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Klaus Holzkamp

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Die Gesichter der Armut

29.07.2011: Zu den Gründen, warum Kinder und Frauen - und oft auch Männer - arm sind

  
 

Forum Wissenschaft 2/2011

Die Statistiken über die sich ausbreitende Armut im Land sind durchaus im öffentlichen Bewusstsein. Die konkreten Auswirkungen von Armut werden jedoch weitgehend verdrängt. Gisela Notz gibt der Statistik ein Gesicht und fragt nach den Ursachen.

Die Angst vor Armut ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und macht auch vor AkademikerInnen nicht halt. Armut und Reichtum sind zwei Seiten einer Medaille der sozialen Ungleichheit. Besser als Bert Brecht kann man es auch heute nicht sagen: "Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland immer weiter auseinander. Das zeigt der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.1 "Die Mehrzahl der deutschen Bevölkerung lebt unter dem Lebensstandard, den das Wirtschaftswachstum ermöglicht hätte", betont auch der Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.2 Besonders betroffen sind BezieherInnen von Arbeitslosengeld II und Grundsicherung. Bei der Betrachtung der Armutsquoten nach Bundesländern springt der Ost-West-Unterschied ins Auge: Insgesamt sind die Menschen in den ostdeutschen Ländern ärmer.

Beide Berichte beanspruchen einen umfassenden Analyseansatz, der die Risiken für Armut und soziale Ausgrenzung in verschiedenen Lebenslagen beschreibt, und basieren auf dem Anspruch, dass ökonomische und soziale Teilhabe- und Verwirklichungschancen allen Mitgliedern der Gesellschaft zur Verfügung stehen sollten. Der Armuts- und Reichtumsbericht begreift Armut jedoch als ein individuelles Schicksal, indem er auf "Bewältigungskompetenzen" verweist. Er berücksichtigt nicht, dass der Sozialstaat die Infrastruktur zur Verfügung stellen müsste, die zur Bewältigung notwendig ist. Armut ist vor allem ein strukturelles Problem, aber das bleibt im Bericht der Bundesregierung unangetastet. Der Wandel von Wirtschaft und Beschäftigung wird wie ein unentrinnbares Schicksal, auf das man politisch gar nicht Einfluss nehmen kann, dargestellt. Die Zusammenhänge Armut, Geschlecht, ethnische Herkunft und Familienform bleiben weitgehend unberücksichtigt. Die Armutsrisikoquote liegt nach dem 3. Bericht zwischen 13 und 18%, je nach Erhebung.3 Frauen sind es, die in den Risikogruppen nicht nur überproportional anzutreffen sind (14,5% gegenüber 11,4% Männer), sondern sie sind es auch meist, die in den Familien mit dem wenigen Geld wirtschaften müssen.

Hinter den statistischen Zahlen über das Ausmaß der Armut in Deutschland stehen viele Einzelschicksale: Kindergesichter, junge Gesichter, alte Gesichter, schwarze und weiße Gesichter, Männer- und Frauengesichter.

Kinder und Jugendliche

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt ein deutlich höheres Armutsrisiko. Je nach Berechnung leben 15 bis über 18% der Kinder in Deutschland in Armut und ihre Zahl nimmt ständig zu.4 Diese Tatsache wird zu Recht skandalisiert. Kinder sind jedoch arm, weil die Eltern erwerbslos sind oder zu den working poor gehören. Je höher die Armut in einem Bundesland ist, desto überproportional höher ist die Kinderarmut im Verhältnis zum Landesdurchschnitt.

Seit 1995 geht die Zahl der offenen Lehrstellen kontinuierlich zurück. Obwohl junge Frauen gleich gute und bessere Schulabschlüsse als Jungen haben, treffen sie auf größere Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche. Auch wenn Erwerbslosigkeit nicht grundsätzlich mit Bildungsdefiziten verknüpft ist, sind es doch die ›Geringqualifizierten‹, die besonders betroffen sind. Im Jahre 2007 waren in Deutschland 17,7% der 25- bis 64jährigen Erwerbspersonen ohne Berufsausbildung erwerbslos, aber nur 3,7% derjenigen, die einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss vorweisen konnten.5 Der Zusammenhang zwischen Erwerbslosenquote und Bildungsniveau ist bei jungen Frauen stärker ausgeprägt als bei jungen Männern. Besonders benachteiligt bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind Jugendliche mit Migrationshintergrund. 31% dieser Jugendlichen blieben im Jahre 2006 ohne abgeschlossene Berufsausbildung (Vergleich: Jugendliche ohne Migrationshintergrund 13%).6

