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Klaus Holzkamp

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Hochschulen, Proteste und Politik in Österreich

22.05.2011: Zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen Stagnation

  
 

Forum Wissenschaft 1/2011

Dass eine offensive österreichische politische Protestkultur auf Deutschland abfärbt, kam bisher eher nicht vor. Im Wintersemester 2009/2010 jedoch inspirierte die von Wien ausgehende Hochschulbewegung den deutschen ›Bildungsstreik‹ zu ähnlichen Aktionen in fast allen Bundesländern. Sigrid Maurer analysiert sie vor dem Hintergrund der politischen Kultur des Alpenlandes.

An den österreichischen Hochschulen gab es in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine strukturelle Reform nach der anderen, aber die nötige Finanzierung blieb aus. Dabei gibt es in der Analyse der bildungspolitischen Probleme wenige Unterschiede zwischen den politischen GegnerInnen; sich jedoch zur Lösung dieser durchzuringen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Die bürgerliche Elite in Verkörperung der Volkspartei (ÖVP) weicht nicht von den entsprechenden Elitekonzeptionen ab, der sozialdemokratische Koalitionspartner (SPÖ), der ähnlich wie in Deutschland eher dem Gedanken des ›Aufstiegs durch Bildung‹ verpflichtet ist, ist mit zaghaften Versuchen, die Schulpolitik zu ändern, beschäftigt, hat aber keine originären Konzepte für die Hochschulen vorzuweisen. Im Herbst 2009 erhoben sich plötzlich die Studierenden zu einer breiten Protestbewegung namens ›unibrennt‹ und hielten wochenlang Hörsäle besetzt - mit dem Effekt, dass Bildung in aller Munde war und ist. Tatsächlich bewegt hat sich dennoch wenig. Woran liegt die Bildungs- und Intellektualitätsfeindlichkeit dieses Landes? Und warum lässt sich die österreichische Bevölkerung so vieles gefallen?

In den 70er Jahren öffnete die damalige Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg (SPÖ) mit dem Universitätsorganisationsgesetz 1975 (UOG 75) die Universitäten. Ihr zentrales Ziel war es, Chancengleichheit beim Zugang zu den Hochschulen unabhängig von Geschlecht und sozialem Status zu erreichen. Die Studiengebühren wurden abgeschafft, ebenso die Aufnahmeprüfungen für die Gymnasien und ein soziales Studienförderungssystem wurde eingeführt. Die Studierendenzahlen stiegen infolge dessen stark an, die Zahl der studierenden ArbeiterInnenkinder blieb dennoch vergleichsweise niedrig. Das österreichische Schulsystem mit Hauptschule und Gymnasium sortiert sozial vor und garantiert, dass nur die besser Gestellten bis zur Matura (Abitur) und damit zur Studienberechtigung kommen. Das neue Gesetz brachte außerdem eine deutliche interne Demokratisierung mit sich. Die Ordinarienuniversität wurde durch die Gruppenuniversität abgelöst. Die Mitbestimmung der Studierenden und des wissenschaftlichen Personals entsprechend gestärkt, die ordentlichen ProfessorInnen in ihrem dominanten Einfluss auf Entscheidungen entmachtet.

Privatrechtliche Hochschulen

1993 begann dann mit Erhard Busek (ÖVP) als Wissenschaftsminister ein Umbau der Universitäten. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten wurden wieder eingeschränkt, die RektorInnen künftig nicht mehr vom Senat gewählt, sondern vom Ministerium bestimmt und ihre Kompetenzen wurden ausgebaut. Gleichzeitig führte man erste Instrumente des New Public Management ein. Die dahinter stehende Wunschvorstellung von privatrechtlich organisierten Hochschulen, die sich auch stark privat finanzieren, war an den Unis allerdings nicht so schnell umzusetzen. Also schuf man kurzerhand einen neuen Hochschultyp - die Fachhochschulen. Das Ziel war, einen Großteil ihrer Finanzierung aus der Privatwirtschaft zu akquirieren und eine in erster Linie berufsorientierte akademische Ausbildung zu schaffen. So entstand ein paralleles Hochschulsystem, das inzwischen ca. 12% aller Studierenden umfasst.

