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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Der Islam, Feind unserer Zivilisation?

15.01.2002: Wie aus nützlichen Helfern Todfeinde werden

  
 

Forum Wissenschaft 1/2002

Seit den Anschlägen von New York ist das lange schon gepflegte Feindbild vom Islam als der größten Gefahr für "unsere Zivilisation" nahezu in eine Massenhysterie übergegangen. Tatsächlich haben sich aber vor allem die Koordinaten des Weltherrschaftssystems des "Westens" nach dem Ende des Kalten Krieges verschoben. Dieselben (auch islamischen) Gruppen und Organisationen, die als nützliche Helfer bei der Zurückdrängung des Kommunismus gefördert wurden, sind nun ins Fadenkreuz der Weltherrscher geraten, während auf der anderen Seite nach dem Niedergang des "real existierenden Sozialismus" vielerorts der Islam zu einer Widerstandsform der Modernisierungsverlierer geworden ist, wie Werner Ruf darstellt.

Ist es tatsächlich so, dass die Gewalt, die wir derzeit erleben - oder besser jener Teil der Gewalt, den wir wahrnehmen (wollen), weil er "uns" zu betreffen scheint -, religiös motiviert ist, ja dass sie einer der drei monotheistischen Religionen eigentümlich ist?1 Wie säkular denken wir denn selber, wenn wir zur Erklärung politischer Entwicklungen bei den "Anderen" immer gleich die Religion heranziehen? Oder trifft auf uns in ganz besonderem Maße jener Ausspruch des großen Vorläufers des Propheten Mohamed Issa (bei uns Jesus genannt) zu, der meinte, man sähe leichter den Splitter im Aug des Anderen als den Balken im eigenen?

Warum sollten nicht die folgenden Deutungen der Katastrophe des 11. September die zutreffenden sein? "Gott hat es den Feinden Amerikas gestattet, uns das aufzuerlegen, was wir wahrscheinlich verdienen." … "Es sind die Heiden, die Abtreiber, die Feministinnen, die Schwulen, die Lesben, die, indem sie Amerika zu säkularisieren versuchen, dieses Ereignis begünstigt haben."2 Wäre da nicht die Flugzeugattacke auch gegen das Pentagon gewesen, könnte auch die These glaubwürdig sein, die Verantwortlichen der Anschläge könnten auch im Spektrum des ultra-rechten religiösen Sektierertums der USA zu suchen sein, für die das World Trade Center genauso obszönes Symbol westlicher Dekadenz, der Herrschaft des schnöden Mammon, der Sittenlosigkeit und des Verfalls ist, wie es in den Augen der Unterdrückten und der Modernisierungsverlierer die gnadenlose Herrschaft des Finanzkapitals symbolisiert.

Waren nicht die westlichen Geheimdienste von den Anschlägen völlig überrascht worden, diese Dienste, die schon wenige Augenblicke nach den massenmörderischen Explosionen genau wussten, wer die Täter waren? Ermittelt wurde seither nur in eine einzige Richtung. Und sofort stand im Zentrum der Untersuchungen wie der Schuldzuweisungen eine einzige Person, jener ominöse Osama bin Laden, Kopf, Drahtzieher, zentralistischer Befehlshaber einer straff gegliederten weltweiten Terrororganisation. Eine Figur, die den Anschlag zwar gut hieß, dafür aber keine Verantwortung übernahm. Und die Beweise für diese These, die die USA vorgelegt zu haben behaupten, um "den Krieg gegen den Terrorismus" zum Bündnisfall nach Art. 5 des NATO-Vertrags zu machen, wo sind sie?3

