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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Was ist Internationaler Terrorismus?

15.01.2002: Begriffsdiskussion, Geschichte, Organisationen und Finanzen eines Gespenstes

  
 

Forum Wissenschaft 1/2002

Vom "Internationalen Terrorismus" ist nicht erst seit den New Yorker Anschlägen so häufig in allen Medien und der Politik die Rede, dass man nahezu selbstverständlich davon ausgeht, jedermensch wisse, was darunter zu verstehen sei. Tatsächlich ist jedoch nicht nur definitorisch, sondern auch von der Entstehung und gegenwärtigen Struktur her höchst unklar, wer darin mit welchen Zielen und welchen Finanzen verwickelt ist. Jedenfalls spielten staatliche Geheimdienste, allen voran die CIA, zumindest die Rolle des Geburtshelfers, Finanzen kreuzen sich weltweit bei verschiedenen Interessengruppen, an denen u.a. auch die Familie Bush beteiligt ist. Gerhard Piper verleiht dem Gespenst des "Internationalen Terrorismus" klarere Konturen.

Am 16. November 1937 legte ein Expertenausschuss dem Völkerbund eine "Genfer Konvention zur Verhütung und Bekämpfung des Terrorismus" zur Unterzeichnung vor. Der Vertragsentwurf umschrieb Terrorismus als "kriminelle Taten, die gegen einen Staat gerichtet sind und das Ziel verfolgen, bestimmte Personen, eine Gruppe von Menschen oder die Allgemeinheit in einen Zustand der Angst zu versetzen". Dieses internationale Abkommen scheiterte, weil kein Land außer Indien die Konvention ratifizierte.1

Auf der Suche nach einer allgemeingültigen Definition von "Terrorismus" sammelte der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Alex P. Schmid im Jahr 1984 101 verschiedene Begriffsbestimmungen und filterte die Gemeinsamkeiten heraus. Er fand darin 22 verschiedene Faktoren, die für Terrorismus kennzeichnend sind, aber nicht eine, die in allen Definitionen vorkommt. Immerhin 83,5% betonten die Anwendung von Gewalt oder Zwang, aber nur 30,5% verbanden damit eine spezifische Methode des Kampfes, der Strategie oder Taktik; in 65% der Fälle wurde dem Terrorismus eine politische Dimension zugemessen, aber nur 6% erwähnten - wie die obige Definition des Völkerbundes - einen kriminellen Aspekt.2

Die mangelnde Begriffsklärung ist nicht allein ein akademisches Problem, schließlich soll die so genannte Terrorismusforschung vor allem der präventiven Terrorismusbekämpfung dienen. So wurden sozialpsychologische Versuche unternommen, eine "terroristische Persönlichkeitsstruktur" zu entdecken oder mittels makro-quantitativer Erfassung sämtlicher Terroranschläge Trendaussagen zu machen. Der akademische Streit um die richtige Semantik hat sowohl gravierende politische Ursachen als auch Folgen: Wer für den einen ein Freiheitskämpfer ist, ist für den anderen ein Terrorist.

Jedenfalls wurde Terrorismus bisher von dem in den letzten Jahrzehnten zunehmend aufgetauchten Phänomen der Organisierten Kriminalität (OK) unterschieden. Terrorgruppen und Syndikate wenden zwar die gleichen Methoden (Mord, Erpressung, Zerstörung) an, ohne aber dasselbe Ziel zu verfolgen: Während die Terroristen Geld erwerben um damit ihren Kampf zur Zerstörung des Staates zu finanzieren, unterhöhlt die Organisierte Kriminalität die Staatsgewalt, um ihren Reichtum zu mehren. Daher wurden Terrorismus und Organisierte Kriminalität bisher als zwei getrennte Bereiche der Kriminalität aufgefasst. Auf der einen Seite gab es die amerikanischen Weathermen, die italienischen Roten Brigaden oder die japanischen Rote Armee; auf der anderen Seite die amerikanische Cosa Nostra, die italienische Geheimloge Propaganda Due oder die japanischen Yakuza.

