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Klaus Holzkamp

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"Deutschland müsste sein Wissenschaftssystem öffnen"

15.01.2002: Londa Schiebinger zu Feminismus, Naturwissenschaften und Frauenkarrieren

  
 

Forum Wissenschaft 1/2002

Die amerikanische Naturwissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger ist seit 15 Jahren wiederholt in Deutschland gewesen, zu Forschungsaufenthalten wie auch zu Kongressen und Veranstaltungen. Während sie selbst inzwischen Lehrstuhlinhaberin in den USA ist und die Veränderungen in den Naturwissenschaften durch den Einfluss des Feminismus positiv bilanzieren kann, sieht sie in Deutschland wenig Veränderung. Gudrun Fischer berichtet über Londa Schiebingers Forschungen zu Frauen in den Naturwissenschaften und interviewte sie anlässlich ihres Forschungsjahres in Berlin.

Londa Schiebinger, Professorin für Geschichte der Naturwissenschaft an der Pennsylvania State University in den USA und 49 Jahre alt, ist die erste Frau, die den Alexander von Humboldt-Forschungspreis für den Bereich Geschichte bekam. Dieser Preis beinhaltete ein Forschungsjahr am Max Planck-Institut in Berlin. So lebte sie im vergangenen Jahr mit ihrem Partner und ihren beiden Söhnen (9 und 11 Jahre) in Berlin. Sie betont, dass sie ihre beiden Kinder während zweier Forschungsaufenthalte auf die Welt brachte. In diesem relativen Freiraum war es einfacher, Mutter zu werden und gleichzeitig weiter Forschung zu betreiben. Während ihres Deutschlandaufenthaltes erschien ihr deutschsprachiges Buch "Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die Wissenschaft?"

Männliche Spielregeln

Schiebinger zieht den Begriff "Feminismus" dem "Frauen"-Begriff vor, denn Männer können auch feministisch sein. Feminismus sei nicht an das Geschlecht gebunden, betont sie, sondern eine politische und kulturelle Bewegung. "Es ist eine neue Perspektive auf die Welt, die die Naturwissenschaften verändert hat. Das Buch zeigt, wie die feministische Perspektive den Naturwissenschaften kreative Impulse bringt, indem sie alte Stereotypen aufspürt, neue kritische Dimensionen hinzu fügt und neue Fragestellungen eröffnet."

Hat nun der Feminismus zu mehr Frauen in den Naturwissenschaften geführt? Londa Schiebinger bejaht dies. Aber in den höheren Positionen fehlen Frauen immer noch. Dies kann auf mehrere Gründe zurückgeführt werden: Erstens funktioniert das so genannte Pipeline-Modell nicht. Es wurde angenommen, dass eine Förderung von Mädchen in Mathematik und Naturwissenschaften in den Schulen ausreichen würde, damit diese motivierten Frauen nachrücken. Faktisch bekommen Mädchen und Jungen auch in den USA immer noch unterschiedliche Ausbildungen, obwohl der Unterricht im selben Klassenraum stattfindet. Die LehrerInnen fördern unbewusst mehr die Jungen in naturwissenschaftlichen Fächern. Außerdem wurde festgestellt, dass bei Mädchen generell das Selbstwertgefühl mit zunehmendem Erwachsenwerden sinkt. Parallel dazu sinkt auch ihr mathematisches Zutrauen. Schon in der Frühförderung liegt der Hase im Pfeffer. Durch Untersuchungen wurde gezeigt, dass Menschen sich anders verhalten, wenn sie ein Neugeborenes für ein Mädchen halten als wenn sie denken, es sei ein Junge. Auch heute noch kommt in den USA mehr weiblicher wissenschaftlicher Nachwuchs aus Frauen-Colleges, genauso wie mehr Schwarze in die Naturwissenschaften gehen, die ihre Ausbildung an einem Schwarzen-College bekamen. Diese Erkenntnisse belegen, dass Förderung alleine nicht genügt. Sie muss in einem positiven Kontext stattfinden.

Das ist der zweite Grund für die Unterrepräsentanz von Frauen. Die Naturwissenschaften selbst müssen sich ändern, denn sie sind als explizit männliche Wissenschaft gegründet worden. Das ist heute noch zu spüren und schreckt Frauen ab. Die gesamte Entwicklung der modernen Naturwissenschaften erfolgte vor 200 Jahren in Abwesenheit von Frauen und in bewusster Ablehnung ihrer Beteiligung.

