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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Ob Tütenkleben ein Sport ist

15.04.2002: Zur Gegenstandsbestimmung von Sport

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

Allgemein scheint sich die Frage, was eigentlich Sport ist (oder was nicht), gar nicht zu stellen. Sport wird praktiziert oder auch nicht, seine Bennenung und jeweilige Ausprägung ist eher eine Frage der Moden als der Definitionen. Demzufolge wäre Sportwissenschaft ebenso fraglos die wissenschaftliche Reflexion von Sport. Die Fraglosigkeit transportiert jedoch ebenfalls unausgesprochene Antworten und wird deshalb von Volker Schürmann in Frage gestellt.

Die Überschrift spielt an auf ein Zitat dritter Hand. Es ist entnommen einem von Volker Caysa herausgegebenen Sammelband1, stammt von Werner Schneyder, der sich seinerseits auf ein gewisses Hörensagen über Mark Twain beruft: "Mark Twain soll eine nette Frage gestellt haben: Er könne sich nicht erklären, warum Bergsteigen ein Sport sein soll und Tütenkleben nicht." Werner Schneyder möchte offenkundig etwas loswerden, "Über das Bergsteigen", nämlich warum und inwiefern das ein Sport ist oder als ein solcher gilt, und das ist dann auch gleich Anlass, noch einiges mehr loszuwerden - über den Zustand unserer Gesellschaft, über Reinhold Messner usw. Eine angebliche Frage von Mark Twain schafft einen Anlass, der nach Form und Inhalt hinreichend schräg ist, um dann im Ton der Beiläufigkeit all das zu sagen, was man eben sagen wollte - scheinbar an uns vorbei, denn Werner Schneyder "möchte es ihm [Mark Twain] zu sagen versuchen".2

Aber hat ihn denn jemand gefragt? Es mag ja eine "nette" Frage sein, aber ist es auch eine, die sich überhaupt stellt, gar eine interessante?

Diese Frage stellt sich üblicherweise gerade nicht. Ob dies da oder jenes ein Sport ist oder nicht - oder gar in Verallgemeinerung: was denn wohl Sport sei -, ist uns doch wurscht. Gewisse Grenzfälle - Denk-Sport!? - locken vielleicht ein Schmunzeln hervor oder verführen zu der sportlichen Übung, darüber nachzudenken, was denn eigentlich Sport sei. Unser Alltagshandeln funktioniert jedoch ganz unbekümmert von solchen Fragen. Wir gehen zum Joggen, ins Fitness-Studio, zur Rückengymnastik, zur Akrobatik oder auch ganz traditionell zum Fußball, weil wir es eben tun - nicht, weil wir "eigentlich" zum Sport gehen wollten, nun aber ganz unsicher sind, ob Rückengymnastik denn überhaupt dazu zählt. Normalerweise jedenfalls.

Aber andererseits: was ist schon normal? Normal ist, dass wir allerorten hören und gelernt haben, dass wir Sport treiben sollen. Wer immer nur zu Hause hockt, gar am Schreibtisch, der muss ja Probleme bekommen: So jemand wird todsicher dick, depressiv, usw. Eine zeitlang mag man das noch aushalten - da werden nur die anderen dick und depressiv -, aber irgendwann ist auch das vorbei. Unausweichlich stellt sich die Frage: Treibe ich denn richtig(en) Sport? Und was ist denn ein Sport, den ich treiben könnte? Das ist beim Sport nicht anders als bei den Brigitte-Diäten auch, und nur sehr besondere Exemplare haben ein ähnlich dickes Fell wie Obelix und pfeifen schlicht auf ihre Figur.

Zum Glück ist das Angebot groß und zum Glück wird diese Vielfalt auch ein wenig vorstrukturiert. Gesamtgesellschaftlich gesehen gibt es nämlich selbstverständlich sinnvolle und weniger sinnvolle Betätigungen. Ist Schach z.B. ein richtiger Sport? Fragen Sie mal adidas, wieviel Umsatz sie in diesem Marktsegment machen.

Mit der Alltagsfraglosigkeit ist das also so eine Sache. Irgendwann ist sie, man weiß nicht recht wie, futsch. Es gehört ja auch zum guten Ton kritischer und aufgeklärter Geister, nicht einfach nur im Alltag zu funktionieren, sondern sich auch ein paar Gedanken zu machen. Es wird ja schließlich nicht alles gut sein, was man so den lieben langen Tag tut, und wie sonst sollte man daran etwas ändern, wenn man nicht wenigstens mal darüber nachdenkt? Und gerade SportlerInnen, die hätten es ja nun wirklich nötig, nicht wahr? Oder finden Sie das lebenswert, 50 km am Tag nur vor sich hinzurennen? Man will doch auch noch mal ein gutes Buch lesen oder ins Kino gehen. Wann machen die denn das noch?

