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Klaus Holzkamp

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Gleicher Raum für alle?

15.04.2002: Aneignung von "Sport-Spiel-Räumen" im Spiegel von Klasse und Geschlecht

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

Sport und Spiel sind untrennbar mit der Aneignung und Nutzung von Räumen verbunden, der Erfolg der sportlichen oder spielerischen Betätigung hängt entscheidend von der Fähigkeit ab, diese Räume zu besetzen. Gleichzeitig ist die Aneignung von Räumen unabdingbar für die Bildung des so genannten sozialen Kapitals, ist Voraussetzung für sozialen Erfolg, Durchsetzungsfähigkeit, Verwirklichung der eigenen Ansprüche und Interessen. In Sport und Spiel wird ein geschlechts- und klassenspezifischer Umgang mit dem Raum trainiert, der für die späteren Lebensmöglichkeiten von wesentlicher Bedeutung ist. Gabriele Sobiech analysiert die vorherrschenden Strukturen und ihre Herstellung.

Sozialisation wird auch als Prozess der "Selbst-Bildung in sozialen Praktiken" beschrieben, als Prozess der Aneignung und Konstruktion.1 Das bedeutet, Körper und Bewegungen werden einerseits durch einen entsprechenden kulturellen Kontext und aufgrund spezifischer gesellschaftlicher Techniken geformt, andererseits geschieht dies zugleich unter wesentlicher Mitwirkung des Individuums, das sich selbst eine Form gibt. Entscheidend in diesem Prozess sind die Lebensbedingungen der Familie, die ökonomisch und kulturell verfügbaren Ressourcen der sozialen Klasse und der Geschlechtszugehörigkeit, da diese die Möglichkeiten und Grenzen des Handelns, Wahrnehmens und Denkens bedingen. Das daraus resultierende habituelle Dispositionssystem - zu dem Erscheinungsbild, Körperhaltung und -bewegung zu zählen sind - manifestiert sich in Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata des Habitus, die in einer bestimmten Lebensweise zum Ausdruck gelangen.2

"Halt die Beine zusammen"

Wie der Körper nun genau zu halten und zu bewegen ist, wird mittels einer "stillen Pädagogik" eingeübt, die "über die scheinbar unbedeutendsten Einzelheiten von Haltung, Betragen oder körperlich und verbale Manieren" ihre Wirkung entfaltet. Damit wird "den Grundprinzipien des kulturell Willkürlichen" Geltung verschafft, die sich dem "Bewusstsein" und der "Erklärung" entziehen.3 So signalisiert z.B. der bekannte Imperativ "Halt die Beine zusammen", der ausnahmslos an Mädchen und Frauen gerichtet ist, dass etwas an ihrem Körper unschicklich oder gar gefährlich ist, was sie besser verbergen sollten. Die Aufforderung vermittelt zugleich eine Haltung zur Welt und damit verbunden Einstellungen, Werte und Wahrnehmungsweisen: Wenig Raum einzunehmen, sich zurücknehmen - durch eine schmale Fußstellung, durch zusätzlich eng am Körper gehaltene Arme, eine immer noch typische "Engstellung" des "weiblich" inszenierten Körpers - bringt nicht nur räumliche Anspruchslosigkeit zum Ausdruck, sondern verweist zudem auf innere Zurückhaltung, mangelnde Selbstsicherheit und Nachgiebigkeit. Eine solche Haltung wird eher mit der Einnahme untergeordneter Positionen im sozialen Raum verbunden. Die Darstellung von "Männlichkeit" hingegen erfordert eine breite Körperhaltung und Gesten, die auf Raumgewinn angelegt sind, also Bedeutung, Dominanz und vor allem Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit signalisieren.4

Raumgewinn, nicht nur bezogen auf die Körperhaltung, sondern auch auf die dynamische Aneignung von Außenräumen, gehört zu den unabdingbaren Ressourcen unserer "Mobilitätsgesellschaft". Profitchancen sind garantiert, wenn Zeit genutzt und Raum überwunden wird. Nach Aussagen von ExpertInnen auf einem Presseseminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) in Hannover sind ein Großteil der Frauen meist langsamer unterwegs als Männer, da sie in der Regel für die Begleitung von Kindern oder Hilfsbedürftigen im nahen sozialen Umfeld zuständig sind. Sie legen kürzere, aber dafür mehr Wege (etwa viermal so viel wie Männer) am Tag zurück, z.B. zur Erledigung von Einkäufen oder zur Pflege sozialer Kontakte. Bereits heute ist für einen Großteil der Frauen die frei zugängliche Welt sehr klein und der Spielraum für physische Mobilität soll in Zukunft weiter schrumpfen. "Religiöser Fundamentalismus, soziale und wirtschaftliche Krisen, Kriminalität, aber auch die Siedlungsstrukturen entwickeln sich zur Zeit so, dass Frauen die selbstbestimmte, selbstständige und sichere Ortsveränderung erschwert oder gar unmöglich gemacht wird"5. Ob Handlungs-Spiel-Räume erweitert werden, hängt offensichtlich mit der an die Körper gebundenen sozialen (Ungleichheits-)Ordnung zusammen, die nicht nur durch die Geschlechtszugehörigkeit, sondern auch durch die Klassenzugehörigkeit bestimmt ist.