Hier geht es nicht um eine Beweisführung mit dem Ziel, die Unschuld eines bin Laden zu konstruieren oder die Täterschaft einer wie auch immer gearteten von mehr oder minder fanatischen Islamisten gebildeten Terrorgruppe zu widerlegen (was angesichts der der Öffentlichkeit zugänglichen Informationen auch gar nicht möglich wäre). Es geht um die eigentümliche Dialektik der Herstellung eines Feindbildes, das herangezogen wird, um in der globalisierten Welt sowohl innergesellschaftliche wie intergesellschaftliche, zwischenstaatliche wie transnationale Konflikte auszutragen und dabei all jene zivilisatorischen Errungenschaften über den Haufen zu werfen, die "der Westen" entwickelt (sich teilweise mühsam und blutig erkämpft) hat, von der die Französische Revolution begleitenden Erklärung der Menschenrechte bis zur ansatzweisen Schaffung eines suprastaatlichen Gewaltmonopols in der Charta der Vereinten Nationen, von der Niederschlagung des Nationalsozialismus bis zu den Genfer Konventionen und den Menschenrechtspakten von 1966, um nur wenige Meilensteine zu nennen. Dem Bedrohungsszenario, das mit dem alt-neuen Feindbild des Islam auf die Filter unserer Wahrnehmung projiziert wird, werden nun aus vordergründiger Angst und Panikmache wichtige internationale und innerstaatliche Rechtsgrundlagen geopfert, die die Grundvoraussetzung nicht nur für das Funktionieren demokratischer Strukturen und Prozesse sind, sondern die zugleich das ausmachen, was wir als so einzigartiges und schützenswertes Fundament unserer Zivilisation bezeichnen.

Schaffung von Identitäten

Und ein Zweites: Die Konstruktion unseres "Wir" auf Kosten der "Anderen" beinhaltet in gefährlicher Weise die Schaffung jener self-fulfilling prophecy, die seit Samuel Huntingtons Paradigma vom "Kampf der Kulturen" zum Konstruktionsprinzip weltgesellschaftlichen Ein- und Ausschlusses geworden ist. Niemand wird Bundeskanzler Schröder widersprechen wollen, wenn er zu den Opfern des 11. September erklärt, dass diese Menschen ihr ureigenstes Menschenrecht, das Recht auf Leben verloren haben. Doch wie soll man mit jenem Kommentar umgehen, der auf die US-Botschaft in Belgrad gesprüht wurde: "Spürt Ihr jetzt das Leid?" Wohin führt das Aufrechnen der alltäglich ermordeten Palästinenser, der Hunderttausenden von irakischen Kindern, die ihr "ureigenstes Menschenrecht" als Folge der Embargo-Politik verloren, jener zivilen Opfer, der Toten, Verletzten, Verhungernden in Afghanistan gegen die Opfer der Anschläge von New York und Washington? Geht es an, die Toten der einen Seite als "Kollateralschäden" zu entmenschlichen, die der anderen Seite mit verdientem Mitgefühl zu beweinen?

Auge um Auge, Zahn und Zahn - bis die Welt von Blinden regiert wird, die Ursache und Folge nicht mehr auseinanderhalten können? Trägt solcherart vorgetragene westliche Politik nicht selbst dazu bei, Gewalt um der Gewalt willen zu legitimieren? Werden hier neue Kategorien von Menschen erfunden, wertvollere gegen weniger wertvolle? Da kann und darf es nicht erstaunen, wenn gerade die europäischen Rechte den 11. September nutzt, um mit populistischen Parolen Identitäten zu stiften und Gegenidentitäten zu befördern. So erklärte Berlusconi, "Wir müssen uns der Überlegenheit unserer Zivilisation (…) eines Wertesystems bewusst sein, das allen Ländern, die sich zu ihm bekannt haben, eine breite Wohlfahrt gebracht hat und die den Respekt der Menschenrechte und der Religionsfreiheit garantiert. Diesen Respekt gibt es mit Sicherheit nicht in den islamischen Ländern." Aufgrund der "Überlegenheit der westlichen Werte" haben diese "neue Völker erobert, (…) wie dies bereits mit der kommunistischen Welt geschah und einem Teil der islamischen Welt, aber leider ist ein Teil derselben 1400 Jahre zurückgeblieben. Deshalb müssen wir uns der Macht und der Kraft unserer Zivilisation bewusst sein."4

