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Klaus Holzkamp

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Krieg für Frauen(rechte)?

15.01.2002: "Pseudo-feministische" Kollateralschäden

  
 

Forum Wissenschaft 1/2002

In der Kriegsberichterstattung sind Frauen und Frauenrechte derzeit ganz oben auf der Hitliste. Kein Jahresrückblick ohne ein Vorher-/Nachher-Bild: eine bemitleidenswerte Frau mit Schleier und eine befreite Frau ohne (lächelnd). Im Grunde scheinen die Angriffskriege der letzten Jahre hauptsächlich geführt worden zu sein, um die Frauen zu schützen. Daniela Marx zweifelt daran, dass der Feminismus nun Hochkonjunktur hat und deckt einige Widersprüche zwischen öffentlichen Verlautbarungen und Realität auf.

Ein viel genannter - wenn nicht gar der vorrangige - Grund für die Kriegsführung der so genannten Anti-Terrorallianz sei es, so ist den offiziellen Verlautbarungen zu entnehmen, den Kampf der "Zivilisation" gegen die "Barbarei" zu führen. Bei näherer Betrachtung der "zivilisatorischen Werte", für die in Afghanistan angeblich gekämpft wird, offenbart sich Erstaunliches: An zentraler Stelle ist es das Schicksal der Frauen Afghanistans, das angeführt wird, um den Krieg zu legitimieren. Das Leiden der Frauen unter dem repressiven, "fundamentalistischen"1 Taliban-Regime müsse ein Ende haben.

Irritierend ist auch die Liste derer, die sich anschicken, die Schicksale afghanischer Frauen ins Zentrum des öffentlichen Interesses zu rücken: In den USA erklärt First Lady Laura Bush, der Kampf gegen den Terror sei gleichzeitig auch ein Kampf für die Rechte der Frauen2, der Bundesaußenminister Fischer beklagt bei der Beschreibung des "himmelschreienden Unrechts" in Afghanistan insbesondere die dortige "Entwürdigung der Frau"3 - von Regierungsseite über Fernsehsender aller Couleur bis hin zu bürgerlich-konservativen Printmedien finden sich alle vereint, um Frauenunterdrückung in Afghanistan den Krieg zu erklären.

Ist also tatsächlich alles anders seit dem 11. September? Hat in Deutschland Feminismus plötzlich Hochkonjunktur?

Krieg im Namen der (verschleierten) Frauen?

Genauso schnell wie die Herkunft der Attentäter allein im "islamischen Kulturkreis"4 vermutet wurde, war klar, wer "die Guten" und wer "die Bösen" sind. Rückständigkeit, Fanatismus und Inhumanität, kurz: die "Barbarei" bedroht die "westlichen Errungenschaften" von Freiheit, Progressivität und Rationalität, kurz: die "Zivilisation".

Kristallisationspunkt war direkt nach den Anschlägen und ist in der heutigen Kriegsdebatte immer wieder die "unterdrückte muslimische Frau". Deren symbolisches Zubehör ist nahezu ausnahmslos "der Schleier"5: In beispielhafter Vereinfachung werden dabei unterschiedlichste Formen von Verschleierung (Ganzkörperschleier wie in Afghanistan und z.T. Saudi-Arabien, der Tschador im Iran, der Gesicht und Hände frei lässt, lange Mäntel mit einfarbigen oder knallig bunten Tüchern etc.) zusammengefasst und deren Trägerinnen zu einem Phantombild der zu Sprach- und Gesichtslosigkeit verurteilten Muslimin vereinheitlicht.

Dabei wird in der Regel nie die Trägerin selbst nach ihren Motiven befragt. Die "Schleierfrage" wird zumeist in einem paternalistischen Definitionsprozess von außen zum originären Problem der Trägerin erklärt. So überschreibt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung einen ganzseitigen Artikel mit der Zeile: "Afghanistans Frauen hoffen jetzt auf Freiheit: "Natürlich wollen wir den Schleier ablegen, aber es ist noch zu früh.""6

Auch auf den Fotos zum Artikel und in den jeweiligen Bildunterschriften ist "der Schleier" das alles beherrschende Thema. Es folgt zwar eine z.T. recht differenzierte Beschreibung der Lebensgeschichte einer ca. 33-jährigen Witwe und Mutter von 8 Kindern, die nicht erst seit der Taliban-Herrschaft massive soziale, materielle und kulturelle Einschränkungen zu erleiden hat. Welche Rolle "der Schleier" in einem Frauenleben mit diesen Entbehrungen und Ängsten spielt, bleibt jedoch wieder einmal ausgeblendet. Über Bilder und Überschrift erfolgt die bekannte Reduzierung auf "das Schleierproblem".

