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Klaus Holzkamp

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31.12.2011: aus Wissenschafts- und Hochschulentwicklung

  
 

Forum Wissenschaft 4/2011

Universität Würzburg will mehrere Doktortitel entziehen

Dem Vernehmen nach ist es in der Medizin am leichtesten und auch am schnellsten möglich, einen Doktorgrad zu erwerben. Dies bestätigte etwa eine Stichprobe, die an der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg durchgeführt wurde. Zwei Fachgutachter von anderen Hochschulen untersuchten Anfang diesen Jahres willkürlich heraus gegriffene medizinhistorische Dissertationen aus den Jahren zwischen 1998 und 2005, von denen zehn, so der Befund, "wissenschaftliche Mindeststandards nicht erfüllen". Bei den meisten beanstandeten Arbeiten handelt es sich ausdrücklich um keine gerichtsreifen Plagiate à la Guttenberg, sondern um ziemlich dürftige Geistesprodukte. Ein Beispiel ist eine 33 Seiten (!) starke Schrift über Heilkräuter, die überwiegend im Abdruck mittelalterlicher Quellentexte besteht. Solche Arbeiten "widersprechen eklatant unserem Anspruch, eine international beachtete Institution der medizinischen Forschung zu sein", betont Dekan Frosch heute.

Gespensterwissenschaften

"Esoteriker unterwandern die deutschen Hochschulen. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Unsinn verwischt." So titelte die ZEIT (31.5.2011) in einem dem Thema Esoterik gewidmeten Dossier. Das klingt reichlich verschwörungstheoretisch. Die darin dokumentierten Fälle universitärer Stellenbesetzungen und merkwürdiger Forschungsschwerpunkte lassen einen dann doch ins Grübeln kommen. Zu konzentrieren scheint sich dies an der Viadrina, der Universität Frankfurt (Oder). Genannt wird etwa ein frisch ernannter wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Publikationen umfassen Themen wie den Gralsmythos, elektronische Magie und Ufos - veröffentlicht fast ausschließlich in Esoterikpostillen. Ein Gastprofessor trat zuvor als astrologischer Ernährungs- und Lebensberater in Erscheinung. Jetzt lehrt er Biokybernetik und Bioregulation. Der Leiter des Frankfurter Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften versucht, paranormale Phänomene mit einer großzügigen Auslegung der Quantenphysik zu erklären. In der Esoterikszene wird das als Durchbruch bejubelt. An dem Institut können Ärzte, Apotheker und Therapeuten einen berufsbegleitenden Studiengang in Komplementärmedizin belegen. Das bizarrste Beispiel aber findet sich an der Universität Kassel, wo der Niederländer Ton Baars bis zum Frühjahr eine Stiftungsprofessur für biologisch-dynamische Landwirtschaft innehatte. Finanziert haben den Lehrstuhl anthroposophisch geprägte Firmen wie der Biolebensmittel-Hersteller Alnatura und die Stiftung der Darmstädter Software AG. Biodynamiker glauben, dass die Mondphasen und im Acker verbuddelte Kuhhörner das Pflanzenwachstum beeinflussen. Eine biodynamische Ernährung soll den Menschen geistig wachsen lassen. In einem seiner Artikel versucht Agrar-Professor Baars sogar die Existenz von Elfen und Klabautermännern zu belegen. Dass parawissenschaftliche Ansätze aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, wird offenbar üblich. Das Land Nordrhein-Westfalen etwa bezuschusst Fortbildungen im pseudo-psychologischen Familienaufstellen zu 50% aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt mit Bildungsgutscheinen Erwerbslose, die sich zum Astrologen weiterbilden möchten.