Der erzkonservative niederösterreichische Bischof Kurt Krenn stellte mit theologischer Autorität fest, man müsse "den Islam überwachen", da er "geprägt sei von einem gewissen Fanatismus und Nationalismus, (…) die Menschenrechte negieren", während "die Christen viel mehr Menschlichkeit" besäßen.5 Und der Präsident des ultrarechten französischen Mouvement National Républicain begab sich eigens nach Moussais-la-Bataille in der Nähe von Poitiers, wo sich 732 die Schlacht zwischen den Sarazenen und Karl Martell abgespielt haben soll, um zu erklären: "Die Bedrohung Nummer eins ist der Islam (…) Die Schlacht von Poitiers war der Zusammenprall zweier Kulturen, der europäisch-christlichen mit der arabisch-islamischen. (…) Dieser Zusammenstoß ist leider nicht beendet, denn der Islam (…) ist wieder erwacht. Er hat eine neue demographische, politische und religiöse Vitalität gewonnen. Er nimmt in blutiger und dramatischer Form seine Offensive wieder auf. Getreu den Vorschriften des Islam versucht er sich auf neuen Territorien durchzusetzen, wo immer er kann."6 Und auf einem von seiner Partei organisierten Volksfest erklärte er wenig später: "Es ist Zeit, dass ein Jeder begreift, dass unser Land unterwandert ist durch eine Fünfte islamische Kolonne, dass heute die Gefahr genauso von Kabul ausgeht wie von Mantes-la-Jolie7, dass unsere Städte Pulverfässer geworden sind wie die von Palästina und dass die Anschläge gegen das Pentagon dieselben sind wie diejenigen, die täglich in unseren Vorstädten verübt werden gegen Polizisten, Feuerwehrleute und gegen sämtliche Vertreter des Staates."8

Unser Gemeinwesen, unsere Zivilisation sind in den Augen dieser Verteidiger des Abendlandes in Gefahr, bedroht von jenen, die schon seit anderthalb Jahrtausenden unsere Existenz und Identität bedrohen, von Tours und Poitiers bis zu den Toren von Wien, von der Besetzung der Heiligen Stätten des Christentums bis zu den Wohnblocks in Kreuzberg. Lassen wir uns auf eine solche Geschichtsinterpretation ein, laufen wir Gefahr, gerade die im Westen immer wieder beschworenen Werte der Aufklärung, des Humanismus, der Toleranz selbst auf den Müllhaufen der Geschichte zu kehren, indem wir deren Universalität negieren.

Dabei könnte es intellektuell durchaus reizvoll sein, diesem atavistischen Identitätskonstrukt des Abendlandes eine alternative Geschichtskonstruktion entgegenzusetzen. Sie müsste beginnen mit der Hinterfragung jener für das Abendland konstitutiven, von Megret und unseren Schulbüchern hypostasierten Schlacht von Tours und Poitiers, die wohl nie stattgefunden hat, allenfalls ein Scharmützel zwischen einer sarazenischen Handelskarawane und fränkischen Wegelagerern war.9Sie müsste fortgesetzt werden mit einer objektiven Neuschreibung der Geschichte der Kreuzzüge und einem Vergleich der Praxis der Kriegsführung beider Seiten. Sie müsste sich fragen, weshalb im Nahen Osten (und beileibe nicht nur im Libanon) christliche und jüdische Gemeinden innerhalb der "Welt des Islam" bis ins 19. Jahrhundert relativ problemlos und bis heute überleben konnten und können. Ein Vergleich mit der katholischen reconquista auf der Iberischen Halbinsel würde nicht unbedingt das "christliche Abendland" im Ruhme strahlen lassen. Legitim wäre auch die Frage, ob es je eine Renaissance und daraus hervorgehend die Aufklärung gegeben hätte ohne die intensiven Kontakte mit der arabischen Philosophie auf der Iberischen Halbinsel. Doch deren prominenteste Vertreter wurden zwecks Verwischung der Spuren ihrer Herkunft flugs latinisiert: Wer vermutet schon hinter Averroes Ibn Ruschd und hinter Avicenna Ibn Sina? Wer gar möchte sich vorstellen, die moderne Informationstechnologie könnte auf der Basis des römischen Zahlensystems funktionieren?

Diese Bemerkungen verfolgen nicht den Zweck, wiederum Zivilisationen nach den Kategorien "besser" und "schlechter" zu unterscheiden. Absicht ist hier nur zu zeigen, dass es für jede Art von Geschichts-, Bedrohungs- und Feindbild immer die passenden Bausteine gibt. Und immer hat die Schaffung von Identitäten auch der Legitimation von Herrschaft gedient. Diese hat nicht zufälligerweise einen Höhepunkt im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert bürgerlicher und imperialer Herrschaft erlebt. Zum einen bedurfte der bürgerliche Nationalstaat - weit mehr als die vorangegangenen feudalen und absolutistischen Systeme - der Identifikation des Bürgers mit seinem Gemeinwesen. Zum anderen bedurfte die in Expansion begriffene imperialistische Herrschaft nicht nur der militärischen Absicherung, sondern auch der Legitimation.