Aber diese Dichotomie scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein: "Beides, Terrorismus und Organisierte Kriminalität, sind, da stimmen die meisten Polizeipraktiker in Europa überein, nichts anderes als eineiige Zwillinge. (…) Terroristen wie kriminelle Syndikate benötigen Dokumente und Waffen. Falsche Dokumente und Waffen werden, wenn sie nicht von Nachrichtendiensten geliefert werden, über kriminelle Netzwerke häufig durch die gleichen Finanziers und die gleichen politischen Strukturen beschafft. Terroristen wie Kriminelle benötigen einen funktionierenden Nachrichtendienst, politische Kontakte und korrupte Politiker, die sie beschützen. Alles steht auf dem Fundament des Geldes, dem Blut im Kreislauf der Organisierten Kriminalität."3

Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass mit dem Ende des Kalten Krieges ideologische Motive teilweise durch manifeste ökonomische Interessen abgelöst wurden. Ein Blick auf die Kriegsökonomie aktueller bewaffneter Konflikte zeigt, dass politische oder ethno-nationale Differenzen vielfach nur vorgeschoben sind, während es real um die Verfügungsgewalt über Erdöl, Diamanten, Drogen oder andere Rohstoffe geht. Diese werden durch kriminelle Syndikate oder reguläre Handelshäuser auf dem Weltmarkt verkauft, um mit den Erlösen Waffen importieren zu können. Der Krieg nährt so seinen Mann, während die Warlords mit einem Friedensschluss auch die nur militärisch begründete Kontrolle über die Rohstoffvorkommen verlieren würden.

Die US-Geheimdienste rechnen in ihrer Bedrohungsstudie Global Trends 2015 damit, dass sich die transnationalen kriminellen Organisationen in Zukunft mit Terrorgruppen und Konfliktstaaten stärker vernetzen werden, um ihre Machtbasis auszuweiten. In der Studie heißt es: "Sie werden die Führer schwacher, ökonomisch labiler Staaten korrumpieren und mit aufständischen politischen Bewegungen kooperieren, um so wichtige geografische Gebiete zu kontrollieren. (…) In solchen Staaten werden auswärtige Gruppen versuchen, die in der Defensive befindlichen Regierungen zu stürzen, um dadurch transnationalen Netzwerken einen sicheren Hafen anzubieten."4

Staatliche Verwicklung

Der Begriff "Terreur" wurde erstmals während der französischen Revolution populär. Damit bezeichnete man das Vorgehen der revolutionären Jakobiner gegen ihre politischen Gegner, bevor sie schließlich selbst mit der Guillotine geköpft wurden. Wie die Jahresberichte von amnesty international zeigen, gehen auch heute noch einige Staaten mit Folter und extralegalen Tötungen gegen ihre Regimegegner vor. Erinnert sei hier an die CIA-Operation CONDOR zur (präventiven) Aufstandbekämpfung, mit der fast 40.000 Oppositionelle in Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay in den 1970er und 1980er Jahren umgebracht wurden.

Neben diesem nach innen gerichteten Staatsterrorismus gibt es noch eine außenpolitische Spielart des "Staatsterrorismus". Grenzüberschreitende Guerillaaktivitäten, die sich gegen ein anderes Land richten, können von einem Staat passiv toleriert oder sogar aktiv unterstützt werden, weil die Regierung in den Guerilleros keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer sieht. Der Staat ist hier nicht das Ziel der Terroranschläge, sondern er tritt als treibende Kraft auf. Das Spektrum der Maßnahmen zur staatlichen Duldung von Terrorgruppen reicht von einer moralischen Solidaritätsbekundung bis hin zur Aufnahme von Verdächtigen trotz internationalem Haftbefehl, z.B. die Unterbringung der RAF-AussteigerInnen in der DDR in den achtziger Jahren.