Mit einer Pro-Kopf-Studienplatzfinanzierung, praktisch keinen Mitbestimmungsmöglichkeiten und einem geringeren Forschungsauftrag wird dieser Hochschultyp seit Jahren als das Erfolgsmodell schlechthin gepriesen. Die stark verschulten Studienpläne bewirken ein schnelleres Abschließen, zudem ist der Zugang zu den Fachhochschulen stark beschränkt. Um an einer FH studieren zu können, müssen Studieninteressierte meist ein vielstufiges Aufnahmeverfahren absolvieren. Bei nüchterner Betrachtung ist das Konzept jedoch nicht aufgegangen. Die geplante Finanzierung durch die Wirtschaft erreichte nie das gewünschte Ausmaß, der geplante Ausbau der Studienplätze wurde aufgrund fehlender finanzieller Mittel stark eingeschränkt. Die privatrechtliche Organisation verhindert Transparenz und verunmöglicht eine konsequente Analyse der Finanzierungsströme. Statt der Wirtschaft springen die Länder bei der Finanzierung ein und bringen ihre entsprechenden regionalen (Entwicklungs-)Interessen mit.

1996 wurde die Studierendenfreifahrt1 abgeschafft, die staatliche Unterstützung für Studierende gekürzt und auch das Dienstrecht des Universitätspersonals verschlechtert. Die Proteste dagegen konnten nicht wirklich etwas ändern. Weitere Reformen folgten mit einem neuen Rahmengesetz für die Studienpläne 1997. Im Jahr 2000 kam dann die katastrophale politische Wende. Die ÖVP ging mit der rechtsgerichteten Haider-FPÖ in eine Koalition und leitete damit einen folgenreichen Wandel in der politischen Kultur ein. Waren bis dahin Interessensvertretungen stark in Diskussionen eingebunden, wurden sie ab jetzt einfach ignoriert. Ein Jahr später wurden Studiengebühren eingeführt, 2002 folgte schließlich ein neues Universitätsgesetz (UG), das alles bisher Dagewesene umstürzte.

Die Universitäten hatten die Reform 1993 noch nicht verdaut. Viele Auswirkungen der vorigen Gesetzesänderung waren noch gar nicht sichtbar, als unter der Federführung von Ministerin Gehrer (ÖVP) die Universitäten (zumindest theoretisch) in die ›Autonomie‹ entlassen wurden. Zentrale Aspekte des Gesetzes waren die Entdemokratisierung und Zentralisierung von Entscheidungsprozessen. Konsequenter Ausdruck dessen ist auch die zeitgleiche ersatzlose Liquidierung der bis dahin staatlich anerkannten gesetzlichen Bundesvertretung des akademischen Mittelbaus. Der Senat wurde weitgehend entmachtet und umstrukturiert. Die absolute Mehrheit der Stimmen entfiel auf die ordentlichen ProfessorInnen. Vor allem sollte sich der Senat künftig nur mehr ›akademischen‹ Aufgaben wie der Erstellung der Studienpläne sowie der Berufung von ProfessorInnen widmen.

Pionierrolle für Deutschland

Organisationsrechtlich erhielten die Universitäten einen Organisations- und einen Entwicklungsplan. Diese Pläne bestimmen seither die Struktur und die geplanten Entwicklungsziele. Die Pläne werden vom Rektorat vorgeschlagen und vom Universitätsrat abgesegnet, dem Senat kommt lediglich ein Recht zur Stellungnahme zu. In Verbindung damit wurde der Rektoratsposten von einer eher repräsentativen zu einer Management-Funktion mit weitreichenden autokratischen Kompetenzen umgewandelt. Als Aufsichtsorgan gibt es nun (wie z.B. in Aktiengesellschaften üblich) den bereits erwähnten Universitätsrat, dessen Mitglieder per definitionem nicht von der jeweiligen Universität sein dürfen, für die er zuständig ist. Es müssen laut Gesetz wichtige Persönlichkeiten aus "Wirtschaft, Kunst und Politik" sein. Der Rat wird zur Hälfte vom Ministerium besetzt, der ansonsten komplett entmachtete Senat darf die andere Hälfte der RätInnen wählen. Auch die Wahl des Rektorates wurde dem externen Universitätsrat zugeteilt, der Senat erstellt nur mehr einen Dreiervorschlag, aus dem der Rat dann auswählt.