Risiko Erwerbslosigkeit

Im Dezember 2010 waren etwa drei Millionen Menschen als erwerbslos registriert. Rechnet man die Dunkelziffer dazu, so fehlen mindestens sieben Millionen Erwerbsarbeitsplätze. Ältere Arbeitnehmerinnen sind besonders arm dran. Arbeitslos, über 40, weiblich war der Titel einer Broschüre aus Berlin, kurz nach der Wende.7 Wenn diese drei Stigmata zusammenfallen, stehen die Chancen auch heute schlecht. Besonders betroffen sind Frauen, die sich nach einer Familienphase oder nach Erwerbslosigkeit wieder ins Berufsleben eingliedern wollen. Selbst gut qualifizierte Menschen können arm werden. Das gilt für Facharbeiterinnen im ›Männerberuf‹, die aufgrund von Vorurteilen keinen entsprechenden Arbeitsplatz bekommen ebenso wie für HochschulabsolventInnen.

Erwerbslose haben ein wesentlich höheres Armutsrisiko (40,9%) gegenüber ArbeitnehmerInnen (7,1%).8 Frauen sind besonders in den neuen Bundesländern wesentlich stärker von Langzeiterwerbslosigkeit und damit öfter von Armut betroffen als Männer. Eine Entwertung von angesammelten Qualifikationen und Erfahrungen ist die Folge. Wenn der Partner genug verdient, oder ein entsprechendes Vermögen besitzt, bekommen erwerbslose Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft seit Inkrafttreten des ALG II (01.01.2005) wegen mangelnder Bedürftigkeit eine gekürzte oder keine Leistung. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Betroffen sind jedoch vor allem Frauen, die in Abhängigkeit von Partnern geraten, egal, ob sie verheiratet sind, oder nicht.

Frauen als Gratisarbeiterinnen

Frauen, die in der Familie oder im sozialen und kulturellen Ehrenamt Menschen, die sich nicht selbst helfen können, versorgen und pflegen, erhalten überhaupt keinen Lohn, sieht man einmal von völlig unzureichenden und für Männer unattraktiven Ersatzleistungen wie Eltern- und Pflegegeld ab. Nicht nur Kindererziehungszeiten sind Armutsfallen, sondern auch die Übernahme von Pflegeleistungen, weil sie dazu beitragen, Frauen zumindest vorübergehend aus dem Arbeitsmarkt auszuschließen. Das Ausmaß der Pflege, die zu Hause geleistet wird, übersteigt mit rund 70% bis 90% bei Weitem das Ausmaß der Pflege in Heimen. 80% aller pflegenden Angehörigen sind weiblich (Töchter, Schwiegertöchter, Ehefrauen und Mütter). Mit dem Pflegegeld können pflegende Angehörige oder FreundInnen bezahlt werden, wenn diese die notwendige Grundpflege und hauswirtschaftliche Tätigkeit übernehmen. Selbständig leben können sie von dieser ›Aufwandsentschädigung‹ nicht. Die Folge sind finanzielle Einbußen, schlechte soziale Absicherung - auch im Alter - und oft gesellschaftliche Isolation. Die Zahl der Männer, die ihren Beruf (vorübergehend) aufgeben, um solche Pflegeleistungen zu erbringen, dürfte die der Elternzeitväter noch unterschreiten. Durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz vom März 2008 können Menschen eine Arbeitsfreistellung bis zu zehn Tagen bei kurzfristiger und akut auftretender Pflege beim Arbeitgeber beantragen. Bei Dauerpflege haben sie einen Anspruch auf Pflegezeiten bis zu sechs Monaten. Während dieser Zeit besteht Kündigungsschutz, jedoch keine Arbeitsplatzgarantie. Je länger die Unterbrechungszeiten ausgedehnt werden, desto weniger Chancen bestehen, in eine existenzsichernde befriedigende Berufsarbeit zurückzukehren.