Noch gravierender ist der staatlich geförderte Terrorismus: Terroristen erschießen Personen, sprengen Gebäude in die Luft oder zünden diese an. Dasselbe, was Terrorgruppen außerhalb des legalen Rahmen machen, wird von den Operationsabteilungen der staatlichen Geheimdienste quasi "am Rande der Legalität" erledigt. Nach der Devise, der Feind meines Feindes ist mein Freund, unterstützen Regierungen Terrorgruppen im Ausland. Diese Hilfe reicht von der logistischen Versorgung bis hin zur Anleitung von Terroraktionen. Manchmal lässt sich die nationale Außenpolitik am besten durch eine ausländische Gruppe durchsetzen. Im Extremfall bauen die Nachrichtendienste sogar eigene Geheimarmeen auf, wie z.B. das frühere Gladio-Netzwerk der NATO-Mitgliedsstaaten.5

Demgegenüber verurteilte die UNO mit der Resolution 2625 vom 24. Oktober 1970 jegliche Unterstützung von Terrorgruppen durch Staaten: "Jeder Staat hat die Pflicht zur Unterlassung der Organisation, Anstiftung, Unterstützung von der Teilnahme an Bürgerkriegshandlungen oder terroristischen Handlungen in einem anderen Staat oder zur Unterlassung der stillschweigenden Duldung organisierter Aktivitäten auf seinem Hoheitsgebiet, die auf Begehung solcher Handlungen gerichtet sind (…)."6

Trotz ihrer partiellen Unterstützung durch Staatsapparate und die sich anbahnende Zusammenarbeit mit der Organisierten Kriminalität waren Guerillagruppen bisher nur in Einzelfällen erfolgreich (Kuba, Vietnam). Der Soziologe Peter Waldmann führt dies darauf zurück, dass militärische Schwäche ein Charakteristikum suis generis von Terroristengruppen ist: "Terrorismus ist die bevorzugte Gewaltstrategie relativ schwacher Gruppen. Terroristische Organisationen sind nicht stark genug, um ein Stück des nationalen Territoriums, sei es ein Stadtviertel oder ein abgelegenes Gebiet, militärisch zu besetzen und der Staatsmacht offen Paroli bieten zu können. Deshalb tauchen sie in die Illegalität ab und operieren im Geheimen."7

Dieses militärisch-operative Defizit spiegelt sich auch in der Anschlagsstatistik wieder: "(S)o kann man feststellen, dass die terroristische Szene zwischen 1970 und 1990 maßgeblich von rund 80 auf nationaler oder internationaler Ebene operierenden Organisationen bestimmt wurde. Ihre Zahl ist kontinuierlich gestiegen: Von 11 im Jahre 1968 auf etwa 70 Anfang der 90er Jahre, von denen aber nur 40 bis 50 stärker in Erscheinung treten. Unter ihnen ist der wachsende Anteil religiös motivierter Gruppen hervorzuheben, deren Anschläge einen steigenden Blutzoll fordern."8

Aber trotz dieser vermeintlichen Schwäche sind die herrschenden politischen Verhältnisse so, dass sich in allen Teilen der Welt Guerillagruppen gebildet haben. Für den europäischen Raum liegen für die Jahre 1968-1988 relativ verlässliche Daten vor. Danach gab es in diesem Zeitraum insgesamt 120.000 terroristische Aktionen, die 10.000 Menschenleben kosteten. Das Gros der Opfer entfiel auf die Türkei (über 50%) und auf Nordirland. Die Aktionen wurden von etwa 15 Organisationen durchgeführt, die überwiegend auf maximal 100 Mitglieder beschränkt waren. Heute sind in Europa nur noch die Bürgerkriegsgruppen auf dem Balkan (UCK) und die baskische Euskadi ta Askatasuna (ETA) in Spanien kontinuierlich aktiv.9 Im Nachhinein stellt sich die Frage, in welchem Umfang diese Stadtguerillas der siebziger Jahre von Nachrichtendiensten aufgebaut und missbraucht wurden, um gemäß einer "Strategie der Spannung" die staatlichen Repressionsapparate auszubauen und die nationalen Regierungen im Kampf gegen den Kommunismus zu disziplinieren.10

Der "neue Terrorismus"