Reflexionsstufen

Die Frage "Ist dies ein Sport?" und erst recht die Frage "Was ist Sport?" stellen sich nicht einfach so, sondern aus Gründen. Eine vormalige Fraglosigkeit ist in die Krise gekommen; und entsprechend wird auch eine Antwort auf jene Fragen nicht eine Antwort "einfach so" sein (können), sondern jede Antwort wird infiziert sein von dem ganz Bestimmten, das da fraglich geworden ist. Eine befriedigende Antwort wird eine solche sein, die Alltagshandeln wieder möglich macht, also jene bestimmte Fraglichkeit beseitigt.3

Unser Können und Wissen ist Reflexionsstufen zugänglich. Zum Beispiel träumen wir dieses oder jenes, aber wir "sind dem Aufwachen nah, wenn wir träumen, dass wir träumen" (Novalis). Oder: Wir lernen dieses oder jenes, aber irgendwann kommen wir damit nicht weiter und merken, dass wir das Lernen lernen müssen. Ein Geselle beschämt durch das Anfertigen seines Werkes so manchen Meister was aber, aristotelisch gesprochen, den schlechtesten Meister von vornherein vom besten Gesellen unterscheidet, ist, dass er weiß um das, was er tut. Und das hat zwei entscheidende Ausdrucksformen, um nicht zu sagen: praktische Vorteile. Aristoteles‘ Meister kann auf veränderte Bedingungen reagieren und er kann sein Wissen lehren. Und umgekehrt: Solange die Bedingungen im Großen und Ganzen konstant bleiben und solange Wissensweitergabe einfach durch Mitmachen, ohne Lehre, funktioniert, so lange sind Meister überflüssig.

Die Herausbildung einer Wissenschaft ist im Prinzip das Reflexivwerden eines Alltagskönnens. In aller Regel geschieht das nicht von selber (also nicht wie beim Übergang vom Träumen zum Aufwachen), sondern verlangt eine Krise jenes Alltagskönnens, z.B. eine Krise der Reproduktion dieses Könnens. Sportwissenschaft wäre dann Reflexion desjenigen Könnens, das im Felde des Sports praktiziert wird.

Auch bei Existenz einer Sportwissenschaft muss sich die Frage, was denn Sport sei, nicht notwendigerweise stellen. Eher im Gegenteil. Reflexion jenes Könnens zielt zunächst auf ein Wissen darum, wie denn das geht, was man da kann. Man möchte das, was man da kann, ggf. noch besser machen können, man möchte es lehren können, man möchte es planmäßig produzieren können usw. Es ist entweder gleichgültig oder eben durch das Feld entschieden, dass es sportliches Können ist, was in der Sportwissenschaft reflektiert wird. Sichtbarstes Zeichen dafür ist, dass sportwissenschaftliche Definitionen des Sports lediglich repetieren, was man schon von woanders her weiß, nämlich von jenem Feld des Sports her, welches in der Sportwissenschaft reflektiert wird. Solcherart Definitionen sind zu verstehen als Spickzettel für Situationen, in denen man schnell auf eine Zusammenstellung der wichtigsten Merkmale und Fälle zurückgreifen muss:

"Sport ist eine besondere Ausprägungsform menschlichen Bewegungsverhaltens. Zielsetzung, die am Sport beteiligten Personenkreise, Zeit und Ort zeigen eine große Vielfalt, womit die zentrale gesellschaftliche Bedeutung dieser Erscheinung gekennzeichnet ist. Sport ist ein Ausdruck kultureller Leistung des Menschen. Er unterliegt daher den für kulturelle Leistungen typischen Tendenzen der Ideologisierung, Professionalisierung, Organisierung, Pädagogisierung und Verwissenschaftlichung. Sport ist ein Kulturgut internationaler Prägung, wobei entsprechend der sozio-kulturellen Verschiedenheit spezifische geographische Ausprägungsformen die Vielfalt dieser Erscheinung zusätzlich erhöhen. Konkretisierung erfährt Sport in zahlreichen Sportarten, denen je nach dem Handlungsfeld unterschiedliche Bedeutung zukommt."4

