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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Dr. phil.

29.07.2011: Kolumne

  
 

Forum Wissenschaft 2/2011

Naturwissenschaftliche und medizinische Dissertationen sind in der Regel schmal: ein Forschungsproblem wird gestellt und gelöst. Im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. galt dies auch für geisteswissenschaftliche Doktorarbeiten (einschließlich der juristischen). Mag sein, dass da und dort dünnes Brett dabei war, zum Beispiel dann, wenn die Promotion vor allem aus Familientradition oder aufgrund anderer außerwissenschaftlicher Erwägungen angestrebt wurde.

Mit der Inflationierung des gedruckten Wortes seit den 1960er Jahren schwoll nicht nur die Literatur insgesamt an, sondern auch der Umfang jeder einzelnen Doktorarbeit. Das, was andere im Umfeld des engeren Themas schon Einschlägiges geschrieben hatten (und das nahm ja auch zu), musste erst einmal referiert und eingeschätzt werden. Der Forschungskern wird von Sekundärem überwuchert. Solange das Umfeld mit Gänsefüßchen und Fußnoten versehen ist, handelt es sich um kein Plagiat, aber die Differenz zwischen Brutto und Netto ist groß. Wachsender Konkurrenzdruck lässt den Marktwert der einzelnen Arbeit, so dick sie auch ist, sinken.

Wird künftig nicht nur das Staatsexamen und das Diplom durch den Master ersetzt und die Habilitation durch den Ph.D., wird der herkömmliche geisteswissenschaftliche Doktortitel, der ohnehin eine deutsche Besonderheit ist, eher zu einem Kuriosum, das aber andererseits als ein Wettbewerbsvorteil wohl weiter beibehalten wird. Wie im 19. Jahrhundert, im Zeitalter der schmalen Dissertationen, wird er zu einem Distinktionsmerkmal. Damals zeigte er an, dass sein Träger aus einer Schicht stammte, die sich so etwas leisten konnte. Künftig könnte er - neben diesen ja weiter bestehenden Vorzugspositionen - Ausweis so genannter Sozialkompetenz sein: der Fähigkeit, sich Ressourcen zu erschließen, die eine Promotion ermöglichen - Stipendien, Teilnahme an Graduiertenkollegs, gewiss auch Begabung. Ist auf solche Weise schon eine Vorauswahl getroffen, kann der Umfang der Doktorarbeiten wieder schrumpfen.

Ein mögliches Dissertationsthema wäre unter anderem die Sozialgeschichte des Dr. phil.

Georg Fülberth

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