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Klaus Holzkamp

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Alp der Vorgeschichte

15.03.2007: Zur ungarischen Revolution von 1956

  
 

Forum Wissenschaft 1/2007

Wer über die früheren RGW-Länder spricht, kann und sollte über ihre Geschichte nicht schweigen. Nicht „der“ Sozialismus, auch nicht allein der Rüstungswettlauf zwischen den gesellschaftlichen Systemen, sondern seine eigenen Entwicklungen und die Erfahrungen der in ihm Lebenden mit ihnen trugen Wesentliches dazu bei, dass sie buchstäblich sturmreif wurden für den Kapitalismus. Malte Meyer beschreibt ein frühes Beispiel.

Ungarn im Jahr 1945: Die Rote Armee hat das Land vom Faschismus befreit, aber für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft fehlen eigentlich alle Voraussetzungen. Ungarn ist eine arme und agrarisch geprägte Gesellschaft am Rande Europas, deren Schicksal stark vom Weltmarktpreis für Weizen abhängt. Nicht von ungefähr hatte das Erbstück der Donaumonarchie wegen seiner großen Anzahl von Knechten, Mägden und landlosen Bauern in der Zwischenkriegszeit als „Land der drei Millionen Bettler“ gegolten.1

Bis zur Befreiung im Dezember 1944 stand an der Spitze dieser Gesellschaft ein reaktionäres Elitenkartell aus Junkertum, Klerus, Großbourgeoisie, Staatsbürokratie und Militär. Sein politisches Aushängeschild war über die gesamte Zwischenkriegszeit hinweg das profaschistische Régime von Miklós Horthy. Sein Vorhaben, Rache für den Vertrag von Trianon und die als „jüdisch“ verfemte Revolution von 1918/19 zu nehmen, unterstrich der selbsternannte Reichsverweser u.a. damit, dass er in einem Land ohne Zugang zum Meer unverdrossen den Dienstrang eines Admirals zur Schau trug.

Auch wenn das Horthy-Régime insofern kaum etwas anderes war als eine revanchistische Oberklassendiktatur – es mangelte weder den Konservativen noch den Faschisten an einer Massenbasis. Der weiße Terror gegen die Räterepublik und die antisemitischen Gesetze der zwanziger und dreißiger Jahre stießen auf vielfache Zustimmung. Pfeil- und Sensenkreuzler, also die Bewegungen der ungarischen Faschisten, wurden zu einflussreichen politischen Kräften.2 Im Zweiten Weltkrieg verbündete sich der ungarische Staat mit Nazideutschland und unterstützte im letzten Kriegsjahr tatkräftig die Deportation und Ermordung von ungefähr 600.000 ungarischen Juden, Sinti und Roma.3 Vom relativ kleinen kommunistischen Untergrund einmal abgesehen, hat es einen breiten antifaschistischen Widerstand nicht gegeben.

Der Anfang nach 1945

Die Kommunistische Partei kam bei den Wahlen von 1945 ähnlich wie die Sozialdemokratie auf rund 17% der Stimmen. Als ausnehmend populär konnte sie aber ebenso wenig gelten wie die Rote Armee. An ihrer Spitze stand eine aus dem Moskauer Exil zurückgekehrte und von Mátyás Rákosi angeführte Quadriga. Niemandem in Ungarn konnte verborgen bleiben, dass sich eine solchermaßen strukturierte KP als willfährige Macht von Stalins Gnaden verstand. Stalin selbst wollte für Ungarn keine Diktatur des Proletariats, sondern drang auf ein als „Volksdemokratie“ bezeichnetes Regiment. Demzufolge sollte ein Mehrparteiensystem unter sowjetischer Aufsicht eine Bodenreform zustande bringen, mit Kollaborateuren abrechnen, Verstaatlichungen vorantreiben sowie Reparationen garantieren. Diese Teile einer antifaschistischen Neuordnung setzte die Koalition der „Nationalen Front“ in den drei Jahren zwischen 1945 und 1948 in die Tat um. Die Wahlen allerdings wurden weiterhin nicht von den Kommunisten gewonnen, sondern von der liberalkonservativen Kleinlandwirtepartei.

