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Klaus Holzkamp

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Im glücklichen Einklang mit der Natur?

29.07.2011: Otto Ullrichs Fortschritts- und Wissenschaftskritik

  
 

Forum Wissenschaft 2/2011

In der letzten Ausgabe von Forum Wissenschaft (1/2011) erteilte Otto Ullrich dem gesellschaftlich dominierenden Fortschrittsbegriff eine entschiedene Absage. Es handele sich um einen ›Mythos der Moderne‹, dessen Überwindung die Voraussetzung sei, um harmonische Mensch-Natur-Verhältnisse überhaupt denkbar zu machen. Dominik Düber und Markus Lauber sehen dies anders.

Das Verhältnis der Linken zur Natur ist von jeher ein mehrdeutiges. Während in der orthodox-marxistischen Theorie und realsozialistischen Praxis gerne so verfahren wurde, dass der Mensch sich die Erde untertan machen möge, gingen die utopischen Sozialisten von einer harmonischen Einheit aus, die sich in Charles Fouriers Theorie der vier Bewegungen etwa darin manifestiert, dass im Sozialismus sechs Monde die Nacht erhellen werden.

Auch im Marx'schen Werk ist das Verhältnis von Mensch und Natur ambivalent bestimmt. Einerseits begrüßt Marx die Umwälzungskraft industriekapitalistischer Naturbeherrschung: "In der Sphäre der Agrikultur wirkt die große Industrie insofern am revolutionärsten, als sie das Bollwerk der alten Gesellschaft vernichtet, den ›Bauer‹, und ihm den Lohnarbeiter unterschiebt. Die sozialen Umwälzungsbedürfnisse und Gegensätze des Landes werden so mit denen der Stadt ausgeglichen. An die Stelle des gewohnheitsfaulsten und irrationellsten Betriebs tritt bewußte, technologische Anwendung der Wissenschaft. Die Zerreißung des ursprünglichen Familienbandes von Agrikultur und Manufaktur, welches die kindlich unentwickelte Gestalt beider umschlang, wird durch die kapitalistische Produktionsweise vollendet."1

Andererseits problematisiert Marx jedoch auch die zerstörerischen Aspekte dieser Stellung zur Natur: "Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt in Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. [...] Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter."2 Der Kapitalismus schafft daher lediglich die "materiellen Voraussetzungen einer neuen, höheren Synthese, des Vereins von Agrikultur und Industrie, auf Grundlage ihrer gegensätzlich ausgearbeiteten Gestalten." Diese Synthese selbst wird im Kapitalismus aber nicht zu erreichen sein.3

In Forum Wissenschaft 1/20114 widmet sich nunmehr Otto Ullrich dieser Thematik und fordert im Rahmen einer Fortschritts- und Wissenschaftskritik ein radikal verändertes Naturverständnis ein. Die Grundlage hierfür bildet einerseits die Diagnose des Scheiterns des Fortschrittsglaubens als eines Mythos der Moderne und andererseits eine Kritik an einer eingreifenden Forschungspraxis, die künftig nur noch bei nachgewiesener Unschädlichkeit zulässig sein soll. Bevor wir uns diese beiden Elemente anschauen, sei noch auf ein Grundproblem des Ullrich'schen Textes hingewiesen: Der Text besteht größtenteils aus Thesen, die erstens recht allgemein gehalten und häufig unterbestimmt, zweitens kaum durch Argumente unterfüttert sind, weswegen sowohl der genaue Gehalt der Thesen als auch dessen Begründung nicht immer leicht nachvollzogen werden können.

Ambivalenter Fortschritt

Ullrich geht davon aus, dass jede Epoche "ihren in der Regel nicht reflektierten Hintergrundmythos" (63) habe. War dieser in vormodernen Zeiten vor allem religiöser Natur, wurde dessen Rolle in der Moderne durch den Fortschrittsglauben einer sukzessiven Vervollkommnung menschlicher Verhältnisse übernommen: "Im christlichen Weltbild gab es für die Gläubigen am Ende des mühsamen irdischen Daseins die himmlische Erlösung. Im Weltbild der Moderne wurden diese religiösen Gedanken auf die Erde in die von Menschen selbst zu gestaltende Geschichte verlagert." (63) Nun ist es in der Tat nicht unwahrscheinlich, dass auch moderne Gesellschaften durch ihr religiöses Erbe und von religiösen Bildern mit geprägt sind, wie etwa Böckenförde es für den demokratischen Rechtsstaat konstatiert.5 Allerdings macht bereits Ullrichs Kernthese auf eine wichtige Differenz zwischen dem modernen Fortschritt und seinem Vorgänger, der himmlischen Erlösung, aufmerksam: Wenn der Fortschritt gescheitert ist, dann muss offenbar an etwas messbar sein, ob und in welchem Maße ein Fortschritt erreicht wurde - oder eben nicht. Der Fortschritt kann sich also in der Praxis erweisen, denn sonst könnte man nicht behaupten, er habe "den Praxistest nicht bestanden" (64). Umgekehrt würde aber wohl niemand behaupten, die himmlische Erlösung sei gescheitert. Was sollte sie falsch gemacht haben? Ist im Himmel nun doch nicht mit ewiger Seligkeit zu rechnen? Zumindest jenseits von Konzilen der römisch-katholischen Kirche würden uns solche Debatten merkwürdig vorkommen, da uns die EURheitsbedingungen für Antworten auf derlei Fragen nicht zugänglich sind.