Heroin-Kampagne des BAYER-Konzerns (1912)

Das konzernkritische Netzwerk Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) hat Anzeigen wiederentdeckt, die BAYER im Jahr 1912 in spanischen Zeitungen schaltete, um für den von ihm vermarkteten Wirkstoff Heroin zu werben. Abgebildet sind niedliche Kinder, denen die Einnahme von Heroin etwa bei Husten empfohlen wird. Den globalen Werbefeldzug für den Stoff begann der Konzern bereits im Jahre 1900. Er wurde als Universalmittel so ziemlich gegen alles angepriesen: Asthma, multiple Sklerose, Magenkrebs, Epilepsie, Schizophrenie oder Darmkoliken von Säuglingen. Im gleichen Jahr allerdings hatten Ärzte auch schon auf das Suchtpotential des neuen Präparats hingewiesen, was den Konzern nicht beeindruckte. Heroin und Aspirin legten schließlich den Grundstein für den Aufstieg der einstigen Farbenfabrik zum Weltkonzern.

Boom privater Hochschulen in Deutschland?

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft veröffentlichte Anfang Oktober die Ergebnisse einer Studie, die er gemeinsam mit McKinsey zum Thema Privathochschulen durchgeführt hat. Angeblich boomt deren Markt. In den vergangenen 20 Jahren wurden mehr als 70% der heute existierenden privaten Hochschulen gegründet. 4,5% der Studierenden sind heute an einer privaten Einrichtung eingeschrieben (in Zahlen: 95 Tsd.). Vor 10 Jahren waren es nur 1,4%. Die Inhalte dieser Einrichtungen sind allerdings eher dürftig, und der Vergleich mit großen US-amerikanischen Eliteschmieden wie Harvard oder Princeton hinkt komplett. Wie die Studie auch hervorhebt: die allermeisten der hiesigen Privatuniversitäten sind lediglich bessere Berufsschulen und mitnichten international konkurrenzfähige Leuchtturme der Forschung und Lehre. 77 der hierzulande 90 staatlich anerkannten Hochschulen in privater Trägerschaft verzichten demnach gänzlich auf einen wissenschaftlichen Anspruch. Bei ihnen geht es bloß darum, die Studierenden "bestmöglich" aufs Berufsleben vorzubereiten, genauer: mit einem sehr engen Fächerspektrum für schmale berufliche Nischen (stifterverband.info/wissenschaft_und_hochschule/hochschulen_im_wettbewerb/private_hochschulen/index.html ).

USA vorne - das Konzept des "ökologischen Fußabdrucks"

Am 17.11.2011 hielt der US-amerikanische Umweltsoziologe Thomas Dietz an der Universität Frankfurt am Main eine Gastvorlesung zum Thema "Nachhaltigkeit", in der er seine Interpretation des Konzeptes des sog. ökologischen Fußabdrucks erläuterte. Dieser ist eine Art Messgröße für Umweltverbrauch. Er berechnet, welche Fläche wir für unseren Lebensstil beanspruchen - also Flächen, die zur Produktion von Nahrung oder Waren, aber auch zur Energiegewinnung, für den Abbau von Müll oder zur Bindung des durch menschliche Aktivitäten freigesetzten Kohlendioxids benötigt werden. Zurzeit beansprucht jeder Mensch im Schnitt 2,7 Hektar Erdfläche, wobei diese Zahl je nach Land stark variiert (z.B. USA 7,9; Europa 4,5; Afrika 1,4 ha). Durchschnittlich stehen allerdings nur 1,8 Hektar unseres Planeten zur Verfügung - unser Fußabdruck muss also global schrumpfen.

Hauptsache ›exzellent‹! Neue Motive bei der Hochschulwahl

In früheren Zeiten interessierten sich Studienberechtigte vor allem für ein Studienfach oder eine Fächerkombination. Die Auswahl der dazu passenden Hochschule erfolgte eher nach diffusen oder formalen Kriterien (Heimatnähe, zentrale Studienplatzvergabe). Neuerdings deutet einiges darauf hin, dass bei der Hochschulwahl a) sog. Rankinglisten eine zunehmende Rolle spielen und b) entsprechend häufiger auf das Prestige bzw. den ›guten Ruf‹ einer Hochschule geachtet wird. Dies bestätigt etwa eine Untersuchung von Heiko Quast und Markus Lörz vom Hochschulinformationssystem (HIS) Hannover. Beide fanden allerdings auch heraus, dass sich das Wahlverhalten stärker nach sozialer Herkunft differenziert: 15% der Kinder aus reinen Akademikerhaushalten nahmen demnach ein Studium an einer hochgerankten Hochschule auf. Kinder bildungsferner Herkunft, deren beide Elternteile über keinen Hochschulabschluss verfügen, fanden dagegen nur zu neun Prozent den Weg an eine prestigeträchtige Hochschule. Die näheren Ergebnisse und Interpretationsvorschläge finden sich in dem Artikel "Soziale Ungleichheit bei der Wahl der Hochschule" (www.his.de/pdf/pub_mag/mag-201104.pdf ).

