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Klaus Holzkamp

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Finanzinvestoren greifen nach Wohnungen

15.12.2006: Vom öffentlichen Eigentum zum Renditeobjekt

  
 

Forum Wissenschaft 4/2006

Die systematisch herbeigeführte Verschuldung der öffentlichen Haushalte durch jahrzehntelange Duldung, sogar Förderung von Arbeitslosigkeit und folgende Dumpinglohn-Politiken gebiert (scheinbare) Paradoxa. Bisheriges Verscherbeln gesellschaftlichen Tafelsilbers soll durch das Verscherbeln weiteren Tafelsilbers therapiert werden. Werner Rügemer geht in die Details eines dieser Prozesse.

Die US-amerikanischen und englischen Finanzinvestoren freuen sich: Nachdem sie 2004 kurzzeitig als "Heuschrecken" angeprangert wurden, wird öffentlich kaum mehr über sie diskutiert. Da können sie umso leichter "arbeiten". Zuerst hatte ihnen die rot-grüne Bundesregierung im Jahre 2000 den deutschen Markt geöffnet. Mithilfe der Steuergeschenke kaufen die Finanzinvestoren seitdem profitable Mittelstandsfirmen des gehobenen Sektors, z.B. Siemens Nixdorf, den Armaturenhersteller Grohe und hunderte andere. Mit dem Kauf wird bereits der Verkauf bzw. der "exit" geplant. Die Investoren unterwerfen die gekauften Unternehmen einem kurzfristigen "Verwertungszyklus", der zwischen zwei und sieben Jahren liegen soll. In dieser Zeit wird Personal freigesetzt, Eigenkapital entzogen. Dann wird weiterverkauft oder an die Börse gebracht. Am Ende soll eine Jahresrendite von mindestens 20 Prozent stehen.1

Neuerdings haben die Finanzinvestoren auch die öffentlichen Wohnungsbestände als Objekt der Begierde entdeckt. Etwa fünf Millionen Wohnungen sind in Deutschland (noch) nicht direkt dem "freien" Markt unterworfen. Kommunale Genossenschaften haben mit 2,7 Millionen Wohnungen den größten Anteil. Auch der Bund und die Bundesländer verfügen (noch) über Wohnungsbestände; so besitzt die NRW-Landesentwicklungs-Gesellschaft mbH (noch) 101.500 Wohnungen. Die christlichen Großkirchen haben ebenfalls (noch) eigene Wohnungsgesellschaften. Schließlich gibt es (noch) 600.000 Werkswohnungen, in denen vergleichsweise niedrige Mieten verlangt werden. Es sind etwa 10 Millionen BürgerInnen, die gegenwärtig (noch) in solchen Wohnungen wohnen. Zusammen mit dem öffentlich subventionierten Wohnungsbau stellten die Genossenschafts- und Werkswohnungen seit der Weimarer Republik auch eine gewisse Bremse bei der Entwicklung der Mieten überhaupt dar, jedenfalls in den Qualitäts- und Preisklassen, die für weniger finanzstarke Gruppen infrage kommen.

Blackstone, KKR, Cerberus, Whitehall, Terra Firma/Deutsche Annington und Fortress, die Finanzinvestoren mit Sitz in London, Houston und New York (vgl. Kasten), hatten 1999 festgestellt: Die Mieten und Immobilienpreise im vereinigten Deutschland sind im Vergleich zu den USA und Großbritannien auf dem Niveau von 1993 stehen geblieben. Dieser "Entwicklungsrückstand" müsse und könne aufgeholt werden. Man achte auf den hier zugrundeliegenden Begriff der "Entwicklung": Soziale Mieten, niedrige Wohnungs- und Eigenheimpreise bedeuten "Rückstand". Deutschland ist demnach aus Sicht der Finanzinvestoren ein Entwicklungsland.

