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Klaus Holzkamp

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Kreativer Straßenprotest

22.05.2011: Von der Latsch-Demo zum Flash Mob

  
 

Forum Wissenschaft 1/2011

Wer auf neue Bedarfe und Bedürfnisse wirksam aufmerksam machen und die Aufmerksamkeit positiv aufladen will, hat sich viel vorgenommen und Einiges zu tun. Von fantasievollen, künstlerischen, jedenfalls kreativen Aktionen im gesellschaftlichen Widerstand sowie von deren Geschichte, Funktion und Wirkungen berichtet Marc Amann.

Als Comic-Superhelden verkleidete AktivistInnen entwenden aus einem Hamburger Nobelrestaurant Nahrungsmittel im Wert von über 1.000 Euro und verteilen sie an Bedürftige - die internationale Presse berichtet begeistert von der "Robin Hood-Aktion". Bundesweit schlagen an einem Samstag um 5 Minuten vor 12 mehr als 2.000 Personen in 50 Bahnhöfen im Rahmen eines Flash Mobs Alarm gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn. Vor dem Konferenzzentrum eines Treffens europäischer Umweltminister schmilzt eine Eiswand mit der Botschaft "Zeit zu handeln" vor sich hin ...

Fast alle, die schon mal bei einer größeren Demonstration waren, kennen Rebel Clowns, und wenn in einer Fußgängerzone ein Haufen Leute etwas Ungewöhnliches tut, kommt garantiert von einem Passanten die Bemerkung "Ach, das ist sicher wieder so ein Flash Mob". In Deutschland war diese bunte, vielfältige Protestbewegung endgültig im Sommer 2007 anlässlich der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm angekommen. Noch nie und seitdem nicht wieder in dieser Größe bildeten so viele Performances, Verkleidungen, Großpuppen, Theaterelemente in Kombination mit Zivilem Ungehorsam solch ein buntes Protest-Mosaik in der ansonsten eher durch langweilige und pflichtgefühlmotivierte ›Latschdemos‹ gekennzeichneten bundesdeutschen Protestkultur.

Dem vorausgegangen war ein zunehmendes Interesse verschiedenster Organisationen an kreativem Straßenprotest sowie der Wunsch, sowohl langjährige AktivistInnen wie auch politisch neu Engagierte mit neuen Aktionsformen vertraut zu machen. Unzählige Workshops, Seminare und Trainings zu kreativem Protest, Aktionstheater, Aktionsklettern oder Zivilem Ungehorsam finden seitdem überall in Deutschland statt. Bemerkenswert ist die Zunahme von Aktions- und Blockadetrainings zu konkreten Anlässen wie Castortransporten oder Nazi-Aufmärschen, aber auch als häufiger Bestandteil von inhaltlichen Konferenzen. Gerade diese Aktionstrainings in der Tradition des Zivilen Ungehorsams machen die Teilnehmenden nicht nur mit Blockadetechniken bekannt, sondern präsentieren mit dem Bezugsgruppensystem und basisdemokratischen Entscheidungsmodellen grundlegende Methoden horizontaler politisch-sozialer Organisierung und Selbstermächtigung, die weit über die konkreten Proteste wirken und grundlegende Fragen nach demokratischem Umgang und Miteinander auch im Alltag aufwerfen.

Tanzen können in der Revolution

In den 1990er Jahren war auf Flugblättern und Plakaten der Satz "Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution!" oft zu lesen. Und obwohl er sich inzwischen etwas verbraucht anhört, beschreibt er immer noch sehr treffend den zentralen Wunsch einer neuen jungen Protestgeneration. Gelangweilt von ›Latsch-Demos‹ und Kundgebungen mit endlosen Redebeiträgen, einem Politikstil, der Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit mit dem Verzicht auf Spaß gleichsetzte und wenig Bezug zum eigenen Leben bot, meinten v.a. jüngere AktivistInnen, "Widerstand kann auch Spaß machen", und begaben sich auf die Suche nach lustvollen, kreativen und direkten Aktionsformen.