Der weltweite Terrorismus wurde mittlerweile zum "Internationalen Terrorismus". Mitte der 1970er Jahre wurde dieser von den Geheimdiensten mehrerer westlicher Staaten erfunden, um eine Verwicklung der Sowjetunion in den Terrorismus propagieren zu können. Man fand schnell willfährige WissenschaftlerInnen und JournalistInnen, die diese Verschwörungstheorie aufnahmen und weiterverbreiteten. Zu nennen sind hier besonders Brian Crozier und Claire Sterling. Der Venezolaner Illich "Carlos" Ramírez Sánchez avancierte zum Prototyp des vom KGB gesteuerten "Top-Terroristen".11

Daher kann es nicht überraschen, dass auch der Internationale Terrorismus weit überschätzt wurde. Legt man als Kriterium die Involviertheit von Menschen unterschiedlicher Nationalität in einen Anschlag zugrunde, dann waren allenfalls 5-10% der weltweiten Anschläge "international": 320 bis 660 Aktionen jährlich im dem Zeitraum 1976 bis 1996. Einen Kulminationspunkt bildeten die Jahre 1984 bis 1988, während die Werte seitdem rückläufig sind; demgegenüber stieg die Zahl der Todesopfer: 1994 forderte der Internationale Terrorismus weltweit 423 Tote, 1995 440 Tote. Bruce Hoffman von der Rand Corporation erklärt diese Entwicklung mit dem Vordringen des religiös motivierten Terrorismus, der besonders gewalttätig sei.12

Im Dezember 1979 begannen die sowjetischen Streitkräfte ihre Militärintervention im Nachbarland Afghanistan. Ursprünglich sollte die Operation nur wenige Wochen dauern, um in Afghanistan eine stabile Ordnung wiederherzustellen, aber die US-Regierung sah in dem sowjetischen Vorstoß eine Möglichkeit, der Sowjetunion in den Auseinandersetzungen des Kalten Krieges eine Niederlage zu bereiten. Daher organisierte der US-amerikanische Geheimdienst CIA mit Hilfe des pakistanischen Inter-Services Intelligence (ISI) und finanzieller Unterstützung aus Saudi-Arabien den islamischen Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer. Neben den verschiedenen afghanischen Mudschahidin-Gruppen, die einzig durch den Kampf gegen die kommunistischen Invasoren geeint waren, wurden in den islamischen Ländern Freiwillige rekrutiert. Zwar waren die einzigen Gemeinsamkeiten unter den Rekruten der islamische Glauben und der Kampfeswillen, aber in der Isolation der pakistanischen Ausbildungslager wurden schnell dauerhafte Verbindungen aufgebaut.

Als sich 1989 die sowjetische Besatzungsarmee aus Afghanistan zurückzog, blieben nach Schätzungen der britischen Militärzeitschrift Jane‘s International Defense Review rund 14.000 Kämpfer dieser so genannten Islamischen Hilfslegion übrig: 5000 Saudis, 3000 Jemeniten, 2800 Algerier, 2000 Ägypter, 400 Tunesier, 370 Iraker, 200 Libyer und mehrere Jordanier. Nur ein Teil dieser Afganistan-Veteranen kehrte in seine Herkunftsländer zurück. Andere wanderten in die westlichen Industriestaaten aus. Viele tauchten in den vergangenen zehn Jahren als "islamistische Gotteskrieger" in zahlreichen Konflikten wieder auf: Bosnien, Tschetschenien, Algerien, Usbekistan, Volksrepublik China, Philippinen etc.13 Diese CIA-"Restbestände" bilden heute den personellen Bodensatz für den "neuen Terrorismus", der sich von den klassischen Terroraktivitäten früherer Jahrzehnte durch seine Personalstärke, seine Vernetzung und seine extreme Brutalität wesentlich unterscheidet.

