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Klaus Holzkamp

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Gefühlsechte Menschelei

15.03.2007: Filmische Vergangenheitsbewältigungen?

  
 

Forum Wissenschaft 1/2007

Eben wird ein schwacher Abklatsch von ‚The Great Dictator‘ zum Blockbuster, da ist ein anderer Film zur Nazizeit noch nicht verdaut, ein weiterer, zur DDR-Vergangenheit, ragt eher wegen einer Schauspielerleistung noch hervor. Meinhardt Creydt kratzt an der Schale, die die beiden geschichtlichen Vergangenheiten und die Dialektik menschlichen Verhaltens in und mit ihnen verhüllt, und zeigt den Kern.

Beide Filme beziehen sich nicht allein auf die Aufarbeitung von für die Gegenwart zentralen Vergangenheiten, sondern werfen ein Licht auf die gegenwärtige Existenz selbst. Der mehrfach preisgekrönte Film ‚Das Leben der anderen‘ ist ein gutes Beispiel dafür, wie politisch-gesellschaftliche Materien zur Staffage oder Kulisse für Gefühlsfilmtheater verkehrt werden. Dafür sind interessante, ganz menschlich-allzumenschliche Bekehrungen jenseits jeder Realität zu inszenieren wie die des Stasioffiziers, der vom Saulus zum Paulus mutiert. Die prosaische DDR-Realität muss dafür verharmlost werden, als habe das Bespitzelungssystem nicht gerade deshalb funktioniert, „weil es eine umfassende Kontrolle auch der eigenen Leute gegeben habe, weshalb ein ‚Fall Wiesler‘ (des zur praktischen Läuterung findenden Stasioffiziers; Verf.) weder bekannt geworden noch vorstellbar sei“.1 Die Karthasis des Stasi-Offiziers Wiesler ist eine „rein menschliche“ Angelegenheit. Sie resultiert einerseits aus der Schwächung seiner Amtsidentität, ist doch der Grund seiner Überwachungstätigkeit ein rein persönliches Anliegen des als fieser Bonze sofort ersichtlichen Ministers (Ausschaltung von Dreymann, um sich den Zugriff auf dessen Frau zu sichern). Das Hauptmotiv der rührenden Wandlung Wieslers von der Stasimarionette zum Menschen mit Herz, also zum guten Menschen, betrifft seine von allen sonstigen sozial-inhaltlichen Kontexten getrennten Emotionen. Die Kraft der Stasi-Ideologien, die ohnehin nicht in ihren immanenten Stärken dargestellt und ernst genommen werden, schmilzt wie Eis unter der Sonne. Der Mann wächst inmitten seiner Überwachungsapparate in dem kargen Bodenraum oberhalb der gemütlich-interessant-lebendigen Dichterwohnung über sich selbst hinaus. Triebkräfte dieser Läuterung sind der Kontrast seiner Einsamkeit zu den „guten Menschen“ in dieser Wohnung und der Kontrast seiner menschlichen Isolation zur herzlichen Beziehung zwischen Dreymann und seiner Frau (s. als überdeutliches Gegenbild dazu der Besuch der Prostituierten in der Wohnung Wieslers). Es ist die List des menschlichen Lebens, die dem Stasibeobachter das ‚Leben der anderen‘ so vorführt, dass er die Armut seines eigenen zunächst im Kontrast und dann in angedeuteter Katharsis erleben muss. Der Held aktiviert so etwas wie ein listiges Herz, mit dem er nun die Überwachung unterläuft, und entfaltet Humor im Erfinden eines Theaterstückes, das Dreymann gar nicht verfasst, um von dessen eigentlicher Tätigkeit (einem Spiegel-Artikel) abzulenken. Es entsteht bei Wiesler der „rein menschlich“ wirkende Eindruck oder die Ahnung einer Bekehrung, über die er nicht spricht, die er für sich behält und die sich nur indirekt aus der Abwandlung und Subversion seines Überwachungsauftrags erschließen lässt. „Das Melodram kann sich nur im privaten Bereich entfalten, weil es nur zwei Triebkräfte im Menschen kennt. Eifersucht und Liebe. Damit die Liebe auf Widerstände stoßen kann, braucht es ein gesellschaftliches oder geschichtliches Konfliktumfeld, und das kann die Naziherrschaft ebenso gut sein wie Stasiland oder der amerikanische Bürgerkrieg. Politische Beweggründe sind in den Gesprächen dieses Films auch nur in ganz abstrakter Form präsent“.2 Tatsächlich geht es darum, dass der Zuschauer, der als nichts anderes denn als Mensch mit allzumenschlich-ewiggleichen Gefühlen gefasst wird, sich mit ebensolchen Menschen, aber reiner, stärker und aufregender dargestellten Kunstfiguren, identifizieren soll. Kein Zufall ist so, dass das Motiv des jeden sozialen, historischen und sonstigen Kontextes enthobenen und über ihn erhabenen „guten Menschen“ den Film durchzieht: im Musikstück „Die Sonate vom Guten Menschen“, im Titel von Dreymanns Roman nach dem Ende der DDR, das der ehemalige Stasioffizier im Buchladen sieht, in dem ebenfalls die Formulierung des guten Menschen vorkommt, und im Satz von Dreymanns Frau Christa zu Wiesler: „Sie sind ein guter Mensch.“ ‚Das Leben der anderen‘ kann derart als Beispiel für jene Filme gelten, die geschichtliche Stoffe so aufbereiten, dass sich der Zuschauer ins Objekt der Darstellung nur allzu gut einzufühlen vermag, treffen sich doch Zuschauer und Objekt in einer Mitte, die aus der imaginären Welt der Gefühle abstrakter Individuen besteht, die nicht ihr In-der-gesellschaftlichen-Welt-Sein sich vergegenwärtigen, sondern sich nurmehr „menschlich-allzumenschlich“ auffassen.