Natürlich muss der "Schleierzwang" als Ausdruck eines unmittelbaren repressiven und entwürdigenden Herrschaftsverhältnisses bekämpft werden. Jedoch wird nicht jeder Schleier aus Zwang getragen. Verzerrende Klischeebilder helfen nicht weiter und verstellen vielmehr einen genaueren Blick auf bzw. hinter die scheinbar verselbständigte Symboliken.

Damit die LeserInnen wissen, wozu Afghanistan bombardiert wird, findet sich neben der so dargestellten, qua kultureller Bestimmung unterdrückten Muslimin spätestens seit dem Einmarsch der Nordallianz in Kabul häufig ein "europäisiertes" Gegenbild: fotografiert ohne "den Schleier", in "westlicher" Kleidung, mit strahlendem selbstbewussten Blick, beschrieben als aktiv, befreit und selbstständig.

Damit wird zum einen betont, welchen Verlauf Emanzipation zu nehmen hat: Die Abkehr vom "Islam", symbolisiert durch das Ablegen des Kopftuches, dürfte in weiten Teilen des derzeitigen Mediendiskurses als eine der Grundvoraussetzungen angesehen werden. Zum anderen braucht durch die Reduktion von Frauenunterdrückung auf "den islamischen Fundamentalismus" und - im Gegenzug - die Vorstellung, Sexismus und Frauenunterdrückung seien die Hauptaspekte des barbarischen Taliban-Regimes, auch bei sonst eingefleischten KriegsskeptikerInnen für eine weitere Legitimation des Krieges nicht mehr gesorgt zu werden.

Die Debatte selbst ist nicht neu: sowohl die "Argumente" als auch die eingesetzten Bilder und Stereotypen sind längst bekannt, viel diskutiert und kritisiert. Bisher beschränkte sie sich jedoch auf ein schmales Segment innerhalb eines breiten feministischen Diskurses und fand beispielhaft in der sich selbst als feministisch bezeichnenden Zeitschrift Emma Ausdruck. Der (Rück-) Blick auf die so genannte Emma-Debatte kann hilfreich sein, um sich auch in jetzigen Zeiten scheinbarer feministischer Hochkonjunktur nicht den kritischen (Durch-) Blick vernebeln zu lassen.7

Bereits 1993 berichtete die Emma in einem 21-seitigen Dossier über "islamischen Fundamentalismus" (so der Titel des Dossiers) und legte den Schwerpunkt darauf, Frauenunterdrückung in so genannten islamischen Ländern anzuprangern. Nach dem Erscheinen wurde der Emma einerseits viel Lob gezollt für ihr engagiertes Eintreten für die Rechte muslimischer Frauen, andererseits hagelte es insbesondere von seiten verschiedenster feministischer Gruppen8 schwere Rassismus-Vorwürfe. Ein Blick auf das Feminismus-Verständnis der Emma zeigt, wie diese scheinbar so unterschiedlichen Bewertungen zusammenhängen.

Fundamentalismus? Männersache!

"Frauenhass ist die Mutter allen Hasses", erklärte Chefredakteurin und Herausgeberin Alice Schwarzer.9 Damit verpackt sie in einer griffigen Formulierung, was für die Emma Programm ist: Sexismus wird als Grundlage und Ursache aller anderen gesellschaftlichen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse gesehen. Konsequenz der Setzung von Sexismus als gesellschaftlichen Hauptwiderspruch ist es, Frauen pauschal als Opfer von Männergewalt zu sehen: "Frauen erscheinen in der "Männerwelt" immer als die Opfer der Opfer, egal wie privilegiert. In Relation zum Mann stehen wir immer eine Stufe tiefer."10 Damit sind sie qua Geschlecht von jeglicher Verantwortung für gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Faschismus und Fundamentalismus freigesprochen. Eine solche dichotome Sicht des Geschlechterverhältnisses bietet keinen Raum für kritische feministische Debatten wie diejenige über Gleichheit und Differenz oder die "Mit-Täterschaft" von Frauen. Dies wiederum hat fatale Folgen für die Berichterstattung zum Thema "Islam" bzw. "Fundamentalismus", die seit dem ersten Erscheinen der Emma 1977 einen ihrer Schwerpunkte darstellt. Stereotype Bilder finden sich immer wieder: Musliminnen erscheinen fast ausschließlich als unterdrückte Opfer männlicher "Fundamentalisten": hilflos, passiv, objektiviert. Männer dagegen werden durchgängig als "machohaft", stark, aktiv repressiv, fanatisch, und bedrohlich dargestellt.