In diesem organisatorischen Umbau ist unschwer das Leitbild der ›unternehmerischen Hochschule‹ zu erkennen, mit dessen Realisierung Österreich auch eine Pionierrolle für Deutschland einnahm, wo einzelne Landesgesetze erst fünf bis sechs Jahre später dieses Leitbild umzusetzen versuchten.2 Im Jahre 2002 pilgerten die deutschen neoliberalen Hochschulreformer scharenweise nach Wien und produzierten in der deutschen Presse sehnsüchtige Leitartikel, nicht selten mit der Überschrift "Tu Felix Austria!"

Die Reaktionen auf das neue Gesetz waren heftig. Ganz den neoliberalen Empfehlungen des deutschen Bertelsmann-Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und der Europäischen Kommission entsprechend wurden die Universitäten teilprivatisiert - gekoppelt mit einer weiteren massiven Kürzung der ohnehin bereits zu niedrigen finanziellen Mittel. Aus Sicht der ÖH ist auch diese Budgetkürzung strategisch erfolgt. Unter dem Vorwand, es gäbe zu wenig Mittel, lassen sich strukturelle Veränderungen viel leichter begründen und durchsetzen. Denn die Budgetknappheit wird nicht hinterfragt, sondern als unüberwindbares Faktum angenommen. All diese Umstrukturierungen erfolgten im Übrigen unter Finanzminister Grasser, gegen den heute wegen zahlreicher Korruptionsskandale ermittelt wird. Das Gesetz wurde als "Reform des Grauens" bezeichnet. Die ZEIT kommentierte: "Österreich setzt in der Hochschulpolitik all das um, worüber in Deutschland nur debattiert wird"3.

In Europa wurde das Gesetz als Paradebeispiel für die perfekte neoliberale Organisation der Universität betrachtet. Die österreichischen Universitäten und ihr Personal reagierten mit Schockstarre. Die Frustration über die völlige Entmachtung des Senates, die Ohnmacht gegenüber dem plötzlich allmächtigen Rektorat, die Streichung der Mitbestimmungsmöglichkeiten auf Instituts- und Fakultätsebene und die großen finanziellen Einschnitte bei gleichzeitig weiter steigenden Anforderungen bewirkten, dass sich viele der Lehrenden in die ›innere Emigration‹ zurückzogen. Dazu kommt, dass der politische und gewerkschaftliche Organisationsgrad unter dem Universitätspersonal sehr niedrig ist, da die Betriebsratsstrukturen häufig nicht oder nur schlecht funktionieren.

Von Seiten der "Österreichischen HochschülerInnenschaft" (ÖH), der gesetzlichen Interessensvertretung aller Studierenden4 kam allerdings lautstarker Widerstand. Nach dem Rechtsruck mit der schwarz-blauen Koalition erhielt die ÖH eine starke linke Mehrheit, die der studierendenfeindlichen Ministerin Gehrer (sie sprach praktisch nie persönlich mit der ÖH) ein Dorn im Auge war. Sie behalf sich 2004 damit, dass sie das Wahlrecht im ÖH-Gesetz änderte. Die Bundesvertretung der Studierenden konnte von nun an nicht mehr direkt über bundesweite Listen gewählt werden, sondern wurde von den einzelnen Hochschulen beschickt. Eine Stärkung der konservativen, ÖVP-nahen Studierendenfraktion war die (vom Ministerium beabsichtigte) Folge. Die restlichen Fraktionen konnten aber dennoch eine linke Koalition bilden und damit verhindern, dass sich die ÖVP eine hörige Studierendenvertretung installiert.

2005 folgten weitere Verschlechterungen - es wurden Zugangsbeschränkungen eingeführt. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes hob das sogenannte ›Herkunftslandprinzip‹ auf, das bis dahin verhinderte, dass deutsche Studierende ohne deutschen Studienplatz in Österreich studieren konnten. Um einen Kollaps vor allem der medizinischen Universitäten zu verhindern, wurden Zugangsbeschränkungen mit einer (ebenso rechtswidrigen) Quote für deutsche Studierende eingeführt. Seither wird ständig versucht mit der Argumentation der ›Deutschenflut‹ weitere Zugangsbeschränkungen in allen Fächern einzuführen.