In dieser Definition wird nicht gesagt, was Sport ist, denn das muss man schon wissen, um sie überhaupt zu verstehen. Das ist kein Mangel dieser Definition, sondern Ausdruck des oben erläuterten Sachverhalts reflexiver Bezugnahme. Und doch ist mindestens spürbar, dass ein Problem naht. Zunächst ist die Liste schlicht als Spickzettel nicht sonderlich geeignet, weil sie nicht trennscharf genug ist. Wenn man für "Sport" zum Beispiel "Theaterspiel" einsetzt, passt die Definition genauso gut. Zudem und wichtiger suggeriert die Definition, dass sie eben doch sagt, was Sport sei. Und irgendwie wollte man doch so etwas auch hören, wenn jemand eine Definition von Sport ankündigt.

Aber wer wollte denn warum wissen, was Sport ist? Wo sind die glücklichen Zeiten der Fraglosigkeit geblieben? Woher kommt solche Fraglichkeit und worin liegt sie?

Wider die Fraglosigkeit

Ein Verein von PfahldauersitzerInnen zum Beispiel beantragt die Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund (DSB). Wird dem Antrag entsprochen? Ist denn das ein Sport?5 Ein männlicher C4-Professor für Sportwissenschaft stellt einen Projektantrag bei der DFG. Wie gut muss der Antrag sein, damit sich für die GutachterInnen die Frage, ob Sportwissenschaft denn eine Wissenschaft sei, nicht mehr stellt? Eine Projektgruppe von SportwissenschaftlerInnen stellt einen Antrag beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft zur Förderung eines Forschungsvorhabens aus dem Überschneidungsbereich von Leistungssportforschung und Sportmedizin. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass sich während des gesamten Antragsverfahrens die Frage erst gar nicht stellt, ob hier öffentliche Gelder für eine Sportförderung ausgegeben werden sollen oder aber für gesellschaftlich erwünschte/unerwünschte Leistungszucht oder aber für offiziell geächtete Dopingforschung?

Zwei weitere Fälle aufgebrochener Fraglosigkeit sollen im Folgenden etwas ausführlicher dargestellt werden.

Eine Geschichte desjenigen Könnens, das Sportwissenschaft reflektiert, wird damit zu rechnen haben, dass sich das Feld jenes Könnens verändert hat - qualitativ sogar. Das aber bedeutet, dass sich das, was dort getan und gekonnt wird, grundlegend verändert hat. War es denn dann schon immer sportliches Können?

Die klassische Arbeit ist von Elias6, der darauf insistiert, dass wir den Phänomenen schlicht nicht gerecht werden, wenn wir unseren Begriff von Sport bei der Analyse anderer Zeiten und Kulturen ungefragt zugrunde legen. Sein Beispiel ist die griechische Antike. Naturgemäß können erhebliche Unterschiede zwischen antikem und unserem heutigen "Sport" festgestellt werden, zuvörderst das grundsätzlich andere Ausmaß von Gewalt bei körperlichen Wettkämpfen. Rechnen wir nun unseren Sportbegriff einfach nur zurück, dann ist es zwangsläufig so, dass wir in diesen Unterschieden - also z.B. in dieser Gewalt - gar nichts anderes sehen können als bedauerliche, peinliche, unverständliche Abweichungen vom eigentlichen Sport, die dann, je nach Position, als Ausdruck heutiger moralischer Überlegenheit nachdrücklich herausgestellt werden oder aber tunlichst verschwiegen werden, um nicht am klassischen Bild der antiken Welt zu kratzen. Einmal ausgesprochen ist das Problem trivial: Messen wir die antiken Phänomene mit unseren Begriffen, dann sind diese Phänomene deshalb Vorläufer, weil wir sie so zurechtstutzen. Um die gleichen/dieselben Phänomene in ihrer Eigenbedeutsamkeit zu sehen, müssen wir sie "Mit anderen Augen" sehen.7