„Gesunder Menschenverstand“

Andere Filme finden umgekehrt im Nichtgelingen der Einfühlung ihren Stoff. Der Film ‚Der Untergang‘ stellt Hitlers Phantastereien von einer zu seinen Gunsten entscheidenden Kriegswende im Frühjahr 1945 einesteils als psychopathologische Realitätsblindheit und Unzurechnungsfähigkeit dar. Zwar zitiert der Film eher pflichtschuldig auch Nazi-Ideologeme. Sie kommen aber nur als Schlagworte vor. Die Fremdheit des Zuschauers zur Materie erfährt durch die ihres ideologischen Hintergrundes beraubten und schon dadurch als absurd anmutenden Parolen Bestätigung und Verstärkung. Hitlers Scheinwelt wird nicht als Radikalisierung und Verwilderung von Momenten des Scheins verstanden, die in und aus der gesellschaftlichen Realität entstehen und sich unter besonderen Bedingungen gegen sie wenden. Die Subjektivität(en) und Lebensweise(n) in modernen kapitalistischen Gesellschaften ermöglichen und fördern latent eine Verselbstständigung des Scheins. Die Existenz der Menschen als Arbeitsteilchen und als den Kompetenzen und Verheißungen der reklametüchtigen Produzenten und Zirkulationsagenten unterlegene Konsumenten, die individuelle und massenhafte Subalternität gegenüber einem Überhang gesellschaftlicher Objektivität und die dazu passenden Ideologeme – all dies mindert den Sinn für die gesellschaftliche Realität3 und gewöhnt an Mystifikationen. Darüber hinaus fordert die Subjektform, die den Individuen die Dreieinigkeit von Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstbeschuldigung inmitten der den Individuen gegenüber verselbstständigten Verhältnisse auferlegt, positive Illusionen und selbstwertdienliche Beschönigungen in eigener, privatindividueller Sache heraus. Sie sollen den Übergang abwenden vom mangelnden Erfolg in der Welt zu dessen Interpretation als Versagen des Subjekts. Die untereinander schwer übersetzbaren und sich gegenseitig nicht komplettierenden, in der Arbeitsteilung entstehenden Sonderperspektiven und die individuellen selbstwertdienlichen Konstruktionen führen zu einem verwirrenden Perspektivismus. Viele Sphären der (hier weit verstandenen) Kultur verkehren die Not zur Tugend und orientieren auf eine Abwertung der Realität4 und eine komplementäre Aufwertung imaginärer Wunscherfüllung sowie des Genusses an Traum und Fiktion.