Auffällig ist, dass das zuvor konstruierte "universelle Kollektiv Frau" (als "das Andere" des Mannes) aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Zugehörigkeit der Frauen einen Bruch erfährt: Durchgängig findet sich eine stark dichotome Konstruktion von westlich-säkular orientierten Frauen (dargestellt mittels "westlicher" Kleidung, ohne Kopftuch, strahlendem, selbstbewussten Blick in die Kamera etc.) und "orientalisch-islamisch" orientierten Frauen, die immer einen Schleier tragen, unglücklich, unterwürfig und in gedeckten Farben dargestellt sind.

Im Rahmen der Vorstellung von Emanzipation jedoch wird das Konstrukt der "universalen Frau" zu neuem Leben erweckt, indem beispielsweise das Ablegen des Kopftuches, d.h. die Abkehr vom "Islam", zur Grundvoraussetzung emanzipatorischer Entwicklung gezählt wird.11 Hier zeigt sich die Prägung durch die oben beschriebene Feminismus-Konzeption: Da die Emma-Autorinnen Feminismus lediglich als eine von anderen Zuschreibungen isolierte Beschäftigung mit dem "Frau-Sein" und seinen gesellschaftlichen Auswirkungen begreifen, glauben sie, mit ihrer eindimensionalen, primär antisexistischen Herangehensweise, Hüterin des "korrekten" Feminismus zu sein. Andere Feminismus-Konzeptionen werden konsequent abgelehnt, indem ihnen Verrat i.S. einer Abkehr vom "wahren" Feminismus vorgeworfen wird. Ihre Vorstellung von Emanzipation ist ebenso konsequent unilinear. Muslimischen Frauen, die diesen Weg im Emma-Verständnis "noch nicht so weit beschritten haben", wird daher in paternalistischer Manier "feministische Entwicklungshilfe" angeboten.

"Kulturalistischer Rassismus"

Der andere Vorwurf bezog und bezieht sich auf die rassistischen Vorurteile, die Emma mit ihrer Islamismus-Debatte reproduziert. Dabei greifen die Autorinnen des Dossiers auf ein inzwischen in der rechtsradikalen Szene gängiges Rassismuskonzept zurück.12

In Abgrenzung von biologischen Rassismusdefinitionen entwickelten TheoretikerInnen13 das Konzept eines "differenzialistischen" oder auch "kulturalistischen" Rassismus, das "Kultur" an Stelle von "Rasse" fokussiert und insofern den gesellschaftlichen Tabuisierungen der Nachkriegszeit Rechnung trägt: Kulturen selbst werden als statisch, in sich homogen und absolut voneinander verschieden konzipiert. Damit einher geht entweder die (kultur-)relativistische Verherrlichung von kultureller Unvereinbarkeit und Differenz, indem diese als positive Norm gesetzt werden14, oder aber die universalistische Setzung der "überlegenen Kultur" als Norm, an die sich die "unterlegene Kultur" anzupassen habe.

Da die Trennung zwischen "Islam" und "islamischem Fundamentalismus" in der Emma nahezu nicht vorhanden ist, erfährt "die islamische Kultur" als Ganzes undifferenziert eine Abwertung als rückständig, primitiv, irrational, inhuman, barbarisch. "Die deutsche Kultur" dagegen gilt als Norm und vereinigt alle entsprechenden spiegelbildlichen Zuschreibungen (fortschrittlich, rational etc.) auf sich. Beide "kulturellen Welten" - die "westliche" und die "islamische" - gelten als einander unvereinbar entgegengesetzt. Die Individuen selbst und die von ihnen getragenen sozialen und kulturellen Strukturen sind dabei nicht mehr, wie noch im Rahmen "herkömmlicher" Rassismustheorien, biologisch-rassisch, sondern kulturell bestimmt. Statt eigenständig reflektierender und sich entwickelnder Individuen existieren lediglich RepräsentantInnen verschiedener Kulturen. Emma bedient sich ganz offensichtlich dieser Argumentationsmuster und (re-) produziert somit rassistische Diskurse ganz im Stile der "neuen Rechten".