Die Forderung, Politik solle auch Spaß machen, ist ebenso wenig neu wie der eben zitierte Satz Emma Goldmanns und kam in der Geschichte linker sozialer Bewegungen regelmäßig auf: Im 18. und 19. Jahrhundert drückte sich Protest noch eher spontan in Aufläufen, Tumulten und Krawallen aus, daneben äußerte sich Kritik und Unmut in traditionellen Festritualen und Karnevalsbräuchen. Ab 1848 nahmen dann die sozialen Protestaktionen stark zu, die Arbeiterklasse bildete sich als deren neuer Handlungsträger heraus. Im Kampf um gewerkschaftliche Forderungen und Lohnfragen sowie für das allgemeine Wahlrecht kam es spätestens ab den 1890er Jahren zu Massendemonstrationen, die Straßendemonstration wurde zur gebräuchlichen Protestform. Durch die Organisationen der Arbeiterklasse (Gewerkschaften und Parteien) erhielten die Demonstrationen auch ihr bekanntes strukturiertes Erscheinungsbild. Um Stärke, Disziplin und Einheit zu vermitteln, wurden diese in Reihen und Blöcken geordnet und mit den Symbolen der jeweiligen Organisationen ausgestattet.

Auch in der Weimarer Republik bestimmte diese Form der Demonstration die Straßenprotestkultur, wobei die Agitation der Linken bisweilen auch als Straßentheater daherkam. Die Massendemonstration aber ließ sich durch die Nazis leicht als Propagandainstrument und augenscheinliches Symbol für Macht und Einheit des "Volkes" auf der Straße übernehmen und fortführen. Die Blöcke wurden mit nationalsozialistischen Symbolen ausgestattet, noch stärker geordnet und in aufwendig inszenierte Kundgebungen eingebracht. Der antifaschistische Widerstand hingegen konnte mit zunehmender Repression bis zum Kriegsende immer weniger öffentliche Aktionen durchführen.

Nach dem 2. Weltkrieg blieben die Proteste z.B. der Friedensbewegung der 50er und 60er Jahre durch die Dominanz von SPD, KPD und Gewerkschaften weiterhin noch eher starr strukturiert. Ablauf und Aussehen der Demonstrationen änderten sich erst mit dem Entstehen einer heterogeneren Bewegung und lockerer Organisationsweisen in den frühen 60er Jahren. Es entstanden neue Protestformen: Ausgehend von den USA begannen gewaltfreie, oft christlich motivierte Gruppen Aktionen des zivilen Ungehorsams durchzuführen, und in den Ostermärschen tauchten Verkleidungen und Masken auf und brachen das uniforme Aussehen der Demonstrationen. Die Yippies in den USA forderten, "Wenn's keinen Spaß mehr macht, dann tu's nicht", und 68er Studentenbewegung und Außerparlamentarische Opposition (APO) machten außer mit Aktionen wie Go-Ins und Sit-Ins, die dem Prinzip der ›begrenzten Regelverletzung‹ folgten, bewusst mit humorvoll-karnevalistischen und theatralischen Aktionsformen auf sich aufmerksam, hierbei auch von Dadaisten und Surrealisten der 1920er Jahre beeinflusst.

Die autonome a.f.r.i.k.a. gruppe trug 1997 in ihrem Handbuch der Kommunikationsguerilla diese und weitere Aktionen kreativ-künstlerischen Engagements zusammen, die ebenfalls mit Humor, Lust und dem Willen, unmittelbar einzugreifen, verbunden sind, und die dabei die "Herrschaftsverhältnisse auf der Ebene der gesellschaftlichen Diskurse und der Formen der kulturellen Grammatik" in Frage stellen, zusammen. Der Kommunikationsguerilla - deren Vorgänger und Ideengeber Akteure wie die Situationistische Internationale, die Yippies, die Berliner Kommune 1, die Autonomia-Bewegung in Italien und die Spaßguerilla-Aktionen der autonomen Bewegung der 80er Jahre sind - geht es statt reiner Aufklärung und Informationsvermittlung um das Aufgreifen von Erfahrungen und Widersprüchen, um daran anknüpfend Verwirrung zu erzeugen und dadurch weiterführendes Denken und Handeln zu provozieren. Was nach der herrschenden gesellschaftlichen Meinung als richtig und wahr gilt, kann dabei im Idealfall für kurze Zeit ins Wanken gebracht werden, und bei vielen Aktionen bleibt absichtlich unklar, wer AktivistIn, ZuschauerIn oder BetroffeneR ist und was mit der Aktion ausgesagt werden soll. Es wird mit Zeichen und Bedeutungen gespielt, mit dem Ziel, "die Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören". Die Techniken der Kommunikationsguerilla bestehen daher aus Methoden wie Umdeutung, Entwendung, Verfremdung und Erfindung. Aktionsweisen, die mittels dieser Methoden entworfen werden, können die Form von Happenings und Unsichtbarem Theater annehmen. Bisweilen werden mediale Bedeutungsträger - z.B. Werbeplakate beim Adbusting oder Subvertising - direkt umgestaltet oder unter falschem Namen Fakes veröffentlicht.