Kapitalismus-, moderne-, und subjektivitätsspezifische Varianten des Scheins lassen sich nicht mit Trug oder Täuschung gleichsetzen und an den ‚EURheiten‘ des Alltagsverstandes oder der Wissenschaften messen. Aus kapitalistischen und modernen Realitäten und auf beiden gründenden subjektivitätskonstitutiven Wirklichkeiten gehen vielmehr Fiktionen hervor, die eine eigene Produktivität entfalten und mit ihr eine imaginäre Existenz der Individuen in einer zweiten Realität ermöglichen, in der die Individuen sich von den für ihre Existenz maßgeblichen Strukturen des Erwerbs- und Geschäftslebens unabhängig oder über sie erhaben vorkommen können. Unterschiedliche Theorieansätze thematisieren die Materialität des Scheins und die Realität der Fiktionen.5

Die für weite Teile der deutschen Bevölkerung Ende der 20er Jahre nahe liegende Verarbeitung der Konstellation von Ereignissen und Erfahrungen nach 19146 radikalisiert die in allen modernen kapitalistischen Gesellschaften angelegte Verselbstständigung des Subjektiven und Ideologischen von einer von der Realität bloß subjektiv emanzipierten Existenz zu einem sich schlussendlich gegen die Objektivität wendenden Voluntarismus. In ihm verschwindet idealiter die Koexistenz von Objektivität und (ihr subjektiv enthobener) Subjektivität zugunsten einer nicht nur imaginären, sondern faktisch ins Werk gesetzten Modellierung der Objektivität nach nurmehr subjektiven Vorstellungen – ‚Triumph des Willens‘. Die Anomisierung der deutschen Gesellschaft durch Weltkrieg, Revolutions- und Bürgerkriegswirren, Hungerjahre, Inflation usw. förderte magische und voluntaristische Bewußtseins- und Mentalitätsformen: Es „bestand in großen Teilen der Bevölkerung keine erlebte, reale Zeitperspektive mehr. Es reihten sich in der Zeit nur noch Knoten von Abhängigkeiten, die vielleicht der deus ex machina zerschlagen konnte; aufzulösen waren sie nur in der Illusion, privatistisch, in einer Grundstimmung seelischer Irrealität.“ Notwendig schien eine totale Veränderung ohne viel Rechenschaft über die Gegebenheiten. Deren imaginäre Überwindung war das Ziel. Atmosphärisch konnte dies nur der NS bieten mit einem „quasi-revolutionären Sprung aus der Zeit, aus der Fessel der Zeit“, der mit Ökonomie oder Menschenwerk weniger zu tun hatte, eher mit Erscheinungen „reineren Ursprung(s)..., z.B. das biologische Kraftvolumen des Volkes“ betreffend.7 Diesen Voluntarismus thematisiert der Film nicht als auf die Beschaffenheit des gesellschaftlichen (und dadurch vermittelt: individuellen) In-der-Welt-Seins verweisendes Resultat, sondern einerseits als psychische Unmittelbarkeit Hitlers und andererseits als in seiner Konstitution unverständlichen und insofern allein auf sich selbst verweisenden ideologischen Irrwitz. ‚Der Untergang‘ legt kopfschüttelnde Reaktionen auf Hitlers „Phantastereien“ nahe, insofern er sich auf die wohlfeile Skandalisierung des Gegensatzes zwischen Fiktion und Realität fokussiert, ohne die Realitätsverleugnung als aus und in jener Realität konstituiert auffassen zu können, gegen die sie sich wendet. In der Ignoranz gegenüber der Geburt des Scheins und seiner realitätsblinden Verselbstständigung aus dem Geist der Realität treffen sich so der im Film vorgeführte Hitler und die FilmzuschauerInnen. Hitler empört sich von der Position des Scheins aus über die diesem Schein nicht willfährige Realität. Die ZuschauerInnen empören sich vom Standpunkt der Realität aus gegen Hitlers Verwilderung des Scheins und schreiben der Realität harmloserweise zu, sie habe mit dem Schein nichts anderes zu tun, als dass dieser die Realität verkenne und sich rein negativ zu ihr verhalte. Der Untergang der Insassen des Bunkers gerät so zum Anlass für eine Mobilisierung negativer Gefühle des „gesunden Menschenverstandes“ gegen eine als endogen verselbstständigt, d.h. als uneinfühlbar erscheinende Schein-Welt. Die kritische Attitüde, die den ZuschauerInnen ermöglicht wird, schnurrt darauf zusammen, dass sie ihre Gefühls- und Fiktionswelt in der Hitlers nicht wieder erkennen, zwischen beiden einen extremen Gegensatz empfinden und Hitler ihnen auch insofern als eine Art Un- oder gar Untermensch gilt.