Koloniale Weltbilder

Der Beginn der europäischen Expansion in den Orient zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts fand dort zunächst begeisterte Zustimmung, versprach er doch die Befreiung von der verhassten osmanischen Herrschaft und erhofften sich die bürgerlichen Kreise der urbanen Zentren der Region Selbstbestimmung und Nationenbildung.10Doch sehr schnell erfuhren die arabischen Völker, dass die hehren Ideale der französischen Revolution nicht für die Kolonisierten gedacht waren. Und dort, wo gar ein Territorium rechtlich ins "Mutterland" integriert wurde, wie in Algerien, wurde die Bevölkerung einem islamischen Rechtsstatut unterstellt, womit sie hinfort französische Untertanen (sujets français), nicht aber zur Ausübung ihrer Bürgerrechte befugte citoyens waren.11

Die Diskriminierung von Menschen und Gesellschaften bedurfte der ideologischen Rechtfertigung. Edward Said hat diese meisterhaft herausgearbeitet, indem er den Orientalismus, den "wissenschaftlichen" Diskurs über den Orient, als Instrument zur politischen, ökonomischen und kulturellen Unterdrückung des Orients beschrieb.12 Die Faszination des Orients und seine Dämonisierung und Infantilisierung, die sich durch wissenschaftliche und literarische Werke bis in die Trivialliteratur hinzieht13, sind nur zwei Seiten einer und derselben Medaille. Dies führt geradlinig zu der kulturologischen Weltsicht Samuel Huntingtons, der den nicht-westlichen Kulturen, vor allem aber "dem Islam" die Unfähigkeit zur Entwicklung individueller Freiheiten, politischer Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte zuschreibt und feststellt: "Diese (die westlichen Werte W.R.) machen die westliche Kultur einzigartig, und die westliche Kultur ist wertvoll, nicht weil sie universell, sondern weil sie einzigartig ist."14

Dies ist die schon lange gegossene Form eines Weltbildes, in das sich die mehr oder weniger reißerischen Darstellungen von der Zeitschrift Emma bis zu Gerhard Konzelmann trefflich gießen lassen. Aziz al-Azmeh15, der in Exeter lehrende Islamwissenschaftler, fasst diesen noch immer vorherrschenden orientalistischen Diskurs zusammen: "Der Vernunft entsprach enthusiatische Unvernunft, politisch übersetzt als Fanatismus, eines der Hauptanliegen der Wissenschaftler und Kolonialisten des 19. Jahrhunderts wie der zeitgenössischen Fernsehkommentatoren (…) Islam, als Anomalie, als Geburtsfehler, wird als Anachronismus betrachtet, seine Charakteristika - Despotismus, Un-Vernunft, Glauben, Stagnation, Mittelaltertum."

Koloniale Politik und kolonialistischer (i.e. orientalistischer) Diskurs bewirkten auf der Seite der Araber und Muslime die Schaffung einer Gegenidentität, die nicht nur die weitere Entwicklung eines selbstbewussten islamischen Säkularismuskonzepts unterband16, sondern in dialektischer Verflochtenheit mit dem vom Westen propagierten Orientalismusbild im Islam den Kristallisationspunkt zur Schaffung einer authentischen Identität fand.17 Pointiert formuliert Angelika Hartmann: "Säkularismus (…) wurde erst dann in muslimischen Augen zu einem Negativum, als er von außen als "Imitative Verwestlichung" aufgezwungen oder von Nichtmuslimen in islamischen Ländern für eigene Zwecke ausgenutzt wurde, u.a. - wie Muslime es sehen - für Atatürks "Kulturrevolution" in der Türkei oder für Hegemoniekonzepte christlicher Araber im Libanon."18

Islam statt Sozialismus

In der wohlgeordneten Zeit des Kalten Krieges waren der Antikommunismus und der Antikapitalismus die zentralen ideologischen Schlagworte. Der mehr oder weniger undemokratische Charakter der Systeme im Einflussbereich beider Supermächte spielte allenfalls eine untergeordnete Rolle. "Realpolitische" Machtpolitik war angesagt: Jede Seite suchte einerseits ihre jeweilige Klientel zu stabilisieren, anderseits, im Sinne eines Nullsummenspiels, Klienten der anderen Seite aus deren Einflussbereich herauszubrechen. Der Islam und die islamistischen Bewegungen waren für den Westen nützliche Hilfsinstrumente. Die Geschichte eines geostrategisch zentralen Landes wie beispielsweise Ägypten liefert mit seinen "Pendelbewegungen" von Farouk über Nasser zu Sadat und Mubarak (einschließlich der gelegentlichen Unterstützung der Moslembrüder) ein anschauliches Beispiel.