In den 90er Jahren wurde vor allem in der englischen sog. Direct Action- und Do it yourself-Culture-Scene mit neuen Aktionsformen experimentiert. Als der Protest gegen ländliche Straßenbau-Projekte schließlich auch die Städte erreichte und sich mit der Techno-Szene und Subkultur verband, flossen auch vermehrt künstlerische Formen in die politischen Proteste ein. Unter anderem entwickelten sich dabei karnevaleske Reclaim the Street-Straßenparties, die viele Menschen anzogen und großen Einfluss auf die Protestkultur auch in Deutschland hatten.

Neue Bewegungen, neue Formen

Als erstes großes globales Netzwerk von Graswurzelbewegungen wurde 1998 Peoples' Global Action (PGA) gegründet, dessen Aufrufe zu globalen Aktionstagen anlässlich der Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation (WTO) zu gleichzeitig stattfindenden Protestaktionen in vielen Ländern weltweit führten. Parallel dazu vernetzten sich in den 90er Jahren auch Nichtregierungsorganisationen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten und beteiligten sich an Mobilisierungen gegen internationale Regierungsgipfel und Treffen von Wirtschafts- und Finanzinstitutionen. Bereits Ende der 80er und in den frühen 90er Jahren hatte es auch in Deutschland vergleichsweise große Mobilisierungen gegen solche Gipfeltreffen gegeben, zum Beispiel 1988 in Berlin gegen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds und 1992 in München gegen den Weltwirtschafts-/G7-Gipfel. Gerade die Proteste in Berlin 1988 waren durch ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches gleichberechtigtes Nebeneinander-Experimentieren mit Aktionen gekennzeichnet.

Bis diese internationalistische Bewegung schließlich tatsächlich internationale Bedeutsamkeit erreichte, vergingen aber noch weitere zehn Jahre. Die einflussreichen Nichtregierungsorganisationen und traditionellen linken Organisationen versuchten im Laufe der 90er ihre politische (Lobby-)Arbeit mit der Durchführung herkömmlicher Großdemonstrationen zu untermauern - neue, kreative, spontane oder gar konfrontative Protestformen hatten dabei zunächst wieder keinen Platz.

Für das Bekanntwerden einer neuen Gipfelprotestbewegung und die Aufmerksamkeit, die sie in den Medien erreichte, waren jedoch zunächst weniger die vielen Teilnehmenden als vor allem die veränderten Aktions- und Organisierungsweisen von Bedeutung. Formen des zivilen Ungehorsams, direkte Aktionen und gewaltlose (Sitz-)Blockaden, Barrikaden auf Straßenkreuzungen, ›schwarze Blöcke‹ oder karnevalsartige Umzüge mit Verkleidungen, Sambabands und großen Puppen, die in Straßenschlachten mit der Polizei verwickelt wurden, führten teils zu massiven Störungen der offiziellen Gipfel. Darüber hinaus lieferten sie spektakuläre Bilder für die Massenmedien und sorgten für Aufsehen und das Anwachsen der Bewegung. Entscheidend für deren Farbigkeit war der Austausch untereinander. In basisdemokratisch gestalteten Vorbereitungsstrukturen, wie den Convergence Centres konnten selbstorganisierte Workshops stattfinden und in offenen Plena die Proteste gemeinsam organisiert werden. Dabei wurden Aktionsformen vorgestellt und diskutiert, Taktiken und Strategien abgewogen und versucht, Raum für möglichst alle Formen des Protests zu finden. Bekanntes wurde angereichert, in neuen Kontexten eingesetzt, verblüffend kombiniert, zum Ausgangspunkt für konfrontativere Aktionen (z.B. Blockaden), und völlig neue Formen wurden entwickelt.