Gefühl als solches

Dem Vorhaben, die Welt aus der Perspektive des von der Vergegenwärtigung seines gesellschaftlichen In-der-Welt-Seins losgelösten und insofern abstrakten Menschen aus dessen dann nurmehr selbstbezüglichem Maßstab „menschlich-allzumenschlich“ wahrzunehmen, ist die bloße Abwesenheit des Menschen auf der Objektseite fremd. Individuen, die sich nur als abstrakte Menschen auffassen, drängen darauf, ihr Ein und Alles, diese Menschlichkeit, überall aufzufinden. Selbst und gerade der Film ‚Der Untergang‘ zeigt dann neben dem „unmenschlichen“ Hitler auch einen nicht unsympathisch wirkenden Hitler. Er führt vor, wie Hitler Eva Brauns Schwager Fegelein am 28.4.45 nach einem Fluchtversuch erschießen lässt und wie Hitler seine Eva Braun zärtlich küsst und sich die Goebbelskinder auf „Onkel Hitler“ freuen. Zwar sind dessen Vorhaben fehlgeschlagen, aber irgendwie scheint er für den Zuschauer nur dieses Films doch immerhin große Vorhaben gehabt zu haben. Latent liegt der Rückschluss nah vom großen Scheitern auf ein großes Irren, das zwar Irren, aber wohl immerhin groß gewesen sei. Hitler mag der Filmdarstellung zufolge wohl als Choleriker gelten, aber es geht ihm ja nun, dies wird dem Zuschauer deutlich vorgeführt, schon gesundheitlich auch wirklich nicht gut – und wem sei das in seinen letzten Tagen schon zu gönnen. Außerdem behält Hitler, so der Eindruck der ZuschauerInnen, trotz aller Fehlschläge Fassung und ist „als Mensch“ gut zu seinen Sekretärinnen, mit denen er noch zum Schluss bei allen sonstigen Verstiegenheiten ganz <V>‚<^*>unabgehoben‘ gemeinsam tafelt. Er zeigt dabei seltsam altertümlich-anrührend „Haltung“, während andere sich – dem Film zufolge – dem Trunk oder dem Weib hingeben oder beiden. Das bloße Wissen um die realen Effekte von Hitlers Politik verblasst vor der Einfühlung „von Mensch zu Mensch“: Als Mensch wirkt Hitler bei allen menschlich-allzumenschlichen Macken doch im Film gerade auch in seinem Scheitern mitleiderheischend, gerade weil er auf sein Menschsein jenseits jeden Inhalts seiner Betätigungen, auf seine Gesundheit, sein jammervolles Hausen im Bunker usw. reduziert erscheint, da der Film allein seine letzten Tage fokussiert. Und wer möchte schon über Tote schlecht reden, wenn sie vorher wie Hitler vorrangig als Menschen gezeigt worden waren, als armselig scheiternde Kreaturen, die es schon schwer genug haben (Parkinson! Das Weglaufen der früheren Weggefährten! Daueraufenthalt im Bunker!)?

Insgesamt sind für den Film Umformungen des Realobjekts Hitler in ein allen Menschen gemeinsames fiktives Wesen charakteristisch. Hitler wird in die Gemeinsamkeit mit allen anderen Menschen in ihren von jeder inhaltlichen Bestimmtheit gereinigten seelischen Höhen und Tiefen, in ihrem Versagen und Glücken aufgelöst, und die Hinweise auf seine Ideologien und die von ihm maßgeblich vorangetriebenen massenmörderischen Taten dementieren diese menschliche Einfühlung nicht, heben sie nicht auf, sondern schränken sie allenfalls ein. Was bleibt, ist ein Sowohl-als-Auch. Es resultiert daraus eine seltsame Koexistenz verschiedener Perspektiven. Der angeblich als Person bislang dämonisierte Hitler wird nun vermeintlich „ganz privat“ gezeigt – so auch in dem Buch von Traudl Junge –, und diese Perspektive kann nicht anders, als die politische Perspektive zu relativieren. „Lustig, Freundchen, hilf mir lachen, / Du bist elend, so wie ich. / Alle sind die Brut des Drachen, / Drum ist keiner fürchterlich.“8 Hitler erscheint eben auch als ein Mensch wie jeder andere. Die empirische Meinungsforschung stellte unter Jugendlichen, die den Film ‚Der Untergang‘ gesehen hatten, weniger negative Emotionen und Einstellungen gegenüber Nazideutschland fest als unter Altersgenossen, die den Film nicht kannten.9

