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Klaus Holzkamp

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Wissenschaft und Friedenspolitik

29.07.2011: Friedens- und Abrüstungsforschung an der Hochschule

  
 

Forum Wissenschaft 2/2011

Im Mai 2011 feierte das Marburger Zentrum für Konfliktforschung (CCS) sein zehnjähriges Jubiläum. Gert Sommer zeichnet am Beispiel der Entwicklung seiner Vorläuferorganisation, der IAFA, die Politisierung der Hochschulen seit den frühen 1980er Jahren in Auseinandersetzung mit dem sog. ›NATO-Doppelbeschluss‹ nach.1

Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Friedens- und Abrüstungsforschung an der Philipps-Universität (IAFA), gegründet 1987, ist die Organisation, die dem Zentrum für Konfliktforschung - dessen 10jähriges Bestehen heute gefeiert wird - zeitlich voranging, es inhaltlich vorbereitete und die schließlich im Zentrum aufging. Bevor ich auf die IAFA eingehe, möchte ich mich zunächst mit dem politisch-gesellschaftlichen Umfeld der Gründungszeit befassen, damit Sie sich ein wenig in diese Zeit hinein versetzen bzw. sich an sie erinnern können. In einer IAFA-Broschüre (1996) steht: "Die IAFA ist entstanden aus dem politischen Kampf um die Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles. Zu Beginn der 1980er Jahre schalteten sich Wissenschaftler [...] in Debatten um Sicherheitspolitik ein." Der Ost-West-Konflikt hatte mit seiner gigantischen Aufrüstung dazu geführt, dass Mitte der 1970er Jahre ca. 50.000 Atomwaffen miltärisch verfügbar waren. Welche katastrophalen Auswirkungen der Einsatz auch nur weniger dieser Waffen bedeutet hätte, muss ich angesichts der Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki, aber auch von Tschernobyl und Fukushima nicht weiter erläutern.

NATO-›Nachrüstung‹

Das zugrunde liegende militärische Konzept war die gegenseitige sichere Zerstörung: Wer als erster Atomwaffen einsetzt, stirbt als zweiter, weil der Angegriffene aufgrund des damaligen Standes der Militärtechnologie immer über eine sog. Zweitschlagkapazität verfügte. Das englische Acronym MAD - für mutually assured destruction - kennzeichnet zutreffend das Verrückte, Absurde dieses Konzepts.

Obwohl bei den Rüstungen zwischen den Militärblöcken NATO und Warschauer Vertrag ein ungefähres Gleichgewicht bestand, verabschiedete die NATO im Dezember 1979 ihren sog. Doppelbeschluss. Dabei ging es wesentlich darum, in Europa mit dem Schwerpunkt Bundesrepublik mehr als 500 weitere atomare Mittelstreckenraketen zu stationieren, falls die UdSSR ihre SS20-Mittelstreckenraketen nicht reduziere. Diese völlig neuartigen Mittelstreckenwaffen Marschflugkörper und Pershing II schienen die Möglichkeit zu einem atomaren Erstschlag zu eröffnen. Diese Gefahr, die Vorbereitung eines Atomkrieges, wurde bald von Experten und auch von der Bevölkerung erkannt. Diese Interpretation - der NATO-Beschluss als Vorrüstung und nicht als die behauptete Nachrüstung - wurde unterstützt von relevanten Publikationen und politischen Stellungnahmen in den USA.2

Der Sicherheitsberater von US-Präsident Reagan, Colin Gray, schrieb in angesehenen Publikationsorganen (Foreign Affairs und Air Force Magazine) zwei aufschlussreiche Artikel - "Sieg ist möglich" (1980) und "Das Konzept der strategischen Überlegenheit" (1982). Darin heißt es sinngemäß, ein Atomkrieg könne durchaus sinnvoll sein. Wörtlich: "Es ist unwahrscheinlich, dass ein Atomkrieg ein in sich sinnloses und fatales Ereignis darstelllt." (1982) Ziel sei, "die Fähigkeit zu besitzen, einen Atomkrieg auf jeder Stufe der Gewaltanwendung mit einer reellen Aussicht darauf zu führen, dass die Sowjetunion besiegt wird und dass die Vereinigten Staaten selbst sich so weit erholen, dass eine zufriedenstellende Nachkriegs-Weltordnung sicher gestellt werden kann." (1980)

Atomkrieg in Europa?

