodologien

Die methodischen Grundlagen und Verfahren der Problemwahrnehmung, -verhandlung und -lösung der Klimapolitik sind bisher gender-unreflektiert, aber klimapolitisch brisant. Ein traditionelles androzentrisches Konstrukt androzentrischer Politiken ist z.B. die insbesondere in Planungspolitiken und in der Klimapolitik übliche willkürliche Gleichsetzung des ›Haushalts‹ mit ›dem Individuum‹. Sie ist schon soziologisch nicht haltbar, da Haushalte oft ein aus mehreren Personen bestehendes soziales System mit entsprechenden Strukturierungen (ungleicher Verteilung von Optionen, Ressourcen, Lasten etc.) darstellen. Die Verwechslung der Ebenen Haushaltsproduktion und konsumierendes Individuum blendet ausgerechnet die Haushaltsproduktion aus dem Haushalt aus, leugnet die strukturellen Genderprobleme und verhindert zielführende Instrumentenentwicklung, insbesondere klimapolitische Förderung geschlechtergerechter und damit erst nachhaltiger Versorgungsweisen.

So wird die Ebene des Haushalts in appellarischen Kampagnen adressiert, als habe man es völlig egalitär mit nur für individuelle Belange handelnden und entscheidenden Subjekten zu tun; z.B. wird das Haushaltshandeln als ›Konsum‹ von Individuen abgebildet, statt die produktiven und komsumptiven Handlungsfelder zu unterscheiden, und werden in Untersuchungen nicht haushaltsökonomische Betrachtungen, sondern psychologische angestrengt. Daraus resultiert, dass dem Vorhandensein eines kognitiven Wissens zum Klimawandel unrealistisch hohe Bedeutung für die Haushaltsemissionen zugemessen wird, gerade aber den tatsächlichen oben beschriebenen Faktoren des Zuwachses an Energiebedarf (und somit der Emissionssteigerung) der Versorgungsökonomie gar keine Bedeutung zugeschrieben wird.

Feminisierung der Umweltverantwortung

Es entstehen mit einer solchen androzentrischen Konstruktion aber auch Risiken der Moralisierung politischer Umsteuerungsfragen und der Externalisierung, die beide die Geschlechterhierarchien nicht abbauen, sondern verschärfen ("Feminisierung der Umweltverantwortung"). Ökonomische und gesellschaftliche Bedingungsgefüge werden verwechselt mit psychologischen und individuellen - mit der Folge, dass psychologisch basierte oder auf individuelles Handeln zielende Umsteuerungstrategien entwickelt werden, mit denen keine Veränderung ökonomischer und gesellschaftlicher Determinanten von Emissionssteigerungen erreicht werden können, während ökonomisch und gesellschaftlich wirksame Umsteuerungsstrategien nicht entwickelt werden, mit denen Individuen und versorgungsökonomisch Tätige, selbst wenn diese große Bereitschaft zu klimaverträglichen Umorientierungen aufweisen (s.o. zu entsprechenden Geschlechterunterschieden), unterstützt werden.

Klimapolitik wird zur Privatsache derjenigen gemacht, die Versorgungsarbeit leisten. Klimapolitik birgt so neben der Gefahr einer Entpolitisierung der Politik die Gefahr einer Abwälzung der Verantwortung für klimaschützendes Handeln entlang der ohnehin problematischen Genderhierarchie. Die gesellschaftlichen und politischen Ursachen klimaunverträglichen Handelns bleiben durch Maßnahmen, die der genderblinden Annahme aufsitzen, der Haushalt sei nicht die versorgende Hauswirtschaft und Haushaltsproduktion, sondern nur das, was er für den traditionellen von Vollerwerbsarbeit (oder Voll-Arbeitslosigkeit) heimkehrenden und von Haus- und Pflegearbeit befreiten Mann ist: ein Raum selbstbestimmten Konsums, schlicht unerreicht und unverändert.

Klimapolitisch ist angesichts der Feminisierung der Umweltverantwortung die Revision androzentrischer Konstruktionen und Annahmen und insbesondere ihrer Modernisierungs- und Fortschritts-Leitbilder (wie Technologisierung, Wettbewerb, Motorisierung, Beschleunigung des Schnellen und Zentralen, Verkehr als Nutzen statt als Aufwand etc.) ebenso unverzichtbar wie "die gesellschaftliche Transformation bestehender (geschlechts-)hierarchisierter Strukturen insgesamt sowie die Abkehr von wachstumsorientierten Zivilisationsmodellen" und eine "grundlegende Revision und Neukonturierung bestehender Entwicklungsmodelle" angesichts der "Feminisierung der Armut"18, was entwicklungspolitisch bereits 1984 erkannt wurde und worauf die UN-Beschlüsse zum Empowerment der Frauen heute gründen.