Stimmt es nun, dass die Spielregeln in den Naturwissenschaften männlich sind? Woran soll das zu erkennen sein? Zum Beispiel an Kleidungsregeln, Sprachregeln und Hierarchien. So ist auffällig, dass sich Frauen in den Naturwissenschaften möglichst neutral kleiden. Als eine junge Astronomin im NASAs Space Telescope Science Institut feststellte, dass ihre modische Kleidung ein Problem war, zog sie das an, was sie "ihren Tschador" nennt: Jeans und ein kariertes Hemd. Eine andere Frau beschrieb sich und ihre Kolleginnen als "Nonnen in weißen Labormänteln". Schon Emmy Noether, die berühmte Mathematikerin, wurde "der Noether" genannt. Das sahen alle als Auszeichnung, als höchstes Lob. In den Naturwissenschaften ziemt es sich also für Frauen, ihre Weiblichkeit zu verleugnen. Auch Sprachvorschriften beeinträchtigen Frauen in den Naturwissenschaften: Einige Frauen sprechen weniger, kürzer, leiser, höflicher als Männer. Sie stellen mehr Fragen, schicken Entschuldigungen voraus. Männer unterbrechen häufiger. Schwarze Frauen müssen sich an noch mehr Stereotypen halten: Sie sollen "mummies" sein, Konflikte lösen und trösten. Frauen aus der Physik sagten in einer US-Untersuchung, sie fänden ihre Kollegen unhöflich, aggressiv, anderen Ideen gegenüber ignorant. Sie beobachten, dass ihre Kollegen ihre Überlegenheit unter Beweis stellen wollten.

Wenn Frauen in den Naturwissenschaften Platz gefunden haben, dann sind sie in den USA nur zu 70% verheiratet, die Männer dagegen zu 94%. Afroamerikanische Naturwissenschaftlerinnen stellen die Gruppe dar, die sich Heirat offensichtlich am wenigsten leisten können. Nur 17% der Professorinnen in den Ingenieurwissenschaften haben Kinder, aber 82% der Professoren.

Veränderungen in Fachgebieten

Ein Beispiel für die Inhalte der Naturwissenschaften, auf die der Feminismus große Auswirkung hatte, ist die Biomedizin in den USA. "Frauengesundheit" war jahrhundertelang Synonym für reproduktive Gesundheit (Geburt, Verhütung, Brust- und Gebärmutterkrebs etc.). Heute aber beinhaltet Frauengesundheit den gesamten weiblichen Körper. Die früheren Versäumnisse bei der Einbeziehung von Frauen in klinische Versuche hatten dazu geführt, dass Frauen bei Medikamenteneinnahme zweimal öfter als Männer Gegenreaktionen ausbildeten. Die Medizin ist in den USA einer der Orte, an dem Geschlechteranalysen auf höchster Ebene der naturwissenschaftlichen Forschung zur Selbstverständlichkeit wurden. 1990 gründete die NIH das Büro zur Forschung für Frauengesundheit mit zwei Kernaufgaben: die Zahl der Frauen in der Medizin zu erhöhen und eine neues Konzept zur biomedizinischen Forschung unter Einbeziehung des sozialen und biologischen Geschlechts zu entwickeln. Dies hat nicht nur zu einem Anwachsen der Zahl der Frauen in den medizinischen Wissenschaften, sondern auch zu einer kleinen Revolution für die Gesundheit und zu allgemein größerem Wohlergehen amerikanischer Frauen geführt. Während Frauen noch vor einer Dekade aus Medizinforschung und Medikamententests (als Subjekte, an denen die Medikamente erprobt wurden) ausgeschlossen waren, ist heute die Einbeziehung einer repräsentativen Gruppe von Frauen in medizinische Versuche gesetzlich festgelegt. Das NIH hat die Frauen-Gesundheits-Initiative lanciert, eine 14 Jahre dauernde Studie über historisch vernachlässigte Aspekte der Frauengesundheit wie Herzkrankheiten, Brustkrebs und Osteoporose. Das ist das größte bisher durchgeführte Einzelprojekt des NIH. Dazu kam, dass der US-Kongress zwischen 1990 und 1994 nicht weniger als 25 Teilgesetze verabschiedete, um die Gesundheit der Frauen in den USA zu verbessern. Das führte zu einer besseren ärztlichen Versorgung von Frauen aller Altersstufen und aller ethnischen und kulturellen Hintergründe.