Zum ersten Mal zeigte sich dies eindrücklich auf europäischem Boden im September 2000 in Prag im Rahmen von Protesten gegen die Konferenz von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank. Prag wurde gewissermaßen zum europäischen Seattle, wo bereits am 30. November 1999 ein Bündnis aus Gewerkschaften, UmweltaktivistInnen und dem Direct Action-Network mit Großdemonstrationen und Straßenblockaden gegen das Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) für internationales Aufsehen gesorgt hatte. In Prag kamen AktivistInnen und KünstlerInnen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten im Convergence Centre und beim Arts and Resistance-Festival zusammen, tauschten sich aus, planten und bastelten gemeinsam, inspirierten sich gegenseitig. Das Ergebnis war einer der buntesten und erfolgreichsten Proteste, die es bis dahin gegeben hatte: Radical Cheerleaders aus den USA, Tute Bianche aus Italien mit weißen Overalls und selbstgebastelten Schutzausrüstungen, die Marching Band Infernal Noise Brigade aus Seattle, Samba-AktivistInnen aus Großbritannien, der erste Demonstrationszug in den Farben und mit der Taktik Pink & Silver, Verkleidungen, große Puppen und Figuren. Gewaltlose Sitzblockaden, die in offenen Trainings mit mehreren Hundert Teilnehmenden vorbereitet wurden, prägten ebenso das Bild wie AktivistInnen, die sich als "schwarzer Block" bzw. in mehreren "schwarzen Blöcken" organisierten. Aus der gemeinsamen Demonstration am 26. September lösten sich verschiedene Protestzüge, die nach Farben benannt waren, und versuchten, auf eigenen Wegen und mit unterschiedlichen Mitteln zum Konferenzzentrum vorzudringen. Bei dessen Belagerung kam es zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei, und die Konferenz von IWF und Weltbank wurde schließlich aus Sicherheitsgründen vorzeitig abgebrochen.

In den Ländern des globalen Südens hatten die Zerschlagung der regionalen Selbstversorgung, brutale Ausbeutung in Sweat-Shop-Fabriken, Umweltzerstörung etc. bereits vor den beschriebenen Ereignissen im Norden starke Proteste u.a. gegen die internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen aufkommen lassen. Oftmals konnte dort an die Erfahrungen aus den antikolonialen Kämpfen und Unabhängigkeitsbewegungen, die Kämpfe gegen diktatorische Regime sowie eine "Kultur der Befreiung" angeknüpft werden. Gleichzeitig war es aber für die Basisbewegungen in Südamerika, Asien und Afrika von zentraler Bedeutung zu erfahren, dass sich auch in den ›reichen Ländern‹ Protest regt und ihr eigener verzweifelt existentieller Kampf Unterstützung und Widerhall findet.

Seattle, Prag, Genua und die anderen Gipfelproteste verdeutlichen, dass es trotz des vermeintlichen "Endes der Geschichte" auch im globalen Norden wieder Menschen gibt, die ihre Unzufriedenheit, Enttäuschung und Wut und ihren Wunsch nach Veränderung inspirierend auf die Straße tragen. Die Teilnehmenden haben fantastische Momente erlebt, in denen wenigstens für kurze Zeit vieles möglich schien. "Eine andere Welt ist möglich!" wurde zum Leitspruch der neuen Bewegungen; sie zeigten, dass ein ›anderer Protest‹ möglich ist.

Gegenmacht - spielerisch?

Heute, Anfang 2011, kann gesagt werden, dass der Bewegungszyklus der globalisierungskritischen Mobilisierungen wohl zu Ende ist. Vom Kapitalismus kann das leider nicht behauptet werden, auch wenn mit der Krise seit 2008 (der sog. Bankenkrise, die tatsächlich eine tiefe und umfassende Systemkrise ist und auch die Klimakrise beinhaltet) der "Neoliberalismus" als kapitalistische Strategie gescheitert ist - scheinbar. Die Krisenbewältigung zur Restauration des Systems findet aber einmal mehr auf dem Rücken der sowieso schon Benachteiligten statt. Gleichzeitig gibt es aber in Deutschland unter anderem mit den Mayday-Paraden als neue Form der 1. Mai-Demonstrationen, den Bildungsprotesten, den zahlreichen erfolgreichen Blockaden von Naziaufmärschen, den zugleich bunten und vielseitigen wie massenhaften Protesten gegen Stuttgart 21, der neu entstehenden Bewegung für Klimagerechtigkeit und der wiedererwachten Anti-Atom-Bewegung auch positive Protesterfahrungen.