Es ist deshalb sinnvoll, eine Ambiguität des Fortschrittsbegriffs zu vermeiden, von der Ullrichs Text zehrt. Zum einen kann unter Fortschritt ein automatisch in der Zeit ablaufender Prozess verstanden werden, der mit dem Verlauf der Zeit gleichsam gesellschaftliche Verbesserungen zeitigt. Vor der Gefahr eines solchen automatistischen Fortschrittsbegriffs hat bereits Walter Benjamin im Angesicht des Nationalsozialismus gewarnt: "Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch an ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs. Es gibt nichts, was die deutsche Arbeiterschaft in dem Grade korrumpiert hat wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom. Die technische Entwicklung galt ihr als das Gefälle des Stromes, mit dem sie zu schwimmen meinte. Von da war es nur ein Schritt zu der Illusion, die Fabrikarbeit, die im Zuge des technischen Fortschritts gelegen sei, stelle eine politische Leistung dar."6

Zum anderen aber kann Fortschritt auch als ein normativer Begriff verstanden werden. Wird ein solcher Fortschrittsbegriff in Anschlag gebracht, muss sich die Gegenwart an ihm messen und erst zeigen, dass sie eine Verbesserung gegenüber der gesellschaftlichen Verfasstheit der Vergangenheit darstellt. Gerade diesen zweiten Fortschrittsbegriff aber muss Ullrich fruchtbar machen, wenn er zu zeigen beansprucht, dass die Bilanz der letzten fünfzig Jahre eine negative ist. Hält man diese beiden Begriffe dagegen auseinander, lautet Ullrichs These: das Verständnis von Fortschritt als eines automatisch ablaufenden Prozesses (Bedeutung 1) ist gescheitert, da die letzten fünfzig Jahre uns in toto gerade keinen Fortschritt (Bedeutung 2) eingebracht haben. Damit wäre aber kein Scheitern des Fortschrittsbegriffs an sich, sondern gerade dessen Leistungsfähigkeit zur Diagnose gesellschaftlicher Defizite erwiesen. Gerade mit Hilfe des Fortschrittsbegriffs würden die Defizite des Status Quo als nicht fortschrittlich gekennzeichnet.

Worin besteht nun die von Ullrich postulierte negative Bilanz der letzten fünfzig Jahre? Ullrich nennt hier zwei Aspekte: auf der einen Seite die "dramatische Naturzerstörung" (64). Auch auf diese Gefahr des ersten Fortschrittsbegriffs hatte bereits Benjamin hingewiesen. Im Fortgang der oben zitierten Passage heißt es: "Dieser vulgär-marxistische Begriff von dem, was die Arbeit ist, hält sich bei der Frage nicht lange auf, wie ihr Produkt den Arbeitern selber anschlägt, solange sie nicht darüber verfügen können. Er will nur die Fortschritte der Naturbeherrschung, nicht die Rückschritte der Gesellschaft wahr haben. Er weist schon die technokratischen Züge auf, die später im Faschismus begegnen werden. Zu diesen gehört ein Begriff der Natur, der sich auf unheilverkündende Art von dem in den sozialistischen Utopien des Vormärz abhebt. Die Arbeit, wie sie nunmehr verstanden wird, läuft auf die Ausbeutung der Natur hinaus, welche man mit naiver Genugtuung der Ausbeutung des Proletariats gegenüber stellt."7 Ullrich ist demnach zuzustimmen, dass der Charakter des gesellschaftlichen Naturverhältnisses sich nicht in eine positive Richtung entwickelt hat. Fraglich ist nur, ob die Verantwortung hierfür der Fortschritt oder eine auf Profitmaximierung orientierte Wirtschaftsordnung trägt. Der "rücksichtlose Verbrauch unwiederbringlicher Schätze der Erde" (64) kann schließlich gerade kein gesellschaftlicher Fortschritt sein.