Der Ausbruch des Kalten Krieges im Jahr 1947 bereitete dieser „volksdemokratischen“ Entwicklungsetappe der ungarischen Gesellschaft ein Ende. Die Aufkündigung alliierter Kooperation bedeutete für die innenpolitische Entwicklung, dass westlich des Eisernen Vorhangs fortan die kommunistischen und östlich davon die nichtkommunistischen Parteien aus dem politischen Leben gedrängt wurden. Rákosi, der nach eigener Einschätzung „fähigste Schüler Stalins“, hat diese scheibchenweise Liquidierung demokratischer Strukturen als „Salamitaktik“ bezeichnet.

Um Ungarn nun innerhalb kürzester Zeit von der Agrargesellschaft ins Industriezeitalter zu katapultieren, ging die Staatspartei den „sowjetischen Weg“ einer ursprünglichen sozialistischen Akkumulation. Das bedeutete, dass der Bevölkerung ein drakonisches Verzichtsprogramm auferlegt wurde, um gigantische Investitionen in die Schwerindustrie zu finanzieren. Nach offiziellem Kalkül konnte nur so die Unterentwicklung beseitigt und das Wettrüsten mit der NATO bewerkstelligt werden.4 Überall im Land wurden Stahlwerke, Staudämme und Transportwege aus dem Boden gestampft. Die ungarische Ökonomie konnte die Kosten dieser Investitionen natürlich nicht ohne weiteres tragen. Dazu musste sie erst durch die Partei der Ungarischen Werktätigen gezwungen werden. Was sich in Ungarn deshalb seit 1948 ereignete, war nichts anderes als eine Revolution von oben, in der sich die stalinistische Führung gegen ausnahmslos alle Klassen und Schichten der ungarischen Gesellschaft wendete.5

Auf dem Dorf wurden die Landwirte mit Gewalt zur Kollektivierung jener Höfe gezwungen, in deren Besitz sie durch die Bodenreform erst kurz zuvor gekommen waren. Aus Wut über die Kommunisten schlachteten viele Bauern in dieser Situation lieber ihr Vieh ab, als es lebend den Kolchosen zu übergeben. Die Agrarproduktion stand infolgedessen mehrmals kurz vor dem Zusammenbruch. In den Städten war die Situation kaum weniger katastrophal. Während das Warenangebot rationiert wurde, sah sich die Industriearbeiterschaft mit einer Verschärfung des Fabrik-Régimes konfrontiert. Hohe Sollziffern und ein Bestarbeiterkult nach stachanowistischem Vorbild steigerten die Arbeitshetze. Es kam zu zahlreichen Arbeitsunfällen. Allmorgendlich wurden die Belegschaften mit der Verlesung von Jubelberichten aus dem Parteiorgan Szabad Nép gequält. Doch damit nicht genug. Stalin und Rákosi waren so frei, sich zu ihren Geburtstagen von den ungarischen Werktätigen auch noch unbezahlte Sonderschichten schenken zu lassen.6

Schließlich hatte auch die Intelligenz unter der Gleichschaltung zu leiden. Geistiges Leben wurde durch Zensur und Selbstzensur in den Untergrund abgedrängt. Die kulturellen Infrastrukturen waren zwar kräftig ausgebaut worden, hatten aber vornehmlich der Werbung für Stalin, Rákosi und ihre Politik zu dienen. Wer unter den Akademikern nicht ohnehin schon etwas gegen den Kommunismus hatte, dem wurde die Empörung angesichts eines nur mehr noch bizarren Personenkults geradezu aufgedrängt.