1999 gründeten die Deutsche Bank und die US-Investmentbank Merrill Lynch mit Unterstützung des Bundesfinanzministeriums deshalb die "Initiative Finanzplatz Deutschland" (IFD).2 Der Verein hat sich inzwischen aufgelöst, da er sein Ziel erreicht hat: Die Finanzinvestoren können öffentliche Immobilien günstig kaufen und verwerten, die Bundesregierung will bis Anfang 2007 die gesetzlichen Voraussetzungen für die steuerbegünstigten "Real Estate Investment Trusts" (REIT) nach US-Vorbild auch für Deutschland schaffen. US-amerikanische Wirtschaftskanzleien und Wirtschaftsprüfer bereiten die Formulierungen vor.3

"Wer die Transformation des Rückstands beherrscht, kann auch mit langweiligen Wohnblöcken viel Geld verdienen", so referieren die Gefälligkeitsschreiberlinge der Zeitschrift Wirtschaftswoche.4 Aber wie, so fragen sie weiter, "aber wie kommt man mit deutschen Mietskasernen auf 20 Prozent jährliche Verzinsung und mehr, so wie es die Finanzinvestoren planen?" An den bisher etwa 600.000 gekauften Wohnungen demonstrieren die "Heuschrecken", wie das geht.

Wertsteigerungen

Die erste Quelle der "Wertsteigerung" ergibt sich aus der Verschuldung der öffentlichen Hände. Die Investoren sprechen vom "Charme der Staatsverschuldung". Die Überschuldung der Kommunen, der Bundesländer und des Bundes ist ein Verführungs- und Erpressungspotenzial. "Wir leben faktisch von der Hand in den Mund, wir brauchen das Geld jetzt", sagte der Dresdner Stadtkämmerer Herbert Gehring, der den Verkauf der städtischen Wohnungsgesellschaft WOBA vorangetrieben hat. Er setzte sich und den Stadtrat unter Zugzwang, denn der erhoffte Verkaufspreis für die 48.000 Wohnungen wurde schon lange vor der Verkaufsentscheidung in den städtischen Haushalt eingestellt. Der Investor ist für solche Kämmerer "unsere letzte Rettung".5

Wegen dieser Erpressungssituation bekommen die Investoren die Wohnungen zu "Schleuderpreisen", heißt es bewundernd in der Wirtschaftswoche. Kämmerer und Finanzminister in Deutschland kommen sich clever vor, weil sie auf solche "innovativen Finanzierungsmöglichkeiten" eingehen und scheinbare Handlungsfähigkeit demonstrieren. So erhielt Fortress die Dresdner Wohnungen für etwa 28.000 € pro Wohneinheit, die 82.000 Wohnungen der bundeseigenen GAGFAH (Immobiliengesellschaft der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte) für etwa 40.000 € pro Wohneinheit und die 4.348 Wohnungen der Landesentwicklungsgesellschaft NRW für etwa 32.000 € pro Wohneinheit.6

Die zweite Quelle der Wertsteigerung erschließt sich durch die Art der Finanzierung. Die Investoren können mit wenig Eigenkapital viel kaufen. Die Konditionen für Großkredite waren noch nie so günstig wie heute - eine 80- bis 90prozentige Kreditfinanzierung ist die Regel. Da kommen auch die Banken wie die Deutsche Bank und Merrill Lynch zum Zuge. Sie vergeben Kredite an die Finanzinvestoren und partizipieren an den hohen Renditen. So können die "Heuschrecken" für 300 Millionen € Eigenkapital 100.000 Wohnungen kaufen, obwohl die das Zehnfache kosten, nämlich drei Milliarden €.

Cerberus, Fortress, Blackstone, Terra Firma undsoweiter gründen eine Briefkastenfirma in einer Finanzoase, vorzugsweise in Luxemburg. Der Briefkasten nimmt die Kredite auf und bezahlt den Kaufpreis. Aber nach dem Kauf fusioniert der Finanzinvestor die Briefkastenfirma mit dem gekauften Wohnungsunternehmen. Auf diese Weise wird die aufgekaufte Wohnungsgesellschaft mit den Schulden belastet - mit einem Schlag ist sie völlig überschuldet. Deshalb braucht sie für ihre Gewinne kaum mehr Steuern zu zahlen. Und Zinsen für die Kredite solcher Investitionen belohnt der Staat damit, dass sie steuermindernd angesetzt werden können - obwohl bei diesen "Investitionen" keine einzige Wohnung entsteht, die nicht schon vorher da gewesen wäre. Fortress rühmt sich gegenüber den zukünftigen Aktionären, dass die Finanzämter nach dem Kauf im Jahre 2005 bereits 35,6 Millionen € Steuern rückerstattet haben.7