Auf der anderen Seite soll neben dem Umgang mit der Natur "auch die soziale Bilanz [...] seit einigen Jahrzehnten negativ" sein, denn trotz "stark gestiegenem Bruttosozialprodukt und einer nie gekannten Produktflut haben seit etwa vierzig Jahren die Zufriedenheit und das Glück der Menschen in den Industrieländern abgenommen." (64) Hier würde man gerne mehr darüber erfahren, was Ullrich unter Zufriedenheit und Glück versteht. Legt man die empirische Glücksforschung zu Grunde, ist diese empirische Behauptung Ullrichs klarerweise falsch: "Zu den merkwürdigen Befunden der empirischen Glücksforschung gehört nämlich, dass die meisten Menschen glücklich sind. Genauer: dass die meisten Menschen sich selbst in entsprechenden Umfragen als ziemlich glücklich bezeichnen. Das gilt, abgesehen von bestimmten kulturellen Differenzen [Asiaten etwa beschreiben sich traditionell als weniger glücklich, die Verf.], weltweit und hat sich als ein von Katastrophen oder kulturellen Schwankungen unabhängiger und über Jahrzehnte hinweg stabiler Befund herausgestellt."8 Nun könnte Ullrich natürlich einen objektiven Begriff von Zufriedenheit und Glück vertreten, der von diesen Selbsteinschätzungen unabhängig ist und diese als entfremdet qualifiziert. Auch gäbe es hierfür einige Indizien wie etwa die deutliche Zunahme an psychischen Störungen.9 Allerdings stünde die argumentative Entwicklung und Verteidigung eines solchen objektiven Glückbegriffs durch Ullrich dann noch aus.

Tandem Wissenschaft-Kapitalismus

Worin nun sieht Ullrich die Ursachen des Scheiterns eines (automatistischen) Fortschritts? Es ist "das Fortschritts-Tandem aus kapitalistischer Ökonomie und verwissenschaftlichter Technologie", das "zusammen den Zerstörungsprozess vorantreibt" (64). Während erstere abseits der Behauptung: "Der zugrundeliegende maßlose Geldvermehrungsprozess erzeugt eine Dynamik der Unersättlichkeit, denn für Geld gibt es keine Grenzen" (64) nicht weiter diskutiert wird, legt Ullrich sein Hauptaugenmerk auf letztere. Deren Grundlage soll ein besonders problematischer Wissenschaftstyp bilden - die eingreifende Forschung - welcher von einem weniger problematischen - der beobachtenden Forschung - abgegrenzt wird. Diese in der Wissenschaftstheorie nicht gerade gängige Unterscheidung bleibt leider recht dünn bestimmt. Über die beobachtende Wissenschaft erfahren wir: "Beobachtend forschende WissenschaftlerInnen haben in der europäischen Neuzeit in den Disziplinen wie Botanik, Archäologie, Astronomie, Zoologie, Geologie, Meteorologie oder Geschichte einen Kosmos überprüfbaren Wissens gewonnen, der weit über früheres Wissen hinausgeht." (63) Demgegenüber zeigt sich die "Materie-manipulierende Wissenschaft als mathematisch experimentelle Wissenschaft. In einer experimentellen Anordnung werden Naturvorgänge so zugerichtet, dass sie mathematisch beschreibbar werden und sich manipulieren lassen. Es entsteht ein machtförmiges Wissen. Zu diesem neuen Wissenschaftstyp zählen vor allem die moderne Physik, später dann auch Chemie, die experimentelle Biologie und die Technikwissenschaften." (63)

Diese Unterscheidung wirft mehr Fragen auf, als sie klärt. So dürfte auch jede beobachtende Wissenschaft die Absicht verfolgen, Naturvorgänge beschreibbar zu machen. Ist das Problem also die mathematische Beschreibung? Das wäre insofern verwunderlich, als dass die Mathematik nun gerade kein moderne-spezifisches Phänomen ist. Auch wüsste man gerne, wo die Manipulation beginnt. Ist jeder Eingriff in die Natur eine solche? Dann gilt dies auch für den Abklatsch und erst recht die Grabung in der Archäologie, ebenso wir für den meteorologischen Wetterballon und die meisten geologischen Messinstrumente, obwohl diese Disziplinen der Ort für beobachtende Forschung sein sollen. Außerdem müsste die von Ullrich nicht erwähnte Medizin unter die Materie-manipulierende Wissenschaften fallen und dürfte damit, so Ullrichs Forderung hinsichtlich Materie-manipulierender Wissenschaften, nur noch bei bewiesener Ungefährlichkeit (65; was auch immer das genau bedeutet) weiter betrieben werden.

