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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Die relative Effizienz der Blütenbestäubung

15.12.2006: … durch Mensch und Bienen unter den Bedingungen der Globalisierung

  
 

Forum Wissenschaft 4/2006

‚Sapere aude' ist heute mit ‚Laie, wundere dich!' zu übersetzen oder mit: Laien-Nachfragen zu publizierten Ergebnissen der ‚Wissenschaft' lohnen! Unter dieses Motto stellte Jochen Luhmann seinen Beitrag. Er erzählt gleich mehrere Geschichten: eine über die Macht von Bildern, eine über Bildlegenden, eine über allzu schnell gedachte Legendenzwecke und eine daraus folgende (Selbst-)Täuschung - und eine Geschichte über vermutete und tatsächliche Ökonomie.

Ein Foto ist Prototyp einer speziellen Kommunikationsform, der über ‚Bilder'. ‚Bilder' reduzieren, wie Modelle übrigens auch, Komplexität, sie transportieren somit offensichtlich mehr als reine Information, sie transportieren dominant ‚Botschaften'. Sie gehören zudem, evolutionär bedingt, zu den machtvollsten Mitteln der Kommunikation unter Menschen. Diesem Machtmittel kann und will die Wissenschaft sich nicht entziehen, sie beteiligt sich folglich am Wettbewerb auf diesem Markt, auf diesem Kampfgebiet um öffentliche Aufmerksamkeit. Folglich ist sie auch in besonderer Weise zur Reflexion und kritischen Begleitung dieser ‚Rhetorik' verpflichtet.

Ein Foto und seine Botschaft

In einem Buch der wissenschaftlichen Spitzenklasse1 findet sich ein Aufsehen erregendes Foto, ein Foto, welches das Herz des Lesers anrührt (siehe oben). Es zeigt, vor einem Hochgebirgshintergrund, einen in Blüte stehenden Apfelbaum. In ihm ist ein Mensch zu erkennen, der sich weit auf die Äste hinauswagt. Die Bildunterschrift erläutert: "In Maoxian county, near the border between China and Nepal, people pollinate apple trees by hand because the bees which were pollinating these trees have become extinct. It takes 20 - 25 people to perform the work of two bee colonies."

Bei dem Buch, in dem dieses Foto zu finden ist, handelt es sich um den ersten Synthesebericht zum Zustand der Erde als Lebensgrundlage, verantwortet von Geo- und Biowissenschaften gemeinsam, organisiert im International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP). Das Buch ist nach allen Qualitätskriterien und -sicherungsprozeduren gecheckt, die für ein naturwissenschaftliches Fachbuch im angelsächsischen Raum üblich sind bzw., um neueren Entwicklungen Rechnung zu tragen, waren.

Die in der Bildunterschrift abgedruckte Doppelsentenz ist für die Denkweise naturwissenschaftlicher Autoren m.E. bezeichnend: In welchem Kontext auch immer - NaturwissenschaftlerInnen halten ihre Primärtugend durch, die exakte Angabe dessen, was quantifizierbar ist, hier die der relativen Effizienz von Mensch und Insekten ("Bienen") beim Bestäuben von Apfelblüten. Das Effizienzverhältnis lautet: ‚Ein Bienenstock leistet soviel wie 10 bis 12,5 Arbeiter'.

Der Eindruck, den das Ausleben dieser Tugend an dieser Stelle erweckt, dürfte in seinen rhetorischen Mitteln unkalkuliert sein - diese ‚Unschuld' gehört zur Kultur der heutigen Naturwissenschaften. Und doch sind Foto und Bildunterschrift ein rhetorischer Akt: Es wird eine klare Botschaft überbracht, auch wenn sie nicht explizit formuliert ist. Diese lautet: Das auf dem Foto Dokumentierte soll beispielhaft das absurde Ausmaß an Ineffizienz dessen zeigen, dass der Mensch seine Lebensgrundlagen nun selber zu schaffen und folglich die Dienste der Natur zu substituieren sich anschickt.2

Verdacht und naturwissenschaftliches Rechercheergebnis

Befreit man sich von dem Eindruck dieses Fotos auf die Emotion und betrachtet seine Erläuterung nüchtern, so fällt auf, dass hier etwas nicht stimmen kann. Bienen haben, allen romantischen Vorstellungen zum Trotz, kein Monopol auf das Bestäuben von (Obstbaum-)Blüten. Die Ausrottung von Bienen allein kann nicht der Grund sein, der zu den gezeigten Zuständen im Himalaya geführt hat.