Mieterhöhungen, Entlassungen

Fortress teilt den zukünftigen Aktionären ebenfalls mit, dass die Mieten bei den bisher aufgekauften 151.000 Wohnungen in Deutschland "9 Prozent unter dem marktüblichen Niveau" liegen. Dieses Niveau soll innerhalb von etwa drei Jahren erreicht werden. Als die Stadt Köln 42.000 Wohnungen verkaufen wollte, beauftragte sie die Bank Oppenheim, Europas größte Privatbank mit Sitz in Köln, den Verkauf vorzubereiten. In ihrem Gutachten, für das die Bank drei Millionen € Honorar von der Stadt erhielt, hieß es, "dass Sozialklauseln für den Erwerber grundsätzlich Beschränkungen der Vermarktungsmöglichkeiten bzw. der operativen und gesellschaftsrechtlichen Handlungsfreiheiten" darstellen.8 So wurde zwar dezent formuliert, aber deutlich nahegelegt, dass die Rechte der MieterInnen auf möglichst niedrigem Niveau gehalten werden sollen. Der Investor würde sich dafür mit einem höheren Kaufpreis erkenntlich zeigen.

So kommen wir zur "operativen Daumenschraube" (so heißt es anerkennend in der Wirtschaftswoche Mieterhöhung. Der Investor Cerberus mit Sitz in New York, der mit einem Oppenheim-Gutachten in der Hand die 65.000 Wohnungen der Berliner Wohnungsgesellschaft GSW gekauft hat, hat diese operative Daumenschraube bereits angesetzt. Er kündigte einige Monate nach dem Kauf an, dass die Mieten in der Wohnanlage "Grüne Stadt" nach einer Modernisierung um 2,60 € steigen werden. Die Kaltmiete beträgt bisher 2,91 € pro Quadratmeter. Die Mieten würden also fast verdoppelt. Natürlich weiß der Investor, dass viele Mieter dies nicht werden zahlen können. Er kalkuliert mit dem Auszug eines Teils der Mieter. "Mieter drehen" heißt das in der Branche: Einkommensschwache Mieter werden durch einkommensstärkere ersetzt.

Eine andere Methode, Mieter zu "drehen", besteht in künstlich aufgenötigten Modernisierungen. Bäder und Küchen werden umgebaut und erneuert. Dies machen die Investoren auch dann, wenn die Mieter, wie es oft der Fall ist, selbst schon investiert haben. Aber die Investoren ziehen gerade diese Modernisierungen durch, weil nach deutschem Mietrecht die dafür notwendigen Investitionen auf die Mieten umgelegt werden können, pro Jahr 11 Prozent. Dagegen vermeiden sie Investitionen, die zwar notwendig und sinnvoll wären, z.B. Wärmedämmung. An ihnen sind sie aber nicht interessiert, weil diese Investitionen nicht auf die Mieten umgelegt werden können.9

Vielfach werben KäuferInnen und VerkäuferInnen damit, es werde eine "Sozialcharta" vereinbart. Doch einerseits steht dort nicht mehr drin als die deutschen Mietgesetze ohnehin vorschreiben. Andererseits hält sich der Käufer nach einer Weile nicht unbedingt daran. So haben etwa in Frankfurt einige Mieter der 2000 GAGFAH-Wohnungen in Frankfurt/Main mit Berufung auf die Sozialcharta die Zustimmung zu einer siebenprozentigen Mieterhöhung verweigert. Doch der Finanzinvestor Fortress behauptet nun, die Sozialcharta sei lediglich eine "freiwillige Selbstverpflichtung"; es handele sich um keine "vertragliche Vereinbarung, auch nicht um einen sog. echten Vertrag zu Gunsten Dritter, der mit einem wie auch immer gearteten Anspruchsrecht des begünstigten Mieters verbunden wäre. "10

Die nächste Maßname setzt bei den Beschäftigten der aufgekauften Wohnungsunternehmen an. In ihrem Kölner Gutachten warnten die Oppenheim-Banker vor den "sehr negativen Auswirkungen auf den Kaufpreis", wenn den gegenwärtigen Beschäftigten der kommunalen Wohnungsgesellschaften GAG und GRUBO der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen garantiert werde. Der Investor solle dagegen die Freiheit haben, Beschäftigte freizusetzen. Auch dafür werde er sich beim Kaufpreis erkenntlich zeigen. Die Stadtoberen lassen sich gegenwärtig überall von solchen BeraterInnen beraten, die ähnliche Empfehlungen wie die Bank Oppenheim abgeben. So lässt sich etwa der Dresdner Kämmerer von der Deutschen Bank und den US-Privatisierungsspezialisten der Anwaltskanzlei Freshfields beraten.