Um das Beispiel zu verallgemeinern: Manchmal sind wir in der Situation, dass wir gewisse Dinge mehr oder weniger fraglos tun - in diesem Beispiel eine Geschichte des Sports lesen, schreiben oder lehren. Dabei geschieht es, dass wir, falls wir jenes tun, anderes nicht nicht tun können - in diesem Beispiel: dass wir die Frage, was wir unter Sport verstehen, schon beantwortet haben. Falls wir eine Geschichte des Sports lesen, schreiben oder lehren, gibt es keine Neutralität hinsichtlich des Begriffs von Sport: So oder so werden wir solche Phänomene behandeln, die in irgendeinem Verhältnis stehen zu den Phänomenen, die wir (heute) als Sport bezeichnen. Das ist auch dann der Fall, und wird sogar besonders offenkundig, wenn jemand unter dem Titel "Geschichte des Sports" Fragen von Kosmetik/Körperpflege oder Sexualpraktiken oder rituelle Tänze behandelt. Und es entscheidet dann über das, was je konkret eine Geschichte des Sports ist - und sehr oft auch über die Güte dieser Geschichte -, wie implizit oder explizit dort die "sportlichen" Phänomene mit eigenen oder mit anderen Augen gesehen werden. Will sagen: So oder so haben wir irgendeinen Begriff von Sport, wenn wir eine Geschichte des Sports lesen, schreiben oder lehren, und eine Reflexion des gebrauchten Begriffs schafft Freiheit hinsichtlich dessen, wie wir diese Geschichte lesen, schreiben oder lehren.

Es ist eine vornehme Aufgabe in der Lehre, die Fraglosigkeit von Studierenden, mit der sie eine Geschichte des Sports hören oder lesen, in die Krise zu treiben. Eine befriedigende Antwort kann, am Beispiel gesprochen, durchaus sein, die inhaltliche Position von Elias für falsch zu halten und stattdessen (zum Beispiel) der gesunden Pragmatik von Decker8 oder dem Konzept anthropologischer Konstanten von Weiler9 zu folgen. Aber wer am Ende kein Problem mit der Frage des Gebrauchs moderner Begrifflichkeit in Bezug auf den "Sport" der Antike hat, der soll gefälligst in der Prüfung ein Problem bekommen.

Falls man, anderer Fall von aufgebrochener Fraglosigkeit, sich angesichts von real existierenden Alternativen bewusst oder qua Vollzug entscheidet, dann ist die Situation als solche bereits eine, der eine gewisse Fraglichkeit eingeschrieben ist.

Ein klassisches Beispiel ist Coubertin, der gezielt und dezidiert den modernen Sport gegen Turnen und Gymnastik profiliert hat.10 Ein anderes Beispiel wäre Jahn, der in einem gewissen Sinne das Konzept des Turnens gegen Alternativen erst geschaffen hat. In solchen Situationen stehen unterschiedliche Begriffe für unterschiedliche theoretische und praktische Optionen und die Wahl eines dieser Begriffe ist Begriffspolitik, vermittels derer eine der Optionen, die sich konkret im Spiel befinden, forciert und stabilisiert werden soll.

Um das Beispiel zu verallgemeinern und um seine Spezifik zu betonen: Manchmal existiert rein faktisch ein stummer Zwang zur Unmöglichkeit von Neutralität. Es ist ja nicht logisch (sondern eben rein faktisch), dass man sich in bestimmten historischen Situationen nicht für oder gegen den modernen Sport aussprechen kann ohne damit zugleich Stellung zum Turnen und zur Gymnastik zu beziehen - jedenfalls nicht in dem Sinne von "logisch", in dem es logisch ist, dass man keine Geschichte des Sports schreiben kann ohne irgendeinen Begriff von Sport. Der spontane Impuls könnte sein, dass man mit solchen Auseinandersetzungen in Ruhe gelassen sein will: Man möchte turnen oder es lassen, an Jugend trainiert für Olympia teilnehmen oder es lassen. Erst andere müssen einem dann sagen und/oder fühlen sich dazu berufen, dass bereits solcherart Nicht-Stellungnahme Partei nimmt - und sei es für das, was (sonst) ohnehin geschieht. Eine Reflexion der sich im Spiel befindlichen Optionen - Was ist denn das Sportliche an modernem Sport, am Turnen, an der Gymnastik? - schafft Einsicht hinsichtlich dessen, warum wer welche Option verfolgt. Es ist daher eine vornehme Aufgabe aufklärerischer Politik, um Begriffe zu streiten.

Begriffspolitik

Ein jüngeres Beispiel einer tatsächlich stattfindenden Debatte "Was ist Sport?" ist ein Streit in der Zunft der Sportwissenschaft, ob ihr eigener Gegenstand "Sport" oder "Bewegung" sei. Das ist inhaltlich hoch brisant und spannend, soll hier aber nicht Thema sein. Thema ist vielmehr der Umgang mit Fraglichkeiten, Fraglosigkeiten, fraglichen Fraglichkeiten und herzustellenden Fraglosigkeiten hinsichtlich der Frage, was denn eigentlich Sport sei.