Die Geschlechteranalyse brachte auch einen Paradigmenwechsel in der Primatologie. Die Veränderungen waren so gravierend, dass Linda Fedigan die gesamte Primatologie eine "feministische Naturwissenschaft" nannte. Ob diese Behauptung akzeptiert wird oder nicht, die Geschlechteranalyse hat Erkenntnisinteressen und Theorieentwicklung in diesem Gebiet fundamental verändert. Nicht-menschliche weibliche Wesen werden nicht mehr als gefügige Kreaturen gesehen, die Sex und Reproduktion anbieten im Tausch für Schutz und Nahrung. Sie werden jetzt wegen ihrer einzigartigen Beiträge zur Primatengesellschaft studiert. Die Geschlechteranalyse hat durch die nähere Betrachtung der Rolle der Weibchen auch der Evolutionsbiologie Auftrieb gegeben.

Als das Buch von Londa Schiebinger in den USA erschienen war, sagte ihr ein prominenter Biologe, er könne noch viel mehr Beispiele einer feministischen Perspektive in der Biologie anführen. Sie seien aber nicht "feministisch", sondern eigentlich nur gute Naturwissenschaft. Londa Schiebinger bemerkt dazu, dass feministische Inhalte, sobald sie zum Mainstream in den Naturwissenschaften gehören, aufhören feministisch zu sein, beziehungsweise aufhören feministisch genannt zu werden.

In ihrem neuesten Buchprojekt erforscht Londa Schiebinger die Auswirkungen der Geschlechterverhältnisse im Europa des 18. Jahrhunderts auf die naturkundlichen Entdeckungsreisen. Die Rezeption von Pflanzen mit abtreibender Wirkung aus Ländern der südlichen Halbkugel ist für sie beispielhaft. Forschungsreisende brachten diese Pflanzen von ihren Forschungsreisen mit, etwa die NaturforscherInnen Maria Sibylla Merian und Hans Sloane. Obwohl beide Pflanzen beschrieben, die zu nützlichen Abtreibungsmitteln für europäische Frauen hätten werden können, sind die Informationen über diese Pflanzen nicht nach Europa transferiert worden. Sie wurden zwar in die botanischen Gärten Europas gepflanzt, das geschah aber einzig wegen ihres hübschen Aussehens!

In Europa scheint sich in dieser Hinsicht weniger verändert zu haben als in den USA. Londa Schiebinger fiel im direkten Vergleich der Unterschied deutlich auf. Im folgenden Interview werden die Diskrepanzen deutlich, in der Wissenschaft wie im Alltag. "Als ich meine Kinder in eine zweisprachige Schule in Berlin gab, kamen sie nach Hause und es hieß nur noch"er","er","er". Das würde in den USA nicht mehr passieren", beschwert sich Londa Schiebinger und betont, dass die Sprache in den USA sogar in den Nachrichten und den Präsidentenreden mit "sie" und "er", mit weiblichen und männlichen Endungen versehen ist.

Interview

Wie sind Ihre Erfahrungen als Wissenschaftlerin und Frau in Deutschland?

Die Anzahl von Frauen im Max Planck-Institut liegt bei etwa 2%. Das ist absurd. Das Institut hat nun Strategien entwickelt, mehr Frauen auf hohe Positionen zu bekommen. Ich habe in den letzten Jahren, in denen ich einige Male in Deutschland war, die schlechte Situation von Frauen in Deutschland zu spüren bekommen. Ich war schon Professorin, als ich vor fünf Jahren einen Forschungsaufenthalt in Göttingen hatte. Ich musste ein Büro teilen, bekam keinen Computer zur Verfügung gestellt, kurz, ich wurde eher wie ein Post-Doc behandelt. Es ist das Gefühl, das die Kollegen übermitteln - als hätte ich eine niedrige Stellung. In Berlin nun unterhielt ich mich mit einem sehr netten Mann. Er sagte, dass in Deutschland Professoren ein hohes Ansehen hätten, ob ich das nicht fühlen würde. Ich antwortete ihm, dass Frauen in Deutschland ein so geringes Prestige hätten, dass es kaum von meinem hohen Prestige als Professorin aufgewogen würde. In den USA, sagte ich ihm, würde ich mich niemals "Professor Doktor Schiebinger" nennen, das wäre viel zu hochnäsig. Hier mache ich es, denn sonst würde ich absolut keinen Respekt bekommen.

Hat sich in den letzten Jahren Ihrer Meinung nach in Deutschland im Wissenschaftsbetrieb für Frauen etwas verbessert?