Beim Verkauf der Preussag-Werkswohnungen an den australischen Finanzinvestor Babcock & Brown wurden sogar alle Beschäftigten entlassen, die Verwaltung wurde einem Rechtsanwaltsbüro übergeben. So etwas können sich Konzerne leisten, Staat und Kommunen müssen mehr Rücksichten nehmen - noch. So hat der Investor Cerberus bei der Berliner GSW mit Hilfe des Oppenheim-Gutachtens erst einmal "nur" 200 Beschäftigte freigesetzt.11 Wenige Monate nach dem Kauf der 138.000 Wohnungen von Eon/Viterra im Ruhrgebiet hat der neue Eigentümer Terra Firma/Deutsche Annington die Freisetzung von 420 Beschäftigten beschlossen.12 Der Name Viterra ist seit dem 1. Januar 2006 verschwunden.

Weiterverkäufe, Börsengang

Wegen der Komplizenschaft vieler "Verantwortlicher" in Staat und Kommunen können, wie schon erwähnt, die Investoren die Wohnungen zu Schleuderpreisen ab 400 € pro Quadratmeter kaufen. Die Bundesregierung verkaufte die 82.000 Wohnungen der GAGFAH für 700 € pro Quadratmeter. Die Investoren verkaufen solche Wohnungen für etwa 1.200 € pro Quadratmeter weiter.

David Pascall, Deutschlandchef von Terra Firma/Deutsche Annington und ehemaliger Thatcher-Mitarbeiter, hat gezeigt, um welche Größenordnungen es hier geht. Zwischen 2002 und 2005 hat er insgesamt 14.000 der aufgekauften Wohnungen schon weiterverkauft. Als Käufer kommen einzelne Mieter oder sonstige Einzelkäufer infrage, die ihr Geld anlegen wollen und die Wohnungen vermieten. Es werden aber auch kleinere "Pakete" von einigen hundert Wohnungen an regionale Wohnungsunternehmen wie Vivacon weiterverkauft. Im Jahr 2006 will Pascall die Geschwindigkeit erhöhen: Es müssten 10.000 der 138.000 Eon/Viterra-Wohnungen weiterverkauft werden, so die Vorgabe an die Geschäftsführung.13

Der Finanzinvestor hat im kurzen Verwertungszyklus die Wohnungen billig gekauft, erhöht die Mieten, verkauft einen Teil der Wohnungen weiter, verringert die Zahl der Beschäftigten, bezahlt möglichst wenig Steuern, kassiert Steuerrückzahlungen. Dann kommt erst der eigentliche Gewinnsprung: Die Wohnungsgesellschaft wird als Ganze weiterverkauft, zum Beispiel an den nächsten Finanzinvestor. Da helfen wieder die Bundesregierungen, denn der Erlös aus dem Weiterverkauf ist wiederum steuerfrei.

Der "exit" kann aber auch anders aussehen. Die Investoren-Lobby hat sich dafür eingesetzt, dass nach US-Vorbild auch in Europa aus den aufgekauften Wohnungskomplexen "Real Estate Investment Trusts" (REITS) gebildet werden können. Das sind Immobilienfirmen oder Holdings, in denen mehrere der aufgekauften Wohnungskomplexe zusammengefasst und an die Börse gebracht werden. Beim Börsengang fließt den Investoren das ganz große Geld zu, so war es jedenfalls bisher. REITS brauchen in den USA für ihre Gewinne keine Steuern zu bezahlen. In Frankreich und Italien haben die Gesetzgeber dies bereits nachvollzogen. In Deutschland "wünscht" sich die Branche das ebenfalls.14

Die CDU/SPD-Bundesregierung hat durch ihren Finanzminister Steinbrück einen derartigen Gesetzentwurf vorlegen lassen. Aber auch vorher kann schon so vorgegangen werden. Im Oktober 2006 ging Fortress mit der GAGFAH unter diesen Bedingungen an die Börse. Fortress gründete 2005 mit der GAGFAH schnell in Luxemburg eine Holding, die alle Vorteile der REITS bereits jetzt genießen kann.15