Dass sich mit dem Erwerb sozialen Kapitals, das auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruht6, Raumprofite erzielen lassen, hier gedacht als die Einnahme einer hohen Position im sozialen Raum, zeigt auch Frerichs auf, die das Verhältnis von Klasse und Geschlecht neu zu bestimmen versucht.7 Während die (Schul-)Bildung - eine ehemals entscheidende Ungleichheitsvariable von Klasse und Geschlecht - an Bedeutung verloren zu haben scheint, sind offenbar eher das Ausbildungssystem und die geschlechtsspezifische Institutionenvernetzung im Lebenslauf mit einem spezifischen Ressourcenverlustrisiko für Frauen verbunden. Frauen sind insbesondere benachteiligt, wenn Bildungskapital über eine entsprechende berufliche Platzierung in ökonomisches Kapital konvertiert werden soll. Auf das Ressourcenverlustrisiko bezieht sich auch Rerrich8, die mit modernen Prozessen der Flexibilisierung von Arbeitszeit und Umbrüchen in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung neue und erhöhte Anforderungen an die Subjekte konstatiert. Frauen sind immer noch in spezifischer Weise in Familie anders eingebunden als Männer, denn trotz zunehmender Berufstätigkeit sind sie zugleich verwiesen auf die "private Alltagsarbeit"9, die Folgen für die Ressourcen Handlungsautonomie, Raumnutzung und Zeitdisposition nach sich zieht - alles Komponenten, die für den Erwerb sozialen Kapitals unabdingbar sind.

Im Folgenden soll die Aneignung und Nutzung von Räumen ins Blickfeld rücken, um die zur "Natur" gewordenen geschlechtstypischen motorischen Schemata und körperlichen Handlungsselbstverständlichkeiten als sozialisatorische Praxis offen zu legen.

Geschlechtstypische Raumaneignung

Durch den Wandel der städtischen, öffentlichen Freiräume, die immer ungeeigneter für den Aufenthalt von Kindern werden10, wird die "Straßenkindheit" zunehmend abgelöst von einer "verhäuslichten Kindheit", die die Bewegungsfreiheit aufgrund der stabilen Ordnung der Räume einschränkt. Soziale Kontrollen geben Handlungsabläufe vor und regeln, in welchen Räumen bestimmte Handlungsprogramme stattfinden sollen, z.B. in Kinderzimmern, in Vereinsräumen oder auf Sportanlagen. An die Stelle der Bindung an öffentliche Außenräume treten vermehrt Abhängigkeiten von Angeboten kommerzieller oder pädagogischer Einrichtungen, die wie "verhäuslichte Inseln" im städtischen Raum erscheinen.11 Die Räume zwischen den "Inseln" werden zunehmend weniger erlebt, ihr Aufsuchen erfordert umfassende Planung, z.B. müssen Fahrzeiten berücksichtigt und mit anderen Personen abgestimmt werden. Kindheit ist demnach immer stärker von Institutionalisierung betroffen. Durch die zahlreicher werdenden Freizeitangebote von Kommunen, Kirchen, Schulen, Verbänden und Vereinen sowie kommerziellen Anbietern verbringen Kinder ihre Freizeit zunehmend unter institutionalisierten Bedingungen, für die feste Termine, ein festgelegter zeitlicher Umfang, eine gewisse Verbindlichkeit und vor allem von diesen Institutionen festgelegte Normen kennzeichnend sind.