Als zentrales zivilisatorisches Gut der "westlichen Kultur" gilt der Emma die gesellschaftliche (ökonomische, politische und soziale) Stellung von Frauen, die gegen den - in Fragen der Geschlechterverhältnisse - rückständigen, mittelalterlichen und barbarischen "Islam" zu verteidigen bzw. durchzusetzen ist. Patriarchale Unterdrückung von Frauen wird dabei zu einem Phänomen, das primär der "islamischen Kultur" eigen ist, also zu einem ethnischen Merkmal.15

Der ausschließlich antisexistische Kampf führt so zur rassistischen Ausgrenzung von MuslimInnen, indem Frauenfeindlichkeit und Sexismus innerhalb "des Islam" als Begründung dafür dienen, "den Islam" undifferenziert als Ganzes abzulehnen und zu bekämpfen. So kann sich antiislamischer Rassismus des (eigentlich) emanzipatorischen Feminismus legitimatorisch bedienen.

Nichts dazugelernt

Das Titelbild der ersten Ausgabe Emma nach den Anschlägen vom 11.9.2001 erstaunte wenig: Vor dem Hintergrund einer schwarz verschleierten Person (gesichtslos, mit einer "Krone" aus rotem Stacheldraht) schreit den LeserInnen der rote Schriftzug "Terror" entgegen. Darunter - den Bildern von Fischer, Bush und Bin Laden zugeordnet - der Untertitel: "Männer, Männer, Männer". Im Schwerpunktteil zum Thema "Terror" findet sich viel Altbekanntes - elf Artikel, die bereits in vergangenen Ausgaben abgedruckt waren - und wenig Neues (drei neue Artikel). Diese neuen und die vergangenen, bereits dargestellten Verlautbarungen der Emma könnten als Verirrungen einer altersverwirrten, ehemals feministischen und heute diskreditierten Zeitschrift einer ebensolchen Chefredakteurin abgetan werden, wenn sich nicht zahlreiche Überschneidungen mit der heutigen offiziellen, medialen Kriegsberichterstattung zeigen würden.

Wenige sind derzeit so auf "Emma-Linie" wie die taz-Kolumnistin und freie Zeit-Mitarbeiterin Viola Roggenkamp, die in der taz schreibt: "Männlicher Fanatismus, männlicher Frauenhass, männliche Destruktivität und männlicher Größenwahn, das ist das Fundament von Faschismus".16 In vielen Berichterstattungen jedoch ist die Unterdrückung von Frauen in Afghanistan zu einem der zentralen "Argumente" geworden, um die militärischen Vergeltungsschläge zu "gerechten" und "sauberen" Interventionen zum Schutz von Menschen- bzw. Frauenrechten umzudeuten und zu legitimieren. Bei genauerer Betrachtung tun sich eklatante Widersprüche zwischen der "feministischen" Argumentation der KriegsbefürworterInnen und ihrem Vorgehen auf:

  • Warum waren die massiven Menschenrechtsverletzungen an Frauen in Afghanistan nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt Anlass für ein politisches oder militärisches Eingreifen von Seiten westlicher Länder? Die verschiedenen Regime, die nach dem Abzug der Sowjetunion 1989 das Land beherrschten, zeichneten sich allesamt durch eine repressive und menschenverachtende Politik gegenüber Frauen aus.
  • Warum paktiert die so genannte Anti-Terrorallianz mit Kämpfern der Nordallianz, die von Frauen der bereits 1977 gegründeten afghanischen Frauenorganisation RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan) als ähnlich repressiv und gewalttätig eingeschätzt wird wie die Taliban selbst? Auf die Frage, ob der Sieg der Nordallianz von den afghanischen Frauen als Verbesserung empfunden werde, entgegnet die Interviewte: "Nein. Eine Verbesserung stellt die Nordallianz auf keinen Fall dar. (…) Auch wenn ihre Führer nicht so restriktiv erscheinen wie die Taliban, sind sie doch Fundamentalisten und werden unsere Arbeit niemals unterstützen".17
  • Warum wurde die Frauenorganisation RAWA, in der Vergangenheit eine der wichtigsten Akteurinnen im Widerstand gegen das Taliban-Regime, nicht offiziell durch die Vereinten Nationen eingeladen, sich an den Bonner Petersberg-Gesprächen zu beteiligen? Die Vermutung liegt nahe, dass RAWA ein zu klares politisches Konzept hat, über rein humanitäre Arbeit für Frauen und Mädchen hinausgeht und sich einer symbolischen Vereinnahmung verweigert. Dafür spricht auch die Aussage des britischen Premierministers Blair, der die Unterstützung für RAWA von der Streichung des "R-Wortes" aus ihrem Namen abhängig machte.18
  • Warum werden nur zwei Ministerposten in der neu eingesetzen Übergangsregierung von Frauen besetzt, wenn doch offiziell verkündet wird, Frauen sollten eine zentrale Rolle beim Neuaufbau Afghanistans spielen?
  • Warum wird Krieg "im Namen von Frauen" geführt, obwohl es eine bekannte Tatsache ist, dass in jedem Krieg größtenteils ZivilistInnen, darunter mehrheitlich Frauen, getötet werden?

Allein schon in allernächster thematischer Nähe zum derzeitigen Afghanistan-Krieg selbst innerhalb eines weiten diskursiven Feldes zum Thema Krieg entpuppen sich die vermeintlich "feministischen" als "pseudo-feministische" Positionen, da ihnen keine entsprechenden Prioritätensetzungen auf der Handlungsebene folgen. Notlagen von Frauen genauso wie Frauenkämpfe weltweit werden instrumentalisiert und funktionalisiert, um Krieg als Lösung sinnvoll und richtig, als legitimiert erscheinen zu lassen. Ziel der Vereinnahmung anderer Diskurse ist es sicherlich, die Akzeptanz dieses und der folgenden militärischen Einsätze zu erhöhen und auch KriegsskeptikerInnen durch den Verweis auf den (unter anderen) humanen Beweggrund der Kriegsführung zu gewinnen.

Doppelte Instrumentalisierung

Argumentationsmuster, die in der Zeitschrift Emma am plakativsten vertreten wurden und werden, finden sich in der gesamten Debatte, die durch die Anschläge vom 11. September angestoßen wurde, in sehr ähnlicher Form wieder: Während die Emma jedoch aufgrund ihres ausschließlich antisexistischen Feminismus-Verständnisses zu kulturalistisch-rassistischen Aussagen findet, indem sie sexistische und patriarchale Unterdrückung auf spezifische Art und Weise deutet, erfahren im allgemeinen öffentlichen und medialen Kriegsdiskurs nicht nur Frauenschicksale und -rechte, sondern auch feministische Kämpfe selbst (i.S. isolierten anti-sexistischen Engagements) in einem Prozess doppelter Instrumentalisierung eine Vereinnahmung.

Um dem adäquat zu begegnen, ist ein zugleich antisexistisches und antirassistisches Engagement gefordert, das sich einer solchen Instrumentalisierung widersetzt: Eindimensionales (im Falle der Emma: antisexistisches) Engagement gegen Unterdrückung ist dabei nicht ausreichend, sondern hat im Gegenteil schnell antiemanzipatorische Folgen, indem Unterdrückung auf einer anderen als der fokussierten Ebene (re-)produziert wird. Es bedarf also einer umfassenden herrschaftskritischen Analyse, die es einerseits zum Ziel hat, das Zusammenspiel verschiedener Unterdrückungsverhältnisse zu erfassen, und ihre sozialen, ökonomischen und politischen Ursachen adäquat berücksichtigt. Andererseits muss es die Aufgabe sozialwissenschaftlicher Forschung sein, den Herstellungsprozess von Kategorien wie "Geschlecht", "Rasse", "Kultur" etc. selbst, auf denen die einzelnen Herrschaftsverhältnisse beruhen, sowie von Zuschreibungen und Unterscheidungskriterien offen zu legen und so über eine Gesellschaftsanalyse auf der Grundlage des Bestehenden hinaus zu gelangen.