Der Entfaltung von Empfindungen und Gefühlen, die von ihrem bestimmten Inhalt in der menschlich-sozialen-gesellschaftlichen Welt absehen, entspricht mit der gleichen Ausblendung komplementär das „human interest“ für dann abstrakt gefasste Menschen. Eine ganze Legion von Zeitschriften (von „Bunte“ bis „Gala“) und TV-Angeboten lebt davon. Die Reduktion der Menschen in ihrem In-der-Welt-Sein auf ihre abstrakten Empfindungen und Gefühle entspricht einer Fassung der Menschen als bloße Menschenkinder, als Unterfälle der allgemeinen Gattung Mensch. Die für die Vergegenwärtigung des Seins der Individuen in der Welt notwendige Dezentrierung wird von sinnverstehendem Einfühlen unterlaufen, das die auf individuelle oder kollektive Subjektivitäten irreduziblen gesellschaftlichen Strukturen10 dethematisiert. Motivbildend ist hier eine Verknüpfung, die den Protest gegen die Macht der abstrakten Objektivität über die Individuen zu seinem Schaden einmünden lässt in die Perspektive, die Individuen in ihrer unmittelbar vorfindlichen Subjektivität zu bestärken und insofern Gefühle als solche wertzuschätzen. Der Rückgriff auf den Humanismus der Menschenrechte11 und der Rückgriff auf „das Gefühl“ als das vermeintlich Menschliche am Menschen konvergieren in der für sie wesentlichen Abstraktion von den für sie konstitutiven gesellschaftlichen Verhältnissen und im Schein autonomer Wesenheiten (Mensch und Gefühl), die die menschliche Existenz normativ orientieren.

Wie in der Welt sein?

Die Abstraktion vom Inhalt der Empfindungen und Gefühle, von der in ihnen enthaltenen Vergegenwärtigung des Seins in der Welt, lädt dazu ein, das Individuum allein als Träger von Empfindungen und Gefühlen zu fassen, also es von den dann abstrakt gefassten Empfindungen und Gefühlen her zu definieren, sodann diese als Substanz und Inbegriff des Menschen auszumachen. Mensch sein, das heißt dann: aus dem Stoff gemacht sein, aus dem „Menschliches“ überhaupt zu leben beginnt – aus abstrakten Empfindungen und Gefühlen. Damit entsteht auch eine „allgemeinmenschliche“ Gemeinverständlichkeit, in der jenseits aller Bestimmtheit von Geschichte, gesellschaftlicher Erfahrungsverarbeitung und gesellschaftlicher Objektivität usw. die Einfühlung von Mensch zu Mensch sich in den abstrakten Empfindungen und Gefühlen herumtreibt und aus ihnen selbst tautologisch ‚versteht‘. Grundlage ist ein gesellschaftliches In-der-Welt-Sein, das sich strikt teilt in die Außenwelt der Existenzbedingungen, also das Geschäfts- und Erwerbs‚leben‘ einerseits, und das vermeintlich wahre Leben in der Entfaltung der Subjektivität in Zwischenmenschlichkeit und weit verstandener Kultur als Selbstzweck andererseits.12

Gegen die Kultivierung von Schein und abstrakten Empfindungen und Gefühlen helfen keine Sonderschichten in Sachen Aufklärung, sondern solche gesellschaftlichen Verhältnisse, die eine für die Moderne konstitutive Kernspaltung zwischen instrumentell-objektivistischer Ratio und der Stilisierung von Gefühlen zum Ausweis und Inhalt tiefer Menschlichkeit unnötig machen. Versöhnungsversuche auf der Ebene der hypostasierten Resultate (‚Herz‘, ‚Bauch‘ und ‚Kopf‘) eröffnen eine Bewegungsform innerhalb der Problematik, der unendlichen gegenseitigen Bestätigung bzw. Verneinung in der Dichotomie, nicht aber deren Überwindung.

Anmerkungen

1) Giesenfeld, Günter: Staatskunst. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 2006, H. 5, S.548.

2) Ebda.

3) Vgl. a. Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Tübingen 1950, S.414f.