Wege der Finanzierung

Die früheren Guerrillagruppen finanzierten sich durch Banküberfälle, Lösegelder aus Entführungen und Spenden; separatistische Gruppen konnten darüber hinaus eine "Revolutionssteuer" erheben. "Carlos" erschloss Ende der 1970er Jahre eine neue Form der Finanzierung, indem seine Gruppe Anschläge gegen Bezahlung ausführte. Der Terrorismus wurde erstmals kommerzialisiert. Den moslemischen Mudschahidin reichen diese Geldquellen zur Finanzierung ihres Kampfes nicht mehr aus. Die modernen Terroristen betätigen sich deshalb auch als Spendensammler und treten als Unternehmer und Bankiers auf.

Die rund 1,3 Milliarden Menschen, die sich zum Islam bekennen, sind über die ganze Welt verstreut. An ihren Wohnorten dienen die Moscheen nicht nur als Gotteshäuser, sondern sie werden von den klandestin operierenden Terrorgruppen funktionalisiert als ideale Örtlichkeit, um sich konspirativ zu treffen. Zudem gehören zu den moslemischen Gemeinden meist auch gemeinnützige Hilfsorganisationen, da das Spenden von Almosen für Bedürftige zu den religiösen Pflichten des Islam gehört. Solche Stiftungen wurden von den islamischen Extremisten als Finanzquelle instrumentalisiert. Zu nennen ist hier beispielsweise die International Islamic Relief Organisation (IIRO), die ihren Hauptsitz im britischen Oxford hat und über Niederlassungen in Schweden, den Niederlanden, BRD und der Schweiz verfügt.14

Der Aufbau und Unterhalt eines internationalen Terrornetzwerkes kann aber nicht allen durch Spenden gedeckt werden. Bereits im Jahre 1972 tat sich ein pakistanischer Bankier mit dem Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes zusammen, um eine gemeinsame Bank zu gründen. Als offizieller Hauptsitz für die Bank for Credit and Commerce International (BCCI) wurde Luxemburg ausersehen. Zu den Hauptaktionären gehörte mit einem Aktienanteil von 20% auch der saudi-arabische Bankier Khalid bin Mahfouz, ein Schwager von Osama bin Laden. Was ist schließlich ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?

Das Geldhaus vergab an seinen ausgewählten Kundenkreis großzügig Kredite, ohne dass nach den obligatorischen Sicherheiten gefragt wurde. Platzten die subventionierten Geschäfte, mussten die Finanzlöcher aus eigenen Mitteln gestopft werden. Dies war nur möglich, weil die Bank auf stetiges Wachstum angelegt war, so dass immer frisches Kapital zufloss, ohne dass genauer nachgefragt wurde, woher die Gelder stammten. So mauserte sich die BCCI zu einer Finanzdrehscheibe um allerlei Schwarzgelder aus Drogengeschäften, dem Waffenhandel und Geheimdienstoperationen zu waschen. Der erlauchte Kundenkreis des Finanzhauses umfasste rund 3000 Personen weltweit. Dazu gehörten der panamesische Drogenboss und Regierungschef Noriega, der irakische Diktator Saddam Hussein oder der palästinensische Guerillaführer Abu Nidal. Ab 1985 mischte auch die CIA mit und benutzte die BCCI um Finanzaktionen im Zusammenhang mit der Iran-Contra-Affäre oder die afghanischen Mudschahidin in ihrem Kampf gegen die sowjetischen Truppen zu unterstützen. Libyen, Irak und Pakistan finanzierten mit BCCI-Krediten teilweise ihre Programme zur Entwicklung von ABC-Waffen. Das Kartenhaus der BCCI fiel in sich zusammen, als 1990 die Bank of England der BCCI Betrug vorwarf. Als die BCCI am 5. Juni 1991 geschlossen wurde, hinterließ sie einen Schuldenberg von 10 Milliarden US-Dollar.15 Die BCCI gilt heute als Prototyp für das Finanzimperium der Al Qaida.