Ich begann, bei BienenexpertInnen nachzufragen. Ich fragte zunächst bei einem, der im amtlichen Naturschutz tätig ist, ob dieses Bild bzw. die darauf gezeigten Zustände bekannt und wie sie zu erklären seien. Die Antwort: Nein, unverständlich. Ich wurde an akademische ExpertInnen verwiesen. Dem Bienen-Experten Prof. Dieter Wittmann von der Universität Bonn waren Foto wie Sachverhalt unbekannt. Aber er wusste, wer wissen müsste: Er verwies mich an Prof. Peter Kevan (Canada), und von dem kam die folgende Antwort bzw. Erläuterung: "Yes, the information you have is most peculiar and probably quite inaccurate. There are parts of China, Nepal, and India where hand pollination of apples is now undertaken, reportedly because of the lack of insect pollinators. In Canada, in the Niagara region, it is also well known that the native fauna of pollinating bees was reduced to levels so that pollination in orchards was not effective for crop production. In all the cases that I know about, the problem has not been the demise of managed honeybees, but the demise of pollinators in general, primarily through applications of pesticides."

Diese Antwort spielte ich zurück an den anfangs befragten Experten aus der Naturschutzverwaltung. Von dem kam dann eine Erklärung des Befunds in der Himalaya-Region, auf Basis der Kenntnis hiesiger Sitten im Obstbau sowie diesbezüglicher (naturschutz-)politischer Regulierung. Das ist lapidar formuliert und deshalb anonymisiert wiedergegeben: "Ja, so ist es verständlich: Die insektenbürtige Bestäubung ist generell nicht mehr möglich, weil der Spritzkalender das Insektenleben vollständig aus der Plantage verbannt. Bei uns in Deutschland z.B. ist Anthonomus pomorum, der Apfelblüten-Stecher, ein Problem. Um diesen Rüsselkäfer auszuschalten, müssen Insektizide kurz nach Knospenaufbruch gespritzt werden. Das ist dann problematisch, wenn die Mittel bienentoxisch sind. Anderswo wird das vielleicht nicht so ernst genommen, dort wird folglich die Blütezeit im Spritzkalender nicht ausgespart, und aus ist's mit allen Bestäubungsfähigen aus dem Reich der Insekten. Dass ‚pollinators' generell, also nicht nur die Bienen, ausfallen, impliziert aber noch nicht per se ein ökonomisches Problem. In diesen Gegenden ist nämlich zugleich menschliche Arbeitskraft billig. Schickt man die zum Bestäuben in die Äste, so bewältigen sie in Kuppelproduktion eine zweite Aufgabe, sie kontrollieren zugleich das Problem des übermäßigen Fruchtansatzes (dieses ergibt zu viele und zu kleine Äpfel; hier ist die Regulation durch einen nicht zu hohen Bestand an Apfelblütenstechern übrigens hilfreich). Vielleicht führen sie auch gleichzeitig einen Sommerschnitt durch, der bei uns aus arbeitsökonomischen Gründen nur selten eingesetzt wird. Und schon kommt's, ökonomisch ganz rational, zu diesen menschlichen Bienen."

Das Ergebnis meiner Nachrecherche ist somit: Es wird in Frage gestellt, ob die Bildunterschrift das auf dem Foto Gezeigte wirklich benennt. Die Meinung ist, dass die Menschen in den Ästen vermutlich mehr tun als nur Blüten von Hand zu bestäuben.

Quellenkritik

Also stellte sich die Frage: Was sind die Quellen sowohl des Fotos wie des Tatbestands, welches das Foto zeigt? Wo haben die IGBP-Autoren das her?

Im Text der IGBP-Studie wird zur Sache selbst berichtet: "In southern China bees have disappeared from a region where the production of fruit is an important economic activity. The local population has responded by pollinating the trees themselves. The economic losses of having to pollinate fruit trees manually can be calculated ..." (p. 248).

Entscheidend aber ist der Kontext, in welchen die IGBP-Autoren selbst das gezeigte Geschehen einbetten. Sie machen bei dieser Einbettung bemerkenswerterweise die Grenzen wissenschaftlichen Wissens mit zum Thema. Die Einführung zu dem eben angeführten Zitat lautet: "Yet the human perception that significant disruption of Earth's complex webs of life is an inherently dangerous pathway may be more important than scientific knowledge in dealing with the issue."

Und der abgebrochene letzte Satz in dem obigen Zitat lautet vollständig wie folgt: "The economic losses of having to pollinate fruit trees manually can be calculated, but the image of humans climbing trees to pollinate flowers penetrates the fundamental nature of the problem far more effectively." Damit sagen die Autoren: Der fundamentalen Bedrohung des Lebens durch den menschgemachten globalen Wandel werden ökonomische Kalkulationen, und sogar wissenschaftliches Wissen überhaupt, nicht gerecht - ein bemerkenswertes Eingeständnis der Selbstbegrenzung.