4) Dies gilt nicht nur evidenterweise für die Traumfabriken, sondern auch für die E-Kultur: Der Kunst schreibt Gehlen, dessen Buch über moderne Malerei (Zeitbilder, Frankfurt/Main1960) auch von seinen politischen Gegnern geschätzt wird, seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Entschiedenheit der Abwendung von der Wirklichkeit („Realitätszweifel von objektiver Bedeutsamkeit“) zu und „eine Art ontologisches Misstrauensvotum“ (Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der modernen Gesellschaft. Hamburg 1957, S.51f.).

5) Vgl. Marx’ Analyse der „objektiven Gedankenformen“ (MEW 23, 90), Nietzsches Theorie des Scheins, Boudons Soziologie modernespezifischer Positions- und Distanzeffekte, Günther Anders’ Überlegungen zum Bild als „Hauptkategorie“ und „Hauptverhängnis unseres heutigen Daseins“ (Die Antiquiertheit des Menschen. München, Bd.2,S.250), Baudrillards Simulationstheoreme. Vgl. kulturwissenschaftliche Analysen des Imaginären (s. z.B. Terry Eagleton: Ästhetik. Die Geschichte ihrer Ideologie. Stuttgart 1994), politologische Analysen von ‚Symbolpolitik‘, ethische Konzepte von regulativen Ideen, psychologische Theorien der Selbstwertstabilisierung, theologische Darstellungen des Glaubens nicht als „theoretische Annahme von etwas, das erkenntnismäßig zweifelhaft ist“, sondern als „existentielle Bejahung von etwas, das alle gegenständliche Erfahrung transzendiert. Er ist keine Meinung, sondern ein Zustand“ (Paul Tillich: Der Mut zum Sein. Stuttgart 1962, S.125).

6) Aus einem Vergleich mit anderen Nationen lässt sich mit der Besonderheit der Konstellation von Ereignissen und Erfahrungsverarbeitungen in Deutschland 1914ff. der Sieg des NS erklären, ohne auf einen ‚deutschen Sonderweg‘ vor 1914 rekurrieren zu müssen. Vgl. Meinhard Creydt: Sonderweg und Abweg. Zur Kritik einer deutschen Vergangenheitsbewältigung. In: Utopie kreativ, H. 127 2001.

7) Peter Brückner: Versuch uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären. Berlin 1978, S.74.

8) Karl Rosenkranz: Neue Studien, Bd. 4, Gedichte. Leipzig 1875, S.71

9) Vgl. die in der Zeitschrift für Medienpsychologie 4,2005 dargestellte Untersuchung von Wilhelm Ofmann, Anna Baumert und Manfred Schmitt.

10) Vgl. Meinhard Creydt: Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit. Frankfurt/M., S.217ff.

11) Vgl. zur Kritik Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1986, S.601ff.; Meinhard Creydt: Kriegsakzeptanz und Kosovokrieg. Eine Untersuchung der Argumentationsfiguren. In: Berliner Debatte Initial 11. Jg., H. 2, 2000. In der politischen Demokratie gilt „der Mensch, wie er durch die ganze Organisation unserer Gesellschaft verdorben, sich selbst verloren, veräußert, unter die Herrschaft unmenschlicher Verhältnisse und Elemente gegeben ist, ... als souveränes, als höchstes Wesen“ (MEW 1, 360).

12) Vgl. Creydt, Theorie, S.263-382. In dieser Entgegensetzung kann es zu einer imaginären Versubjektivierung des Objektiven (z.B. Subjektivierung der Arbeit) und zu einer Verobjektivierung des Subjektiven kommen. Letzteres ereignet sich bspw. im Ehevertrag oder in protoprofessionellen Thematisierungen, die dazu führen, dass von Beteiligten in erster Person quasi bauchrednerisch so gesprochen wird, als würden die jeweiligen Berater oder Psychotherapeuten über sie reden. Diese sekundären Vereinnahmungen des einen Pols durch den anderen stellen weder die zugrunde liegende Dichotomie der Pole selbst noch deren herrschende Asymmetrie bzw. Hierarchie in Frage, sondern setzen sie voraus.


Dr. Meinhard Creydt ist Diplom-Psychologe und Soziologe. Er lebt und arbeitet als Gesellschaftstheoretiker und Publizist in Berlin (www.meinhard-creydt.de/cms ).

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