Trotz dieser Verhäuslichung und Verinselung halten sich Kinder immer noch am liebsten in Außenräumen auf. Neben Spielplätzen sind dies Orte im öffentlichen Raum, die nicht für Kinder gedacht sind und an denen sie sich unter mehr oder weniger großer Gefährdung aufhalten. In diesen Außenräumen sind allerdings vermehrt Jungen zu finden, ihre Aktivitäten im Freien sind Sportspiele wie Fußball oder Basketball. Auch Skateboardfahren, eine typisch städtische Raum greifende und bewegungsbetonte Freizeitaktivität, wird fast ausschließlich von Jungen ausgeübt. Mädchen bevorzugen Fahrrad und Rollschuh fahren sowie Schwimmen. Allerdings benutzen Mädchen Fahrräder vorwiegend als Fortbewegungsmittel, für Jungen sind diese hingegen in erster Linie Sportgerät. Weiterhin nutzen Jungen große Freiflächen wie Parks, Straßen, Seen, Fahrradwege ebenso wie große Sporthallen und Stadien deutlich mehr für sportliche Aktivitäten als Mädchen. Die häufigsten und beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Mädchen sind verhäuslichte Tätigkeiten wie Lesen, Musik hören und machen, Spiele spielen, Zeichnen und Malen. Dabei stimmen Untersuchungen darin überein, dass Mädchen sich überwiegend und häufig an mehreren musisch-kreativen Angeboten beteiligen, während Jungen überwiegend nur ein Sportangebot wahrnehmen, nämlich Fußball im Sportverein. Das bedeutet, dass Mädchen häufiger unterschiedliche Wegzeiten, Anfangszeiten etc. berücksichtigen, sich auf verschiedene erwachsene Bezugspersonen einstellen und sich unterschiedlichen pädagogischen Ansprüchen stellen müssen. Demnach ist bei den Mädchen in Bezug auf Freizeitinhalte und Formen sozialer Kontakte eine stärkere Verinselung festzuhalten, d.h. auch eine größere soziale Kontrolle in sozialen Räumen.

Betrachtet man die Nutzung von Sportangeboten genauer, so ergibt sich folgende Aufschlüsselung: Besonders intensiv und mit Zeitaufwand betreiben Jungen Fußball (32%, Mädchen 2%), Turnen/Gymnastik wird von 3% der Jungen und 12% der Mädchen betrieben, Tanzen/Ballett/Aerobic wird von 19% der Mädchen und 1% der Jungen ausgeübt.12 Mädchen bevorzugen demnach - wie auch andere Untersuchungen belegen - Sport und Bewegungstätigkeiten, die der ästhetischen Gestaltung des Körpers oder gesundheitlichen Zwecken dienen.13

Öffentliche Freiräume werden stärker von Jungen in Anspruch genommen. Zudem existieren spezielle Orte, z.B. Bolzplatz und Skateboardbahn, an denen sie ihre Aktivitäten organisieren, die insgesamt wesentlich raumbetonter als die der Mädchen sind. Dies gilt sowohl für die Bewegung des Körpers im Raum als auch im Hinblick auf die räumliche Ausdehnung der von ihnen beanspruchten Orte. Mädchen hingegen sind im Freien - wenn überhaupt - im nahräumlichen Bereich (Hinterhöfe, Gärten am Haus) zu finden. Typische Mädchenspiele, die sich aus der Standortgebundenheit entwickeln, sind: Figurenhüpfen, Schreitspiele, Ballspielen an die Wand und Seilspringen.14

Raumnutzung und Risikoerfahrungen

Ein entscheidender Einschnitt in die Bewegungsentwicklung der Mädchen ergibt sich im Alter von 4-5 Jahren durch die verschärfte Beaufsichtigung durch Erwachsene, die nun sexuelle Grenzverletzungen und Gewalt durch "Fremde"15 antizipieren. Mädchen werden also bereits ab diesem Zeitpunkt dazu angehalten, sich in der Nähe des Hauses aufzuhalten, sich unter der Kontrolle der Erwachsenen zu bewegen und zu spielen. Zudem werden sie auch heute stärker zur Hausarbeit herangezogen als Jungen, wie eine Studie des Forsa-Instituts belegt.16

Die Art der Raumnutzung, also die Standortgebundenheit der Mädchen und die stärkere Raumausdehnung der Jungen, zieht spezifische Formen von sozialen Kontakten in öffentlichen Räumen nach sich. Während Jungen ihre Aktivitäten eher in Gruppen organisieren, die durch den Kampf um Status und Dominanz gekennzeichnet sind, ist für Mädchen die Zweiergruppe typisch, die stärker auf der Basis von Gleichheit funktioniert. Der Vorteil für Jungen, der sich aus den typischen Interaktionsformen wie Mutproben, Eskapaden und Prügeleien ergibt, ist, dass sie ihre Körpergrenzen und -kräfte einschätzen lernen. Das Risikoverhalten, das Jungen zeigen, ist allerdings nicht nur positiv zu bewerten, da sie im wahrsten Sinn des Wortes ihre Knochen riskieren, indem sie S-Bahnsurfen oder ungeschützt mit dem Mountainbike Berge hinunter fahren. Von tödlichen Verkehrsunfällen sind Jungen 1,5 mal häufiger betroffen als Mädchen.17

Für Mädchen resultiert aus den eingeschränkten Spieltätigkeiten am Elternhaus ein Mangel an Risikoerfahrungen, der eher Ängste um den eigenen Körper verstärkt und Probleme mit der Austragung von Konflikten und der Herstellung von sowie dem Umgang mit Dominanz zur Folge hat.