Dem Régime gelang es nur mit massiver Repression, den inzwischen manifesten Hass auf die Führungsclique unter Kontrolle zu halten. Um jedes Potenzial für eine innerparteiliche Opposition zu zerstören, wurden Ende der vierziger Jahre zunächst Prozesse gegen Funktionäre inszeniert. Ihnen wurde häufig allein schon deshalb Unzuverlässigkeit vorgeworfen, weil sie als Antifaschisten in Spanien gekämpft hatten, statt sich im Moskauer Hotel Lux unter die Fittiche des NKWD zu begeben. Dem bekanntesten dieser Schauprozesse fielen 1949 der ehemalige Innenminister László Rajk und drei seiner Mitangeklagten zum Opfer. Anschließend richtete sich der Staatsterror auch gegen die Zivilbevölkerung. Furcht und Schrecken verbreitete besonders der Staatssicherheitsdienst ÁVH. Er zwang Arbeiter und Bauern schon wegen des geringsten Widerstandes gegen die Staatsgewalt zur Arbeit und schreckte auch vor der Folter nicht zurück. Die Anzahl der Menschen, die zu Beginn der fünfziger Jahre in Lagern interniert waren, lag zeitweise bei 300.000, also bei nicht weniger als 3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Land machte angesichts solcher Zahlen das Gefühl die Runde, wohl in einer etwas anderen Dreiklassengesellschaft zu leben: „Diejenigen, die im Gefängnis waren, diejenigen, die im Gefängnis sind, und diejenigen, die dorthin kommen werden.“

Als Stalin im März 1953 starb, war der Lebensstandard der ungarischen ArbeiterInnen im Vergleich zum Wendejahr 1948 um 20 Prozent zurückgegangen. Die Ernteergebnisse in der Landwirtschaft hatten sich im Jahr zuvor sogar auf das niedrige Niveau des Kriegsendes zubewegt. In dieser Situation erhielt das Rákosi-Régime ausgerechnet von Stalins rechter Hand Lawrenti Berija den dringenden Rat, das Tempo der Schwerindustrialisierung zu drosseln. Das Alarmsignal des Arbeiteraufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 machte die Annahme dieser Vorschläge unausweichlich. Rákosi blieb zwar Parteichef, musste aber vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten, um Platz für Imre Nagy zu machen. Nagy genoss als so genannter „Vater der Bodenreform“ bei der Landbevölkerung immer noch einige Popularität. Für den „Neuen Kurs“, Konsuminteressen stärker zu berücksichtigen, schien er also genau die richtige Person zu sein. Nagy beließ es aber nicht bei kosmetischen Kurskorrekturen. In einer Geheimrede vor dem Zentralkomitee rechnete er auch mit den „gravierenden Fehlern“ der vorangegangenen Periode ab.7

Nagys Kursänderungen

Auf sein Konto ging eine Mäßigung des polizeistaatlichen Terrors. Deportationen wurden rückgängig gemacht, Internierungslager aufgelöst und Gerichtsurteile revidiert. Es kam auch zu etlichen Rehabilitierungen. Unter den zum Teil posthum rehabilitierten Menschen befand sich der hingerichtete László Rajk ebenso wie der spätere Ministerpräsident János Kádár. Nagy sorgte also dafür, dem Régime fortan wenigstens einen Anschein von Legitimität zu verschaffen. Rákosi und seine Fraktion indes hintertrieben seine Entstalinisierungspolitik nach Kräften. Sie konnten damit argumentieren, dass Nagys „Neuer Kurs“ in wirtschaftspolitischer Hinsicht ein ziemlicher Fehlschlag war. Immerhin aber herrschte nun nicht mehr nur die eine verordnete Parteimeinung, so dass sich in der Öffentlichkeit allmählich wieder ein Spielraum für Diskussionen ergab.

Die Fürsprecher einer weiteren Entstalinisierung fanden ihr prominentestes Forum in der Literaturzeitschrift Irodalmi Ujság. Sie ließen sich trotz Nagys Sturz im April 1955 auch nicht mehr aus der Öffentlichkeit verbannen. Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 stärkte der Rákosi-Opposition zusätzlich den Rücken und ermutigte sie zur Gründung des Petöfi-Klubs. Dessen öffentliche Veranstaltungen konnten seit dem Frühjahr 1956 mit einer stetig wachsenden Aufmerksamkeit rechnen. Die rund 2.000 BesucherInnen des Themenabends „Philosophie“ beispielsweise mussten im Mai 1956 mit Georg Lukács an der Spitze in den größten Hörsaal der Universität umziehen.