Wichtiger als die Legitimität der Regime erschien deren Stabilität im Gefüge der bipolaren Welt. Und vergessen wir nicht, auch in der Systemkonfrontation spielte der Islam eine nicht unwichtige Rolle: Die Regime, die eher einen "sozialistischen" Kurs (mit mehr oder weniger Anlehnung an die Sowjetunion) verfolgten, versuchten Islam und Sozialismus in Einklang zu bringen, wobei stets auf die sozialen und egalitaristischen Prinzipien der Religion hingewiesen wurde. Ihnen gegenüber standen die Despotien der Arabischen Halbinsel, allen voran Saudi-Arabien mit seinem puristischen wahhabitischen Islam und seinem politisch-missionarischen Eifer. Die saudische Propaganda - von ihrer Einflussnahme auf die Muslime im Süden der Sowjetunion über die Unterstützung der algerischen Islamischen Heilsfront (FIS) bis hin zur Finanzierung der von der CIA ausgebildeten islamistischen Brigaden in Afghanistan - erschien komplementär zu den westlichen Zielen der Eindämmung des Kommunismus. Dass jene "Afghanen" heute als Söldner und Berufsterroristen in zahlreichen arabischen und islamischen Ländern tätig sind, erscheint als eine der vielen Ironien der Geschichte. Sie ist aber logische Folge einer Politik, die willkürlich ihre hegemoniale Dominanz ausspielt, über keinerlei langfristige Konzepte verfügt, sondern nach der Opportunitätslage des Augenblicks entscheidet und damit weder Lösungsperspektiven anzubieten vermag, noch - für alle Beteiligten - Glaubwürdigkeit besitzt. Dies gilt für die hemmungslose Unterstützung der UCK im Kosovo, die dann in Mazedonien zum Problem werden musste, ebenso wie für die derzeitige Unterstützung der in der sog. Nordallianz versammelten Banditen gegen die Banden der sich Taliban nennenden Kriegsherren.

Wichtiger als innere demokratische Legitimation erschienen dem Westen die Verlässlichkeit, d.h. im Kern die Abhängigkeit der mehr oder weniger prowestlichen Regime der Region, war und ist dies doch Voraussetzung für die Kontrolle des Öls. "So zeigen diese Perspektiven, daß sich ein Widerspruch (öffnet) hinsichtlich der normativen Ziele "Stabilisierung" und "Demokratisierung"."19 Damit stellt sich, allgemeiner formuliert, die Frage, ob die Messlatte der außenpolitischen "Berechenbarkeit" eines der Regime der arabischen Welt während des Kalten Krieges nunmehr durch den Begriff der "Stabilität" ersetzt wird. In der Tat stehen Europa bzw. der Westen hier vor einem Dilemma, denn, wie Jünemann zutreffend bemerkt, wirkt "(…) Demokratisierung in undemokratischen Ländern per se destabilisierend (…), schließen sich die Ziele "Demokratisierung" und "Stabilisierung" dort gegenseitig aus."20 Und um jeden Systemwandel zu verhindern, muss auch jede Opposition ausgeschaltet werden, so "(…) dass Begriffe wie "Terrorismus" relativ sind und sich leicht für die Kriminalisierung politischer Gegner missbrauchen lassen. So können in autoritären Regimen damit auch Oppositionsgruppen kriminalisiert werden, gerade weil sie demokratische Ziele verfolgen."21

Islam als Widerstandsform

Mit dem Ende des Systemkonflikts änderte sich diese Situation radikal. Die klügsten Diktatoren und Herrscher wie Syriens Assad, aber auch Ägyptens Mubarak und Marokkos Hassan II, erkannten schnell den fundamentalen Wandel der Determinanten der Internationalen Politik und beeilten sich, am US-geführten Aufmarsch am Golf gegen den Irak teilzunehmen.