Politische Un-Kultur

Die politische Kultur in Österreich ist wohl mehr als Un-Kultur zu bezeichnen. Ganz grundsätzlich ist vielen ÖsterreicherInnen nicht bewusst, dass sie sich in ihre eigenen Anliegen einmischen können und der Wille dazu ist auch ausgesprochen unausgeprägt. Die Hintergründe dafür sind historisch gewachsene: In Österreich ist die SozialpartnerInnenschaft in nahezu allen staatlichen Abläufen institutionell stark verankert, was auch Mitbedingung für die Passivität der Bevölkerung ist - die Interessensvertretungen sind derart an die Parteien (SPÖ und ÖVP) und damit die Regierung gebunden, dass es kaum zu nennenswerten Protesten oder gar Streiks kommt. So nehmen die Gewerkschaften und die ArbeiterInnenkammer meist sehr gemäßigte Positionen zu Verschlechterungen für die Bevölkerung ein. Eine zivilgesellschaftliche Protest- oder gar Streikkultur konnte deshalb nie entstehen.

Ganz grundsätzlich ist die politische Kultur in Österreich deutlich unterentwickelt. Im Unterschied zu Deutschland gab es in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg nur einen kurzen Versuch der Entnazifizierung, eine Beschäftigung mit der tatsächlichen Rolle der ÖsterreicherInnen im Nationalsozialismus blieb bis in die 90er Jahre aus. Nach wie vor glaubt ein Großteil der ÖsterreicherInnen, dass ihr Heimatland das erste Opfer Nazi-Deutschlands war und daher keine Mitschuld an der nationalsozialistischen Gewaltpolitik trägt. Noch 2008 lud die ÖVP Otto von Habsburg zu einer Festrede ins Parlament ein, bei der er erneut die Opferrolle Österreichs strapazierte.

Vor diesem Hintergrund ist ganz grundsätzlich die österreichische politische Kultur zu verstehen: Das Vertuschen, Schönreden und Drüberschwindeln hat die rechten Parteien erst salonfähig gemacht - Plakate wie in Österreich wären in Deutschland völlig undenkbar. JedeR fünfte ÖsterreicherIn will laut einer Werte-Studie aus dem Jahr 2009 "einen starken Führer haben, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss"5. Eine ähnliche Sprache spricht eine Autoritarismusstudie aus dem Jahr 2010: 36,5% glauben nach wie vor, Österreich wäre erstes Opfer der Nazis gewesen, nur 25% weisen diese Aussage zurück, 13% der Bevölkerung sprechen sich für ein generelles Streik- und Demonstrationsverbot aus6. Auch eine gerade eben veröffentlichte Demokratie-Studie stellt Österreich ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Zentrale Probleme sind hier die vergleichsweise wenig ausgebaute Presselandschaft und der geringe Organisationsgrad der Bevölkerung in politischen und gesellschaftlichen Vereinigungen (sogenanntes soziales Kapital).7

Angesichts dieser Rahmenbedingungen haben Proteste einen großen Seltenheitswert. Wenn auch die Studierenden diejenigen sind, die sich am ehesten erheben - auch sie sind traditionell träge und alles andere als protestfreudig. Etwas, das sich im Oktober 2009 allerdings ändern sollte.

Selbstorganisierte Protestbewegung

Das Wintersemester 2009 begann an den Universitäten mit einem enormen Zuwachs an StudienanfängerInnen. Im Jahr zuvor waren die Studiengebühren zumindest teilweise8 wieder abgeschafft worden und auch die Wirtschaftskrise bewog offenbar viele dazu, ein Studium zu beginnen, um den schlechten Chancen am Arbeitsmarkt zu entgehen bzw. in Zukunft mit einer höheren Qualifikation bessere Jobaussichten zu haben. Die Studienbedingungen an den ohnehin schon krass unterfinanzierten Universitäten verschlechterten sich infolge dessen noch weiter und den Studierenden reichte es. Nach einer kleineren Besetzung an der Akademie der bildenden Künste in Wien schwappte die Idee der ›Hörsaalbefreiung‹ auf die große Uni Wien mit ihren knapp 80.000 Studierenden über - das Audimax wurde besetzt.