Eine zweite Bruchstelle in der Bewegungssozialisation von Mädchen durch zunehmende Begrenzungen ihrer Körper- und Bewegungsräume erfolgt durch die Pubertät. Der Körper wird mit dem "Übergang vom Mädchen zur Frau" zum zentralen Ort von Umdefinitionen bisher gelebter Beziehungen und somit auch der Beziehung zu sich selbst.18 Die verstärkte Sexualisierung des Mädchenkörpers stellt nun das äußere Erscheinungsbild ins Zentrum der eigenen und fremden Beobachtung. Persönliche Fähig- und Fertigkeiten treten zurück, der Wert des Selbst wird bestimmt durch den Wert des Körpers, der sich durch die Arbeit am Körper im Sinne gängiger Schönheitskriterien manifestiert. Etwa ein Drittel aller Mädchen hat bereits eine Diät hinter sich gebracht, der Anteil steigt von 25% bei den Zwölfjährigen auf über 40% bei den Sechzehnjährigen, während nur jeder zehnte Junge Erfahrungen mit induzierter Gewichtsreduktion hat.19 Einerseits kann die Herstellung eines attraktiven Körpers Gefühle von Selbstvergewisserung verleihen, andererseits sind die gesellschaftlichen Idealmaßstäbe kaum zu erfüllen, so dass der eigene Körper als Quelle von Angst und Verunsicherung erlebt wird. Dieses Erleben kann auf Dauer dazu führen, dass auf die eigenständige Aneignung von Lebensräumen verzichtet wird.20

Besondere Profitchancen

Spiele enthalten Ordnungsprinzipien aus der Alltagswelt als "erste Welt", auf die sie als "zweite Welt" Bezug nehmen. In diesen Prinzipien zeigt sich die spezifische Weise der Organisation einer jeweiligen Kultur, sie sind als "Transwelt-Elemente" sowohl in der sozialen Praxis als auch im Spiel zu finden.21 Auf den Arbeitsmärkten und in der wirtschaftlichen Konkurrenz innerhalb moderner Gesellschaften sind Überlegenheit, Durchsetzungsvermögen und Erfolg wichtige Kriterien, die auch am Körper ablesbar sein müssen, um glaubhaft zu wirken. Ähnliche Elemente sind auch auf Sportspiele bezogen zu identifizieren: die Überbietung des gegnerischen Teams, also das Leistungs- und Konkurrenzprinzip sowie die Einteilung in Gewinner und Verlierer. Sportspiele, z.B. Fußball, werden nun wesentlich häufiger von Jungen gespielt und sie können sich darin Fähigkeiten aneignen, die für das Einnehmen höherer Positionen im sozialen Raum zentral sind, wie einen "raum-einnehmenden" Habitus, Kognitionen und Gestaltungsprinzipien. Ebenso werden die Voraussetzungen für den Erwerb sozialen Kapitals geschaffen, da das Austragen von Konflikten, das Aushandeln von Spielregeln und die Abstimmung taktischer Maßnahmen, die Gestaltungsräume eröffnen, zum Sportspiel gehören. All diejenigen, die nicht über entsprechende Ressourcen, einen "Zugangs-Habitus", verfügen, werden aus dem Spiel (und vom Erwerb sozialen Kapitals) ausgeschlossen oder schließen sich selber aus.

Vor allem auch in den Medien sind ballspielende Mädchen und Frauen im Wettkampfgeschehen eine Seltenheit. Fast ausschließlich wird von Männern berichtet, die häufig als Sportstars glorifiziert werden oder als erfolgreiche Trainer und entscheidungsmächtige Funktionäre in Erscheinung treten. Auch in der populären Fachpresse22 wird auf die legendären männlichen Spieler, z.B. bezogen auf die National Basketball Association (NBA) der USA, in Wort und Bild verwiesen, wie auf Michael "Air" Jordon, der als "Superstar", als "populärster Athlet aller Zeiten", als das "Jahrhunderttalent mit gewaltiger Sprungkraft", mit "unvergleichlichem Spielwitz und nie dagewesener Treffsicherheit" vorgestellt wird. Basketballspielerinnen kommen als Personen oder Persönlichkeiten nicht vor.