Kunstvoll-kreative Aktionen haben die Straßenprotestkultur der letzten Jahre bereichert, sind sogar zu Erkennungsmerkmalen einzelner Bewegungen und Anlässe geworden. Sie haben Bewegungen geholfen, medial auf sich aufmerksam zu machen, attraktiv für mehr Menschen zu werden, und sie haben dazu beigetragen, Themen auf die politische Tagesordnung zu setzen. In Begegnungen von politischem Aktivismus, Popkultur, Subkulturen und Kunst hat Protest gegen herrschende Verhältnisse neue Formen des Ausdrucks gefunden; er konnte ein ums andere Mal auch tatsächliche Widerständigkeit entfalten und helfen, politische Forderungen durchzusetzen. Dabei ist erneut deutlich geworden, dass ein weitaus größeres Aktionsrepertoire zur Verfügung steht, als es angesichts der üblicherweise am häufigsten verwendeten Straßenprotestformen wie Infotische, Kundgebungen und Demonstrationen den Anschein hat.

Oft entfalten die verschiedenen Spielarten des kreativ-künstlerischen Protests ihre Möglichkeiten eher ›im Kleinen‹, im direkten Kontakt eines Straßentheaters mit PassantInnen, als verwirrender Flash Mob in der Fußgängerzone, als ›Hingucker‹ oder als Bildinszenierung für die Medien. Sie helfen, Themen bekannt zu machen und für Sympathie zu werben. Und sie sind oftmals Ausdruck des Wunsches nach ›Spaß‹ im Protest, nach Selbstverwirklichung und Freude, schließlich stellen gerade die kreativen Aktionen auch oft selbst direkte Aneignungsprozesse künstlerischer Tätigkeiten dar, nehmen experimentelle Formen an, mit denen im Sinne der Zapatistas "fragend vorangegangen wird", ohne dass im klassischen Sinne Agitation und Propaganda betrieben wird.

Dahingegen haben die kapitalistische Krise, Klimawandel, Atomkraft oder das Projekt Stuttgart 21 aber auch wieder die Notwendigkeit von tatsächlicher Gegenmacht bewusst gemacht, um größere gesellschaftliche Veränderung zu erreichen, bzw. herrschaftliche Projekte zu verhindern. Massendemonstrationen und/oder gezielte Regelverletzung in Form von Blockaden oder sogar Sachbeschädigungen wie bei der Kampagne "Castor? Schottern!" im Herbst 2010 sind diskursive Interventionen, die gewählt werden, um ein deutlicheres "Nein" zu artikulieren, als andere Aktionen es aussprechen, verbunden mit dem Aspekt der Selbstermächtigung vieler Menschen in einem gemeinsamen Prozess, der auch eine inhaltliche und formale Radikalisierung darstellt.

Interessant werden solche Aktionen immer dort, wo sie in eine Kampagne oder langfristige Strategie gehören, wo neben der Aufklärung, der Mobilisierung, dem Protest und Widerstand auch alternative Strukturen aufgebaut werden, um ein bestimmtes Projekt (Atomkraft, Stuttgart 21) unnötig zu machen, bzw. durch ein alternatives Projekt (Kopfbahnhof 21) zu ersetzen. Inspirierende Beispiele hierfür fanden in Südafrika oder in Cochabamba/Bolivien statt, wo gegen die Privatisierung von Strom und Wasser selbstorganisierte Strukturen geschaffen wurden, die das illegale Anzapfen von Leitungen organisierten und gleichzeitig im Rahmen von Bildungsarbeit und politischer Arbeit für Grundversorgung und freien Zugang zu diesen Ressourcen kämpften und kämpfen.

Spannend wäre es in diesem Sinne, wenn zur breiten Palette kreativer Aktionsformen und den klassischen Formen des Zivilen Ungehorsams neue umfassende Aneignungsaktionen hinzukämen. Wie würde es beispielsweise aufgenommen, wenn in Deutschland während eines Streiks in der Automobilindustrie die Streikenden anfingen, gesellschaftlich notwendige und ökologisch sinnvollere Güter wie Busse oder Mini-Kraftwerke zu bauen?



Marc Amann ist Diplompsychologe, politischer Aktivist und Herausgeber des Aktionshandbuches go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Aktionen. Geschichten. Ideen. Er lebt in Tübingen. Weitere Informationen unter www.marcamann.net , www.go-stop-act.de , kreativerstrassenprotest.twoday.net

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