Ganz offenkundig war eine gewisse Fraglosigkeit aufgebrochen: Sport oder Bewegung? Das wirft selbstverständlich und beinahe reflexartig die Frage auf, ob es denn sinnvoll und berechtigt ist, dass diese Fraglosigkeit preisgegeben wird. Das kann und muss man sicher lesen als ernsthafte Frage nach der Ernst- oder Scheinhaftigkeit des aufgeworfenen Problems. Es ist aber auch hart am Rande eines schlechten Witzes: in aller Öffentlichkeit zu fragen, ob etwas nicht besser hätte fraglos bleiben sollen. Wie dem auch sei. Die erste Frage ist jedenfalls die besorgte, ob es denn überhaupt ein Streit ist oder nicht vielmehr ein Streit um des Kaisers Bart oder unsinnige Haarspalterei oder gar ein Streit um bloße Namen.11 Aber selbstverständlich nicht, denn dann gäbe es ja diesen ganzen Schwerpunkt in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht. Die Überschrift war als bloß rhetorische Frage gemeint: Den diskutierenden KollegInnen wird Ernsthaftigkeit bescheinigt. Was treibt, ist die Sorge um den Ruf des Faches: "Dass man diese Frage so stellen und diskutieren kann, zeugt vom Verlust der Selbstverständlichkeit, das Fach einfach "Sport" zu nennen. Dies wiederum hängt nicht zuletzt mit den Reputationseinbußen zusammen, die der Sport durch seine mitverschuldete Leistungsfetischisierung, Gewaltausübung und Umweltzerstörung, seine Kommerzialisierung, Dopingverwendung und andere Probleme hinnehmen musste."12

Gissel dagegen erteilt der Debatte als einem bloßen Streit um Begriffe eine deutliche Abfuhr. Es gäbe überhaupt kein Problem und stattdessen finde ein Stellvertretungsspielchen statt: "Unter dem Deckmantel der Wissenschaft […] wird um durchaus politische Interessen gerungen."13 - sagt’s und streitet, zum Glück, mit. Das Fragwürdige scheint mir nicht primär darin zu liegen, dass Gissel das hohe Lied von der Wissenschaft als politikfreier Zone singt - wobei er das Kind der politischen Interessiertheit mit dem Bade der politischen Instrumentalisierung ausschüttet. Immerhin ist der umgekehrte Fall, mit dem Argument der prinzipiellen politischen Infiziertheit von Wissenschaft das Faktum von Instrumentalisierung zu leugnen, weit dramatischer. Das Skandalon liegt in dem Gegenbild, dass im Streit um Begriffe nichts ausgetragen wird, da alle sich mit ihren eigenen Begriffen ein wohliges Plätzchen suchen können: "Sport und Bewegungskultur sind ein großes Haus mit Platz für viele Räume, jeder kann dort seine Nische finden und kann diese nennen, wie er will."14

Das ist Weichspülerei und vielleicht auch Sattheit derjenigen, die einen Platz im hohen Haus gefunden haben. So mancher steht aber draußen ohne alle Chance hineinzukommen. Und, wichtiger noch: Der Streit um Begriffe ist manchmal primär ein Streit darum, in welchem Haus man denn wohnen möchte, und manchmal sogar darum, ob überhaupt in einem Haus. Ein Teil des aufgeführten Theaters dient offenbar dazu, die Grundfeste des bereits stehenden Hauses bloß nicht zu erschüttern. Auch Balz weiß bereits im Voraus, dass der Streit der "Lager" so grundsätzlich schon nicht sein wird. Es ist nämlich "nicht beabsichtigt, zwischen Sport und Bewegung bloß zu polarisieren oder das Eine gegen das Andere auszuspielen".15 Wenn Balz ernsthaft fraglich fände, ob Sport oder Bewegung der Gegenstand der Sportwissenschaft ist, woher kann er das dann schon wissen? Vielleicht muss man ja im Sinne der Sache das eine gegen das andere ausspielen.