Ähnlich ist in der für LehrerInnen relevanten Fachliteratur weder von Spielerinnen, Schülerinnen, Trainerinnen oder Lehrerinnen die Rede.23 Basketball z.B. scheint - noch verstärkt durch das Bildmaterial, welches fast ausschließlich Jungen und Männer in Aktion zeigt - eine Sportart zu sein, die einen kraftvollen Bewegungsstil und eine Dominanz ausstrahlende Körperpräsentation verlangt und damit hauptsächlich an die Konstruktionen von Männlichkeit anknüpft. Dieser Umstand ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass in einem Projekt mit dem Titel "Gemeinschaftserlebnis Sport - Neue Wege der Kooperation Schule und Verein"24 bei allen angebotenen Turnierserien - hauptsächlich im Fußball, Basketball und Streetball sowie bei der Veranstaltung "Basketball um Mitternacht" - der Prozentsatz der männlichen Teilnehmer 80% übersteigt. Als Ursache für die geringe Anzahl der Mädchen wird das mangelnde Interesse an sportlicher, sprich körperlicher, Auseinandersetzung vermutet, denn Angebote nur für Mädchen wurden von ihnen nicht besser angenommen als die gemischtgeschlechtlichen Veranstaltungen.

Aus- und Rückwirkungen

Auch im Sportspielunterricht verweigern Mädchen häufig ihre Teilnahme, indem sie dem Unterricht fernbleiben oder sich auf die Bank setzen.25 Fast 50% der Mädchen eines achten Schuljahres nahmen nicht am Sportspielunterricht "Basketball" teil. Bezieht man ihre Körper- und Bewegungssozialisation, die Möglichkeiten und Grenzen, den individuellen Körperraum und den sozialen Raum zu gestalten, mit ein, ergeben sich folgende Faktoren, die die Spielaneignung von Mädchen erschweren:

  • Die Angst vor dem Ball: Da Mädchen seltener Gelegenheiten hatten und haben, auf großräumigen Arealen die Flugeigenschaften oder Bewegungsmöglichkeiten eines Balles zu erfahren, überwiegt die Angst, vom Ball getroffen und verletzt werden zu können. So ist es nicht selten, dass Mädchen dem Ball ausweichen oder ihn mit der flachen Hand abwehren. Wird er mehr oder weniger unsicher gefangen, versuchen sie ihn möglichst schnell wieder loszuwerden, da sie als "Ballbesitzerin" angegriffen werden können. Mädchen haben einerseits nicht gelernt, den Ball als "Besitz" anzusehen, da die von ihnen aufgrund der Standortgebundenheit praktizierten Spielformen dies nicht nahe legen. Zum anderen erfordert die Verteidigung des Balls Entschlossenheit, Mut und Kampfgeist - also Eigenschaften, mit denen sie aufgrund der erlernten, spezifischen Formen von sozialen Kontakten in öffentlichen Räumen keine Erfahrung haben und die mit der von Mädchen erwarteten Nachgiebigkeit, sozialen Einfühlsamkeit und Selbstkontrolle kollidieren.
  • Der Umgang mit dem Spiel-Raum: In unserer Kultur gilt Raum zu beanspruchen, breiten Raum einzunehmen und Raum zu erweitern als "männlich". Die Sportspielkultur verstärkt entsprechende Haltungen und Verhaltensorientierungen, da zur Gestaltung eines Spiels Elemente gehören wie sich breit im Raum zu positionieren, um Anspielbereitschaft zu signalisieren, sich auch in beengten Situationen Raum verschaffen zu können, um zum Korb oder zum Tor durchzubrechen, sowie freie Räume zu sehen und zu nutzen. Bezieht man die eingeschränkten Möglichkeiten der sozialen Raumaneignung von Mädchen mit ein, die stärkere Verinselung in Bezug auf Freizeitinhalte und Formen sozialer Kontakte sowie ihre typischen Bewegungsformen aufgrund ihrer Standortgebundenheit, werden die Gründe deutlich, warum sie keinen Spaß daran haben, sich den Raum spielerisch anzueignen. Da ihnen die Spielstruktur zu wenig erschlossen ist, nehmen sie das Spiel häufig als Chaos wahr26, in das sie, sei es aufgrund eines mangelnden Gefühls der Zugehörigkeit oder aus Angst vor Verletzungen, nicht eingreifen möchten.
  • Die Haltung zum Risiko: Die Gestaltung des eigenen Körperraums ist begrenzt durch Schönheits- und Attraktivitätszwänge sowie durch mangelnde Erlebnisse körperlicher Kraft, Durchsetzungs- und Verteidigungsfähigkeit. Dem eigenen Körper nicht vertrauen zu können bedeutet, sich selbst nicht zu vertrauen. Der Aneignung öffentlicher Räume sind aus den genannten Gründen der Verhäuslichung, Verinselung und Institutionalisierung ebenso Grenzen gesetzt. Etwas Wagen und Verantworten sind demnach Haltungen und Verhaltensweisen, die nicht zur aktiven Konstruktion von Weiblichkeit gehören. An die Stelle von "Abenteuerlust" und "Risikofreudigkeit" tritt eine "Ich-kann-nicht-Haltung"27, die Mädchen häufig, bevor sie je am Sportspielunterricht in der Schule teilgenommen, gegenüber dem Sportspiel entwickelt haben. Darüberhinaus bedeutet etwas Wagen und Verantworten im Sportspielkontext, das Risiko einzugehen, Fehler zu machen, z.B. den Misserfolg beim Korbwurf zu riskieren, den Mut sich durchzusetzen, z.B. eine Lücke zu durchstoßen, oder insgesamt die Verantwortung für das Gelingen eines Spiels mitzutragen.28