Als wahrscheinliches Gebiet eines Atomkrieges nannte US-Verteidigungsminister Weinberger Europa 1981 in einem NBC-Interview: "Es ist einfach eine Tatsache, [...] dass möglicherweise einige Kernwaffen zum Einsatz kommen könnten, im Zusammenhang mit einem Krieg, der bis zu jenem Zeitpunkt ausschließlich auf dem europäischen Schauplatz geführt worden wäre." Und US-Admiral LaRoque bestätigte 1981: "Die Amerikaner gehen davon aus, dass der Dritte Weltkrieg ebenso wie der Erste und Zweite in Europa ausgefochten wird." Man könnte nun glauben, dass diese Pläne Hirngespinste einiger unbedeutender Abwegiger gewesen seien. Dies wäre aber nicht korrekt. So betonte US-Vizepräsident Bush (senior) 1981, "man muss die Überlebensmöglichkeit der Oberkommandos sichern [...] und eine Kapazität an Waffen haben, die der Gegenseite mehr Schaden zufügt, als sie einem selber zufügen kann - das ist genau der Weg, auf dem man einen Sieger in einem Nuklearkrieg hat."

Besonders relevant aber für die Bewertung des NATO-Beschlusses 1979 sind die "Geheimen Pentagonpapiere über die Atomkriegsstrategie der USA für die Jahre 1984-1988". Die New York Times veröffentlichte am 30. Mai 1982 wesentliche Auszüge dieser Strategie. Der Artikel bestand aus Zitaten und eigenen Zusammenfassungen der Times. Zentrale Passagen lauteten: "Die neue atomare Strategie fordert von den amerikanischen Streitkräften die Fähigkeit, die gesamte sowjetische [...] militärische und politische Machtstruktur auszuschalten" sowie: "Grundlage des Atomkrieges wäre die sog. Enthauptung, d.h. Schläge gegen die politische und militärische Führung [...] der Sowjetunion". Das Papier "weist die Streitkräfte an, Pläne mit dem Ziel zu entwickeln, die Sowjetunion auf jedem Konfliktniveau - von Aufständen bis hin zum Atomkrieg - zu besiegen". Schließlich wird in den Pentagon-Papieren (und anderen verwandten Dokumenten) auch immer wieder der ökonomische ›Kollateral-Effekt‹ einer neuen Runde des Rüstungswettlaufes betont: dieser sollte mittelfristig die wirtschaftlichen Ressourcen der Sowjetunion überfordern und ihren politischen Zusammenbruch beschleunigen.

Die Äußerungen führender Politiker der USA und die Pentagon-Papiere korrespondierten also mit den geplanten neuen Atomwaffen. Die von US-Präsident Reagan 1983 angekündigte sog. "Strategische Verteidigungs-Initiative", SDI, hatte das ergänzende Ziel, angreifende Langstreckenwaffen durch boden- und satelliten-gestützte Raketen abzufangen und so unter dem Vorwand eines ›Defensivsystems‹ die atomare Zweitschlagkapazität des Gegners auszuschalten. Ein Atomkrieg sollte also für die USA führbar und gewinnbar werden. Der Chefunterhändler der USA bei den SALT-II-Verhandlungen, Paul Warnke, nannte diese Überlegungen treffend: "Das ist eine Idiotie. Das ist der Ratschlag des absoluten Wahnsinns."

Die damalige US-Politik wurde von einem christlich-fundamentalistischen Antikommunismus unterfüttert. So forderte US-Präsident Reagan im britischen Parlament zu einem "Kreuzzug für die Demokratie" auf und er bezeichnete die Sowjetunion als das "Reich des Bösen" und das "Zentrum des Bösen in der modernen Welt", wie 1983 auf einer Rede in Orlando. Ergänzend sprach US-Vizepräsident Bush vom "wilden und primitiven Russland" (Frankfurter Rundschau 22.09.83).