Rákosi kam nicht mehr dazu, die Oppositionsbewegung gewaltsam niederzuschlagen: Der Kreml drängte ihn im Juli 1956 ein zweites Mal aus dem Amt. Das auf Druck der Opposition anberaumte Staatsbegräbnis für László Rajk machte den Autoritätsverlust des Régimes offenkundig. Mehrere hunderttausend TeilnehmerInnen gaben auf der Trauerfeier in stiller, aber unmissverständlicher Art ihre Abscheu über den Stalinismus kund. Neben dieser Massendemonstration am 6. Oktober gehören zur unmittelbaren Vorgeschichte der Revolution auch noch die Ereignisse in Polen, wo sich der Entstalinisierer Gomulka nicht nur für eine Neubewertung des blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstands von Poznán im Sommer desselben Jahres ausgesprochen hatte. Gomulka war es auch, der den Einschüchterungsversuchen der sowjetischen Führung trotzte und sich am 20. Oktober zum neuen Generalsekretär der PVAP wählen ließ.8

Die große Dynamik der Entstalinisierung erfasste auch die Universitäten. Bereits am 16. Oktober hatte sich in Szeged ein unabhängiger StudentInnenverband gegründet. Am 22. Oktober schlossen sich ihm auch KommilitonInnen aus Budapest an. Als sich der staatliche Rundfunk weigerte, ihre Forderungen nach nationaler Unabhängigkeit und freien Wahlen auszustrahlen, beschlossen die StudentInnen für den darauffolgenden Tag eine Kundgebung am Denkmal für General Bem. Joséf Bem war jener polnische Revolutionär, der 1849 die ungarischen Truppen zu mehreren Siegen gegen die zaristischen Interventionsarmeen geführt hatte.9

Offene Konfrontation

Die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt begann am 23. Oktober 1956. Weil die offiziellen Demonstrationsverbote eher mobilisierend gewirkt hatten, versammelten sich im Laufe des Nachmittags immer größere Menschenmengen vor der polnischen Botschaft und am Bem-Denkmal. Gegen Abend trat Imre Nagy vor die Menge. In völliger Verkennung der allgemeinen Stimmung begann er seine Rede mit der Grußformel „Liebe Genossen!“. Daraufhin wurde er von den fassungslosen ZuhörerInnen ausgepfiffen. Der Sinn stand den Demonstranten weit eher nach dem Sturz der monumentalen Stalin-Statue. Die bewaffnete Konfrontation schließlich begann, als ÁVH-Leute am Abend in jene Menge schossen, die vor dem Rundfunkgebäude protestierte. Das Blutbad kostete zahlreichen Menschen das Leben. Es bildete den Auftakt für eine Serie blutiger Kämpfe zwischen prosowjetischen Kräften auf der einen und ungarischen Volksmassen auf der anderen Seite.

Die revolutionären Kundgebungen der folgenden Wochen trugen auf den ersten Blick einen unverkennbar nationalliberalen Charakter. Die ungarische Unabhängigkeit wurde ebenso gefordert wie die Garantie bürgerlicher Freiheitsrechte. Ständig war irgendwo die Nationalhymne zu hören. An öffentlichen Gebäuden konnte sich kaum ein roter Stern halten. Und buchstäblich jeder, der eine Landesflagge mit sich führte, hatte aus ihr die Hoheitszeichen der prosowjetischen Staatsmacht entfernt. So wurde die rot-weiß-grüne Trikolore mit dem Loch in der Mitte zu dem Signum der ungarischen Revolution.

Die Stützen des Régimes haben diese nationalliberale Symbolik zum Anlass genommen, mindestens von einer bürgerlichen Konterrevolution zu sprechen. Sie verwiesen außerdem auf die Propaganda des Münchener CIA-Senders Radio Free Europe. Manche sahen sogar eine Verschwörung von Exilanten am Werk, die sich unter Zuhilfenahme des Mobs eine Restauration des Horthy-Faschismus zum Ziel gesetzt hätten. Tatsächlich waren hier und da antisemitische Stimmen laut geworden. Überdies wurde die Rückkehr Kardinal Mindszentys vom Glockengeläut aller katholischen Kirchen Budapests triumphal orchestriert.10