Selbst Sportstudentinnen29, die in der Regel in der Kindheit weiträumige Bewegungserfahrungen haben machen können und häufig als einziges Mädchen mit den Jungen u.a. auch mit Bällen gespielt haben30, schrecken zunächst davor zurück, "erfolgsträchtigen" Raum, wie er im Basketball im Bereich der gegnerischen Zone gegeben ist, zu besetzen und zu nutzen. In engen Räumen, wie sie durch die verteidigenden Spieler und Spielerinnen entstehen, fühlen sie sich unwohl, da sie sich der "Gefahr" ausgesetzt sehen, in direkten Kontakt mit GegnerInnen zu treten. Sie versuchen, möglichen körperlichen "Auseinandersetzungen" zu entgehen, indem sie zurückweichen - in der Überzeugung, sich Raum zu nehmen, während sie realiter erfolgsträchtigen Raum aufgeben.

Zwischen Turn- und Stöckelschuh

Die Aneignung des physischen Raumes in der Kindheit ist ein entscheidender Faktor für das leistungsmäßige Betreiben einer Ballsportart, wie noch einmal deutlich eine kleine Studie über Fußballspielerinnen zeigt.31 Die befragten Frauen haben bereits als kleine Mädchen mit ihren größeren Brüdern oder anderen Jungen auf der Straße, auf Bolz- und Spielplätzen und zu Grundschulzeiten häufig als einziges Mädchen mit Mitschülern auf dem Schulhof Fußball gespielt. Mit dem meist vom sozialen Umfeld unterstützten Eintritt in einen Fußballverein beginnt die Leistungssportkarriere. Die Faszination an dieser Sportart unterscheidet sich vermutlich nicht von der, die Jungen verspüren, allerdings mit einer großen Ausnahme: Die positive Bewertung der dem Spiel immanenten Gestaltungsmöglichkeiten steht in engem Zusammenhang mit den Möglichkeiten, damit auch den eigenen Körperraum entgegen einer "weiblichen" Inszenierung zu gestalten. Dies meint in erster Linie die Bevorzugung eines kraftvollen und durchsetzungsfähigen Bewegungsstils, was impliziert, die Gegnerin auch mal unsanft zu bedrängen ("auch mal reingrätschen"), bei Regen und Matsch zu spielen sowie die ästhetische Gestaltung des Körpers während der sportlichen Aktivität zu vernachlässigen. Allerdings hat diese Art der Körperformung und der Raumaneignung ihren Preis: Außerhalb der Sport-Spiel-Räume verstärkt sich für die beteiligten Frauen der Druck, die Geschlechterordnung wieder herzustellen. Die Anforderung, wenigstens im Alltag den gesellschaftlichen Imperativen im Kontext von "Weiblichkeit" zu entsprechen, kann zu existenziellen Konflikten zwischen Turn- und Stöckelschuhen führen.32

Ob und wie die Fußballspielerinnen die mit dem Sportspiel verbundene Zugehörigkeit zu einer Gruppe, den Fertigkeiten und Fähigkeiten, ein dauerhaftes Netz von Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennes zu knüpfen und damit soziales Kapital zu erwerben, tatsächlich für soziale Alltagspraxen nutzen können, ob sich ihre Profitchancen auch im Hinblick auf die anderen Kapitalsorten erhöhen und ob sich damit ihre Position im sozialen Raum verbessert oder die hierarchische Strukturierung des Raumes, die soziale Ordnung unangetastet bleibt (da, wenn zwei das Gleiche tun, es lange noch nicht das Selbe ist33), müssen an dieser Stelle offene Fragen bleiben. Spannende Forschungsfragen sind es allemal.