Atypische Beschäftigung

Der Wandel der Arbeitsverhältnisse hin zu ungesicherten, befristeten, geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, die keine existenzsichernde Entlohnung bieten, ist die Kehrseite der im dritten Armutsbericht der Bundesregierung genannten Trendwende am Arbeitsmarkt. Der Bericht zeigt, dass die Zahl derjenigen, die einer Erwerbsarbeit nachgehen und trotzdem von Armut bedroht sind mit 36,4% im Jahr 2005 sehr hoch ist und tendenziell größer wird. Der Zuwachs der Frauenbeschäftigung in den letzten Jahren ist fast ausschließlich auf Teilzeitarbeit, Ein-Euro-Jobs, Mini-Jobs und Solo-Selbständigkeit zurückzuführen. Um Haus- und Sorgearbeiten und Berufsarbeit zu vereinbaren, etwa weil Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht zur Verfügung stehen oder weil ihnen in ihrem Beruf kein Vollzeitarbeitsplatz angeboten wird, nehmen vor allem Frauen Arbeitsverhältnisse mit kürzeren Arbeitszeiten in Kauf und sind damit erhöhten Armutsrisiken ausgesetzt. Durch die Hartz-Gesetze hat sich die prekäre Beschäftigung und damit der Niedriglohnsektor weiter erheblich ausgebreitet. Da (fast) jede Arbeit als zumutbar gilt, müssen ALG II BezieherInnen auch Mini-Jobs oder 1-Euro-Jobs annehmen, die bestenfalls zum ›Zuverdienen‹ geeignet sind. Gleichzeitig mit dem Ansteigen der Minijobs hat sich die Zahl der voll sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze verringert.

Erwerbslose werden immer wieder aufgefordert, private Initiative zu entwickeln und sich selbständig zu machen. Oft sind diese selbständigen Kleinst-UnternehmerInnen dann arm dran, weil sie kein existenzsicherndes Einkommen erwirtschaften. Frauenbetriebe arbeiten meist mit geringem Kapitaleinsatz und Jahresumsatz, weit überwiegend im Dienstleistungsbereich und im Handel. Dennoch wird EU-weit immer wieder an ihren ›Unternehmergeist‹ appelliert. So sollen sie ihre Beschäftigungs- und Versorgungsperspektiven eigenständig regeln. Viele selbständige Frauen bleiben abhängig vom ›Haupternährer‹ und sind auch im Alter arm. So geht es auch vielen ›mithelfenden Familienangehörigen‹. Frauen im Handwerk und in der Landwirtschaft problematisieren diese Situation seit Langem.

Dort, wo Frauen arbeiten, verdienen sie selbst auf gut bezahlten Arbeitsplätzen durchschnittlich etwa 25% weniger als Männer, selbst dann, wenn sie die gleichen Arbeitszeiten und beruflichen Positionen inne haben. Die seit Beginn der Industrialisierung andauernde Niedrigbewertung der Frauenarbeit hat sich bis heute kaum verändert, nach der Wiedervereinigung hat sie sich sogar verschlechtert. Hauptgrund der Diskriminierung ist, dass auch gut ausgebildete Frauen immer noch als ›Zuverdienerinnen‹ angesehen werden. Das trifft auch Frauen, die niemals Ehefrau waren oder werden wollen. Zudem sind Frauen oft in den unteren Lohngruppen zu finden und arbeiten in den Branchen, die Niedriglöhne zahlen. Selbst viele vollzeitarbeitende Frauen können von ihrem Lohn nicht leben. 70% der ArbeitnehmerInnen mit Niedriglöhnen sind weiblich.9

Untypische Familienverhältnisse

Obwohl Menschen heute angeblich aus einer Vielzahl von Lebensformen auswählen können, führt ein Abweichen von der ›Normalbiographie‹, zu der Ehe und festgelegte Geschlechtsrollen gehören, oft zu Armut. Geschiedene und alleinlebende Frauen sind weit eher von Armut betroffen als ›Familienfrauen‹ und haben auch im Alter keine besseren Aussichten. Eine Umgestaltung des Ehegattensplittings, dessen Kosten durch entgangene Steuereinnahmen das deutsche Institut der Wirtschaft mit 1,5 Mrd. Euro veranschlagt und das alleine den Tatbestand der Ehe und vor allem allein verdienende Ehemänner subventioniert, steht nicht auf der Agenda der Regierungsparteien. Die Hälfte dieser Summe kommt den zehn Prozent der Familien zugute, die sich im obersten Einkommensbereich bewegen. Angesichts der emotional geführten Diskussion um den ›Geburtenrückgang‹ scheint das Elterngeld der Bundesregierung ein Schritt, die besser Verdienenden ins ›Kinderboot‹ zu holen, den Armen hilft das nicht. Ebenso wenig wie die für 2013 in Aussicht gestellten 150 Euro Betreuungsgeld.