Die wenigen Ungarn, die sich mit solchen Argumenten gegen die Revolution stellten, verzerrten allerdings die realen Verhältnisse. So unterschlugen sie, dass es sich bei den faschistischen Kräften in der Revolution um eine kleine Minderheit gehandelt hat. Die überwältigende Mehrheit der Aufständischen wollte hingegen die Errungenschaften bewahren, die die Befreiung vom Faschismus mit sich gebracht hatte. Der Massenprotest speiste sich ja gerade aus dem Eindruck, durch die stalinistische Bürokratie um die Früchte von Bodenreform und Verstaatlichung gebracht worden zu sein.11

Im Laufe der Kämpfe konstituierten sich überall im Land Arbeiterräte, die der Staat ursprünglich als Notbremse gegen die Revolution hatte benutzen wollen. Spätestens seit dem 24. Oktober sah sich die Obrigkeit aber dadurch herausgefordert, dass die Räte von den Arbeitern selbsttätig mit Leben gefüllt wurden. Im ganzen Land taten sich Belegschaften zusammen, um das alte Management abzulösen und vor allem um einen Generalstreik zu organisieren, der fast vier Wochen andauern sollte.

Streik und bewaffneter Kampf schufen innerhalb weniger Tage Konstellationen, die bis dahin schlichtweg undenkbar waren. Imre Nagy bildete am 24. Oktober eine Regierung, in der kein Stalinist mehr vertreten war. Der verhasste Staatssicherheitsdienst wurde aufgelöst. Und am 28. Oktober 1956 zogen sich sogar die sowjetischen Panzer hinter die Grenze zur UdSSR zurück. Daraufhin überschlugen sich die Ereignisse in einem noch schnelleren Tempo. Stürmung der KP-Zentrale und totaler Zusammenbruch der Parteiorganisation. Aufnahme von Sozialdemokraten und Bauernpartei in die Regierung. Ankündigung von Verhandlungen über den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Aufkündigung der Mitgliedschaft im Militärbündnis und schließlich: Verkündung der Neutralität des Landes am 1. November.

Das war der Wendepunkt. Am 4. November stellte sich heraus, dass sich die sowjetischen Truppen nur zum Schein aus Ungarn zurückgezogen hatten. Gegen die Truppenstärke, die die UdSSR beim Wiedereinmarsch aufbot, hätte die neu formierte ungarische Nationalgarde selbst bei voller Einsatzfähigkeit keine Chance gehabt. In ihrem damaligen Zustand musste sie vor der Übermacht aber erst recht zurückweichen. Insgesamt kamen bei den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen dem 23. Oktober und dem 11. November etwa 2.700 Ungarn und ungefähr 670 Sowjetsoldaten ums Leben. Die Zahl der Verwundeten lag auf beiden Seiten jeweils noch um ein Vielfaches höher. Ungefähr 200.000 Ungarn sahen keine andere Chance, ihr Leben zu retten, als ins westliche Ausland zu fliehen.

Widerstand und Repression

Nach der Restauration prosowjetischer Staatsmacht entwickelte sich die Arbeiterselbstverwaltung zur wirksamsten Instanz des Widerstandes gegen das neue Kádár-Régime. Der Generalstreik allerdings wurde wegen der katastrophalen Versorgungslage am 16. November beendet. Ein landesweiter Arbeiterrat konnte sich nicht bilden, weil sowjetische Panzer den geplanten Tagungsort umstellten. Auch die Herausgabe eigener Zeitungen wurde den Räten untersagt, so dass diese mit Hilfe von illegal gedruckten Flugblättern kommunizieren mussten. Als die Repressionen gegen Arbeiterratsmitglieder brutaler wurden, kam es am 11. und 12. Dezember zur Wiederaufnahme von Streikaktivitäten. Das Kádár-Régime reagierte mit der faktischen Verhängung des Kriegsrechts, durch das den Arbeiterräten fast jeder Bewegungsspielraum entzogen war. Am 10. Januar löst sich auch der Arbeiterrat in der „roten“ Industriestadt Csepel auf, der Hochburg der Revolution von 1956. Wilder Streiks und spontaner Demonstrationen wird die Regierung nur mit Hilfe sowjetischer Panzer Herr. Am 13. Januar 1957 gibt sie einen Erlass heraus, der für beinahe alle Äußerungsformen von Kritik die Todesstrafe androht. Angesichts dieser Welle massiver Repression gelangen die nach außen sichtbaren Kämpfe der ArbeiterInnen Mitte Januar an ein Ende.12