Al Qaida

Zu denjenigen, die sich dem Kampf der Mudschahidin gegen die sowjetischen Besatzer anschlossen, gehörte auch Osama bin Laden. Im Jahre 1988 beginnt er mit dem Aufbau einer eigenen Organisation: Al Qaida. Dabei handelt es sich weniger um einen straff geführten Apparat als vielmehr um eine Dachorganisation mit verschiedenen Fraktionen. Über die Gesamtstärke gibt es höchst widersprüchliche Angaben: In Afghanistan soll Al Qaida bei Kriegsbeginn 2500 bis 3000, andere Quellen sprechen von 6000 bis 8000 Mann, unterhalten haben.16 Über die Bewaffnung der Al Qaida gibt es keine zuverlässigen Informationen. Es liegen zahlreiche "nachrichtendienstliche Erkenntnisse" darüber vor, dass die Truppe ABC-Waffen erwerben will und ABC-Kriegführung geprobt hat. Andererseits muss festgestellt werden, dass Al Qaida bisher keine Massenvernichtungswaffen eingesetzt hat.

Nach amerikanischen Angaben soll Al Qaida in insgesamt 60 Ländern präsent sein.17 Während die US-Behörden einmal davon sprechen, dass auf dem Territorium der USA noch vier bis fünf Zellen existieren sollen18, nennen sie ein andermal eine Zahl von bis zu 200 "Schläfern", was eine sehr große Zellenstärke implizieren würde.19 Zur Internationalisierung seines Kampfes initiierte Osama bin Laden am 23. Februar 1998 die Gründung der Internationalen Islamischen Front für den Kampf gegen Juden und Kreuzfahrer.20 Dazu unterhält Al Qaida enge Verbindungen zu ähnlichen islamistischen Vereinigungen weltweit: Groupe Islamique Armé und Groupe Salafiste pour la Predictation et le Combat (Algerien), Harakat ul-Mujahidin, Jaish-e-Mohammed und Maktab al Khidat lil-mujahidin al-Arab (Pakistan), Moro Islamic Liberation Front und Abu Sayyaf Group (Philippinen) etc.

Der saudi-arabische Baulöwe Mohammad Awad bin Laden hinterließ ein Vermögen von rund 5 Milliarden US-Dollar, davon erbte sein Sohn Osama Bin Laden 300 bis 500 Millionen US-Dollar, die er als Anschubfinanzierung für den Aufbau der Al Qaida verwendete. Aufgrund seiner sozialen Herkunft kennt sich Osama bin Laden in der internationalen Hochfinanz bestens aus und nutzte seine Verbindungen um ein umfassendes Firmenkonglomerat aufzubauen, das sich über 80 Staaten erstreckt. Daher stammt die größte Menge seiner Finanzmittel aus völlig legalen Geschäften. Einen großen Teil seiner Gelder soll er bei renommierten europäischen Banken angelegt haben. Geheime Finanz- und Handelsagenturen verwalten die Gelddepots; manche seiner Partner wissen nicht einmal, für wen sie arbeiten. Im Sudan baute er die 1200 km lange Autobahn von Khartoum nach Port Sudan; in Kenia betrieb er zur Tarnung eine Fischverarbeitungsfabrik.21

Über die Versuche der CIA, die Al Qaida zu infiltrieren, liegen kaum Angaben vor. Bekannt wurde der Fall L’Housaine Kherchtou. Außerdem sind in den vergangenen zehn Jahren wiederholt Attentäter der Al Qaida festgenommen und verhört worden, wie z. B. Jamal al Fadl.22

Finanzverquickungen

Das weltweite Konglomerat aus internationalem Terrorismus, Finanzimperien und Geheimdiensten führt bisweilen zu überraschenden Verbindungen, so z.B. die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Familie Bush und den Bin Ladens: Bei der Carlyle Group, einer US-amerikanischen Rüstungs-Holding, hat sich eine illustre Schar von Personen zum Geldverdienen zusammengefunden, die früher bedeutende Posten in der Reagan- und der Bush-Administration innehatten. Sogar George Bush Sr. ist als "Berater für asiatische Angelegenheiten" mit von der Partie. Umgekehrt war Carlyle auch schon Georg Bush Jr. gefällig, als dieser 1990 einen Aufsichtsratsposten beim Tochterunternehmen Caterair erhielt. Zu den ausländischen Investoren bei Carlyle gehört mit mindestens 2 Millionen Dollar die Familie Bin Laden.23 Auch außerhalb der Carlyle Group haben beide Familien schon gemeinsame Interessen verfolgt: Salem bin Laden, der von 1976 bis 1988 die Geschäfte der Saudi Binladin Group leitete, war Anteilseigner bei Bushs früherer Ölfirma Arbusto Energy.