Auch in der BRD war Antikommunismus ein einigendes Band, wenn nicht gar Staatsdoktrin. Die Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges IPPNW - mit Mitgliedern in über 50 Ländern - erhielten nach dem UNESCO-Friedenspreis 1984 auch den Friedensnobelpreis 1985. Die zentralen Ziele der IPPNW waren die Abrüstung in Ost und West, der Abbau von Feindbildern und die Aufklärung über die medizinischen Folgen eines Atomkriegs. Mit einer beeindruckenden Kampagne gelang es, die IPPNW über Monate hinweg in den überregionalen Medien zu diskreditieren bzw. zu verleumden. Diese Kampagne wurde von CDU-Generalsekretär Geißler angeführt, und sie nutzte wesentlich das ›Feindbild Kommunismus‹, in dem sie dem sowjetischen IPPNW-Co-Präsidenten Tschasow Menschenrechtsverletzungen unterstellte.

In den Schlagzeilen der überregionalen Tageszeitungen der BRD wurden zum Tag der Preisverleihung nahezu nur negative Informationen vermittelt, über die Ziele der IPPNW erfuhren die Leserinnen und Leser nichts. Die FAZ titelte "Proteste gegen Tschasow während der Preisverleihung", die SZ "Proteste bei Übergabe des Friedensnobelpreises" und die Welt "Ein Geheimagent im weißen Kittel".3 Was war das Vergehen der IPPNW? Sie hatte Abrüstung und den Abbau von Feindbildern in Ost und West gefordert! Dies war zu Zeiten des Ost-West-Konfliktes ein Kardinalvergehen. Über den Kontext dieser Verleihung des Friedensnobelpreises ließe sich leicht ein ganzes Seminar bestreiten, insbesondere mit den Disziplinen Psychologie, Politik und Sprachwissenschaften!

Der Beschluss der NATO führte zu einer der größten innenpolitischen Kontroversen in der BRD. Von großer Relevanz war von Beginn an die Krefelder Initiative4, mit ihrem im November 1980 formulierten "Krefelder Appell", der in drei Jahren von über vier Millionen Bundesbürgerinnen und -bürgern unterzeichnet wurde, und in dem die Bundesregierung aufgefordert wurde, "ihre Zustimmung zur Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Mittteleuropa zurückzuziehen." Diese Ereignisse, ergänzt um Stellungnahmen von Kirchen und Gewerkschaften, führten in der Bundesrepublik zu einer bislang in ihrer Größenordnung ungekannten politischen Aktivierung der Bevölkerung: Zu zentralen Demonstrationen in der Hauptstadt Bonn kamen 1981 300.000 und 1982 500.000 Menschen und 1983 bei gleichzeitigen Kundgebungen in Bonn, Berlin, Hamburg und Stuttgart insgesamt 1,3 Millionen Personen.

Marburger Forum und IAFA

In Marburg bestand seit März 1981 mit dem Marburger Forum eine Gruppierung, die sich intensiv mit dem 1979er NATO-Beschluss auseinander setzte. Langjähriger Sprecher war der Lehrer Dr. Friedrich-Martin Balzer. Hier waren auch etliche WissenschaftlerInnen der Philipps-Universität tätig. Dann rief der Bund demokratischer Wissenschaftler - die Aufnahme der Wissenschaftlerinnen in den Verbandsnamen wurde 1985 vorgenommen - im Oktober 1983 zu einem bundesweiten "Tag der Hochschulen und Schulen" auf - maßgeblich daran beteiligt war der damalige BdWi-Geschäftsführer Rainer Rilling. Am 20.10.1983 fand im Marburger Auditorium maximum eine Podiumsdiskussion "Hochschule und Stationierung" statt. Sie war der Beginn einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität - maßgeblich an deren Institutionalisierung beteiligt war wiederum Rainer Rilling, zudem Johannes Becker.5 Die erste themenspezifische Lehrveranstaltung, die Ringvorlesung "Krieg & Frieden", wurde schon im Sommersemester 1984 durchgeführt und wegen ihres großen Erfolges im Wintersemester fortgesetzt. Entsprechend der interdisziplinären Ausrichtung kamen die ReferentInnen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen: Chemie, Physik, Medizin, Mathematik, Erziehungswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Politik, Evangelische Theologie, Neuere Fremdsprachen, Psychologie und Rechtswissenschaften. Ein erstes interdisziplinäres Seminar wurde im WS 1986/87 zu SDI und dem europäischen Forschungsprogramm EUREKA von Becker, Melsheimer, Sommer, Zimmermann und Zoll angeboten. Es folgten in den kommenden Semestern unterschiedliche Veranstaltungen wie Vorträge, Expertenrunden und die Durchführung von sog. Friedenswochen. Bald gab die IAFA ein eigenes Vorlesungsverzeichnis heraus.