Der Finanzinvestor Terra Firma hat über sein Tochterunternehmen Deutsche Annington Immobilien GmbH zunächst 64.000 Wohnungen der Deutschen Bahn gekauft, dann die 138.000 Wohnungen von Eon/Viterra. In Cottbus, Freiburg, Aachen, Flensburg kamen kleinere Wohnungskomplexe hinzu. Mit insgesamt 234.500 Wohnungen wurden das Mutter- und das Tochterunternehmen innerhalb von vier Jahren zum größten Wohnungseigentümer in Deutschland. Für Volker Riebel, Vorsitzender der Geschäftsführung mit Sitz in Düsseldorf, ist das nur der Anfang: Im Jahre 2010 sollen es 500.000 Wohnungen sein, bis 2015 eine Million. Das sind jedenfalls die Vorgaben, die er von David Pascall erhalten hat, dem Deutschland-Chef seines Arbeitgebers Terra Firma.

Der US-Finanzinvestor Fortress kaufte für 3,4 Mrd. € die schon genannten 82.000 Wohnungen der Bundesanstalt für Angestellte und verfügt nun unter dem Dach der Luxemburger GAGFAH über bisher 151.000 Wohnungen. Auch kleinere Bestände werden zum Einstieg nicht verschmäht: Cerberus kaufte in Berlin neben den 65.000 GSW-Wohnungen auch die Degewo mit 2.650 Wohnungen. Der texanische Finanzinvestor Lone Star kaufte ebenfalls in Berlin 5.500 Plattenbau-Wohnungen. Durch diese großen und kleinen Käufe ist eine nationale Marktmacht mit tiefgreifenden Wirkungen entstanden.

Öffentliche Entschuldung?

Das Argument, die Verkäufe seien eine Entschuldungsmöglichkeit für Staat und Kommunen, trifft nicht zu. In den öffentlichen Haushalten verpuffen die unterwertigen Einmalerlöse in kurzer Zeit. Keine einzige Stadt hat bisher durch solche Verkäufe ihren Haushalt saniert. Das Land Berlin, das mit Wohnungs- und anderen Verkäufen öffentlicher Unternehmen (Wasser, Strom ...) bundesweit an der Spitze steht, ist jetzt noch höher verschuldet als vor den Verkäufen.

Auch die 3,4 Milliarden € für die 82.000 Wohnungen der Bundesanstalt für Angestellte reichen gerade einmal, um die Renten für dreieinhalb Tage auszuzahlen. Zudem verzichten Staat und Kommunen mit den Verkäufen dauerhaft auf Steuereinnahmen. Und die ohnehin schon schwache Gestaltungskraft des Staates und der Kommunen im Bereich des Wohnens und der Stadtentwicklung schwindet weiter. Durch die harten Kostensenkungsprogramme der Finanzinvestoren werden Arbeitsplätze abgebaut und die Preise für Handwerker und Installateure gedrückt. Die Zahl der HausmeisterInnen und weiterer unmittelbarer AnsprechpartnerInnen für die Mieter reduziert sich durch Stellenabbau.

Eine andere Entwicklung aber ist sicher: Das Angebot an billigem Wohnraum sinkt. Das Mietpreisniveau steigt, für die unmittelbar teilweise Betroffenen heftig, für die anderen scheinbar unmerklich, aber stetig - und auf breiter Front. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die möglichst billige Wohnungen brauchen. Die Ausgaben des Staates für Wohngeld steigen. Und der Staat muss für die EmpfängerInnen von Arbeitslosengeld II die Wohnungskosten übernehmen, allerdings nur "in angemessener Höhe". Was aber tun die Kommunen, etwa in Köln und Berlin und Dresden, wenn erstens nun nicht mehr genügend Wohnungen mit Mieten "in angemessener Höhe" zur Verfügung stehen und wenn zweitens die Kommunen absehbar noch weiter verschuldet sind?

Bei einer nicht nur kurzfristigen Betrachtung von Haushalten, sondern bei einer langfristigen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wird klar: Das Gemeinwesen verliert auf breiter Front.