Ich kann es nicht genau sagen, aber ich sehe, dass insgesamt für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland sehr wenig Möglichkeiten bestehen, Karriere zu machen. Es gibt einfach nicht genug Positionen. Vor fünfzehn Jahren wurde ich zum ersten Mal nach Berlin zu einer Konferenz zu Geschlecht und Naturwissenschaft eingeladen. Da war eine Gruppe von Frauen, wir waren alle Post-Docs zu dieser Zeit. Und was ist passiert? Ich habe inzwischen einen Lehrstuhl, das heißt, meine Position liegt über der einer Professorin. Von meinen deutschen Kolleginnen, die Bücher geschrieben haben und Assistenz-Positionen innehatten, ist nur eine (vielleicht auch zwei) C4-Professorin geworden. Ich habe den Eindruck, Frauenstudien zu betreiben ist in Deutschland ein hartes Feld. In den USA sind Frauenstudien seit 20 Jahren institutionalisiert. Von diesem Punkt aus können US-amerikanische Wissenschaftlerinnen starten. Hier werden Wissenschaftlerinnen, die Geschlechterforschung betreiben, als "zu eng" angesehen. Dabei beforschen wir über 50% der Bevölkerung. Ich glaube, dem deutschen Wissenschaftsbetrieb gehen sehr intelligente Leute verloren. Ich habe das Gefühl, Deutschland müsste sein Wissenschaftssystem öffnen.

In Bremen ist seit fast 15 Jahren eine Professur für feministische Naturwissenschaftskritik offen, die Gelder sind genehmigt, liegen aber brach, weil kein einziger naturwissenschaftlicher Fachbereich eine Professorin für diesen Forschungsbereich berufen will. Würde das in den USA auch passieren?

In den USA würde jeder Fachbereich die Stelle haben wollen. Es ist eine freie Stelle, die die Mannschaft/Frauschaft verbessert! Der Fachbereich, der die beste Frau findet, würde die Stelle bekommen.

Hier haben die Professoren wahrscheinlich Angst.

Vielleicht sind einige Feministinnen in Deutschland zu "abgeschlossen". Ich finde zum Beispiel Frauenbuchläden, in die keine Männer dürfen, schlechte Politik. Das bewirkt, dass Männer Angst haben. Das ist nicht die Schuld der Feministinnen, aber ich denke, im Vergleich zu Deutschland sind Feministinnen in den USA sehr viel professioneller. Vielleicht ist das in der BRD heute aber auch so. In den USA sind das ganz neue Arten von Menschen. Sie sind sehr umsichtig, sie machen keine Machtpolitik, sie sind sehr strategisch und gehen Schritt für Schritt vor. Inzwischen hat zum Beispiel jeder Fachverband, seien es die BiologInnen, die PhysikerInnen, die IngenieurInnen etc., ein Frauenkomitee, das sich bei den Jahrestreffen des Verbandes auch trifft. Da wir nicht so hierarchisch sind wie in Deutschland, können Studentinnen auch hingehen. Wir passen in unseren Fachverbänden sehr gut auf unsere postgraduierten Studentinnen auf.

Was wurden in den USA für Strategien entwickelt, Frauen in den Naturwissenschaften zu fördern?

In den USA gibt es das "partner-hiring". Wir haben in der Geschichte der Naturwissenschaft ein ganzes Buch über "Kreative Paare". Die Curies sind da ein gutes Beispiel. Wie ich in meinem Buch erwähnt habe, heiraten Frauen in der Wissenschaft nicht "runter", sondern "hoch". Das heißt, sie wählen Männer - ich habe leider wenig Material über lesbische Beziehungen gefunden -, die ihnen ebenbürtig oder überlegen sind. Wohingegen Wissenschaftler immer noch gerne eine Sekretärin, Ärzte Krankenschwestern heiraten. Wenn Wissenschaftlerinnen in diesen kreativen Partnerschaften leben, handelt es sich damit um ein "dual carreer couple". Und das ist weniger flexibel, weniger mobil als konventionelle Paare, wo die Frau dem Mann hinterher zieht. Die Universitäten haben damit begonnen, PartnerInnen einzustellen, wenn sie die Frau oder den Mann dieses Karriere-Doppels einstellen wollen. Die Universitäten würden sonst einiges verlieren. Natürlich stellen sie nur Partner ein, die gut qualifiziert sind. Manchmal haben sie Glück und bekommen gleich zwei exzellente Leute. Das funktioniert auch für lesbische und schwule Wissenschaftspaare, wenn beide exzellent sind. Es gibt darüber kein Gesetz oder Verordnung, die Universitäten machen das einfach. Es wäre übrigens ein sehr interessantes Forschungsfeld, was das "kreative Ferment", das Befruchtende in einer lesbischen Paarbeziehung ist, und ob das Karrieremachen einfacher ist wenn zwei Frauen den Haushalt führen.


Gudrun Fischer ist Biologin und freie Journalistin in Bremen

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