Ob daraus ein stabiler Trend wird - die soziale ›Elite‹ schickt ihre Kinder an ›Elitehochschulen‹ - muss sich künftig erweisen. Zumindest deuten heute schon andere Befunde tendenziell in eine ähnliche Richtung. Etwa eine Konzentrationsanalyse der Studienstiftung des deutschen Volkes. 34% ihrer Stipendiaten studierten 2009 an den neun im Rahmen der Exzellenzinitiative ernannten ›Eliteuniversitäten‹; vier Jahre zuvor, d.h. vor Beginn der Exzellenzinitiative, waren dies noch 29% an den gleichen Universitäten. Die Konstanzer AG Hochschulforschung fand heraus, dass 42% der leistungsstärksten Studierenden (i.d.R. mit akademischem Elternhaus) mit einem Abiturnotenschnitt von 1,2 und besser an den sog. ›Eliteuniversitäten‹ eingeschrieben war. Wenn dieser Trend sich verstärkt, liefe er auf eine Annäherung an US-amerikanische Verhältnisse hinaus: entscheidend für den sozialen Status dort ist, wo jemand studiert hat - nicht was. Der Elitensoziologe Michael Hartmann von der TU Darmstadt kommentierte diese Tendenzen für Studis Online: "Die vertikale Differenzierung der Hochschullandschaft ist politisch gewollt. Sie war das zentrale Ziel der Exzellenzinitiative und die Antwort auf die soziale Öffnung der Hochschulen in ihrer Gesamtheit." Nach dieser Einschätzung folgen die Vorgänge einer Abschottungsstrategie der oberen Schichten nach unten.

Wissenschaftliches Fehlverhalten - nicht nur Plagiate!

Am 9.11.2011 beschäftigte sich der Bundestagsausschuss für Wissenschaft, Forschung und Technikfolgenabschätzung mit dem Thema "wissenschaftliches Fehlverhalten". Dabei waren sich die Experten einig, dass wissenschaftliches Fehlverhalten nicht allein mit Anti-Plagiatssoftware bekämpft werden kann. Zudem sei es kein neues Phänomen und lasse sich nicht nur an Plagiaten festmachen. Als ein "Kernstück" der Problematik nannte Professor Stefan Hornbostel vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung die Betreuung von Doktoranden. So gebe es viele externe Promotionen, die nicht in einen universitären Forschungskontext eingebunden seien. Bei ihnen könne der Betreuer die Arbeitsfortschritte nur schwer beobachten. Als weitere Probleme nannte Hornbostel unter anderem die häufig nicht formalisierten Aufnahmeprozeduren und die ungeregelte Erfassung von Promovierenden. Dies habe zur Folge, dass es in Deutschland keine belastbaren Aussagen über die Zahl der Promovierenden, über Abbrüche und Promotionsdauer gebe. Auch gebe es keinen "zuverlässigen Überblick über die Intensität wissenschaftlichen Fehlverhaltens", ergänzte Wolfgang Löwer, Professor für Öffentliches Recht und Wissenschaftsrecht in Bonn. Er wies darauf hin, dass Plagiate - wie jüngst bei "spektakulären Fällen" - nicht der "einzige Brennpunkt" seien. Vor allem im Bereich der Naturwissenschaften sei auch die Manipulation von Daten ein Problem, etwa durch die Unterdrückung von Falsifikationshinweisen, die die Arbeitshypothese gefährden könnten.

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