Die zunächst informelle Arbeit wurde ab 1986 in einem Verein organisiert, dem "Arbeitskreis Marburger Wissenschaftler für Friedens- und Abrüstungsforschung", AMW, der nach Satzung die "Förderung von Wissenschaft und Forschung im Bereich Frieden und Abrüstung, [...] insbesondere die Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen und die Förderung von Forschungsvorhaben [...] [sowie] die Organisierung internationaler Symposien und Konferenzen" als Ziel verfolgte. Das Gründungsprotokoll des Vereins unterschrieben die Doktoren J. Becker, Rilling und Schelb sowie die Professoren Kühnl, Melsheimer, Probst, Rehbein und Sommer. Ein Jahr später fand eine entscheidende Veränderung statt: Der offizielle Forschungs-Ausschuss der Philipps-Universität beschloss am 05.11.1987 die Einrichtung der "Interdisziplinären Arbeitsgruppe Friedens-und Abrüstungsforschung an der Philipps-Universität Marburg", IAFA. Vorausgegangen waren etliche Gespräche mit der Universitätsleitung; diese verliefen - insbesondere von Seiten der Präsidentschaft von Prof. Kröll - unterkühlt und mit großen Vorbehalten. Denn zu dieser Zeit war es durchaus üblich, diejenigen, die sich kritisch mit Rüstung beschäftigten, pauschal als ›links‹, ›ideologisch‹, ›unwissenschaftlich‹ oder ähnlich zu kennzeichnen. Der spätere Universitäts-Präsident Schaal hat diese Problematik einige Jahre danach in seinem unterstützenden Vorwort zu unserer Informationsbroschüre (1996) so ausgedrückt: "Als wertorientierte [...] und die aktuelle Politik kritisch beleuchtende Wissenschaft hat Friedensforschung hierzulande häufig keinen leichten Stand gehabt - vor allem in der Phase des Kalten Krieges und der Ost-West-Konfrontation." Dies war eine freundliche Untertreibung!

Die IAFA hatte schließlich 40-50 Mitglieder aus der Mehrzahl der Fachbereiche der Philipps-Universität. Ihr langfristiges Ziel war die Institutionalisierung der Friedensforschung und deren materielle und personelle Absicherung. Als zentrales Vortragsangebot für die Marburger Universität - und auch für die außeruniversitäre Öffentlichkeit - bietet die IAFA seit dem Wintersemester 1988/89 bis heute ihre Ringvorlesung "Weltpolitik im Umbruch" an; dies immer in Zusammenarbeit mit dem Präsidenten. Es handelte sich zunächst um eine ideelle Unterstützung, sie beinhaltete später aber auch kleine finanzielle Zuwendungen, um z.B. auswärtige Referenten einladen zu können. Die Vortragenden der Ring-Vorlesungen waren häufig Marburger WissenschaftlerInnen, schließlich aber auch viele KollegInnen von anderen Hochschulen und aus dem Ausland.