Die Veränderung der politischen Weltlage, die sich grob am Wandel von der Formel "freedom and democracy" zu "democracy and market economy" festmachen lässt, hatte gravierende Folgen vor allem für jene Systeme, deren Entwicklungsmodell sich mehr oder weniger am Zentralismus des real zusammengebrochenen Sozialismus orientiert hatte. Wo dies noch nicht geschehen war, standen nun die Öffnung zum Weltmarkt und die (weitere) Liberalisierung der Ökonomie an. Die Durchsetzung des neoliberalen Modells, die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds, der wachsende demographische und soziale Druck verschärften die bestehenden Antagonismen weiter. War es bis dahin möglich gewesen, durch Kooptation oppositionelle Gruppen oder auch Familienclans zu integrieren und an den Pfründen zu beteiligen, die durch die Inbesitznahme des Staatsapparats verfügbar waren, so wurden jetzt die Handlungsspielräume enger, die Ableitung innerer Konflikthaftigkeit auf ein äußeres Feindbild schwieriger. Dies umso mehr, als mit dem 1993 in Oslo in Gang gesetzten "Friedensprozess" durch die Anerkennung der PLO seitens Israels und durch deren Verhandlungsbereitschaft mit Israel der propagandistischen Allzweckwaffe des Antizionismus zumindest bis zur Wahl Sharons zum Ministerpräsidenten die Spitze genommen wurde.

Zugleich wurde sichtbar, dass die unterschiedlichen Entwicklungsstrategien versagt hatten, seien sie nun kapitalistischer oder sozialistischer Orientierung gewesen. Sichtbar wurde auch, dass die jeweiligen Regime, die stets den Islam zur Legitimation ihrer Herrschaft benutzt hatten, keineswegs nach dessen strenger Moral lebten. Die Entwicklungsstrategien, gleich welcher Prägung, hatten dazu geführt, dass im gesamten islamischen Raum (mit relativer Ausnahme des Iran nach der islamischen Revolution) eine dünne Schicht von Modernisierungsgewinnern entstanden war, denen eine Masse von Modernisierungsverlierern gegenübersteht.22 Das Scheitern der Entwicklungsmodelle verschärfte die ohnehin vorhandene Legitimationskrise dramatisch: Waren nicht Kapitalismus und Sozialismus die beiden Seiten einer und derselben Medaille, des Atheismus? Und resultierte nicht das Elend der Massen in diesen Ländern aus der Korruption und Bereicherungswut jener, die die Staatsmacht und damit die Quellen der Profitaneignung kontrollierten, kurz derjenigen, die nach westlichem Stil lebten, ja geradezu in Genusssucht schwelgten? Der Aufstieg der als Protestbewegung zu verstehenden Islamischen Heilsfront in Algerien ist hierfür ebenso paradigmatisch wie die wachsende islamistische Agitation in all diesen Ländern - bis hinein nach Saudi-Arabien.

Im Interesse der "Wahrung der Stabilität" nutzten die USA den Zweiten Golfkrieg, um in den Emiraten und in Saudi-Arabien dauerhaft Truppen zu stationieren, so dass nun die Heiligen Stätten der Gläubigen von den Soldaten (und Soldatinnen!) der Ungläubigen (nicht der Christen, der Atheisten!) vor den Gläubigen geschützt werden müssen. Dieser Zustand ist eine Zeitbombe für die wahhabitische Monarchie und es ist daher kein Zufall, dass sich gerade in Saudi-Arabien islamistische Anschläge häufen. Dass die auf Dauer angelegte Truppenstationierung der USA möglicherweise vorrangig das Ziel verfolgt, die für die Ökonomien der beiden größten wirtschaftlichen Konkurrenten der USA lebenswichtigen Energiequellen zu kontrollieren, sei hier nur als Merkposten erwähnt, liegen doch die Kohlenwasserstoffimporte der USA aus der Region bei gut 10% ihrer gesamten Energieimporte, während sie für Europa über 40%, für Japan bei annähernd 70% liegen.23 In den Augen der Bevölkerung ist entscheidend, dass ihre Herrschenden - und dies gilt für den gesamten im Sicherheitsdiskurs so genannten islamischen Krisenbogen von Casablanca bis Djakarta - mehr und mehr als die Statthalter der verhassten USA erscheinen.