Anmerkungen

1) Vgl. Bilden, Helga: Geschlechtsspezifische Sozialisation. In: Hurrelmann, Klaus/Ulich, Dieter (Hg.): Neues Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim 1991, S. 279-301

2) Vgl. Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt/Main 1993, S. 97ff

3) Ebd., S. 128

4) Vgl. Mühlen-Achs, Gitta: Körpersprache und symbolische Geschlechterkonstruktion. In: Blanke, Beate/Fietze, Katharina (Hg.): Identität und Geschlecht. 6. Tagung der dvs-Kommission "Frauenforschung in der Sportwissenschaft" vom 18.-20.9.1998 in Hamburg. Hamburg 2000, S. 67-82

5) Hug, Detlef M. Frauen sind das Fußvolk. Männer dominieren die Mobilitätsgesellschaft. In: Auto Motor Verkehr, Beilage der Frankfurter Rundschau am 3.5.2000, S. A1

6) Je umfassender das Netz an sozialen Beziehungen gegeben ist, das ein Akteur durch "permanente Beziehungsarbeit" aufrecht erhält und das er/sie im Bedarfsfall nutzen kann, desto größer sind die Profitchancen bei der Anhäufung ökonomischen (verschiedene Formen materiellen Reichtums) und kulturellen Kapitals (Bildungstitel, kulturelle Fertigkeiten und Wissensformen). Vgl. Bourdieu, Pierre: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 1992, S. 63

7) Frerichs, Petra: Klasse und Geschlecht als Kategorien sozialer Ungleichheit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. 52.Jg. 2000/1, S.36-59. Frerichs (S. 56) spricht vom "geschlechtsspezifischen Klassenhabitus", der sowohl der Geschlechterdifferenz in den Klassen als auch der Klassendifferenz innerhalb von Geschlecht Ausdruck verleihen soll.

8) Rerrich, Maria S.: Ein gleich gutes Leben für alle? Über Ungleichheitserfahrungen im familialen Alltag. In: Berger, Peter A./Hradril, Stefan (Hg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile. Soziale Welt Sonderband 7. Göttingen 1990, S.189-205

9) So nehmen nur knapp 2% der Männer in der BRD Elternurlaub in Anspruch, nur etwa 7% bevorzugen Teilzeitarbeit, und von diesen nur ein ganz kleiner Anteil aus familiären Gründen. Vgl. Döge, Peter: Und sie bewegen sich doch. Skandinavier zeigen, wie Männer für Geschlechterpolitik zu gewinnen sind. In: Frankfurter Rundschau vom 8.3. 2002, S.6

10) Vgl. Nissen, Ursula: Kindheit, Geschlecht und Raum. Sozialisatorische Zusammenhänge geschlechtsspezifischer Raumaneignung. Weinheim/München 1998, S.151ff

11) Vgl. Zinnecker, Jürgen: Vom Straßenkind zum verhäuslichten Kind. Kindheitsgeschichte im Prozess der Zivilisation. In: Behnken, Imbke (Hg.): Stadtgesellschaft und Kindheit im Prozess der Zivilisation. Opladen 1990, S. 142-162

12) Vgl. Strzoda, Christiane/Zinnecker, Jürgen: Interessen, Hobbies und deren institutioneller Kontext. In: Zinnecker, Jürgen/Silbereisen, Rainer K. (Hg.): Kindheit in Deutschland. Aktueller Survey über Kinder und ihre Eltern. Weinheim 1996, S.41-79

13) Vgl. Berndt, Inge: Frauen und Mädchen im organisierten Sport. Erfahrungen in Vereinen und Verbänden. In: Palzkill, Birgit/Scheffel, Heidi/Sobiech, Gabriele: Bewegungs(t)räume. Frauen Körper Sport. München 1991, S.96-111

14) Vgl.: Nötzel, Renate: Spiel und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung. Bd. 3. Pfaffenweiler 1987, S.229

15) Tatsächlich sind es in der Regel eher nahe Bezugspersonen wie Väter, Verwandte etc., die Mädchen sexuell missbrauchen. Dass dieser Umstand massive Auswirkungen auf die Gestaltung des eigenen Körperraumes und sozialer Räume nach sich zieht, versteht sich von selbst.