Genderbalancierende Instrumentenentwicklung

Brisant wird die beispielhaft beleuchtete problematische androzentrische Konstruktion derzeit z.B. bei der anstehenden Konzipierung von Instrumenten, die sich auf den Emissions-Sektor Haushalte beziehen (etwa im Vereinigten Königreich und in Deutschland angedachte so genannte "CO2-Cards", bei denen der Haushalt eine limitierte Summe an Verschmutzungsrechten für mehrere Jahre erhalten solle. Diese sollen allerdings individuell verkauft werden können und wären quasi eine Anwendung des Emissionshandels auf den Haushalt, der eben nur als Summe einzelner Individuen aufgefasst wird). Sie hätten in jedem Fall, so der Erkenntnisstand, a) ökonomisch zu unterscheiden zwischen Energiebedarf / Emissionen der Haushaltsproduktion einerseits, und deren Umlegung auf individuell-persönliche Inanspruchnahme ihrer ›Produkte‹/›Dienstleistungen‹ und sie hätten b) Geschlechterhierarchien mehrdimensional zu berücksichtigen und sichere Wirkung zugunsten von Geschlechtergerechtigkeit zu gewährleisten statt zugunsten einer Verschärfung der Geschlechterungerechtigkeit.

Fazit

Die derzeitige Klimapolitik entfaltet kaum positive Wirkungen auf eine tatsächliche Emissionsminderung, den Abbau von Geschlechterungerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Zu den gesellschaftlichen Genderproblemen, die klimaschädigende Folgen haben, werden keine klimapolitischen Instrumente entwickelt. Stattdessen unterliegen die bisherigen Ansätze, deren Methoden und Instrumente androzentrischen Konstruktionen und tendieren dadurch zu einer weiteren Verschärfung der Genderprobleme in Form einer "Feminisierung der Klimaverantwortung".19 Zudem verhindern sie, die gesellschaftlichen und politischen Ursachen klimaunverträglichen Handelns in den Blick zu bekommen und die Erzeugung von Energiebedarf, von Verkehr und Naturverbrauch in Privathaushalten, öffentlicher Dienstleistungserbringung und Industrie wirksam zu stoppen.

Gender Mainstreaming des Klimaregimes, systematische Genderanalysen und die Thematisierung und aktive Anpassung dynamisch klimaschädigungswirksamer androzentrischer Modernisierungs- und Entwicklungsleitbilder stehen noch aus. Angesichts erheblicher Risiken, die Nachhaltigkeits-, Gleichstellungs- und Klima-Ziele nicht nur zu verfehlen, sondern auch zu konterkarieren, besteht dringender Forschungs- und Handlungsbedarf bei Methoden und Instrumenten.

Besondere Aufmerksamkeit werden in naher Zukunft die klimapolitischen Verhandlungen zu sektoralen Emissionsreduktionszielen erfordern, denn durch die großzügigen Zugeständnisse von Verschmutzungsrechten an den Industriesektor sind - um die Genderhierarchien und Klimaprobleme nicht zu verschärfen - hohe Reduktionsziele für den Verkehrssektor nötig geworden. Zudem bedarf es differenzierter Genderuntersuchungen als unverzichtbare Grundlage für Entscheidungen, welche Reduktionsziele den Privathaushalten, dabei insbesondere der Hauswirtschaft und Versorgungsökonomie, abverlangt werden können.

Die aktuelle Initiative des Gleichstellungsausschusses des Europäischen Parlaments zu Women and Climate Change, eingeleitet durch die Öffentliche Anhörung des EPs am 11. Oktober 2011 und fortgeführt durch einen Report, der in Kürze dem Parlament vorgelegt werden wird, eröffnet möglicherweise eine Chance für gender-verantwortliche und damit auch nachhaltigere Klimapolitik seitens des ›alten Kontinents‹. Diese Chance erhöht sich vielleicht durch die von der kommenden dänischen Ratspräsidentschaft beauftragte europaweite Untersuchung zu Gender and Climate Change20, die im kommenden Frühjahr vorgelegt werden soll. Es bleibt abzuwarten, inwieweit entsprechend des Verursacherprinzips tatsächlich auch die driving forces (Comission for Sustainable Development), treibenden Kräfte des Klimawandels, die tief mit dominanten Maskulinitäts-Modellen, institutionalisiertem Androzentrismus und den derzeitigen Geschlechterverhältnissen verbunden sind, thematisierbar und politisch begrenzbar werden.

Anmerkungen

1) Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, UNED Forum, Heinrich-Böll-Stiftung, 2001: Gender Perspectives for Earth Summit 2002: Energy, Transport, Information for Decision-Making, www.earthsummit2002.org/workshop/ sowie Röhr 2005.

2) Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit; Umweltbundesamt, 2004: Umweltpolitik. Umweltbewusstsein in Deutschland, Berlin

3) Carlsson-Kanyama/Räty 2008, www.foi.se/FOI/templates/PublicationPage____171.aspx?qu=kvinnor&au=&yr=2008&fomr=&sort=ar%20DES

4) Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK) (2000): Weather Impacts on Natural, Social and Economic Systems-German Report. PIK Report 59, Potsdam, Germany.

5) www.cityshelter.org/13_mobil/4.%20bilanz-meike-spitzner.doc

6) Röhr, Ulrike / Spitzner, Meike / Stiefel, Elisabeth / Winterfeld, Uta von, 2008: Geschlechtergerechtigkeit als Basis für nachhaltige Klimapolitik, Berlin, www.forum-ue.de/fileadmin/userupload/publikationen/fr_2008_geschlechtergerechtigkeit_und_klimapolitik.pdf

7) www.genanet.de/fileadmin/downloads/themen/Themenforum_Mobilitaet.pdf

8) Spitzner, Meike, 2001: "Zukunftsoffene Entwicklung als Problem gesellschaftlicher Raum-Zeit-Verhältnisse. Annäherungen an ein Zusammendenken physischer und sozialer Dimensionen mit Blick auf Geschlechterverhältnisse". In: Nebelung / Poferl / Schultz: Geschlechterverhältnisse -Naturverhältnisse. Feministische Auseinandersetzungen und Perspektiven der Umweltsoziologie. Opladen, 197-225

9) www.bbsr.bund.de/cln_032/nn_340582/BBSR/DE/FP/ExWoSt/Forschungsfelder/GenderMainstreaming/Expertise.html?__nnn=true

10) www.forum-ue.de/fileadmin/userupload/publikationen/fr_2008_geschlechtergerechtigkeit_und_klimapolitik.pdf

11) www.ztg.tu-berlin.de/pdf/Gender.pdf

12) www.wupperinst.org/uploads/tx_wibeitrag/WP141.pdf

13) Maria Mies, 2002: "Von der Lizenz zum Plündern zur Lizenz zum Töten. Der Zusammenhang zwischen globalem Freihandel und Krieg", in: Kofra 99/2002, 19-22

14) www.networks-group.de/veroeffentlichungen/DF9369.pdf

15) www.genanet.de/fileadmin/downloads/Studien/genas_2_Liberalisierung_Privatisierung.pdf

16) www.forumue.de/fileadmin/userupload/publikationen/fr_2007_oeffentlichegueter.pdf

17) Spitzner/Beik, 1995/1999: Reproduktionsarbeits-Mobilität. Theoretische und empirische Erfassung, Dynamik ihrer Entwicklung und Analyse ökologischer Dimensionen und Handlungsstrategien. Forschungsberichte Bd.5. Forschungsverbund Ökologisch verträgliche Mobilität, Wuppertal, 40-140

18) www.bpb.de/publikationen/ZQ199S,2,0,Nachhaltigkeit_hat_(k)ein_Geschlecht.html

19) So sind auch die aktuell diskutierten Politikorientierungen an "Low Carbon Societies" oder "LC CitiesG als höchst problematisch zu betrachten, da sie in der Wirkung die integrative Perspektive von Nachhaltigkeit - und damit auch je deren Genderdimensionen - aushebeln und dazu tendieren, soziale, versorgungsökonomische und institutionelle Dimensionen nicht als Bedingung für Klimapolitiken aufrechtzuerhalten, sondern sie als ›Nebenfelder‹ oder (wie inzwischen in der Klimapolitik selbst) als ›Co-Benefits‹ umzudefinieren, die erst ›end-of-the-pipe‹ betrachtet, ggfs. gar geschädigt werden dürfen. Dabei geht es dann maximal um Abfedern von nichtintendierten ›Nebenfolgen‹ (vgl. die Technikkritik der letzten Jahrzehnte), statt - wie es der Entstehungsrahmen der Klimarahmenkonvention in Rio vorsah - um integrative klima-bezogene Nachhaltigkeitspolitiken.

20) Federführend wird die Untersuchung durch das Europäische Gender-Institut geleitet, wobei zahlreiche Expertinnen aus ganz Europa daran mitarbeiten.


Meike Spitzner ist Projektleiterin der Forschungsgruppe Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und wissenschaftliche Koordinatorin "Gender". Ulrike Röhr ist Mitgründerin von LIFE e.V, arbeitet dort als Leiterin des Projekts genanet - Leitstelle Gender Umwelt Nachhaltigkeit und hat das weltweite Netzwerk "Gender_CC - Women for Climate Justice" ins Leben gerufen.

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