Die Folgen für Mieter, Staat und Kommunen sind den meisten Politikern und weiteren Verantwortlichen möglicherweise wirklich nicht klar. Aber sie glauben den BeraterInnen und hecheln nach "vorzeigbarem", kurzfristigem Erfolg. Sie verkaufen, verdrängen und schweigen.

Widerstand

Einer der wenigen, der zumindest zarte Andeutungen macht, ist Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo: "Die Kosten fallen am Ende auf den Staat zurück. Den gar nicht mehr zu steuernden Stadtumbau muss am Ende der Steuerzahler teuer bezahlen." Buttolo weiß auch um die historische Dimension. Die Finanzinvestoren zerstören eine soziale Kultur, die sich in Deutschland und in anderen europäischen Staaten seit dem Ersten Weltkrieg entwickelt hat: "Damit verlieren wir ein wichtiges Instrument der kommunalen Daseinsvorsorge. Am Ende bleiben wir auf Strukturen sitzen, die nichts mehr mit der europäischen Stadt zu tun haben."16 Gut gewispert, kleiner Tiger. Doch aus solcher Einsicht folgt nichts. Der nachdenkliche Tiger erweist sich, zumindest bisher, als Bettvorleger für die Investoren: In Sachsen langen die Investoren besonders kräftig zu.

Die Traumrenditen der neuen Immobilienhaie beruhen auch auf dem perspektivlosen Mitmachen von StadträtInnen, KämmererInnen und OberbürgermeisterInnen. Sie wollen demonstrieren, dass sie bei aller Misere doch noch "handlungsfähig" sind. Doch die Ergebnisse sprechen eine andere Sprache. Die Traumrenditen der Investoren beruhen freilich auch auf dem bisherigen Stillhalten der bisherigen MieterInnen. Vor allem mit den kommunalen Genossenschaftswohnungen steht eine Errungenschaft auf dem Spiel, die seit acht Jahrzehnten vielen Millionen Menschen eine vergleichsweise günstige und sichere Wohnung ermöglicht hat. Solche Reformen und Marktregulierungen waren in der Weimarer Republik möglich. Heute sind sie notwendiger denn je. Deshalb ist konkreter Widerstand notwendig. Die Einsicht dazu darf man offensichtlich auch nicht automatisch bei Parteien erwarten, die sich als Interessenvertreter der "kleinen Leute" darstellen.

Anmerkungen

1) Werner Rügemer: Investitionen ohne Arbeitsplätze, in: WSI-Mitteilungen 1/2005, S.49 ff.

2) Viel zu tun auf der Dauerbaustelle Finanzplatz Deutschland, in: Börsenzeitung, 12.09.2003

3) Helmut Rehm u.a. (KPMG): REITS sollen neue Perspektiven eröffnen, in: Edit Value Frühjahr 2005, S.14 f.

4) Beliebte Blöcke, Wirtschaftswoche 17.11.2005, S.66

5) Letzter Joker, Der Spiegel, 9.5.2005

6) Werner Rügemer: Warum es schlecht ist, die LEG zu verkaufen, die tageszeitung, Ausgabe NRW, 16.10.2006

7) Börse Luxemburg: Börsenprospekt der GAGFAH vom 6.10.2006

8) Stadt Köln: Beschlussvorlage für den Rat, 20.12.2001, Drucksache Nr. 2213/001, S.2

9) Roland Kirbach: Wenn der Investor klingelt, in: Die Zeit, 5.1.2006

10) Die Miete steigt trotz Sozialcharta, Frankfurter Rundschau, 19.6.2006

11) Hermann Werle: Wie Mieter zum Kapitalobjekt werden, Business Crime, 3/2005, S.13

12) Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), 15.12.05: 420 Stellen fallen weg.

13) Die Zeit, 5.1.2006

14) Handelsblatt, 19.5.2005

15) Vgl. Börse Luxemburg, a.a.O.

16) Verkauf von Wohnungsunternehmen ist kein Patentrezept, Die Welt, 10.1.2006


Dr. Werner Rügemer lebt in Köln und arbeitet als Publizist, Stadtführer und Berater sowie als Lehrbeauftragter an der Universität Köln ("Kommune und Globalisierung"). Er ist Stellvertretender Vorsitzender von Business Crime Control (BCC).

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