In den Jahren der Vergeltung bis 1963 wurden Zehntausende von Verfahren gegen Aktivisten der Revolution eingeleitet. Neben dem Standrecht wurden auch die 1953 abgeschafften Internierungslager wieder eingerichtet. Die Repression war allerdings nicht länger wahllos wie noch Anfang der fünfziger Jahre, sondern wurde sehr zielbewusst eingesetzt. Insgesamt wurden im Gefolge der Revolution zwischen 350 und 400 Menschen hingerichtet. Fast drei Viertel von ihnen waren junge ArbeiterInnen und Jugendliche um die Zwanzig, die an den Straßenkämpfen teilgenommen hatten. Unter den Menschen, die zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, waren die Mitglieder von Revolutions- und Arbeiterräten aus den Betrieben und lokalen Revolutionskomitees besonders stark vertreten.

Das Kádár-Régime setzte aber nicht nur auf Repressionen gegen aufständische AktivistInnen. Es bemühte sich auch verstärkt um eine Reintegration der systemoppositionell gestimmten Massen. Populäre Forderungen nach einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen wurden deshalb in Teilen auch in die Tat umgesetzt. Nicht umsonst trug die Ungarische Volksrepublik im Westen den Beinamen Gulaschkommunismus. Das Entgegenkommen wurde einerseits durch Wirtschaftshilfe aus der Sowjetunion finanziert. Andererseits begannen sich die Investitionen in die Schwerindustrie allmählich auch in der Konsumgüterproduktion bezahlt zu machen. Die Revolution hatte aber klargestellt: Eine Unterdrückung von Lohnbewegungen kam ebensowenig in Frage wie eine Beibehaltung der Steuerlast. Das war der Grund, weswegen das starke Wirtschaftswachstum seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre auch zu einer Anhebung der Konsumniveaus beitrug.

Repressive Toleranz ließ das Régime auch in politischer Hinsicht walten. Kádár brachte diese Haltung mit seinem Wahlspruch „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns“ auf den Punkt. Die Tendenz zur Destalinisierung trug indes die Male einer politischen Herrschaft, die mit der im Westen zusehends konvergierte. Sozial erwünscht waren Anpassungsbereitschaft und Systemkonformität. Kritik durfte zwar geäußert werden, aber natürlich keinen Schaden anrichten. Die Organe staatlicher Repression, die in die Kasernen zurückgekehrt waren, hielten sich dort unverändert bereit. Und die Klassenkämpfe verschwanden sozusagen hinter dem Vorhang ihrer offiziellen Verleugnung, während in den Fabriken das unerbittliche Régime des Stücklohns herrschte.13

Linke in der Defensive

Erweisen sich zugegebenermaßen schon die Effekte als schwer darstellbar, die die Klassenkämpfe des Jahres 1956 in der Folgezeit auf die Realverfassung des Staatssozialismus hatten, so würde es hier zu weit führen, all die Verwerfungen zu analysieren, zu denen das kommunistische Epochenjahr in der westlichen Linken geführt hat. Überall im Westen mussten moskautreue kommunistische Parteien dramatische Mitgliederverluste verzeichnen. 200.000 Menschen verließen alleine die italienische KP, während die dänische Bruderpartei sogar fast vollständig zusammenbrach. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir wollten nicht länger als Weggefährten des PCF gelten, und DissidentInnen innerhalb der italienischen Arbeiterbewegung wandten sich gewissermaßen früh-operaistisch den Konstitutionsbedingungen betrieblicher Klassenmacht zu. In Großbritannien entdeckten Historiker wie E. P. Thompson die Alltagsgeschichte jenseits des offiziellen Sozialismus als elementare Ebene von Klassenauseinandersetzung und sozialer Bewegung und gründeten mit den Zeitschriften The Reasoner bzw. The New Reasoner auch Vorläuferorgane der späteren New Left Review. Die Radikalität all dieser Brüche ließe sich ohne das Trauma von 1956 und die Tragödie der ungarischen Revolution nicht verstehen.