Die Proteste waren von niemandem angeführt oder angezettelt worden. Alles entwickelte sich spontan aus einer Solidaritätskundgebung mit den Studierenden der Akademie heraus - man ging einfach ins Audimax, brach die dort laufende Vorlesung ab und besetzte den Hörsaal. Kleinere Gruppen holten immer mehr Studierende aus anderen Gebäudeteilen, bald war das Audimax derart gefüllt, dass ein Betreten nicht mehr möglich war, und wenig später wurde das erste Plenum abgehalten. Die Besetzung wurde beschlossen, innerhalb kürzester Zeit gab es eine Volksküche in einem Nebenraum, die hunderte Menschen mit Essen versorgte, erste Arbeitsgruppen wurden gegründet (insbesondere die AG Presse), weitere Hörsäle besetzt um für die Nacht Schlafplätze zu bekommen. Es folgten Hörsaalbesetzungen in den anderen Universitätsstädten.

Die Geschwindigkeit, mit der die Studierenden sich selbst organisierten, war berauschend. Zentral dafür war die online-Vernetzung. Twitter und Facebook, aber auch die unibrennt-Homepage mit dem dazugehörigen Wiki ermöglichten es der großen Masse, sich in Arbeitsgruppen zu organisieren oder auch außerhalb des Audimax up to date zu sein. Alle Plena wurden per Livestream ins Netz übertragen und auch in der Beschlussfassung bemühte man sich um Basisdemokratie. Hier spielte die Kultur der Basisgruppen an der Uni Wien sicher eine große Rolle - seit vielen Jahren organisieren sich die meisten der Studierendenvertretungen dort als basisdemokratische Gemeinschaft, die (zumindest in der Theorie) allen Studierenden offen steht.

Für viele BesetzerInnen waren dieses politische Engagement, die Plenumsstruktur und die oft langen Diskussionen jedoch komplett neu. Sehr viele waren zum ersten Mal in ihrem Leben politisch aktiv, beschäftigten sich mit Bildungspolitik und saßen, ehe sie sich versahen, in einer Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung von Forderungen oder der Gestaltung des Abendprogramms. Die Protestbewegung ohne Führung hatte das geschafft, was die ÖH viele Jahre lang mit nur mäßigem Erfolg versucht hatte - eine Politisierung der Studierenden.

Nach dem Audimax der Uni Wien wurden viele weitere Universitäten in Österreich und sogar in anderen Staaten (unter ihnen auch Deutschland) besetzt. Die Proteste mündeten in der ersten Woche in eine Großdemonstration mit über 40.000 Studierenden - ein Bild, das Wien sehr lange Zeit nicht gesehen hatte. Das Audimax blieb bis nach Weihnachten besetzt und wurde schließlich geräumt.

Die Bewegung arbeitete weiter und organisierte während der Konferenz der europäischen Bildungs- und WissenschaftsministerInnen zum Bologna-Prozess (März 2010) in Wien und Budapest einen Kongress und Straßenblockaden, um die MinisterInnen am ausgelassenen Feiern des Bologna-Prozesses zu hindern. Mit Erfolg - das Communiqué war mehr von Selbstkritik als von Jubel geprägt. Die Medien und die Politik taten sich schwer im Umgang mit der Bewegung - sie waren es nicht gewohnt, mit nicht-mandatierten RepräsentantInnen sprechen zu können, die auch verantwortlich gemacht werden konnten. Sie hatten die Bewegung ganz grundsätzlich nicht verstanden.

Das besetzte Audimax bot einen unglaublichen Freiraum für alle, die irgendwas machen wollten. Dieser Gestaltungsspielraum wurde von über zehntausend Studierenden aktiv genützt - sie alle machten die Erfahrung, was es bedeutet die eigenen Angelegenheiten wirklich selbst in die Hand zu nehmen. Die Bewegung war die Emanzipation und der Ausbruch aus konventionellen Strukturen, aus einer politischen Kultur des typisch österreichischen "Hände falten - Goschn halten".