Auch der Scheich Khalid bin Mahfouz, frührerer Anteilseigner der BCCI-Bank, gehört zu den Investoren bei der Carlyle Group. Außerdem unterhält er enge wirtschaftliche Beziehungen zur Familie Bush und zur Familie Bin Laden. Insbesondere gilt Mahfouz als einer der Finanziers von Osama bin Laden, mit dem er verschwägert ist.24 Charles Lewis, Direktor des Center for Public Integrity, kritisierte den Lobbyismus der Carlyle Group: "Carlyle ist, soweit sie können, mit der gegenwärtigen Regierung verzahnt. George Bush erhält Geld von privaten Interessengruppen, die Geschäfte mit der Regierung machen, während sein Sohn gleichzeitig als Präsident agiert."25


Anmerkungen

1) Hans-Joachim Heintze, Völkerrecht und Terrorismus, in: Kai Hirschmann/Peter Gerhard (Hg.), Terrorismus als weltweites Phänomen, Berlin 2000, S.218f

2) Bruce Hoffmann, Terrorismus - der Unerklärte Krieg - Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt 1999, S.51

3) Jürgen Roth, Netzwerke des Terrors, Hamburg 2001, S.22f

4) The National Intelligence Council, Global Trends 2015: A Dialogue about the Future with nongovernment Experts, Washington, Dezember 2000, zit. n. Jürgen Roth, a.a.O., S.27

5) Andreas von Bülow, Im Namen des Staates - CIA, BND und die kriminellen Machenschaften der Geheimdienste, München 1998

6) Hans-Joachim Heintze, a.a.O., S.218

7) Peter Waldmann, Terrorismus - Provokation der Macht, München 1998, S.11

8) ebd., S.21

9) ebd., S.23f

10) Werner Raith, In höherem Auftrag - Der kalkulierte Mord an Aldo Moro, Berlin, 1984, S.121ff

11) David A. Yallop, Die Verschwörung der Lügner, München 1993, S.523ff

12) Peter Waldmann, a.a.O., S.19ff

13) Roland Jacquard, Die Akte Osama bin Laden, München 2001, S.84

14) Jürgen Roth, a.a.O., S.193

15) ebd., S.189ff

16) Anthony Davis, UF in crisis over Massoud, Jane’s Defence Weekly 19.9.2001, S.33

17) STRATFOR, Hot Spots in the War on Terror, 1.10.2001

18) Bob Woodward/Walter Pincus, Investigators Identify 4 to 5 Groups Linked to Bin Laden Operating in U.S., Washington Post 22.9.2001

19) Richard A. Serrano/John-Thor Dahlburg, Officials Told Of "Major Assault" Plans, Los Angeles Times 20.9.2001

20) Roland Jacquard, a.a.O., S.71ff

21) Rolf Tophoven, Fundamentalistisch begründeter Terrorismus: Osama bin Laden als neuer Typ des Terroristen, in: Kai Hirschmann/Peter Gerhard (Hg.), a.a.O., S.185ff

22) Phil Hirschkorn, Convictions mark first step in breaking up Al-Qaeda network, Jane’s Intelligence Review August 1991, S.46f

23) Daniel Golden (u.a.), Bin Laden Family could profit from a jump in Defense Spending, Wall Street Journal 27.9.2001

24) Rick Wiles, Bush’s Former Oil Company Linked to Bin Laden Family, American Freedom News 3.10.2001

25) Leslie Wayne, Elder Bush in Big G.O.P. Cast Toiling for Top Equity Firm, New York Times 5.3.2001


Gerhard Piper ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS).

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