Der dritte Armutsbericht berücksichtigt kaum, dass allein erziehende Frauen überdurchschnittlich arm dran sind, auch wenn sich diese mit Recht dagegen wehren, per se als arme Frauen zu gelten. Viele haben diese Lebensform selbst gewählt. Allein erziehende Frauen in den neuen Bundesländern sind eine der am stärksten von Erwerbslosigkeit und Armut betroffenen Bevölkerungsgruppe in der BRD. Die Hälfte aller ›Einelternfamilien‹ hat monatlich weniger als 945 Euro zur Verfügung.10 60% der Kinder, die vom Sozialgeld leben, leben in Ein-Eltern-Familien, 85% bei der Mutter.

Unter ihnen ist die ärmste Gruppe diejenige mit Kindern unter drei Jahren. Sie nehmen die Elternzeit ebenso wie Verheiratete und können vom oft zu geringen Elterngeld nicht leben. Hinzu kommt, dass es nur maximal 14 Monate gezahlt wird und Kindertagesstättenplätze für unter dreijährige Kinder nur in geringem Ausmaß zur Verfügung stehen. Die meisten haben keinen ›Haupternährer‹ an der Seite. Ihre Alltagssituation ist gekennzeichnet vom Kampf ums Geld. Sie müssen ständig neue Anträge stellen, sich dauernd um neue Maßnahmen bemühen und sehen sich immer noch nicht vorhandenen Kindertagesstätten und Kindergartenplätzen mit ständig steigenden Kosten gegenüber.

›Fremde‹ und ›andere‹ Gesichter

Gemessen an der Erwerbslosenquote in der BRD sind Menschen ausländischer Herkunft doppelt so stark von Erwerbslosigkeit und damit auch vom Armutsrisiko betroffen, wie die Gesamtbevölkerung.11 Arm sind vor allem Migrantinnen, die kein eigenständiges Aufenthaltsrecht haben. Ausländische Ehepartnerinnen erhalten im Fall der Trennung erst nach drei Ehejahren ein eigenständiges Aufenthaltsrecht. Scheitert die Ehe vor dieser Frist, wird die Frau abgeschoben. Misshandlungen oder Gründe, die einer Frau die Rückkehr in das Heimatland unmöglich machen, werden oftmals nicht als Härtefälle von den Gerichten anerkannt. Der weitaus größte Teil der in der BRD lebenden Migrantinnen sind Ehefrauen von deutschen oder ausländischen Männern, die ein Aufenthaltsrecht haben.

Arm sind obdachlose Frauen und Wanderarbeiterinnen besonders aus peripheren ›Entwicklungsländern‹, die auf der Suche nach Arbeit durch die Welt vagabundieren, aber nirgendwo ankommen. Aus dem dritten Armutsbericht geht hervor, dass sich die Zahl der Wohnungslosen seit 1998 in der BRD halbiert habe: von 530.000 auf 254.000 Betroffene. Die Zahl der wohnungslosen Frauen nimmt jedoch zu, auch wenn sie schlecht zu erheben ist, da Frauen seltener auf der Straße leben. Sie versuchen stattdessen, bei Freundinnen oder in neuen ›Beziehungen‹ Unterschlupf zu finden, was oft neue Probleme mit sich bringt.

Arm sind schließlich Frauen, die Gewalterfahrungen gemacht haben, misshandelte und geschlagene Frauen - ganz abgesehen von den Ärmsten der Armen, die in den Gefängnissen oder anderen Anstalten leben.