16) Vgl. Frankfurter Rundschau vom 5.3.2002, S.36

17) Vgl. Kolip, Petra: Riskierte Körper: Geschlechtsspezifische somatische Kulturen im Jugendalter. In: Dausien, Bettina u.a. (Hg.): Erkenntnisprojekt Geschlecht. Feministische Perspektiven verwandeln Wissenschaft. Opladen 1999, S.291-303

18) Vgl. Sobiech, Gabriele: "Mit der Pubertät kam der Zwang zum Mädchen!" -- Handlungs-Spiel-Räume und Körpererleben im Übergang vom Mädchen zur Frau. In: Nds. Modellprojekt "Mädchen in der Jugendarbeit", Koordinationsstelle (Hg.): Up To Date. Mädchenarbeit präsentiert sich. Messetage in Niedersachsen. Dokumentation der ersten landesweiten Messe zur Mädchenarbeit in Niedersachsen. Hannover 2001, S.39-46

19) Vgl. Kolip a.a.O., S. 295

20) Vgl. Sobiech, Gabriele: Grenzüberschreitungen. Körperstrategien von Frauen in modernen Gesellschaften. Opladen 1994, S.83

21) Vgl. Gebauer, Gunter/ Wulf, Christoph: Spiel - Ritual - Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt. Reinbek bei Hamburg 1998, S. 187 ff

22) Als Beispiel mag hier ein Basketballbuch aus dem Falken-Verlag mit dem Untertitel "Wissenswertes von A-Z" (1998) stehen.

23) Vgl. Kugelmann, Claudia: Starke Mädchen. Schöne Frauen? Weiblichkeitszwang und Sport im Alltag. Butzbach-Griedel 1999, S. 157f

24) Vgl. Hermet, Dominik: Gemeinschaftserlebnis Sport. Praktische Erfahrungen in einem offenen Projekt aus jungenpädagogischer Sicht. In: Sportunterricht, Schorndorf, Heft 10/2000, S. 322-327

25) Das zeigte auch ein Forschungsprojekt mit dem Titel "Chancen und Grenzen für Mädchen im koedukativen Sportunterricht" an einer Dortmunder Gesamtschule, das im Schuljahr 1997/98 unter meiner Leitung mit Unterstützung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW durchgeführt wurde.

26) Vgl. Kugelmann a.a.O, S.149f

27) Emme, Martina: Die Ich-kann-nicht-Haltung von Frauen. Weiblichkeit als Kulturbarriere. In: Studienschwerpunkt "Frauenforschung" am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin (Hg.): Mittäterschaft und Entdeckungslust. Berlin 1990, S. 116-130

28) Vgl. hierzu auch Scheffel, Heidi: MädchenSport und Koedukation. Aspekte einer feministischen SportPraxis. Butzbach-Griedel 1996, S. 126ff

29) Dies habe ich während meiner fast dreijährigen Tätigkeit als Lehrkraft im Bereich der "Zielschussspiele" innerhalb der Lehramtsausbildung an der Universität Oldenburg beobachten können.

30) Vgl. Sobiech (vgl. Fußnote 20), S. 204 ff

31) Diese Studie wurde im Rahmen einer von mir betreuten Examensarbeit durchgeführt: Diercks, Jacqueline: Frauen spielen Fußball. Bietet Fußball spielen Chancen, sich gesellschaftlichen Weiblichkeitszwängen zu widersetzen? Unveröffentl. Examensarbeit. Oldenburg 2000

32) Vgl. Palzkill, Birgit: Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh. Die Entwicklung lesbischer Identität im Sport. Bielefeld 1990

33) Bourdieu zeigt diesen Zusammenhang am Beispiel des Kleinbürgertums auf, das sich in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg Praxen aneignet, z.B. prestigeträchtige Sportarten ausübt, Museen besucht, etc., die traditionellerweise dem Groß-, bzw. Bildungsbürgertum vorbehalten sind. Dabei sind für die Einordnung der Akteure nicht die Inhalte entscheidend, sondern die Art der Ausführung, z.B. der große Eifer, sich bildungsbürgerliche Ziele und Standards anzueignen, die sie wiederum als typisch kleinbürgerlich kennzeichnen. Vgl. Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. Main 1982


Dr. Gabriele Sobiech ist Sportwissenschaftlerin und wissenschaftliche Assistentin an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

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