Ullrich nennt zwei Gründe, warum diese Unterscheidung wichtig und die Materie-manipulierende Wissenschaft gefährlich sei: Erstens strebe diese den "gestaltenden Umgang mit der Natur" (63) an und verfolge damit ein problematisches Naturverhältnis, das in der langen "Geschichte des sehr erfolgreichen handwerklichen, hauswirtschaftlichen, gärtnerisch-bäuerlichen Umgangs mit der Natur" (64) noch nicht vorherrschend war. Hier ist einerseits zu fragen, warum der bäuerliche Umgang mit der Natur kein gestaltender gewesen sein soll. Ackerbau wurde schließlich noch nie durch Beobachtung betrieben. Der Unterschied zu heute besteht doch vor allem in einer zunehmenden Effizienz. Man kann nun ja die These vertreten, dass die moderne technisierte Landwirtschaft hier über die Stränge schlägt und die Natur über die Maßen ausbeutet. Nur ist dies dann nicht auf einen kategorischen Unterschied zwischen zwei Wissenschaftstypen, sondern auf ein Mehr oder Weniger innerhalb desselben Typus zurückzuführen. Vor allen Dingen kommt hier ein Widerspruch zwischen verschiedenen Interessen zum Ausdruck: der moderne kapitalistische agro-industrielle Komplex ist auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet und an einer langfristigen Reproduktion der natürlichen Produktionsbedingungen strukturell desinteressiert. Allerdings ist ein solches nicht-nachhaltiges Verhältnis zur Natur nicht allein in der Moderne anzutreffen. Die Romantisierung früherer Verhältnisse als naturnah oder besonders schonend hält für den größeren Teil der klassischen Antike einer nüchternen Überprüfung vermutlich nicht stand. Man denke hier etwa an die Abholzung der Wälder in Nordafrika für den römischen Flottenbau.

Andererseits zeichnet Ullrich hier ein tendenziell reaktionäres Bild eines guten bäuerlichen Naturverhältnisses, dass von den gesellschaftlichen Bedingungen des Selben abstrahiert, die schon Marx, wie eingangs zitiert, wohl recht treffend als "Bollwerk der alten Gesellschaft" und den "gewohnheitsfaulsten und irrationellsten Betrieb" bezeichnete.

Als zweiter "Grund für die wichtige Unterscheidung der beiden Wissenschaftstypen" wird angeführt: "Alles Vorfindbare wird als Material angesehen, das in immer kleinere Bestandteile zerlegt werden darf, um es nach Gutdünken für neue Produkte wieder zusammenzuwürfeln." (64) Hier bleibt einerseits die bereits benannte Unklarheit bestehen, wann ein Natureingriff nun genau zur Manipulation wird. Andererseits wird hier wiederkehrend der Topos der ›Zerstückelung‹ und ›Zerlegung in kleine Bestandteile‹ aufgegriffen, so dass man annehmen muss, gerade hierin bestünde nach Ullrich das Problem der modernen Wissenschaft. Allerdings ist der Ausgangspunkt von kleinsten Teilchen gerade kein modernes Phänomen, sondern ein Erbe, das die moderne Wissenschaft aus der antiken Philosophie bezieht und schon in der ›vorsokratischen‹ Naturphilosophie von Leukipp und Demokrit zu finden ist.10

Forderungen

Aus dieser problematischen Analyse von Fortschritt und moderner Wissenschaft leitet Ullrich dann recht weitgehende Konsequenzen ab, die an die oben kritisierte Schönfärberei bäuerlicher Verhältnisse nahtlos anknüpfen. So soll die Materie-manipulierende Wissenschaft weitreichend eingeschränkt werden: "Erst wenn in einer Umkehr der Beweislast erwiesen ist, dass keine Gefahren entstehen und niemand geschädigt wird, und der angestrebte Zweck anders nicht zu erreichen ist, wäre an eine Anwendung zu denken. Damit wird die Freiheit der Wissenschaft für diesen Wissenschaftstyp aufgehoben." (65). Auch wenn wir hier nicht erfahren, wann eine Gefahr vorliegt, dürfe dies einem Verbot dieses Wissenschaftstyps und damit eines großen Teils der modernen Wissenschaft gleichkommen, denn es ist ja gerade ein Charakteristikum wissenschaftlicher Forschung, dass man deren Ergebnis nicht bereits im Vorhinein kennt. Erfasst würde mit diesem Verbot mindestens die Mehrheit der Naturwissenschaften, da diese spätestens seit der "galileischen Wandlung ihrer Forschungsmethodik von der kontemplativen Beobachtung zur handelnd eingreifenden, geräteintensiven Experimentierkunst nicht mehr Natur im Sinne unberührten, unmanipulierten Geschehens untersuchen."11

