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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Praktikums-Praxis

15.03.2007: 40 Prozent Praktika nach dem Examen - die Hälfte unbezahlt

  
 

Forum Wissenschaft 1/2007

Die Zahl der HochschulabsolventInnen, die nach dem Studienabschluss ein oder mehrere Praktika machen, legte in den vergangenen Jahren deutlich auf 37 Prozent zu; elf Prozent schließen sogar noch ein zweites an, statt in reguläre Berufstätigkeit übergehen zu können, so die Ergebnisse einer im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung und der DGB-Jugend an der FU Berlin, Arbeitsbereich Absolventenforschung (AAF), erstellten Untersuchung. Die Hälfte von ihnen erbringt die Leistung ohne jedes Entgelt. Stark betroffen sind Frauen: 44 Prozent absolvieren nach dem Abschluss mindestens ein Praktikum, von den Männern 23 Prozent. Frauen leisten deutlich häufiger als sie zwei Praktika ab, und ausschließlich Frauen mehr als zwei. Die Häufigkeit von Praktika nach dem Examen hängt u.a. von der Studienrichtung ab; überdurchschnittlich verbreitet sind sie bei AbsolventInnen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Fächer.

„Praktika nach dem Studium sind zu einer Form der Übergangsarbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen geworden“, resümieren Dr. Dieter Grühn und Heidemarie Hecht, die die Studie erarbeiteten. Sie befragten dafür über 500 junge Frauen und Männer, die im Wintersemester 2002/2003 in Berlin und Nordrhein-Westfalen ihr Studium abgeschlossen hatten. Die Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ, erlaubt aber erstmals auf breiterer Datenbasis Aussagen darüber, wie oft, wie lange und unter welchen Bedingungen HochschulabsolventInnen in Praktika arbeiten und wie ihr Einstieg ins Berufsleben aussieht. Demnach hat die Sucharbeitslosigkeit beim Übergang in das Beschäftigungssystem zugenommen. Schon der Vergleich zwischen Berliner AbsolventInnen des Wintersemesters 2002/2003 und denen von 2000 zeigt: Die Quote der Diplomierten oder Magister in Praktika stieg um 16 Prozentpunkte. PraktikantInnen finden sich vor allem in Medien, Kultur und außerschulischer Bildung, seltener in Industrie, Banken oder Handel. Ihre Aufenthalte sind keine Stippvisiten: Die mittlere Dauer eines bezahlten Praktikums beträgt sechs Monate. Unbezahlte Praktika sind im Schnitt fünf Monate kürzer; jedes vierte aber erstreckt sich über mehr als ein halbes Jahr.

Mehr als ein Drittel der befragten AbsolventInnen erhielt in dem bzw. einem der Praktika ein Beschäftigungsangebot; in etwa fünf Prozent aller Fälle wurde eine Zusage jedoch nicht eingehalten. Während der Praktikumszeit kann nur ein kleiner Teil der AbsolventInnen davon leben: Die durchschnittliche Entlohnung bezahlter Praktika (52 Prozent) liegt bei etwa 600 Euro. Frauen erhalten mit 543 Euro im Schnitt deutlich weniger als Männer (741 Euro). Die Vergütung für Geistes- und Kulturwissenschaftler- sowie JuristInnen ist niedriger als die für Natur- und Wirtschaftswissenschaftler. „Die Zeit der Praktika muss also – auch bei den bezahlten [...] – finanziell überbrückt werden“, so Grühn und Hecht. Knapp zwei Drittel der AbsolventInnen bitten ihre Eltern um Unterstützung, 40 Prozent müssen zusätzlich jobben.

Zur Frage, ob das Praktikum eher dem Lernen und beruflichen Fortkommen diente oder dem Arbeitgeber im Sinn einer kostengünstigen Arbeitskraft, gibt die Hälfte der AbsolventInnen an, Lernen und Fortkommen habe im Vordergrund gestanden. Nach Erfahrungen in Industrie, Handel, Banken und Versicherungen sagen zwei Drittel dies. Ein Viertel aller Befragten fühlte sich primär als billige Arbeitskraft. Zugleich spricht einiges dafür, dass Betriebe, Redaktionen und Kultureinrichtungen sich auf das Angebot gut ausgebildeter AnbieterInnen eingestellt haben und mit diesem „Probearbeitsmarkt“ regelrecht kalkulieren; jedenfalls bemerkte jede/r zweite Befragte, die Ergebnisse ihrer Arbeit seien im Betriebsverlauf „fest eingeplant“ gewesen. Jede/r Dritte berichtete von Stress und Überstunden. Richtig genervt ist etwa jede/r Zehnte: „Die vielen Praktika haben mich frustriert, ich hatte aber keine Alternative.“

Das Gros dieser Berufstätigen im Wartestand akzeptiere den prekären Status, weil es auf Orientierung und zusätzliche Qualifizierung hoffe. Die relative Gelassenheit der Mehrheit „mag einer resignativen Anpassung an die Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt geschuldet sein.“ Dabei spiele sicherlich eine Rolle, dass HochschulabgängerInnen die noch größeren Probleme anderer Qualifikationsgruppen bekannt sind. „Sie wissen, dass immer noch deutlich gilt: Studieren lohnt sich“, so Gruehn und Hecht.

Dreieinhalb Jahre nach dem Studienabschluss sind unter den Befragten vier Prozent arbeitslos, 16 Prozent arbeiten als FreiberuflerInnen oder Selbstständige, drei Viertel sind abhängig beschäftigt. Über 90 Prozent sagen, dass sie sich wieder für ein Studium entscheiden würden. Allerdings würden sich etwa 40 Prozent nun in einem anderen Fach einschreiben.

Originaltext unter www.boeckler.de/pdf/fof_praktikum_2007.pdf.

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