Finanzielle und infrastrukturelle Unterstützung der Proteste kam zu großen Teilen von der ÖH, aber auch privat dürften mehrere zehntausend Euro in die Bewegung investiert worden sein. Seither ist der Protest etwas abgeflaut und es ist fast ausschließlich die institutionalisierte Studierendenvertretung, die in der Öffentlichkeit sichtbar für die Studierendeninteressen kämpft.

Bildung als öffentliches Thema

Die Spitze der Regierung hat heuer das "Jahr der Bildung" ausgerufen - wenig glaubwürdig. Die aktuelle wirtschaftliche Situation, gekoppelt mit dem ausgesprochenen Unwillen der beiden Großparteien, tatsächlich in höhere Bildung zu investieren, wird eine Fortschreibung des Ist-Zustandes (was real einer Kürzung entspricht) bewirken. Wissenschaftsministerin Karl ist zwar bemüht, viele Reformen auf den Weg zu bringen (sie will einen Hochschulplan erstellen und ein Modell zur Studienplatzbewirtschaftung ausarbeiten), wird aber auch hier an der Unmöglichkeit der Finanzierung scheitern. Grundsätzlich hat sich jedoch bildungspolitisch seit dem Herbst 2009 eines deutlich verändert - Bildung und auch die Hochschulen sind wesentlich stärker als zuvor ein öffentliches Thema.

Die Proteste haben auch eine massive Stärkung der ÖH, der institutionalisierten Studierendenvertretung bewirkt. Jahrelang wurde argumentiert, dass die (linke) ÖH nicht die wahren Interessen der Studierenden vertrete. Das fand sich nun eindrucksvoll widerlegt. Die Protestbewegung hat es geschafft, eine Dynamik in die Debatte um die Hochschulpolitik zu bringen. Die Politik steht stark unter Druck - und reagiert dennoch nicht. Sie hat die Proteste ausgesessen, an den bildungspolitischen Positionen hat sich wenig verändert. Im Dezember wurde im Rahmen des Sparpaktes die Altersgrenze der Familienbeihilfe für studierende Kinder von 26 auf 24 Jahre herabgesetzt, aufgrund der Panikmache bezüglich der deutschen Studierenden wird eine neue Studieneingangsphase eingeführt, die mit nur mehr einer zulässigen Prüfungswiederholung als beinharte Knock-Out-Phase dienen soll. Die Zeichen für die weiteren Entwicklungen stehen ebenfalls schlecht. Es wird an Studienplatzfinanzierungsmodellen gearbeitet, die im Verständnis der Regierung eine automatische Platzbeschränkung bedeuten.

Klar ist, dass derartige Bewegungen nötig sind um die Politik überhaupt zum Zuhören zu zwingen. Jedenfalls wissen wir nun, dass sich auch in Österreich Teile der Zivilgesellschaft erheben können. Langfristig bleibt zu hoffen, dass sich BürgerInnenbewegungen stärker etablieren und dieses verschlafene Land aus dem Polit-Koma reißen. Zumindest ab und zu.

Anmerkungen

1) Früher konnten Studierende in Österreich gratis mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.

2) Vgl etwa: www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/463053.html

3) www.zeit.de/2002/19/Die_Reform_des_Grauens

4) Die ÖH arbeitet auf Studienrichtungs-, Hochschul- und Bundesebene, die Mitgliedschaft ist verpflichtend für alle Studierenden. Sie ist gesetzlich stark verankert und verfügt über ein großzügiges Budget.

5) derstandard.at/1244460578904/Wertestudie-Studie-Sehnsucht-nach-dem-starken-Mann

6) derstandard.at/1277336953199/Autoritarismus-Studie-Oesterreicher-vertreten-weiter-NS-Opferrolle

7) derstandard.at/1295570967280/Studie-Demokratiequalitaet-in-Oesterreich-unterdurchschnittlich

8) Nach dem Zerbrechen der Regierung im Sommer 2008 beschlossen SPÖ, Grüne und FPÖ gemeinsam eine große Zahl an Befreiungsgründen von den Studiengebühren. Der den Universitäten entfallende Betrag wurde (gedeckelt) vom Bund übernommen.



Sigrid Maurer studiert Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und ist derzeit Vorsitzende der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH).

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