Armutsrisiko Verrentung

Benachteiligungen im Erwerbsleben werden im sozialen Sicherungssystem fortgeschrieben, das sich an der Norm traditioneller männlicher Erwerbsbiographien orientiert. Eine ausreichende Absicherung im Alter, bei der Zahlung von Krankengeld und bei Erwerbslosigkeit ist nur bei durchgehender Vollzeiterwerbstätigkeit und bei durchschnittlichem Einkommen gewährleistet. Dass Frauen von Altersarmut betroffen sind, wenn sie kein den Normen entsprechendes ›erfülltes‹ Berufsleben hinter sich haben, bezeichnete Trude Unruh schon früher als das "zynische Ende der christlichen Familienpolitik"12. Die ohnehin schon weit verbreiteten Lücken in den ›typisch weiblichen‹ Patchworkbiografien vergrößern sich künftig, weil Frauen, die aus dem Leistungsbezug herausfallen, nur noch von ihren Ehemännern abgeleitete Leistungsansprüche haben. In der Vorstellung vieler alter Frauen ist es beschämend, nach einem arbeitsreichen Leben auf Almosen angewiesen zu sein. Das alles ist zu berücksichtigen, wenn unter dem Stichwort ›Generationsgerechtigkeit‹ weitere Kürzungen bei den RentnerInnen empfohlen werden und der dritte Armutsbericht zu berichten weiß, dass ›nur‹ 2,3% der RentnerInnen (2,6% Frauen und 1,8% Männer) auf die Grundsicherung angewiesen sind, weil ihre Einkünfte nicht zum Leben ausreichen.

Konsequenzen

Für die Zukunft wird das ›Verteilen der Armensuppe‹ nicht reichen, sondern es wird notwendig sein, den Mechanismen nachzuspüren, die die zunehmende Ungerechtigkeit bewirken und daraus echte Reformansätze zu entwickeln. In unserem reichen Land geht es nicht allen Menschen schlecht. Die Reichen können einen weiteren Anstieg ihres Vermögens und Einkommens verzeichnen. Fünf Billionen Euro Nettovermögen haben sie inzwischen angehäuft. Ein Zehntel der Haushalte verfügen über 47% des Reichtums.13 Reichtum vererbt sich - Armut ebenso.

Wenn im dritten Armutsbericht Bildung als Schlüssel zur Teilhabe angesehen wird, ist es dringend notwendig, Durchlässigkeit im Schulsystem zu gewährleisten und Ganztagstageseinrichtungen und -schulen für Kinder aller Altersgruppen bereitzustellen. Wenn die Zahl derjenigen, die ›arm trotz Arbeit‹ sind, größer wird, brauchen wir dringend Mindestlöhne und die Abschaffung von Mini- und Ein-Euro-Jobs. Wenn Armut vor allem durch Erwerbslosigkeit verursacht wird, so wird Arbeitszeitverkürzung im Bereich der Vollzeiterwerbsarbeit, verbunden mit einer Umverteilung der gesellschaftlich notwendigen (bezahlt und unbezahlt geleisteten Arbeit) ebenso notwendig wie eine Umverteilung des Reichtums. Wenn Armut mit dem Abweichen von der ›Normalfamilie‹ zu tun hat, wird es dringend notwendig, dass alle Lebensformen gleiches Recht und gleiche Existenzbedingungen genießen.

Anmerkungen

1) Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2008: Lebenslagen in Deutschland, 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin

2) Der Paritätische Gesamtverband (Hg.), 2009: Unter unseren Verhältnissen... Der erste Armutsatlas für Regionen in Deutschland, Berlin

3) Bundesministerium für Arbeit und Soziales, a.a.O., XI

4) 15% nach dem EU-SILC, 18,4% nach dem Mikrozensus, 16,4% nach dem Sozioökonomischen Panel (DIW). Die Werte des EU-SILC bzw. des Mikrozensus stammen vom Statistischen Bundesamt bzw. aus der amtlichen Sozialberichterstattung. Die Werte des Sozioökonomischen Panels wurden auf Anfrage der Linken von der Bundesregierung aus den DIW-Daten berechnet. Siehe auch: Die Linke im Bundestag, Pressemitteilung vom 19.05.2011

5) Statistisches Bundesamt Deutschland, Pressemitteilung Nr. 333 vom 05.09.2008

6) Ursula Beicht / Mona Granato, 2010: "Ausbildungsplatzsuche: Geringe Chancen für junge Frauen und Männer mit Migrationshintergrund", in: BIBB-Report, H. 15, 6f

7) Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen, Berlin, 1992.

8) Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2008.

9) Elisabeth Niejahr: "Alleinerziehend - allein gelassen", in: Die Zeit Nr. 24 vom 04.06.2009, 20

10) Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband: Informationen für Einelternfamilien, 3/2007, 6

11) Ebd.

12) Trude Unruh (Hg.), 1987: Trümmerfrauen - Biografien einer betrogenen Generation, Essen

13) Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008.



Dr. Gisela Notz ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet freiberuflich in Berlin als Autorin und Redakteurin von LunaPark21. Letzte Buchveröffentlichungen: Theorien alternativen Wirtschaftens, Stuttgart 2010; Feminismus, Köln 2011

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