Die USA und alle diejenigen, die ihrer Politik in "bedingungsloser Solidarität" folgen, sind auf dem besten Wege, jenen oft beschworenen "Kampf der Kulturen" zu organisieren, der innenpolitisch wie außenpolitisch "den Islam" zum neuen Feindbild erhebt. Dabei werden die Ursachen mit Artikulationsformen verwechselt, wie Pierre Bourdieu treffend hervorgehoben hat: "Der islamische Fundamentalismus ist eine extreme, aber verständliche Reaktion auf die Lage der arabischen und islamischen Staaten und Völker. Die Logik, die die ökonomischen und politischen Universen heute regiert - die des double standard, dem Messen mit zweierlei Maß - , trägt zu dieser Entwicklung bei. Ich denke, dass jeder, der in irgendeiner Weise, direkt oder indirekt, am arabischen Leben oder am Islam teilhat, täglich Verletzungen oder Erniedrigungen erfährt, durch Handlungen, politische Entscheidungen oder durch Worte. Und wenn das israelisch-palästinensische Problem im Herzen dieser Erfahrung einer skandalösen Ungerechtigkeit liegt, dann, weil sich diese Logik hier, ungeachtet all der Scheinlösungen, in konzentrierter und kondensierter Form repräsentiert."24

Hier zeigt sich, dass "der Islam" zu einer Widerstandsform geworden ist, in der sich nun auch große Teile jener Kräfte wiederfinden, die einst als linke und säkulare Opposition auch im Namen und mit Unterstützung des Westens bekämpft wurden. Wie anders könnte man sich etwa die massenhafte Entstehung islamischer Gewerkschaften in den 80er und 90er Jahren erklären oder die zahlreichen Positionswechsel prominenter Intellektueller. "Der Islam" wird zu einer Widerstandsform gegen den Westen, zum gemeinsamen Hauptnenner all derer, die täglich die von Bourdieu so treffend diagnostizierten Demütigungen erleiden. Nicht "der Islam" ist das Problem, auch gibt es nicht per se den "Kampf der Kulturen". "Der Islam" wird zunehmend zu einem Kristallisationspunkt des vormals anti-imperialistischen Protests. Und der 11. September hat den scheinbar Wehrlosen gezeigt, dass der Feind verwundbar ist - bis hinein ins Mark des kapitalistischen Systems, des Funktionierens des Finanzkapitals.

So schafft sich der Westen selbst einen kollektiven Feind, um aggressiv seinen way of life, seine "Zivilisation" zu verteidigen, und seien die Mittel dazu auch noch so barbarisch25 - was ja dann durch die Definition der "Anderen" als Barbaren auch schon gerechtfertigt wäre. Die Erklärung eines neuen Kreuzzugs (das verheerende Wort wurde von Präsident Bush zwar schnell zurückgenommen, ist in der islamischen Welt aber dauerhaft angekommen) schafft erst die Dichotomie, die in der globalisierten Welt jene transnationalen Konfliktstrukturen Gestalt annehmen lässt, die Terror zur Widerstandsform der Modernisierungsverlierer gegen staatliche Willkür des Hegemons macht, denn die Möglichkeit des klassischen, territorial verortbaren und durch verantwortliche politische Akteure vorgetragenen Krieges bleibt ihnen versagt.26 So sind es gerade die von Bourdieu hervorgehobenen "double standards", die Verabsolutierung der Menschenrechte auf der einen, der "zivilisierten" Seite der Welt und deren Negierung gegenüber "dem Rest", wie Huntington arrogant formuliert,27 die die westlichen Prinzipien in den Augen der Verlierer des Globalisierungsprozesses nicht nur unglaubwürdig erscheinen lassen, sondern jenen Hass produzieren, der neue Identifikationsmuster schafft. Der politisierte Islam entpuppt sich so als eine neue kollektive Widerstandsform der ehemaligen "Dritten Welt" gegen hegemoniale Arroganz und Willkür.


Anmerkungen

1) S. hierzu die knappen und bedenkenswerten Überlegungen von Rotter, Gernot: Der Islam - friedlich oder kriegerisch? In: Entwicklung und Zusammenarbeit, Heft 11/2001, S. 323.

2) So die einflussreichen Fernsehevangelisten und Wahlkämpfer für George Bush, Jerry Falwell und Pat Robertson. Den zweiten Satz verantwortet Jerry Falwell allein. Beide Zitate aus: Le Monde Diplomatique Nr. 571, Oktober 2001, S. 1.