Eine solche Analyse wäre mit der Legitimation eines Krieges, der Tausende von Toten fordert, zahllose Menschen nicht nur jetzt, sondern auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten heimatlos macht, ökonomisch ruiniert und ihnen den Aufbau tragender sozialer Netze verunmöglicht, sicherlich nicht vereinbar.


Anmerkungen

1) Es wäre besser, hier den Begriff "Islamismus" statt "islamischer Fundamentalismus" zu verwenden: IslamistInnen selbst geben vor, einem "fundamentalen", i.S. von richtigen, weil auf "das Fundament" - den Koran - bezogenen Islam anzuhängen. Der Gebrauch des Begriffes "Fundamentalismus" bestätigt und übernimmt diese Weltsicht. Dies gestaltet sich jedoch schwierig, da der Begriff "Fundamentalismus" sowohl in der Emma als auch in der sonstigen Debatte verwendet wird. Infolgedessen werden hier Fundamentalismus und alle verwandten Begriffe in Anführungszeichen gesetzt.

2) Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 274 vom 24.11.2001, S.5

3) Vgl. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 40 vom 7.10.2001, S.2

4) Der Begriff des "Kulturkreises" entstammt neonationalistischen bzw. neorassistischen Diskursen und dient der bildlichen Vorstellung von nationalen Identitäten, die wiederum anderen nationalen Identitäten ausschließend entgegengestellt sind.. In den ersten Sondersendungen der Fernsehsender nach den Anschlägen fiel dieser Begriff mehrfach.

5) Zur Debatte um "den Schleier" siehe vor allem Meral Akkent/Gabi Franger: Das Kopftuch. Basörtü. Ein Stückchen Stoff in Geschichte und Gegenwart, Frankfurt a.M. 1987

6) Süddeutsche Zeitung vom 24./25.11.2001, S.3

7) Die Untersuchung der Emma-Berichterstattung war Schwerpunkt meiner Magistra-Arbeit mit dem Titel: Zum Umgang der Zeitschrift Emma mit dem Thema "islamischer Fundamentalismus" - Rassismus im Namen des Feminismus? (vgl. Daniela Marx, Unveröffentlichte Mag.-Arbeit, Göttingen 2000).

8) Vgl. dazu insbesondere einen sehr kritischen offenen Brief an die Emma-Redaktion, verfasst von 10 verschiedenen Frauengruppen und veröffentlicht in der Zeitschrift Schlangenbrut 43/1993, S.38

9) Emma, 1/1993, S.3

10) Emma, 1/1994, S.76

11) Emma, 4/1993, S.38

12) vgl. z.B. Stephan Moebius: Kultur des Selbst als Kultur des Anderen. In: Forum Wissenschaft 3/01

13) Zentral sind die Texte von Pierre-Andre Taguieff (z.B. ders.: Die Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus, in: Uli Bielefeld (Hg.): Das Eigene und das Fremde. Hamburg 1991 sowie Etienne Balibar: Gibt es einen neuen Rassismus? In: Das Argument, Band Nr. 175

14) Konzepte des "Ethnopluralismus", vertreten insbesondere von der rechtsradikalen Front National in Frankreich, aber auch des Multikulturalismus arbeiten genau mit und vor diesem Hintergrund. Stellvertretend für viele andere kritische Stimmen zu multikulturalistischen Ansätzen in der Migrationspolitik und -soziologie: Armin Nassehi: Das stahlharte Gehäuse der Zugehörigkeit. In: Claudia Lepp/Barbara Danckwortt (Hg.): Von Grenzen und Ausgrenzung. Marburg 1997 sowie Andreas Fanizadeh: Die multikulturellen Freunde und ihre Gesellschaft. In: Redaktion Diskus (Hg.): Die freundliche Zivilgesellschaft. Rassismus und Nationalismus in Deutschland. Berlin 1992

15) Siehe dazu die Dissertation von Margret Jäger: Fatale Effekte. Kritik am Patriarchat im Einwanderungsdiskurs. Duisburg 1996.

16) taz vom 10.10.2001, S.15

17) Nachzulesen in einem ausführlichen Interview mit Shahala, einem Mitglied der RAWA , in der jungle world Nr. 51, vom 12.12.2001, S.4.

18) taz vom 12.12.2001, S.2


Daniela Marx ist Soziologin und promoviert in Göttingen über feministische Konstruktionen des "islamischen Anderen"

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