Das Ergebnis, weitergedacht

Ich vermute, dass hier folgendes Geschehen Ausdruck gefunden hat. Den NaturwissenschaftlerInnen waren zwei Fehler unterlaufen, als sie die Bildunterschrift verfassten. (1) Sie hatten Bienen und ‚bestäubende Insekten' in Eins gesetzt, die Bienen als pars pro toto genommen - ein sprachlicher Lapsus, der von fachlich verständigen Lesern i.d.R. überlesen wird, weil ihnen klar ist, was gemeint ist. Also normalerweise nicht der Rede wert. Sie, die NaturwissenschaftlerInnen, hatten aber (2) zudem die Art der Dienstleistung, die die Menschen in den Ästen erbringen, coupiert. Sie hatten verkannt, dass deren Leistung in einem Gebiet, in dem "the production of fruit ... an important economic activity" ist, nicht allein in der Substitution der ‚Bienen-Dienstleistung' besteht, dass sie vielmehr synergistisch eine zweite Leistung erbringen: das Ausdünnen der Fruchtansätze. So gesehen ist die Effizienz der Arbeiter in den Ästen merklich höher, als wenn man sie nur als menschliche Bienen definiert. Zudem sind in dieser Weltgegend die Arbeitskosten relativ gering. Höhere Effizienz zu geringen spezifischen Kosten (Preisen): Es könnte also schon sein, dass das, was auf dem Foto gezeigt ist und unbesehen für ökonomisch ineffizient erklärt wird, so gesehen ökonomisch rational ist.

Es handelt sich somit um ein ‚Missverständnis', wie es typischerweise an der Schnittstelle von zwei Wissenschaftskulturen aufzutreten pflegt und also möglich ist. Dass die Option eines solchen Missverständnisses ‚genutzt' wurde, ist aber vermutlich kein Zufall. Es dürfte vielmehr Ausdruck dessen sein, dass die IGBP-AutorInnen ‚wussten', für welche Botschaft dieses Bild stehen sollte: Zum Transport der Botschaft ‚Anthropogener globaler Wandel führt zu absurden Konsequenzen'. Aus diesem Grunde ist es ihnen unterlaufen, dass sie die Klärung des Sachverhalts ‚abgeschnitten' haben. Doch die Botschaft steht nun, denkt man das Geschehen nüchtern ökonomisch zu Ende, in Frage.

Das Ergebnis, weitergedacht in erster Potenz

In Wahrheit aber, diese Schleife muss man auch noch drehen, ist die Basis der ökonomischen Kalkulation, das Bedürfnis nach der Leistung ‚Ausdünnen der Fruchtansätze', ihrer- bzw. seinerseits anthropogen, ist ein Produkt. In Europa macht man das, weil Normen für die Apfelgröße eingehalten werden müssen und weil das Obst dann auch süßer und schmackhafter ausfällt; aber ist das im Himalaja auch ein Problem? Warum will man dort wohl ausdünnen? Werden die dort produzierten Äpfel am Ende auf den Weltmarkt exportiert?

So gesehen wird mit dem ‚Weiterdenken' nur eine weitere Facette des heute alltäglichen Unsinns aufgeblättert. Es erweist sich, dass das ‚Weiterdenken' nicht die Gestalt eines ‚Fortschritts' aufweist, sondern sich als Spiralbewegung entpuppt, mit der die Botschaft der IGBP-Autoren bestätigt wird, lediglich auf höherem Niveau. Und übrigens, auch eine Gegenbewegung gegen den alltäglichen Unsinn ist in Sicht: Auch durch Zulassung eines gewissen Apfelblütenstecher-Besatzes sind Effekte in etwa gleicher Art wie durch das Ausdünnen zu erreichen, das Ausdünnen durch Menschenhand ist somit substituierbar. Diese Option ist politisch relevant, Bemühungen der europäischen Kommission z.B. gehen in diese Richtung.

Anmerkungen

1) Steffen, W. et al.: Global Change and the Earth System: A Planet under Pressure. (IGBP Series Global Change) Springer Verlag Heidelberg 2004 bzw. 2005. In seiner Bedeutung angezeigt in: Luhmann, Hans-Jochen: Klima- und Erdsystemwissenschaft setzen neue Standards. In: Gaia - Ökologische Perspektiven in Natur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften 13 (2004) No. 4, S.292-293.

2) In den 1970er Jahren wurde dasselbe Nachdenken gleichsam von der anderen Seite her zu provozieren versucht, prominent durch einen Aufsatz mit dem Titel "Why not Plastic Trees?"


Dr. Hans-Jochen Luhmann ist am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie verantwortlich für Grundsatzfragen in der Forschungsgruppe Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen. Seine Arbeitsgebiete sind insbesondere Klima-, Steuer- und Wahrnehmungspolitik.

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