3) Vgl. Auch "Das Verständnis von Bedrohung umpolen". Blätter-Gespräch mit Ernst-Otto Czempiel; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 11/2001 S. 1319-1329

4) zit. n. Le Monde, 28. Sept. 2001. übersetzt aus dem Französischen W. R.

5) zit. n. Le Monde, 2. Okt. 2001, übersetzt aus dem Französischen W. R.

6) ebd.

7) Vorstadt von Lyon, aus der der algerischstämmige Franzose Khaled Kelkal stammt, der für Anschläge in Frankreich im Jahre 1995 verantwortlich gemacht und bei seiner Verhaftung erschossen wurde.

8) Zit. n. Le Monde, 2. Okt. 2000; übersetzt aus dem Französischen W. R.

9) Olague, Ignacio: Les Arabes n’ont jamais envahi l’Espagne, Paris 1969

10) Siehe hierzu exemplarisch Antonius, George: The Arab Awakening, London 1938. Hourani, Albert: Arabic Thought in the Liberal Age, Cambridge 1983.

11) Vgl. Ruf, Werner: Die algerische Tragödie. Vom Zerbrechen des Staates einer zerrissenen Gesellschaft, Münster 1997, S. 20-23.

12) Said, Edward: Orientalism, London 1978

13) Siehe hierzu: Berman, Nina: Orientalismus, Kolonialismus und Moderne, Stuttgart 1997

14) Huntington: The West: Unique, not universal, a.a.O., S.35

15) Al-Azmeh, Aziz: Islam and Modernities, London 1993, S.132

16) Schulze, Reinhard: Säkularismus und Religion in westlichen und islamischen Gesellschaften von heute; in: Die Wahrnehmung des Islam in Europa und Nordamerika, Arbeitspapier Nr. 019 des Instituts für Internationale Politik, Göttingen 1993, S.13-32

17) Zu verweisen ist hier auf die islamische Reformbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, für die hier vor allem die Namen Djamal ed-Din al Afghani und Mohamed Abduh stehen. Dazu siehe exemplarisch: Peters, Rudolf: Erneuerungsbewegungen im Islam vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und die Rolle des Islams in der neueren Geschichte: Antikolonialismus und Nationalismus; in: Ende, Werner/Steinbach, Udo: Der Islam in der Gegenwart, 1989, S.91-131

18) Hartmann, Angelika: Der islamische "Fundamentalismus", Wahrnehmung und Realität einer neuen Entwicklung im Islam; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung DAS PARLAMENT, B 28/97, 4. Juli 1997, S.3-13, hier S.12f

19) Jünemann, Annette: Die Mittelmeerpolitik der Europäischen Union: Demokratisierungsprogramme zwischen normativer Zielsetzung und realpolitischem Pragmatismus; in: Frankreich Jahrbuch 1997, Opladen 1997, S.93-115, hier S.101

20) Ebd., S.103

21) Ebd., S.102

22) Fuller, Graham, E./Lesser, Jan O.: A sense of siege. The geopolitics of Islam and the West, Boulder, Colorado 1995

23) Vgl. Ruf, Werner: Aussichten auf die neue Welt-Un-Ordnung; in: ders. (Hrsg.): Vom Kalten Krieg zur heißen Ordnung, Münster 1991, S.83 -96, hier S.84

24) Interview mit Pierre Bourdieu, Frankfurter Rundschau, 21. Nov. 2001.

25) Man denke nur an die sich als geradezu pervers erweisende Arroganz, dass die USA unter Bruch des von ihnen selbst initiierten Vertrages über die Kontrolle biologischer Waffen an der Entwicklung von Anthrax weitergearbeitet haben, inzwischen selbst von dieser terroristischen Seuche betroffen sind, aber einen neuen Kriegsgrund gegen den Irak suchen unter dem Vorwurf, dieser entwickele solche biologischen Waffen.

26) S. Interview mit Arundhati Roy, "Für mich ist Krieg Terrorismus", in: Frankfurter Rundschau, 26. Nov. 2001

27) Huntington Samuel P.: The clash of civilisations? In: Foreign Affairs, Summer 1993, S.22-49, hier Zwischenüberschrift S. 39


Prof. Dr. Werner Ruf lehrt Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Gesamthochschule Kassel

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