Eric Hobsbawm, der 1956 nach eigenen Angaben von einem faktischen Mitglied der KP Großbritanniens zu einem ideellen der KP Italiens geworden ist (immerhin hatte sich Togliatti mit der Zustimmung zur sowjetischen Intervention ein paar Tage Zeit gelassen), hat in seiner Autobiographie die Dramatik dieser Ereignisse auf bewegende Art in Erinnerung gerufen. „Noch nach fast einem halben Jahrhundert schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich mich an die fast unerträglichen Spannungen erinnere, unter denen wir Monat für Monat lebten [...]. 1956 war weiß Gott ein dramatisches Jahr in der britischen Politik, doch in der Erinnerung derer, die damals Kommunisten waren, ist alles andere völlig in den Hintergrund getreten. [...] Wahrscheinlich könnte man es vereinfacht so ausdrücken, daß britische Kommunisten über ein Jahr lang am Rande des politischen Äquivalents zu einem kollektiven Nervenzusammenbruch gelebt haben.“14

Anmerkungen

1) Für einen Überblick über die ungarische Geschichte der Zwischenkriegszeit vgl. István Deák: Historical Foundations. The Development of Hungary from 1918 until 1945, in: Klaus-Detlev Grothusen (Hrsg.): Ungarn. Südosteuropa-Handbuch Bd. V, Göttingen 1987, S.36-66

2) Margit Szöllösi-Janze: Die Pfeilkreuzlerbewegung in Ungarn. Historischer Kontext, Entwicklung und Herrschaft, München 1989

3) Christian Gerlach / Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden, Frankfurt/M. 2004

4) Agnes Heller / Ferenc Fehér / György Markus: Der sowjetische Weg. Bedürfnisdiktatur und entfremdeter Alltag, Hamburg 1986

5) Auf eine beeindruckend konzise Weise hat Sartre diesen Transformationsprozess analysiert. Vgl. Jean-Paul Sartre: Nach Budapest, in: Ders.: Plädoyer für die Intellektuellen, Interviews, Artikel, Reden 1950-1973, Reinbek 1995, S.22-39

6) Francois Fejtö: Die Geschichte der Volksdemokratien. Band 1: Die Ära Stalin 1945-1953, Graz 1972

7) Die Geheimrede wurde den Parteimitgliedern erst 1983 für den internen Gebrauch zugänglich gemacht. Auszüge werden zitiert in der sorgfältigen Monographie von György Litván / János M. Bak (Hrsg.): Die Ungarische Revolution 1956. Reform – Aufstand – Vergeltung, Wien 1994, S.36f.

8) Eine große Anzahl noch heute sehr lesenswerter Zeitungsartikel über Stalinismus und Entstalinisierung findet sich in Isaac Deutscher: Zwischen den Blöcken. Der Westen und die UdSSR nach Stalin, Hamburg 1982

9) Vgl. die Sammlung von Dokumenten und Analysen in Roy Medwedew u.a. (Hrsg.): Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt/M. 1977, S.98-164

10) Eine für die stalinistische Sicht der Dinge typische Schrift ist Eva Priester: Was war in Ungarn wirklich los? Bericht einer Augenzeugin, Berlin (DDR) 1957. Indes mochte sich nicht einmal der Korrespondent des britischen KP-Organs Daily Worker dieser Lesart der Ereignisse anschließen. Vgl: Peter Fryer: Ungarische Tragödie, Köln 1957

11) Georg Lukács hat den Anteil der Rákosisten an der ungarischen Bevölkerung großzügig auf 5 Prozent geschätzt. Seine Schülerin Agnes Heller kam in einer etwas kühleren Schätzung gerade einmal auf 1 Prozent.

12) Für die Entwicklung und Resultate der Arbeiterkämpfe vgl. Bill Lomax: Hungary 1956, London 1976

13) Miklós Haraszti: Der Stücklohn, Westberlin 1975.

14) Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, München 2003, S.239


Malte Meyer lebt in Köln und arbeitet an einer Dissertation zu den Perspektiven des Widerstands gegen Prekarität. Der vorliegende Text diente als Vorbereitung auf eine Veranstaltung, die der Autor zusammen mit Peter Scheiffele, Christian Frings und Felix Klopotek Mitte November 2006 in Köln organisiert hat.

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