Für Ullrich ist ein derart weitgehender Einschnitt aber kein Problem, denn er hält die "eigentlichen Bedürfnisse" (64) der Menschen für bereits befriedigt: "Wir in den Industrieländern haben schon alles, was wir brauchen. Wir haben sogar von allem zuviel." (65) Er muss die menschlichen Bedürfnisse also für schon in vor-Galileischen Zeiten befriedigt halten und zu diesem gesellschaftlichen Standard zurück wollen. Abgesehen von grundsätzlichen Überlebensbedürfnissen sind Bedürfnisse jedoch nicht fix, sondern sehr stark an den Standard einer Gesellschaft angebunden, wie das bereits in den 1970er Jahren von Richard A. Easterlin entdeckte paradox of happyness nahelegt, demzufolge innerhalb einer Gesellschaft eine positive Relation zwischen Einkommen und Glück besteht, während sich dies sowohl zwischen verschiedenen Ländern als auch innerhalb eines Landes über die Zeit hinweg nicht zeigen lässt.12

In Absehung oder Unkenntnis dieses Befundes ist Ullrichs "nachhaltige Gesellschaft" jedoch dadurch charakterisiert, dass sie einerseits eine Niedrigenergiegesellschaft sein wird: "Und da der Ressourcenverbrauch ohnehin stark reduziert werden muss, könnte man sagen, wir haben heute in Deutschland bereits genug Anlagen zur regenerativen Energiegewinnung." (66) Wohlgemerkt bei Abschaltung aller anderen Energiequellen. Andererseits soll ohne gesellschaftliche Genehmigung betriebene Materie-manipulierende Wissenschaft als Wissenschaftsverbrechen (66) wie es etwa die Atomtechnik und die grüne Gentechnik eines darstellen sollen, verfolgt werden.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Ullrichs Text wichtige Probleme für moderne Gesellschaften im Allgemeinen und für eine moderne Linke im Besonderen anschneidet. Dabei sind jedoch seine Analysen sowohl hinsichtlich ihrer Klarheit als auch hinsichtlich ihres Gehaltes weitgehend unbrauchbar, während seine Schlussfolgerungen sogar deutlich ins reaktionäre Lager schlagen.

Anmerkungen

1) Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 23, 528

2) MEW 23, 529-30.

3) Vgl. ausführlicher zu dieser Thematik und deren Verhältnis zum Marx'schen Frühwerk: Michael Quante, 2009: "Kommentar", in: Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. Kommentar von Michael Quante, Frankfurt a.M., 209-410, insb. 300-315

4) Otto Ullrich, 2011: "Leitbilder einer nachhaltigen Gesellschaft. Der Fortschritt als Mythos der Moderne ist gescheitert", in: Forum Wissenschaft 1/2011, 63-66 (zitiert mit einfachen Seitenzahlen)

5) Ernst-Wolfgang Böckenförde, 1991: "Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation". In: Ders.: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte. Frankfurt a.M., 92ff. Vgl. dazu auch: Jürgen Habermas, 2005: "Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates?" In: Ders.: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze. Frankfurt a.M., 106-118

6) Walter Benjamin, 1991: Thesen über den Begriff der Geschichte. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. I.2. Frankfurt a.M., 690-704, hier: 698-99

7) Walter Benjamin 1991, 699.

8) Kurt Bayertz, 2010: "Eine Wissenschaft vom Glück. Zweiter Teil: Die Vermehrung des Glücks der großen Zahl", in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 64, Nr. 4, online verfügbar in: Preprints of the Centre for Advanced Study in Bioethics, Nr. 5, 2010, www.uni-muenster.de/KFG-Normenbegruendung/publikationen/preprints.html , 12

9) Kurt Bayerz 2010, 12.

10) Vgl. Sylvia Berryman, 2010: "Leucippus". In: Edward N. Zalta (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy. plato.stanford.edu/archives/fall2010/entries/leucippus/

11) Dirk Hartmann, 1998: Philosophische Grundlagen der Psychologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, 12

12) Kurt Bayerz 2010, 4.



Dominik Düber lebt in Köln und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kolleg-Forschergruppe "Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er ist Mitglied im Beirat des BdWi. Markus Lauber ist Historiker und lebt in Köln. Er ist Vorsitzender von linksnet.de, dem gemeinsamen Portal von mehr als 40 linken Zeitschriften.

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