Ich möchte einige weitere Aktivitäten der IAFA nur kurz benennen; auch ist dies eine Auswahl: Ab 1986 bestand eine Forschergruppe "Naturwissenschaftlich-technologische und sozialwissenschaftliche Aspekte der Weltraumrüstung". Diese Forschung - geleitet vom Physiker Melsheimer - war für die Außendarstellung der IAFA u.a. deswegen wichtig, weil es für Kritiker nun doch schwierig war, der Naturwissenschaft Physik ideologische Verblendung vorzuwerfen. Es gab eine Forschergruppe und ein Symposium zum westeuropäischen Hochtechnologieprojekt EUREKA. Ein mehrjähriges Projekt bearbeitete die sicherheitspolitische Relevanz von Städtepartnerschaften. Die IAFA veranstaltete ein internationales Symposium zum Thema "The Future of the Military in Europe". Eine deutsch-französische Wissenschaftlergruppe untersuchte über mehrere Jahre die Legitimation der Armeen Westeuropas unter dem Titel "Militär und Jugend". "Interkulturelle Beziehungen und Konflikte" war ein weiteres mehrjähriges Projekt. An diesen Beispielen wird deutlich, dass die IAFA allmählich einen erweiterten Begriff von Konflikten und Sicherheit entwickelte, der über das Militärische hinaus ging und Fragen der Ökologie, der Risikogesellschaft und der interkulturellen Beziehungen einschließt. Ein weiterer Schwerpunkt der vielfätigen IAFA-Aktivitäten waren Publikationen in Form einer eigenen Schriftenreihe. Die ersten beiden Bände befassen sich mit physikalisch-technischen Fragen, der dritte interdisziplinäre Band mit Feindbildern.6

IAFA-Mitglieder waren auch wesentlich beteiligt an der Gründung der renommierten Zeitschrift Wissenschaft und Frieden im Jahr 1983, federführend dabei wiederum der Bund demokratischer Wissenschaftler mit Rainer Rilling. Zudem waren IAFA-Mitglieder durchgehend im Vorstand der Zeitschrift vertreten (Becker, Rilling und Sommer). Heute ist das Marburger Zentrum einer der Herausgeber und es stellt mit Johannes M. Becker derzeit auch den Vorsitzenden.

IAFA-Mitglieder warben zudem in erheblichem Umfang Forschungsgelder ein, u.a. von der VW-Stiftung, vom deutsch-französischen Jugendwerk und auch vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Ethische Richtlinien

Die IAFA hatte klare ethische Richtlinien, denn die Friedenswissenschaften sind durch zwei Komponenten gekennzeichnet. Zum einen durch die prozedurale Komponente: Konflikte sollen (möglichst) gewaltfrei ausgetragen, transformiert oder gelöst werden. Zum zweiten beinhaltet die normative Komponente, dass Ziele der Konfliktaustragung ein zunehmendes Ausmaß an Gerechtigkeit und Verwirklichung der Menschenrechte sind. Es gibt in den Friedenswissenschaften nun aber einige moderne Konzepte, die zunächst überzeugend und hoch attraktiv erscheinen. Bei näherer Analyse aber wird die Problematik allzu deutlich. Ich nenne nur drei dieser Konzepte und skizziere dabei sehr pointiert die problematischen Seiten:

  • Humanitäre Interventionen: Was als ›humanitär‹ bezeichnet wird, erweist sich meist als ökonomisch und strategisch begründeter Krieg, der für die Bevölkerung des angegriffenen Landes alles andere als menschenfreundlich endet.
  • Zivil-militärische Zusammenarbeit: Was als Aufwertung der zivilen Hilfe erscheint, erweist sich meist als Unterordnung und Instrumentalisierung ziviler Hilfen zugunsten militärischer Interventionen.
  • Liberaler Frieden mit den Komponenten: Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit nach westlichem Vorbild: Was aus heutiger westlicher Sicht vielen selbstverständlich und wünschenswert erscheinen mag, kann von anderen Ländern und Kulturen als Bevormundung und Unterdrückung und in anderen Zeiten als historische Verirrung wahrgenommen werden - denken Sie nur an Rüstungsausgaben und Kriege, Ressourcenverschwendung oder das Aufrechterhalten struktureller Gewalt!
  • Der Anlass zu meinen Anmerkungen ist ein Ereignis an der Universität Bremen. Dort gibt es eine neue Stiftungsprofessur für Weltraumtechnologie, gegen die sich u.a. Bremer Wissenschaftler und der AStA gewandt haben (vgl. Forum Wissenschaft 1/2011, 35), weil damit gegen die Zivilklausel der Universität verstoßen werde. Diese besagt, dass Wissenschaft und Lehre zivile Ziele haben sollen. Der Dekan des betroffenen FB Produktionstechnik verteidigte die Professur so: Einer Mehrheit an der Universität dürfte klar sein, dass "auch die Menschenrechte immer wieder mit Waffengewalt geschützt werden müssen" - dass also ›humanitär interventiert‹werden muss. Es wäre wünschenswert, wenn auch das Marburger Zentrum immer wieder die hier erwähnten Problematiken diskutieren und sich explizite normative Richtlinien geben würde. Für die Universität wäre eine Zivilklausel wünschenswert, die es meines Wissens nicht gibt. Zwar schützt auch eine solche Klausel nicht vor Missbrauch oder Torheit, aber sie könnte zumindest die Sensibilität für die Problematik erhöhen. Inzwischen gibt es eine bundesweite Zivilklausel-Bewegung, am 27. bis 29.5.2011 fand dazu ein Kongress an der Universität Braunschweig statt. Ein Modell könnte die schlichte Zivilklausel der Universität Tübingen sein, auch wenn sie manchem evtl. nicht weit genug oder nicht präzise genug erscheinen mag: "Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen."

    Anmerkungen

    1) Der folgende Text stellt (geringfügig überarbeitete) Auszüge aus einer Rede dar, die der Autor am 6. Mai 2011 auf der Jubiläumsveranstaltung des CCS gehalten hat.

    2) Für eine repräsentative und ausführliche Zusammenstellung von Aussagen aus Regierungsdokumenten, Strategiepapieren, Presseerklärungen etc. vgl.: Karl D. Bredthauer, 1983: Sage niemand, er habe es nicht wissen können, Köln

    3) Vgl. dazu ausführlich die Analyse von Gert Sommer und Karl-Günther Theobald, 1988: "Feindbilder: Ihre Produktion und Funktionalisierung am Beispiel der Friedensnobelpreisverleihung an die IPPNW." In: Wolfgang Popp (Hg.), Aus der Bedrohung zum Handeln, 190-197, Berlin

    4) InitiatorInnen des zweitägigen Krefelder Forums vom 15. bis 16. November 1980 mit 1.500 TeilnehmerInnen waren u.a. Martin Niemöller, Helmut Ridder, Karl Bechert, Gösta von Uexküll, Petra Kelly, Gert Bastian, Christoph Strässer. Diese Zusammensetzung personifizierte auch den Brückenschlag zwischen der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung der 1950er Jahre und der ›neuen‹ Friedensbewegung.

    5) Zunächst trafen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche informell, meist einmal monatlich im Institut für Heil- und Sonderpädagogik beim Kollegen Probst.

    6) hier nur einige Beispiele: Jürgen Scheffran, 1986: Rüstungskontrolle im Weltraum. Risiken und Verifikationsmöglichkeiten bei Anti-Satellitenwaffen. 2. Aufl.; Jürgen Altmann, 1986: Laserwaffen. Gefahren für die strategische Stabilität; Gert Sommer / Johannes M. Becker / Klaus Rehbein / Rüdiger Zimmermann (Hg.), 1992: Feindbilder im Dienste der Aufrüstung. 3. erw. Auflage; Johannes M. Becker / Gertrud Brücher (Hg.), 2001: Der Jugoslawienkrieg - eine Zwischenbilanz. Analysen über eine Republik im raschen Wandel; Johannes M. Becker / Herbert Wulf (Hg.), 2008: Zerstörter Irak -Zukunft des Irak; Johannes M. Becker / Herbert Wulf (Hg.), 2010: Afghanistan - Ein Krieg in der Sackgasse.


    Gert Sommer, Prof. i.R., lehrte Psychologie an der Universität Marburg. Er war langjähriger geschäftsführender Sprecher der IAFA.

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