Einer der zahlreichen möglichen Gründe, die Frage, was denn Sport sei, beantworten zu wollen, liegt schlicht darin, dass die vielen Gründe, diese Frage überhaupt zu stellen, die jeweilige Antwort nicht instrumentalisieren können sollen. Angenommen, der Grund der Fraglichkeit sei der schlecht(er) gewordene Ruf des Faches, dann ist es eine Instrumentalisierung, wenn irgendwo in der Antwort explizit oder implizit auftaucht: "Sport sollte als X bestimmt werden, weil das besser ist für den Ruf". Früher16 hieß solche Abfuhr von Instrumentalisierungen mal "Rücksichtslosigkeit der Kritik": Was wahr ist, nützt der Bewegung; und nicht: Was der Bewegung nützt, ist wahr. Und deshalb gibt es immer noch Interesse, die Orte zu pflegen, an denen man wie selbstverständlich fragen kann, was Sport denn sei - einfach so, ohne schon gleich auf irgendeinen Nutzen zu schielen. "In den stillen Räumen des zu sich selbst gekommenen und nur in sich seienden Denkens schweigen die Interessen, welche das Leben der Völker und der Individuen bewegen."17

Vielleicht wird das der Sache des Sports am besten gerecht, denn die beste Begründung für ihn scheint immer noch zu sein, dass er für sich selber spricht. Sport treiben, um Sport zu treiben. Wenn man bei dieser Gelegenheit auch noch gesünder wird oder weniger depressiv ist, wenn man dabei gebildet wird oder gar seinen Charakter stählt, wenn Selbstvertrauen wächst und sich stabilisiert oder der Sport gelegentlich sogar zur Weltorientierung beiträgt - um so besser. Aber versuchen Sie mal, Sport zu treiben, damit das Selbstbewusstsein steigt. Wahrscheinlich gilt dann: Sport ist Mord.


Anmerkungen

1) Sport ist Mord. Texte zur Abwehr körperlicher Betätigung. Leipzig 1996, S.55

2) Ebd.

3) Die Grundidee, dass befriedigende Antworten solche seien, die Handeln wieder möglich machen, findet sich (bezogen auf den Ursache-Begriff) bei Josef König, Bemerkungen über den Begriff der Ursache (1949). In: König, J., Vorträge und Aufsätze. Hg.v. G. Patzig. Freiburg/München 1978, S. 122-255

4) H. Haag (Hg.), Sportphilosophie. Ein Handbuch. Schorndorf 1996, S.8f

5) Vgl. K. Willimczik, Sportwissenschaft interdisziplinär. Ein wissenschaftstheoretischer Dialog. Bd. 1: Geschichte, Struktur und Gegenstand der Sportwissenschaft. Hamburg 2001. Hier: S.79f

6) N. Elias, Die Genese des Sports als soziologisches Problem (1971). In: Elias, N./Dunning, E., o.J., Sport im Zivilisationsprozeß. Studien zur Figurationssoziologie. Hg. v. W. Hopf. Münster. [Auszüge in dem Sammelband von Caysa, a.a.O.]

7) H. Plessner, Mit anderen Augen (1953). In: ders., Gesammelte Schriften, Bd. VIII. Hg. v. G. Dux u.a. Frankfurt a.M. 1983, S. 8-104. Das obige Motto S. 92

8) W. Decker, Sport in der griechischen Antike. Vom minoischen Wettkampf bis zu den olympischen Spielen. München 1995, S.10

9) I. Weiler, Der Sport bei den Völkern der Alten Welt. Eine Einführung. Mit dem Beitrag "Sport bei den Naturvölkern" von Ch. Ulf. Darmstadt 1981

10) Vgl. Th. Alkemeyer, Körper, Kult und Politik. Von der "Muskelreligion" Pierre de Coubertins zur Inszenierung von Macht in den Olympischen Spielen von 1936. Frankfurt a.M./New York 1996

11) Vgl. E. Balz, Sport oder Bewegung - eine Frage der Etikettierung? In: dvs-Informationen 15/2000, Heft 4: Schwerpunktthema Sport oder Bewegung?, S.8-12

12) Ebd. S.8

13) N. Gissel, Sport oder Bewegung - Die Instrumentalisierung der Geschichte. In: dvs-Informationen 15/2000, Heft 4, S.15-16, hier S.15

14) Ebd.

15) Balz, a.a.O. , S.8

16) Vgl. MEW (Marx Engels Werke) 1, S. 344; MEW 21, S.307

17) G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik. Zit. n. V. Schürmann (Hg.), Menschliche Körper in Bewegung. Philosophische Modelle und Konzepte der Sportwissenschaft. Frankfurt a.M./New York 2001, S.264


Dr. Volker Schürmann ist Philosoph und lehrt Sportgeschichte und Sportphilosophie an der Universität Leipzig.

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